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Full text of "Studien zur Hysterie"

STUDIEN 



ÜBER 



HYSTKRIK 



VON 



Dr. JOS. BREUER und Dr. SIGM. FREUD 

IN WIEN. 



LEIPZIG UND WIEN. 
FEAlsTZ DEÜTICKE. 

1895. 



.yvjuugu^ NEWYORK PUBLIC LIBRARY 



Druck von Rudolf M. Rohrer in Brilnn. 



Verlags -Nr. 445. 



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NEWYORK PUBLIC LIBRARY 



VORWORT. 



Wir haben unsere Erfahrungen über eine neue Methode der Er- 
forschung und Behandlung hysterischer Phänomene 1893 in einer 
^Vorläufigen Mittheilung* ^ veröffentlicht und daran in möglichster 
Knappheit die theoretischen Anschauungen geknüpft, zu denen wir 
gekommen waren. Diese ^Vorläufige Mittheilung" wird hier, als die 
zu illustrirende und zu erweisende These, nochmals abgedruckt. 

Wir schliessen nun hieran eine Keihe von Krankenbeobachtungen, 
bei deren Auswahl wir uns leider nicht bloss von wissenschaftlichen 
Rücksichten bestimmen lassen durften. Unsere Erfahrungen entstammen 
der Privatpraxis in einer gebildeten und lesenden Gesellschaftsciasse, 
und ihr Inhalt berührt vielfach das intimste Leben und Geschick 
unserer Kranken. Es wäre ein schwerer Vertrauensmissbrauch, solche 
Mittheilungen zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, dass die Kranken 
erkannt und Thatsachen in ihrem Kreise verbreitet werden, welche nur 
dem Arzte anvertraut wurden. Wir haben darum auf instructivste und 
beweiskräftigste Beobachtungen verzichten müssen. Dieses betrifft 
naturgemäss vor allem jene Fälle, in denen die sexualen und ehelichen 
Verhältnisse ätiologische Bedeutung haben. Daher kommt es, dass 
wir nur sehr unvollständig den Beweis für unsere Anschauung erbringen 
können: die Sexualität spiele als Quelle psychischer Traumen und als 
Motiv der „Abwehr**, der Verdrängung von Vorstellungen aus dem 
Bewusstsein, eine Hauptrolle in der Pathogenese der Hysterie. Wir 
mussten eben die stark sexualen Beobachtungen von der Veröffentlichung 
ausschliessen. 

Den Krankengeschichten folgt eine Reihe theoretischer Erörterungen, 
und in einem therapeutischen Schlusscapitel wird die Technik der 

* lieber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Neurologi- 
sches Cenlralblatt 1893, Nr. 1 und 2. 



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^kathartischen Methode" dargelegt, sowie sie sich in der Hand des 
Neurologen entwickelt hat. 

Wenn an manchen Stellen verschiedene, ja sich widersprechende 
Meinungen vertreten werden, so möge das nicht als ein Schwanken 
der Auffassung betrachtet werden. Es entspringt den natürlichen und 
berechtigten Meinungsverschiedenheiten zweier Beobachter, die bezüg- 
lich der Thatsachen und der Grundanschauungen übereinstimmen, deren 
Deutungen und Vermuthungen aber nicht immer zusammenfallen. 

April 1895. 

J. Breuer, S. Freud. 



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IMALTS-VERZEICHNISS. 



Seite 
I. lieber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Von 

J. Breuer und Sigm. Freud ... 1 

II. Krankengeschichten : 

Beobachtung I. Frl. Anna 0. .. (Breuer) .15 

ir. Frau Emmy v. N. . . (Freud) 37 

III. Frl. Lucie R. . . (Freud) 90 

IV. Katharina . . . (Freud) 106 

V. Frl. Elisabeth v. R. . . (Freud) 116 

III. Theoretisches (J. Breuer) 161 

IV. Zur Psychotherapie der Hysterie (Freud) 222 



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I. lieber den psychischen Mechanismus hysterischer 

Phänomene. ^ 

(Vorläufige Mittheilung.) 

Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigra. Freud in Wien. 

I. 

Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit 
einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen 
der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das 
betreffende Phänomen zum ersten Mal, oft vor vielen Jahren, hervor- 
gerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, 
durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Krankenexamen, 
diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um 
Erlebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, 
hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft 
den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und 
des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nöthig, 
die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose die Erinnerungen 
jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; 
dann gelingt es, jenen Zusammenhang aufs Deutlichste und Ueber- 
zeugendste darzulegen. 

Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl 
von Fällen Kesultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer 
Hinsicht werthvoU erscheinen. 

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, 
dass das accidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte 
Maass hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass 
es bei „traumatischer-* Hysterie der Unfall ist, welcher das 
Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und wenn bei 
hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der Kranken zu entnehmen 
ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang hallu- 
ciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier 
der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sach- 
verhalt bei den anderen Phänomenen. 



1 Wiederabdruck aus dem „Neurologischen Centralblatt",1893,Nr.lu.2. 

Breuer u. Freud, Studien. 1 

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— 2 — 

Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, dass die ver- 
schiedensten Symptome, welche für spontane, sozusagen 
idiopathische Leistungen der Hysterie gelten, in 
ebenso stringentem Zusammenhang mit dem veran- 
lassenden Trauma stehen, wie die oben genannten, in 
dieser Beziehung durchsichtigen Phänomene. Wir 
haben Neuralgien wie Anästhesien der verschiedensten Art und von oft 
jahrelanger Dauer, Contracturen und Lähmungen, hysterische Anfälle 
und epileptoide Convulsionen, die alle Beobachter für echte Epilepsie 
gehalten hatten, Petit mal und tikartige Affectionen, dauerndes Er- 
brechen und Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die verschiedensten 
Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichtshallucinationen u. dgl. 
mehr auf solche veranlassende Momente zurückfuhren können. Das 
Missverhältniss zwischen dem jahrelang dauernden hysterischen Sym- 
ptom und der einmaligen Veranlassung ist dasselbe, wie wir es bei 
der traumatischen Neurose regelmässig zu sehen gewohnt sind; ganz 
häufig sind es Ereignisse aus der Kinderzeit, die für alle folgenden 
Jahre ein mehr minder schweres Krankheitsphänomen hergestellt haben. 

Oft ist der Zusammenhang so klar, dass es vollständig ersichtlich 
ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses und kein anderes 
Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch die Veranlassung in 
völlig klarer Weise determinirt. So, um das banalste Beispiel zu 
nehmen, wenn ein schmerzlicher AflFect, der während des Essens ent- 
steht, aber unterdrückt wird, dann Uebelkeit und Erbrechen erzeugt 
und dieses als hysterisches Erbrechen monatelang andauert. Ein 
Mädchen, das in qualvoller Angst an einem Krankenbette wacht, 
verfällt in einen Dämmerzustand und hat eine schreckhafte Hallucination, 
während ihr der rechte Arm, über der Sessellehne hängend, einschläft; 
es entwickelt sich daraus eine Parese dieses Armes mit Contractur 
und Anästhesie. Sie will beten und findet keine Worte; endlich gelingt 
es ihr, ein englisches Kindergebet zu sprechen. Als sich später 
eine schwere, höchst complicirte Hysterie entwickelt, spricht, schreibt 
und versteht sie nur englisch, während ihr die Muttersprache durch 
IV2 Jahre unverständlich ist. — Ein schwerkrankes Kind ist endlich 
eingeschlafen, die Mutter spannt alle Willenskraft an, um sich ruhig 
zu verhalten, und es nicht zu wecken; gerade in Folge dieses Vor- 
satzes macht sie („hysterischer Gegenwille**!) ein schnalzendes Geräusch 
mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später bei einer anderen 
Gelegenheit, wobei sie sich gleichfalls absolut ruhig verhalten will, 



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— 3 — 

und es entwickelt sich daraus ein Tik, der als Zungenschnalzen durch 
viele Jahre jede Aufregung begleitet. — Ein hochintelligenter Mann 
assistirt, während seinem Bruder das ankylosirte Hüftgelenk in der 
Narkose gestreckt wird. Im Augenblick, wo das Gelenk krachend 
nachgibt, empfindet er heftigen Schmerz im eigenen Hüftgelenk, 
der fast 1 Jahr andauert u. dgl. mehr. 

In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so einfach; es 
besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung zwischen der Ver- 
anlassung und dem pathologischen Phänomen, wie der Gesunde sie 
wohl auch im Traume bildet; wenn etwa zu seelischem Schmerze sich 
eine Neuralgie gesellt, oder Erbrechen zu dem Afifecb moralischen 
Ekels. Wir haben Kranke studirt, welche von einer solchen Symbo- 
lisirung den ausgiebigsten Gebrauch zu machen pflegten. — In noch 
anderen Fällen ist eine derartige Determination zunächst nicht dem 
Verständniss offen; hieher gehören gerade die typischen hysterischen 
Symptome, wie Hemianästhesie und Gesichtsfeldeinengung, epilepti- 
forme Convulsionen u. dgl. Die Darlegung unserer Anschauungen 
über diese Gruppe müssen wir der ausführlicheren Besprechung des 
Gegenstandes vorbehalten. 

Solche Beobachtungen scheinen uns die patho- 
gene Analogie der gewöhnlichen Hysterie mit der 
traumatischen Neurose nachzuweisen und eine Aus- 
dehnung des Begriffes der „traumatischen Hysterie** 
zu rechtfertigen. Bei der traumatischen Neurose ist ja nicht die 
geringfügige körperliche Verletzung die wirksame Krankheitsursache, 
sondern der Schreckaffect, das psychische Trauma. In analoger 
Weise ergeben sich aus unseren Nachforschungen für viele, wenn 
nicht für die meisten hysterischen Symptome Anlässe, die man als 
psychische Traumen bezeichnen muss. Als solches kann jedes Erlebniss 
wirken, welches die peinlichen Afifecte des Schreckens, der Angst, der 
Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft, und es hängt begreiflicher 
Weise von der Empfindlichkeit des betroffenen Menschen (sowie von 
einer später zu erwähnenden Bedingung) ab, ob das Erlebniss als 
Trauma zur Geltung kommt. Nicht selten finden sich anstatt des 
einen grossen Traumas bei der gewöhnlichen Hysterie mehrere Partial- 
traumen, gruppirte Anlässe, die erst in ihrer Summirung traumatische 
Wirkung äusseni konnten, und die insofern zusammengehören, als 
sie zum Theil Stücke einer Leidensgeschichte bilden. In noch anderen 
Fällen sind es an sich scheinbar gleichgiltige Umstände, die durch 

1* 

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ihr Zusammentreffen mit dem eigentlich wirksamen Ereigniss oder 
mit einem Zeitpunkt besonderer Keizbarkeit eine Dignität als Traumen 
gewonnen haben, die ihnen sonst nicht zuzumuthen wäre, die sie aber 
von da an behalten. 

Aber der causale Zusammenhang des veranlassenden psychischen 
Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist nicht etwa von der Art, 
dass das Trauma als Agent provocateur das Symptom auslösen würde, 
welches dann, selbstständig geworden, weiter bestände. Wir müssen 
vielmehr behaupten, dass das psychische Trauma, resp. die Erinnerung 
an dasselbe, nach Art eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch lange 
Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens gelten 
muss, und wir sehen den Beweis hierfür in einem höchst merkwürdigem 
Phänomen, welches zugleich unseren Befunden ein bedeutendes prak- 
tisches Interesse verschafft. 

Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer grössten Ueberraschung, 
dass die einzelnen hysterischen Symptome sogleich 
undohne Wieder kehrverschwanden, wenn es gelungen 
war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang 
zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den 
begleitenden Affect wachzurufen, und wenn dann der 
Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise 
schilderte und dem Affect Worte gab. Affectloses Erinnern 
ist fast immer völlig wirkungslos; der psychische Process, der ur- 
sprunglich abgelaufen war, muss so lebhaft als möglich wiederholt, 
in statum nascendi gebracht und dann „ausgesprochen" werden. Dabei 
treten, wenn es sich um Reizerscheinungen handelt, diese: Krämpfe, 
Neuralgien, Hallucinationen — noch einmal in voller Intensität auf 
und schwinden dann für immer. Functionsausfälle, Lähmungen und 
Anästhesien schwinden ebenso, natürlich ohne dass ihre momentane 
Steigerung deutlich wäre. ^ 

1 Die Möglichkeit eiüer solchen Therapie haben Delboeufund Binet klar 
erkannt, wie die beifolgenden Citate zeigen: Delboeuf, Le magnetisme animal. 
Paris 1889: „On s'expliquerait des lors corament le magnetiseur aide ä la guerison. 
II remet le sujet dans Tetat oü le mal s'est manifeste et combat par la parole 
le mfeme mal, mais renaissant." — Binet, Les alterations de la personnalite. 
1892. p. 243: „. . .peut-6tre verra-t-on qu'en reportant le malade par un artifice 
mental, au moment möme oü le symptOme a apparu pour la premiere fois, on 
rend ce malade plus docile ä une Suggestion curative." — In dem interessanten 
Buche von P. Jan et: L'automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die 
Beschreibung einer Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen durch An- 
wendung eines, dem unserigen analogen Verfahrens erzielt wurde. 

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Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine unbe- 
absichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die Procedur von 
seinem Leiden befreit zu werden, und diese Erwartung, nicht das 
Aussprechen selbst, sei der wirkende Factor. Allein, dem ist nicht so; 
die erste Beobachtung dieser Art, bei welcher ein höchst vei-wickclter 
Fall von Hysterie auf solche Weise analysirt und die gesondert ver- 
ursachten Symptome auch gesondert behoben wurden, stammt aus 
dem Jahre 1881, also aus „ vorsuggestiver ** Zeit, wurde durch spontane 
Autohypnosen der Kranken ermöglicht und bereitete dem Beobachter 
die grösste üeberraschung. 

In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat eflfectus, dürfen 
wir wohl aus diesen Beobachtungen schliftssen: der veranlassende 
Vorgang wirke in irgend einer Weise noch nach Jahren fort, nicht 
indirect durch Vermittelung einer Kette von causalen Zwischengliedern, 
sondern unmittelbar als auslösende Ursache, wie etwa ein im wachen 
Bewusstsein erinnerter psychischer Schmerz noch in später Zeit die 
Thränensecretion hervorruft: der Hysterische leide gross ten 
theils an Reminiscenz en.^ 

IL 

Es erscheint zunächst wunderlich, dass längst vergangene 
Erlebnisse so intensiv wirken sollen; dass die Erinerungen an sie 
nicht der Usur unterliegen sollen, der wir doch alle unsere Erinnerungen 
verfallen sehen. Vielleicht gewinnen wir durch folgende Erwägungen 
einiges Verständniss für diese Tliatsachen. 

Das Verblassen oder AfFectloswerden einer Erinnerung hängt von 
mehreren Factoren ab. Vor allem ist dafür von Wichtigkeit, ob auf 
das afficirende Ereigniss energisch reagirt wurde oder nicht. 
Wir verstehen hier unter Reaction die ganze Reihe willkürlicher und 
unwillkürlicher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäss die Aifecte 
entladen: vom Weinen bis zum Racheact. Erfolgt diese Reaction in 
genügendem Ausmaass, so schwindet dadurch ein grosser Tlieil des 
Aflfectes; unsere Sprache bezeugt diese Thatsache der täglichen 



* Wir können im Texte dieser vorläufigen Mittheilung nicht sondern, was 
am Inhalte derselben neu ist, und was sich bei anderen Autoren wie Moebius 
und Strümpell findet, die ähnliche Anschauungen für die Hysterie vertreten 
haben. Die grösste Annäherung an unsere theoretischen und therapeutischen Aus- 
führungen fanden wir in einigen gelegentlich publicirten Bemerkungen Benediktes, 
mit denen wir uns an anderer Stelle beschäftigen werden. 



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— 6 — 

Beobachtung durch die Ausdrucke »sich austoben, ausweinen** u. dgl. 
Wird die ßeaction unterdrückt, so bleibt der Affect mit der Erinnerung 
verbunden. Eine Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch 
Worte, wird anders errinnert als eine, die hingenommen werden 
musste. Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den 
psychischen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst charakte- 
ristischerweise eben das schweigend erduldete Leiden als „Kränkung**. 
— Die ßeaction des Geschädigten auf das Trauma hat eigentlich nur 
dann eine völlig „kathartische** Wirkung, wenn sie eine adäquate 
Keaction ist, wie die Kache. Aber in der Sprache findet der Mensch 
ein Surrogat für die That, mit dessen Hilfe der Affect nahezu ebenso 
„abreagirt** werden kann. In anderen Fällen ist das Eeden eben 
selbst der adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein 
eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaction durch That, 
Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so behält 
die Erinnerung an den Vorfall zunächst die affective Betonung. 

Das „Abreagiren" ist indess nicht die einzige Art der Erledigung, 
welche dem normalen psychischen Mechanismus des Gesunden zur 
Verfügung steht, wenn er ein psychisches Trauma erfahren hat. Die 
Erinnerung daran tritt, auch wenn sie nicht abreagirt wurde, in den 
grossen Complex der Association ein, sie rangirt dann neben anderen, 
vielleicht ihr widersprechenden Erlebnissen, erleidet eine Correctur 
durch andere Vorstellungen. Nach einem Unfall z. B. gesellt sich zu 
der Erinnerung an die Gefahr und zu der (abgeschwächten) Wieder- 
holung des Schreckens die Erinnerung des weiteren Verlaufes, der 
Rettung, das Bewusstsein der jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung an 
eine Kränkung wird corrigirt durch Richtigstellung der Thatsachen, 
durch Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es 
dem normalen Menschen, durch Leistungen der Association den 
begleitenden Affect zum Verschwinden zu bringen. 

Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Eindrücke, 
jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „vergessen" nennen und 
das vor allem die affectiv nicht mehr wirksamen Vorstellungen usuiirt. 

Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, dass jene Erin- 
nerungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phänomene geworden 
sind, sich in wunderbarer Frische und mit ihrer vollen Affectbetonung 
durch lange Zeit erhalten haben. Wir müssen aber als eine weitere 
auffällige und späterhin verwerthbare Thatsache erwähnen, dass die 
Kranken nicht etwa über diese Erinnerungen wie über andere ihres 



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Lebens verfügen. Im Gegentheile, diese Erlebnisse fehlen dem 
Gedächtniss der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen 
Zustande völlig oder sind mir höchst summarisch darin 
vo-rhanden. Erst wenn man die Kranken in der Hypnose befragt, 
stellen sich diese Erinnerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit 
frischer Geschehnisse ein. 

So reproducirte eine unserer Kranken in der Hypnose ein halbes 
Jahr hindurch mit hallucinatorischer Lebhaftigkeit alles, was sie an 
denselben Tagen des vorhergegangenen Jahres (während einer acuten 
Hysterie) erregt hatte; ein ihr unbekanntes Tagebuch der Mutter 
bezeugte die tadellose Kichtigkeit der Reproduction. Eine andere 
Kranke durchlebte theils in der Hypnose, theils in spontanen Anfällen 
mit hallucinatorisclier Deutlichkeit alle Ereignisse einer vor 10 Jahren 
durchgemachten hysterischen Psychose, für welche sie bis zum Momente 
des Wiederauftauchens grösstentheils amnestisch gewesen war. Auch 
einzelne ätiologisch wichtige Erinnerungen von 15 — 25 jährigem Be- 
stände erwiesen sich bei ihr von erstaunlicher Intactheit und sinnlicher 
Stärke und wirkten bei ihrer Wiederkehr mit der vollen Affectkraft 
neuer Erlebnisse. 

Den Grund hierfür können wir nur darin suchen, dass diese 
Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur Usur eine 
Ausnahmsstellung einnehmen. Es zeigt sich nämlich, dass diese 
Erinnerungen Traumen entsprechen, welche nicht genügend 
„abreagirt** worden sind, und bei näherem Eingehen auf die 
Gründe, welche dieses verhindert haben, können wir mindestens zwei 
Reihen von Bedingungen auffinden, unter denen die Reaction auf das 
Trauma unterblieben ist. 

Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die Kranken 
auf psychische Traumen nicht reagirt haben, weil die Natur des 
Traumas eine Reaction ausschloss, wie beim unersetzlich erscheinenden 
Verlust einer geliebten Person, oder weil die socialen Verhältnisse 
eine Reaction unmöglich machten, oder weil es sich um Dinge 
handelte, die der Kranke vergessen wollte, die er darum absichtlich 
aus seinem bewussten Denken verdrängte, hemmte und unterdrückte. 
Gerade solche peinliche Dinge findet man dann in der Hypnose als 
Grundlage hysterischer Phänomene (hysterische Delirien der Heiligen 
und Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen Kinder). 
Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch den Inhalt 
der Erinnerungen, sondern durch die psychischen Zustände bestimmt, 

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— 8 — 

mit welchen die entsprechenden Erlebnisse beim Kranken zusammen- 
getroffen haben. Als Veranlassung hysterischer Symptome findet man 
nämlich in der Hypnose auch Vorstellungen, welche, an sich nicht 
bedeutungsvoll, ihre Erhaltung dem Umstände danken, dass sie in 
schweren lähmenden Affecten, wie z. B. Schreck, entstanden sind, 
oder direct in abnormen psychischen Zuständen wie im halbhypnotischen 
Dämmerzustand des Wachträumens, in Autohypnosen u. dgl. Hier ist 
es die Natur dieser Zustände, welche eine ßeaction auf das Geschehniss 
unmöglich machte. 

Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammentreffen 
und treffen in der That oftmals zusammen. Dies ist der Fall, wenn 
ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand von schwerem 
lähmendem Affect oder von verändertem Bewusstsein fällt; es scheint 
aber auch so zuzugehen, dass durch das psychische Trauma bei 
vielen Personen einer jener abnormen Zustände hervorgerufen wird, 
welcher dann seinerseits die Reaction unmöglich macht. 

Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, dass 
die nicht durch ßeaction erledigten psychischen Traumen auch der 
Erledigung durch associative Verarbeitung entbehren müssen. In der 
ersten Gruppe ist es der Vorsatz der Kranken, welcher an die pein- 
lichen Erlebnisse vergessen will und dieselben somit möglichst von 
der Association ausschliesst, in der zweiten Gruppe gelingt diese 
associative Verarbeitung darum nicht, weil zwischen dem normalen 
Bewusstseinszustand und den pathologischen, in denen diese Vor- 
stellungen entstanden sind, eine ausgiebige associative Verknüpfung 
nicht besteht. Wir werden sofort Anlass haben, auf diese Verhältnisse 
weiter einzugehen. 

Man darf also sagen, dass die pathogen gewordenen 
Vorstellungen sich darum so frisch und affectkräftig er- 
halten, weil ihnen die normale Usur durch Abreagiren 
und durch Reproduction in Zuständen ungehemmter Asso- 
ciation versagt ist. 

HI. 

Als wir die Bedingungen mittheilten, welche nach unseren 
Erfahrungen dafür maassgebend sind, dass sich aus psychischen 
Traumen hysterische Phänomene entwickeln, mussten wir bereits von 
abnormen Zuständen des Bewusstseins sprechen, in denen solche 
pathogene Vorstellungen entstehen, und mussten die Thatsache her- 



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— 9 — 

vorheben, dass die Erinnerung an das wirksame psychische Trauma 
nicht im normalen Gedächtniss des Kranken, sondern im Gedächtniss 
des Hypnotisirten zu finden ist. Je mehr wir uns nun mit diesen 
Phänomenen beschäftigten, desto sicherer wurde unsere üeberzeugung, 
jene Spaltung des BeAvusstseins, die bei den bekannten 
classischen Fällen als double conscience so auffällig ist^ 
bestehe in rudimentärer Weise bei jeder Hysterie, die 
Neigung zu dieser Dissociation und damit zum Auftreten 
abnormer Bewusstseinszustände, die wir als „hypnoide" 
zusammenfassen wollen, sei das Grundphänomen dieser 
Neurose. Wir treffen in dieser Anschauung mit Bin et und den 
beiden Janet zusammen, über deren höchst merkwürdige Befunde bei 
An ästhetischen uns übrigens die Erfahrung mangelt. 

Wir möchten also dem oft ausgesprochenen Satz : „Die Hypnose 
ist arteficielle Hysterie'* einen anderen an die Seite stellen: Grundlage 
und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoidon Zuständen. 
Diese hypnoiden Zustände stimmen bei aller Verschiedenheit unter 
einander und mit der Hypnose in dem einen Punkte überein, dass die 
in ihnen auftauchenden Vorstellungen sehr intensiv, aber von dem 
Associativverkehr mit dem übrigen Bewusstseinsinhalt abgesperrt 
sind. Unter einander sind diese hypnoiden Zustände associirbar, und 
deren Vorstellungsinhalt mag auf diesem Wege verschieden hohe 
Grade von psychischer Organisation erreichen. Im Uebrigen dürfte ja 
die Natur dieser Zustände und der Grad ihrer Abschliessung von den 
übrigen Bewusstseinsvorgängen in ähnlicher Weise variiren, wie wir 
es bei der Hypnose sehen, die sich von leichter Somnolenz bis zum 
Somnambulismus, von der vollen Erinnerung bis zur absoluten Amnesie 
erstreckt. 

Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der manifesten 
Erkrankung, so geben sie den Boden ab, auf welchem der Affect die 
pathogene Erinnerung mit ihren somatischen Folgeerscheinungen an- 
siedelt. Dies Verhalten entspricht der disponirten Hysterie. Es ergibt 
sich aber aus unseren Beobachtungen, dass ein schweres Trauma 
(wie das der traumatischen Neurose), eine mühevolle Unterdrückung 
(etwa des Sexualaffectes) auch bei dem sonst freien Menschen eine 
Abspaltung von Vorstellungsgruppen bewerkstelligen kann, und dies 
wäre der Mechanismus der psychisch acquirirten Hysterie. Zwischen 
den Extremen dieser beiden Formen muss man eine Reihe gelten 
lassen, innerhalb welcher die Leichtigkeit der Dissociation bei dem 



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— 10 — 

betreffenden Individuum und die Affektgrösse des Traumas in entgegen- 
gesetztem Sinne variiren. 

Wir wissen nichts Neues darüber zu sagen, worin die dispo- 
nirenden hypnoiden Zustände begründet sind. Sie entwickeln sich oft, 
sollten wir meinen, aus dem auch bei Gesunden so häufigen „Tag- 
träumen", zu dem z. B. die weiblichen Handarbeiten so viel Anlass 
bieten. Die Frage, wesshalb die „pathologischen Associationen**, die 
sich in solchen Zuständen bilden, so feste sind und die somatischen 
Vorgänge so viel stärker beeinflussen, als wir es sonst von Vor- 
stellungen gewohnt sind, fallt zusammen mit dem Problem der 
Wirksamkeit hypnotischer Suggestionen überhaupt. Unsere Erfahrungen 
bringen hierüber nichts Neues, sie beleuchten dagegen den Widerspruch 
zwischen dem Satz: „Hysterie ist eine Psychose", und der Thatsache, 
dass man unter den Hysterischen die geistig klarsten, willensstärksten, 
charaktervollsten und kritischsten Menschen finden kann. In diesen 
Fällen ist solche Charakteristik richtig für das wache Denken des 
Menschen, in seinen hypnoiden Zuständen ist er alienirt, wie wir es 
alle im Traum sind. Aber während unsere Traumpsychosen unseren 
Wachzustand nicht beeinflussen, ragen die Producte der hypnoiden 
Zustände als hysterische Phänomene in's wache Leben hinein. 

IV. 

Fast die nämlichen Behauptungen, die wir für die hysterischen 
Dauersymptome aufgestellt haben, können wir auch für die hysterischen 
Anfalle wiederholen. Wir besitzen, wie bekannt, eine von Charcot 
gegebene schematische Beschreibung des „grossen" hysterischen An- 
falles, welcher zufolge ein vollständiger Anfall vier Phasen erkennen 
lässt, 1. die epileptoide, 2. die der grossen Bewegungen, 3. die der 
attitudes passionnelles (die hallucinatorische Phase), 4. die des ab- 
schliessenden Deliriums. Aus der Verkürzung und Verlängerung, dem 
Ausfall und der Isolirung der einzelnen Phasen lässt Charcot alle 
jene Formen des hysterischen Anfalles hervorgehen, die man that- 
sächlich häufiger als die vollständige grande attaque beobachtet. 

Unser Erklärungsversuch knüpft an die dritte Phase, die der 
attitudes passionelles an. Wo dieselbe ausgeprägt ist, liegt in ihr 
die hallucinatorische Keproduction einer Erinnerung bloss, welche für 
den Ausbruch der Hysterie bedeutsam war, die Erinnerung an das 
eine grosse Trauma der xaz'lioyifj sogenannten traumatischen Hysterie 
oder an eine Reihe von zusammengehörigen Partialtraumen, wie sie 



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— 11 — 

der gemeinen Hysterie zu Grunde liegen. Oder endlich der Anfall 
bringt jene Geschehnisse wieder, welche durch ihr Zusammentreffen 
mit einem Moment besonderer Disposition zu Traumen erhoben 
worden sind. 

Es gibt aber auch Anfälle, die anscheinend nur aus motorischen 
Phänomenen bestehen, denen eine phase passionelle fehlt. Gelingt es 
bei einem solchen Anfall von allgemeinen Zuckungen, kataleptischer 
Starre oder bei einer attaque de sommeil, sich während desselben in 
Kapport mit dem Kranken zu setzen, oder noch besser, gelingt es den 
Anfall in der Hypnose hervorzurufen, so findet man, dass auch hier 
die Erinnerung an das psychische Trauma oder an eine Eeihe von 
Traumen zu Grunde liegt, die sich sonst in einer hallucinatorischen 
Phase auffällig macht. Ein kleines Mädchen leidet seit Jahren an 
Anfällen von allgemeinen Krämpfen, die man für epileptische halten 
könnte und auch gehalten hat. Sie wird zum Zwecke der Differential- 
diagnose hypnotisirt und verfällt sofort in ihren Anfall. Befragt: 
Was siehst Du denn jetzt, antwortet sie aber: Der Hund, der Hund 
kommt, und wirklich ergibt sich, dass der erste Anfall dieser Art 
nach einer Verfolgung durch einen wilden Hund aufgetreten war. Der 
Erfolg der Therapie vervollständigt dann die diagnostische Entscheidung. 

Ein Angestellter, der in Folge einer Misshandlung von Seiten 
seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfallen, in denen er 
zusammenstürzt, tobt und wüthet, ohne ein Wort zu sprechen oder 
eine Hallucination zu verrathen. Der Anfall lässt sich in der Hypnose 
provociren und der Kranke gibt nun an, dass er die Scene wieder- 
durchlebt, wie der Herr ihn auf der Strasse beschimpft und mit 
einem Stock schlägt. Wenige Tage später kommt er mit der Klage 
wieder, er habe denselben Anfall von Neuem gehabt, und diesmal 
ergibt sich in der Hypnose, dass er die Scene durchlebt hat, an die 
sich eigentlich der Ausbruch der Krankheit knüpfte; die Scene im 
Gerichtssaal, als es ihm nicht gelang, Satisfaction für die Misshandlung 
zu erreichen u. s. w. 

Die Erinnerungen, welche in den hysterischen Anfällen hervor- 
treten oder in ihnen geweckt werden können, entsprechen auch in 
allen anderen Stücken den Anlässen, welche sich uns als Gründe 
hysterischer Dauersymptome ergeben haben. Wie diese betreffen sie 
psychische Traumen, die sich der Erledigung durch Abreagiren oder 
durch associative Denkarbeit entzogen haben; wie diese fehlen sie 
gänzlich oder mit ihren wesentlichen Bestandtheilen dem Erinnerungs- 

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— 12 — 

vermögen des normalen Bewusstseins imd zeigen sich als zugehörig 
zu dem Vorstellungsinhalt hypnoider Bewusstseinszustände mit ein- 
geschränkter Association. Endlich gestatten sie auch die therapeutische 
Probe. Unsere Beobachtungen haben uns oftmals gelehrt, dass eine 
solche Erinnerung, die bis dahin Anfälle provociii hatte, dazu unfähig 
wird, wenn man sie in der Hypnose zur Reaction und associativen 
Correctur bringt. 

Die motorischen Phänomene des hysterischen Anfalles lassen 
sich zum Theil als allgemeine Reactionsformen des die Erinnerung 
begleitenden Affectes (wie das Zappeln mit allen Gliedern, dessen sich 
bereits der Säugling bedient, zum Theil als directe Ausdrucksbewegungen 
dieser Erinnerung deuten) zum anderen Theil entziehen sie sich 
ebenso wie die hysterischen Stigmata bei den Dauersymptomen dieser 
Erklärung. 

Eine besondere Würdigung des hysterischen Anfalles ergibt 
sich noch, wenn man auf die vorhin angedeutete Theorie Rücksicht 
nimmt, dass bei der Hysterie in hypnoiden Zuständen entstandene 
Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die vom associativen Verkehr 
mit den übrigen ausgeschlossen, aber unter einander associirbar, ein 
mehr oder minder hoch organisirtes Rudiment eines zweiten Bewusst- 
seins, einer condition seconde darstellen. Dann entspricht ein hyste- 
risches Dauersymptom einem Hineinragen dieses zweiten Zustandes in 
die sonst vom normalen Bewusstsein beherrschte Körperinnervation, 
ein hysterischer Anfall zeugt aber von einer höheren Organisation 
dieses zweiten Zustandes und bedeutet, wenn er frisch entstanden ist, 
einen Moment, in dem sich dieses Hypnoidbewusstsein der gesammten 
Existenz bemächtigt hat, also einer acuten Hysterie; wenn es aber 
ein wiederkehrender Anfall ist, der eine Erinnerung enthält, einer 
Wiederkehr eines solchen. C h a r c o t hat bereits den Gedanken aus- 
gesprochen, dass der hysterische Anfall das Rudiment einer condition 
seconde sein dürfte. Während des Anfalles ist die Herrschaft über 
die gesammte Körperinnervation auf das hypnoide Bewusstsein über- 
gegangen. Das normale Bewusstsein ist, wie bekannte Erfahrungen 
zeigen, dabei nicht immer völlig verdrängt, es kann selbst die motorischen 
Phänomene des Anfalles wahrnehmen, während die psychischen Vor- 
gänge desselben seiner Kenntnissnahme entgehen. 

Der typische Verlauf einer schweren Hysterie ist bekanntlich 
der, dass zunächst in hypnoiden Zuständen ein Vorstellungsinhalt 
gebildet wird, der dann, genügend angewachsen, sich während 



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— 13 — 

einer Zeit von „acuter Hysterie" der Körperinfiervation und der 
Existenz des Kranken bemächtigt, Dauersymptonae und Anfälle schafft 
und dann bis auf Reste abheilt. Kann die normale Person die Herr- 
schaft wieder übernehmen, so kehrt das, was von jenem hypnoiden 
Vorstellungsinhalt überlebt hat, in hysterischen Anfällen wieder und 
bringt die Person zeitweise wieder in ähnliche Zustände, die selbst 
wieder beeinflussbar und für Traumen aufnahmsfähig sind. Es stellt 
sich dann häufig eine Art von Gleichgewicht zwischen den psychischen 
Gruppen her, die in derselben Person vereinigt sind; Anfall und 
normales Leben gehen neben einander her, ohne einander zu beein- 
flussen. Der Anfall kommt dann spontan, wie auch bei uns die 
Erinnerungen zu kommen pflegen, er kann aber auch provocirt werden, 
wie jede Erinnerung nach den Gesetzen der Association zu erwecken 
ist. Die Provocation des Anfalles erfolgt entweder durch die Eeizung 
einer hysterogenen Zone oder durch ein neues Erlebniss, welches 
durch Aehnlichkeit an das pathogene Erlebniss anklingt. Wir hoffen, 
zeigen zu können, das zwischen beiden anscheinend so verschiedenen 
Bedingungen ein wesentlicher Unterschied nicht besteht, dass in 
beiden Fällen an eine hyperästhetische Erinnerung gerührt wird. In 
anderen Fällen ist dieses Gleichgewicht ein sehr labiles, der Anfall 
erscheint als Aeusserung des hypnoiden Bewusstseinsrestes, so oft 
die normale Person erschöpft und leistungsunfähig wird. Es ist nicht 
von der Hand zu weisen, dass in solchen Fällen auch der Anfall, 
seiner ursprünglichen Bedeutung entkleidet, als inhaltslose motorische 
Reaction wiederkehren mag. 

Es bleibt eine Aufgabe weiterer Untersuchung, welche Be- 
dingungen dafür maassgebend sind, ob eine hysterische Individualität 
sich in Anfallen, in Dauersymptonen oder in einem Gemenge von 
beiden äussert. 

V. 

Es ist nun verständlich, wieso die hier von uns dargelegte 
Methode der Psychotherapie heilend wirkt. Sie hebt die Wirksam- 
keit der ursprünglich nicht abreagirten Vorstellung dadurch 
auf, dass sie dem eingeklemmten Affecte derselben den 
Ablauf durch die Rede gestattet, und bringt sie zur asso- 
ciativen Correctur, indem sie dieselbe in's normale Bewusst- 
sein zieht (in leichterer Hypnose) oder durch ärztliche 
Suggestion aufhebt, wie es im Somnambulismus mit 
Amnesie geschieht. 

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Wir halten den therapeutischen Gewinn bei Anwendung dieses 
Verfahrens für einen bedeutenden. Natürlich heilen wir nicht die 
Hysterie, soweit sie Disposition ist, wir leisten ja nichts gegen die 
Wiederkehr hypnoider Zustände. Auch während des productiven 
Stadiums einer acuten Hysterie kann unser Verfahren nicht verhüten, 
dass die mühsam beseitigten Phänomene alsbald durch neue ersetzt 
werden. Ist aber dieses acute Stadium abgelaufen, und erübrigen noch 
die Beste desselben als hysterische Dauersymptome und Anfälle, so 
beseitigt unsere Methode dieselben häufig und für immer, weil radical, 
und scheint uns hierin die Wirksamkeit der directen suggestiven Auf- 
hebung, wie sie jetzt von den Psychotherapeuten geübt wird, weit 
zu übertreffen. 

Wenn wir in der Aufdeckung des psychischen Mechanismus 
hysterischer Phänomene einen Schritt weiter auf der Bahn gemacht 
haben, die zuerst Charcot so erfolgreich mit der Erklärung und 
experimentellen Nachahmung hysterotraumatischer Lähmungen betreten 
hat, so verhehlen wir uns doch nicht, dass damit eben nur der 
Mechanismuss hysterischer Symptome und nicht die inneren Ursachen 
der Hysterie unserer Kenntniss näher gerückt worden sind. Wir haben 
die Aetiologie der Hysterie nur gestreift und eigentlich nur die 
Ursachen der acquirirten Formen, die Bedeutung des accidentellen 
Momentes für die Neurose beleuchten können. 

Wien, December 1892. 



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II. Krankengeschichten. 

Beobachtung I. Frl. Anna . . . (Breuer). 

Frl. Anna . . . , zur Zeit der Erkrankung (1880) 21 Jahre 
alt, erscheint als neuropathisch massig stark belastet durch einige in 
der grossen Familie vorgekommenen Psychosen; die Eltern sind nervös 
gesund. Sie selbst früher stets gesund, ohne irgend ein Nervosum 
während der Entwicklungsperiode ; von bedeutender Intelligenz, er- 
staunlich scharfsinniger Combination und scharfsichtiger Intuition; 
ein kräftiger Intellect, der auch solide geistige Nahrung verdaut hätte 
und sie brauchte, nach Verlassen der Schule aber nicht erhielt. 
Keiche poetische und phantastische Begabung, controlirt durch sehr 
scharfen und kritischen Verstand. Dieser letztere machte sie auch 
völlig unsuggestibel; nur Argumente, nie Behauptungen hatten 
Einfluss auf sie. Ihr Wille war energisch, zäh und ausdauernd; manch- 
mal zum Eigensinn gesteigert, der sein Ziel nur aus Güte, um 
Anderer willen, aufgab. 

Zu den wesentlichsten Zügen des Charakters gehörte mitleidige 
Güte; die Pflege und Besorgung einiger Armen und Kranken leistete 
ihr selbst in ihrer Krankheit ausgezeichnete Dienste, da sie dadurch 
einen starken Trieb befriedigen konnte. — Ihre Stimmungen hatten 
immer eine leichte Tendenz zum Uebermaass, der Lustigkeit und der 
Trauer; daher auch einige Launenhaftigkeit. Das sexuale Element 
war erstaunlich unentwickelt; die Kranke, deren Leben mir durch- 
sichtig wurde, wie selten das eines Menschen einem andern, hatte nie 
eine Liebe gehabt und in all den massenhaften Hallucinationen ihrer 
Krankheit tauchte niemals dieses Element des Seelenlebens empor. 

Dieses Mädchen von überfliessender geistiger Vitalität führte 
in der puritanisch gesinnten Familie ein höchst monotones Leben, 
dass sie sicli in einer für ihre Krankheit wahrscheinlich maassgebenden 
Weise verschönerte. Sie pflegte systematisch das Wachträumen, das 
sie ihr „Privattheater** nannte. Während alle sie anwesend glaubten, 
lebte sie im Geiste Märchen durch, war aber angerufen immer 



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präsent, so dass niemand davon wusste. Neben den Beschäftigungen 
der Häuslichkeit, die sie tadellos versorgte, gieng diese geistige 
Thätigkeit fast fortlaufend einher. Ich werde dann zu berichten haben, 
wie unmittelbar diese gewohnheitsmässige Träumerei der Gesunden 
in Krankheit übergieng. 

Der Krankheitsverlauf zerfällt in mehrere gut getrennte Phasen; 
es sind: 
Ä) die latente Incubation. Mitte Juli 1880 bis etwa 10. December. 
In diese Phase, die sich in den meisten Fällen unserer Kenntnis 
entzieht, gewährte die Eigenart dieses Falles so vollständigen 
Einblick, dass ich schon deshalb sein pathologisches Interesse 
nicht gering anschlage. Ich werde diesen Theil der Geschichte 
später darlegen. 

B) die manifeste Erkrankung; eine eigenthümliche Psychose, Para- 
phasie, Strabismus convergens, schwere Sehstörungen, Contractur- 
lähmungen, vollständig in der rechten obern, beiden untern 
Extremitäten, unvollständig in der linken obern Extremität, Parese 
der Nackenmusculatur. Allmähliche Keduction der Contractur auf 
die rechtseitigen Extremitäten. Einige Besserung, unterbrochen 
durch ein schweres psychisches Trauma (Tod des Vaters) im 
April, auf welche 

C) eine Periode andauernden Somnambulismus folgt, der dann mit 
normaleren Zuständen alternirt; Fortbestand einer Keihe von 
Dauersymptomen bis December 1880. 

D) Allmähli<jhe Abwicklung der Zustände und Phänomene bis 
Juni 1882. 

Im Juli 1880 erkrankte der Vater der Patientin, den sie leiden- 
schaftlich liebte, an einem peripleuritischen Abscess, der nicht aus- 
heilte und dem er im April 1881 erlag. Während der ersten Monate 
dieser Erkrankung widmete sich Anna der Krankenpflege mit der 
ganzen Energie ihres Wesens, und es nahm niemand sehr Wunder, 
dass sie dabei allmählich stark herabkam. Niemand, vielleicht auch 
die Kranke selbst nicht, wusste, was in ihr vorgieng; allmählich aber 
wurde ihr Zustand von Schwäche, Anämie, Ekel vor Nahrung so 
schlimm, dass sie zu ihrem grössten Schmerze von der Pflege des 
Kranken entfernt wurde. Den unmittelbaren Anlass bot ein höchst 
intensiver Husten, wegen dessen ich sie zum erstenmale untersuchte. 
Es war eine typische Tussis nervosa. Bald wurde ein auifallendes 



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— 17 — 

KuhebedOrfniss in den Nachmittagsstunden deutlich, an welches sich 
abends ein schlafähnlicher Zustand und dann starke Aufregung anschloss. 

Anfangs December entstand Strabismus convergens. Ein Augen- 
arzt erklärte diesen (irrigerweise) durch Parese des einen Abducens. 
Am 11. December wurde Patientin bettlägerig und blieb es bis 
1. April. 

In rascher Folge entwickelte sich, anscheinend ganz frisch, 
eine Keihe schwerer Störungen. 

Linksseitiger Hinterkopf-Schmerz; Strabismus convergens (Diplopie) 
durch Aufregung bedeutend gesteigert; Klage über Herüberstürzen 
der Wand (Obliquus-Affection). Schwer analysirbare Sehstörungen; 
Parese der vordem Halsmuskeln, so dass der Kopf schliesslich nur 
dadurch bewegt wurde, dass Patientin ihn nach rückwärts zwischen die 
gehobenen Schultern presste und sich mit dem ganzen Rücken 
bewegte. Contractur und Anästhesie der rechten obern, nach einiger 
Zeit der rechten untern Extremität; auch diese völlig gestreckt, 
adducirt und nach innen rotirt; später tritt dieselbe AflFection an der 
linken untern Extremität und zuletzt am linken Arm auf, an welchem 
aber die Finger einigermaassen beweglich blieben. Auch die Schulter- 
gelenke beiderseits waren nicht völlig rigide. Das Maximum der 
Contractur betrifft die Muskeln des Oberarms, wie auch später, als 
die Anästhesie genauer geprüft werden konnte, die Gegend des Ell- 
bogens sich als am stärksten unempfindlich erwies. Im Beginne der 
Krankheit blieb die Anästhesieprüfung ungenügend, wegen des aus 
Angstgefühlen entspringenden Widerstandes der Patientin. 

In diesem Zustande übernahm ich die Kranke in meine Be- 
handlung und konnte mich alsbald von der schweren psychischen 
Alteration überzeugen, die da vorlag. Es bestanden zwei ganz getrennte 
Bewusstseinszustände, die sehr oft und unvermittelt abwechselten und 
sich im Laufe der Krankheit immer schärfer schieden. In dem einen 
kannte sie ihre Umgebung, war traurig und ängstlich, aber relativ 
normal; im andern hallucinirte sie, war „ungezogen", d. h. schimpfte, 
warf die Kissen nach den Leuten, soweit und wenn die Contractur 
dergleichen erlaubte, riss mit den beweglichen Fingern die Knöpfe 
von Decken und Wäsche und dgl. mehr. War während dieser Phase 
etwas im Zimmer verändert worden, jemand gekommen oder hinaus- 
gegangen, so klagte sie dann, ihr fehle Zeit, und bemerkte die Lücke 
im Ablauf ihrer bewussten Vorstellungen. Da man ihr das, wenn 
möglich, ableugnete, auf ihre Klage, sie werde veiTückt, sie zu 

Breuer u. Freud, Studien. 2 

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— 18 - 

beruhigen suchte, folgten auf jedes Polsterschleudern und dgl. dann 
noch die Klagen, was nian ihr anthue. in welcher Unordnung man 
sie lasse u. s. f. 

Diese Absencen waren schon beobachtet worden, als sie noch 
ausser ßptt war; sie blieb dann mitten im Sprechen stecken, wieder- 
holte die letzten Worte, um nach kurzer Zeit weiter fortzufahren. 
Nach und nach nahm dies die geschilderten Dimensionen an und 
während der Acme der Krankheit, als die Contractur auch die linke 
Seite ergriffen hatte, war sie am Tag nur für ganz kurze Zeiten 
halbwegs nonnal. Aber auch in die Momente relativ klaren Bewusst- 
seins griffen die Störungen über; rapidester Stimmungswechsel in 
Extremen, ganz vorübergehende Heiterkeit, sonst schwere Angstgefühle, 
hartnäckige Opposition gegen alle therapeutischen Maassnahmen, 
ängstliche Hallucinationen von schwarzen Schlangen, als welche ihre 
Haare, Schnüre und dgl. erscheinen. Dabei sprach sie sich immer zu, 
nicht so dumm zu sein, es seien ja ihre Haare u. s. w. In ganz 
klaren Momenten beklagte sie die tiefe Finstemiss ihres Kopfes, wie 
sie nicht denken könne, blind imd taub werde, zwei Ichs habe, 
ihr wirkliches und ein schlechtes, dass sie zu schlimmem zwinge u. s. w. 

Nachmittags lag sie in einer Somnolenz, die bis etwa eine 
Stunde nach Sonnenuntergang dauerte, und dann erwacht, klagte sie, 
es quäle sie etwas, oder vielmehr sie wiederholte immer den Infinitiv: 
Quälen, quälen. 

Denn zugleich mit der Ausbildung der Contracturen war eine 
tiefe, functionelle Desorganisation der Sprache eingetreten. Zuerst 
beobachtete man, dass ihr Worte fehlten, allmählich nahm das zu. 
Dann verlor ihr Sprechen alle Grammatik, jede Syntax, die ganze Con- 
jugation des Verbums, sie gebrauchte schliesslich nur falsch, meist 
aus einem schwachen Particip-praeteriti gebildete Infinitive, keinen 
Artikel. In weiterer Entwicklung fehlten ihr auch die Worte fast ganz, 
sie suchte dieselben mühsam aus 4 oder 5 Sprachen zusammen und 
war dabei kaum mehr verständlich. Bei Versuchen zu schreiben 
schrieb sie (anfangs, bis die Contractur das völlig verhinderte) den- 
selben Jargon. Zw^ei Wochen lang bestand völliger Mutismus, bei 
fortwährenden angestrengten Versuchen zu sprechen wurde kein Laut 
vorgebracht. Hier wurde nun zuerst der psychische Mechanismus der 
Störung klar. Sie hatte sich, wie ich wusste, über etwas sehr gekränkt 
und beschlossen, nichts davon zu sagen. Als ich das errieth und sie 



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— 19 — 

ZTvang, davon zu reden, fiel die Hemmung weg, die vorher auch jede 
andere Aeusserung unmöglich gemacht hatte. 

Dies fiel zeitlich zusammen mit der wiederkehrenden Beweglichkeit 
der linksseitigen Extremitäten, März 1881; die Paraphasie wich, aber 
sie sprach jetzt nur englisch, doch anscheinend, ohne es zu wissen; 
zankte mit der Wärterin, die sie natürlich nicht verstand; erst mehrere 
Monate später gelang mir, sie davon zu überzeugen, dass sie englisch 
rede. Doch verstand sie selbst noch ihre deutsch sprechende Umgebung. 
Nur in Momenten grosser Angst versagte die Sprache vollständig oder 
sie mischte die verschiedensten Idiome durcheinander. In den aller- 
besten, freiesten Stunden sprach sie französisch oder italienisch. 
Zwischen diesen Zeiten und denen, in welchen sie englisch sprach, 
bestaiid völlige Amnesie. Nun nahm auch der Strabismus ab und 
erschien schliesslich nur mehr bei heftiger Aufregung, der Kopf wurde 
wieder getragen. Am 1. April verliess sie zum erstenmale das Bett. 

Da starb am 5. April der von ihr vergötterte Vater, den sie 
während ihrer Krankheit nur sehr selten für kurze Zeit gesehen hatte. 
Es war das schwerste psychische Trauma, das sie treffen konnte. 
Gewaltiger Aufregung folgte ein tiefer Stupor etwa zwei Tage lang, 
aus dem sie sich in sehr verändertem Zustande erhob. Zunächst war 
sie viel ruhiger und das Angstgefühl wesentlich vermindert. Die 
Contractur des rechten Armes und Beines dauerte fort, ebenso die, 
nicht tiefe, Anästhesie dieser Glieder. Es bestand hochgradige Gesichts- 
feldeinengung. Von einem Blumenstrauss, der sie sehr erfreute, sah 
sie immer nur eine Blume zugleich. Sie klagte, dass sie die Menschen 
nicht erkenne. Sonst habe sie die Gesichter erkannt, ohne willkürlich 
dabei arbeiten zu müssen; jetzt müsse sie bei solchem, sehr mühsamem 
^recognising work** sich sagen, die Nase sei so, die Haare so, 
folglich werde das der und der sein. Alle Menschen wurden ihr wie 
Wachsfiguren, ohne Beziehung auf sie. Sehr peinlich war ihr die 
Gegenwart einiger nahen Verwandten, und dieser „negative Instinct** 
wuchs fortwährend. Trat jemand ins Zimmer, den sie sonst gern 
gesehen hatte, so erkannte sie ihn, war kurze Zeit präsent, dann 
versank sie wieder in ihr Brüten, und der Mensch war ihr entschwunden. 
Nur mich kannte sie immer, wenn ich eintrat, blieb auch immer 
präsent und munter, solange ich mit ihr sprach, bis auf die immer 
ganz plötzlich dazwischen fahrenden hallucinatorischen Absencen. 

Sie sprach nun nur englisch und verstand nicht, was man ihr 
deutsch sagte. Ihre Umgebung musste englisch mit ihr sprechen ; selbst 

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die Wärterin lernte sich einigermaassen so verständigen. Sie las aber 
französisch und italienisch; sollte sie es vorlesen, so las sie mit 
staunenerregender Geläufigkeit, fliessend, eine vortrefifliche englische 
Uebersetzung des Gelesenen vom Blatte. 

Sie begann wieder zu schreiben, aber in eigenthümlicher Weise; 
sie schrieb mit der, gelenken, linken Hand, aber Antiqua-Druckbuch- 
staben, die sie sich aus ihrem Shakespeare zum Alphabet zusammen 
gesucht hatte. 

Hatte sie früher schon minimal Nahrung genommen, so ver- 
weigerte sie jetzt das Essen vollständig, liess sich aber von mir 
füttern, so dass ihre Ernährung rasch zunahm. Nur Brod zu essen 
verweigerte sie immer. Nach der Fütterung aber unterliess sie nie 
den Mund zu waschen, und that dies auch, wenn sie aus irgend 
einem Grunde nichts gegessen hatte; ein Zeichen, wie abwesend sie 
dabei war. 

Die Somnolenz am Nachmittag und der tiefe Sopor um Sonnen- 
untergang dauerten an. Hatte sie sich dann ausgesprochen (ich werde 
später genauer hierauf eingehen müssen) so war sie klar, ruhig, heiter. 

Dieser relativ erträgliche Zustand dauerte nicht lange. Etwa 
10 Tage nach ihres Vaters Tod wurde ein Consiliarius beigezogen, 
den sie wie alle Fremden absolut ignorirte, als ich ihm all ihre 
Sonderbarkeiten demonstrirte. „That's like an examination" sagte sie 
lachend, als ich sie einen französischen Text auf englisch vorlesen 
liess. Der fremde Arzt sprach drein, versuchte sich ihr bemerklich zu 
machen; vergebens. Es war die richtige „negative Hallucination", die 
seitdem so oft experimentell hergestellt worden ist. Endlich gelang es 
ihm, diese zu durchbrechen, indem er ihr Rauch ins Gesicht blies. 
Plötzlich sah sie einen Fremden, stürzte zur Thüre, den Schlüssel 
abzuziehen, fiel bewusstlos zu Boden; dann folgte ein kurzer Zorn- 
und dann ein arger Angstanfall, den ich mit grosser Mühe beruhigte. 
Unglücklicherweise musste ich denselben Abend abreisen, und als ich 
nach mehreren Tagen zurückkam, fand ich die Kranke sehr ver- 
schlimmert. Sie hatte die ganze Zeit vollständig abstinirt, war voll 
Angstgefühlen, ihre hallucinatorischen Absencen erfüllt von Schreckge- 
stalten, Todtenköpfen und Gerippen. Da sie, diese Dinge durchlebend, sie 
theilweise sprechend tragirte, kannte die Umgebung meist den Inhalt 
dieser Hallucinationen. Nachmittags Somnolenz, um Sonnenuntergang 
die tiefe Hypnose, für die sie den technischen Namen „clouds" 
(Wolken) gefunden hatte. Konnte sie dann die Hallucinationen des 



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— 21 — 

Tages erzählen, so erwachte sie klar, ruhig, heiter, setzte sich zur 
Arbeit, zeichnete oder schrieb die Nacht durch, völlig vernünftig; 
ging gegen 4 Uhr zu Bett, und am Morgen begann dieselbe Scene 
wieder, wie Tags zuvor. Der Gegensatz zwischen der unzurechnungs- 
fähigen, von Hallucinationen gehetzten Kranken am Tag und dem 
geistig völlig klaren Mädchen bei Nacht war höchst merkwürdig. 

Trotz dieser nächtlichen Euphorie verschlechterte sich der psychi- 
sche Zustand doch immer mehr; es traten intensive Selbstmordimpulse 
auf, die den Aufenthalt in einem 3. Stockwerk unthunlich erscheinen 
Hessen. Die Kranke wurde darum gegen ihren Willen in ein Landhaus 
in der Nähe von Wien gebracht (7. Juni 1881). Diese Entfernung vom 
Hause, die sie perhorrescirte, hatte ich nie angedroht, sie selbst aber 
im stillen erwartet und gefürchtet. Es wurde nun auch bei diesem 
Anlass wieder klar, wie dominirend der AngstaflFect die psychische 
Störung beherrschte. Wie nach des Vaters Tod ein Ruhezustand ein- 
getreten war, so beruhigte sie sich auch jetzt, als das Gefürchtete 
geschehen war. Allerdings nicht, ohne dass die Transferirung unmittelbar 
von drei Tagen und Nächten gefolgt gewesen wäre, absolut ohne 
Schlaf und Nahrung, voll von (im Garten allerdings ungefährlichen) 
Selbstmordversuchen, Fensterzerschlagen und dgl., Hallucinationen 
ohne Absence, die sie von den andern ganz wohl unterschied. Dann 
beruhigte sie sich , nahm Nahrung von der Wärterin und sogar 
Abends Chloral. 

Bevor ich den weiteren Verlauf schildere, muss ich noch einmal 
zurückgreifen und eine Eigenthümlichkeit des Falles darstellen, die 
ich bisher nur flüchtig gestreift habe. 

Es wurde schon bemerkt, dass im ganzen bisherigen Verlaufe 
täglich Nachmittags eine Somnolenz die Kranke befiel, die um Sonnen- 
untergang in tieferen Schlaf überging (clouds). (Es ist wohl plausibel, 
diese Periodicität einfach aus den Umständen der Krankenpflege ab- 
zuleiten, die ihr durch Monate obgelegen hatte. Nachts wachte sie 
beim Kranken oder lag lauschend und angsterfüllt bis Morgens wach 
in ihrem Bette; Nachmittag legte sie sich für einige Zeit zur Ruhe, 
wie es ja meistens von der Pflegerin geschieht, und dieser Typus der 
Nachtwache und des Nachmittagschlafes wurde wohl dann in ihre 
eigene Krankheit hinüber verschleppt und bestand fort, als an Stelle 
des Schlafes schon lange ein hypnotischer Zustand getreten war). 
Hatte der Sopor etwa eine Stunde gedauert, so wurde sie unruhig, 
wälzte sich hin und her und rief immer wieder: „Quälen, quälen'' 



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— 22 — 

immer mit geschlossenen Augen. Andrerseits war bemerkt worden, 
dass sie in ihren Absencen während des Tages offenbar immer irgend 
eine Situation oder Geschichte ausbilde, über deren Beschaffenheit 
einzelne gemurmelte Worte Aufschluss gaben. Nun geschah es, zuerst 
zuföllig, dann absichtlich, dass jemand von der Umgebung ein solches 
Stichwort fallen Hess, während Patientin über das „Quälen ** klagte; 
alsbald fiel sie ein und begann eine Situation auszumalen oder eine 
Geschichte zu erzählen, anfangs stockend in ihrem paraphasischen 
Jargon, je weiter, desto fliessender, bis sie zuletzt ganz correctes 
Deutsch sprach. (In der ersten Zeit, bevor sie völlig ins Englisch- 
sprechen gerathen war.) Die Geschichten, immer traurig, waren theil- 
weise sehr hübsch, in der Art von Andersens „Bilderbuch ohne Bilder ** 
und wahrscheinlich auch nach diesem Muster gebildet; meist war 
Ausgangs- oder Mittelpunkt die Situation eines bei einem Kranken 
in Angst sitzenden Mädchens; doch kamen auch ganz andere Motive 
zur Verarbeitung. — Einige Momente nach Vollendung der Erzählung 
erwachte sie, war offenbar beruhigt oder, wie sie es nannte, „gehäglich'* 
(behaglich). Nachts wurde sie dann wieder unruhiger und am Morgen, 
nach zweistündigem Schlafe war sie offenbar wieder in einem anderen 
Vorstellungskreis. — Konnte sie mir in der Abendhypnose einmal 
die Geschichte nicht erzählen, so fehlte die abendliche Beruhigung, 
und am anderen Tag mussten zwei erzählt werden, um diese zu 
bewirken. 

Das Wesentliche der beschriebenen Erscheinung, die Häufung 
und Verdichtung ihrer Absencen zur abendlichen Autohypnose, die Wirk- 
samkeit der phantastischen Producte als psychischer lieiz und die 
Erleichterung und Behebung des Reizzustandes durch die Aussprache 
in der Hypnose, blieben durch die ganzen anderthalb Jahre der Be- 
obachtung constant. 

Nach dem Tode des Vaters wurden die Geschichten natürlich 
noch tragischer, aber erst mit der Verschlimmerung ihres psychischen 
Zustandes, welche der erzählten gewaltsamen Durchbrechung ihres 
Somnambulismus folgte, verloren die abendlichen Referate den Charakter 
mehr minder freier poetischer Schöpfung und wandelten sich in Reihen 
furchtbarer, schreckhafter Hallucinationen, die man Tags über, schon 
aus dem Benehmen der Kranken hatte erschliessen können. Ich habe 
aber schon geschildert, wie vollständig die Befreiung ihrer Psyche 
war, nachdem sie, von Angst und Grauen geschüttelt, all diese Schreck- 
bilder reproducii't und ausgesprochen hatte. 

f^ /^f^ n 1 p. Orf gma f f nom 

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— 23 — 

Auf dem Lande, wo ich die Kranke nicht täglich besuchen 
konnte, entwickelte sich die Sache in folgender Weise. Ich kam 
Abends, wenn ich sie in ihrer Hypnose wusste, und nahm ihr den 
ganzen Vorrath von Phantasmen ab, den sie seit meinem letzten 
Besuch angehäuft hatte. Das musste ganz vollständig geschehen, wenn 
der gute Erfolg erreicht werden sollte. Dann war sie ganz beruhigt, 
den nächsten Tag liebenswürdig, fügsam, fleissig, selbst heiter; 
den zweiten immer mehr launisch, störrig, unangenehm, was am 
dritten noch weiter zunahm. In dieser Stimmung, auch in der Hypnose, 
war sie nicht immer leicht zum Aussprechen zu bewegen, für welche 
Procedur sie den guten, ernsthaften Namen ,talking eure" (Redecur) 
und den humoristischen „chimney - sweeping" (Kaminfegen) erfunden 
hatte. Sie wusste, dass sie nach der Aussprache all ihre Stönigkeit 
und „Energie"* verloren haben werde, und wenn sie nun schon (nach 
längerer Pause) in böser Laune war, so weigerte sie das Reden, das 
ich ihr mit Drängen und Bitten und einigen Kunstgriffen, wie dem 
Vorsprechen einer stereotypen Eingangsformel ihrer Geschichten, ab- 
zwingen musste. Immer aber sprach sie erst, nachdem sie sich durch 
sorgfältige Betastung meiner Hände von meiner Identität überzeugt 
hatte. In den Nächten, wo die Beruhigung durch Aussprache nicht 
erfolgte, musste man sich mit Chloral helfen. Ich hatte es früher 
einigemal versucht, musste aber 5 Gramm geben, und dem Schlafe 
ging ein stundenlanger Rausch vorher, der in meiner Gegenwart 
heiter war. in meiner Abwesenheit aber als höchst unangenehmer 
ängstlicher Aufregungszustand auftrat. (Beiläufig bemerkt, änderte 
dieser schwere Rausch nichts an der Contractur). Ich hatte die 
Narcotica vermeiden können, weil die Aussprache mindestens Be- 
ruhigung, wenn auch nicht Schlaf brachte. Auf dem Lande waren die 
Nächte zwischen den hypnotischen Erleichterungen so unerträglich, 
dass man doch zum Chloral seine Zuflucht nehmen musste; allmählig 
brauchte sie auch weniger davon. 

Der dauernde Somnambulismus blieb verschwunden; dagegen 
bestand der Wechsel zweier Bewusstseinszustände fort. Mitten im Ge- 
spräch hallucinirte sie, lief weg, versuchte auf einen Baum zu steigen 
und dgl. Hielt man sie fest, so sprach sie nach kürzester Zeit im unter- 
brochen Satze wieder fort, ohne von dem dazwischen liegenden zu wissen. 
Aber in der Hypnose erschienen dann all diese Hallucinationen im Referate; 

Im ganzen besserte sich der Zustand; die Ernährung war gut 
möglich, sie Hess sich von der Wärterin das Essen in den Mund 

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führen, nur Brod verlangte sie, refusirte es aber, sowie es die Lippen 
berührte; die Contractur-Parese des Beines nahm wesentlich ab; auch 
gewann sie richtige Beurtheilung und grosse Anhänglichkeit für den 
Arzt, der sie besuchte, meinen Freund Dr. B. Grosse Hilfe gewährte 
ein Neufoundländer, den sie bekommen hatte und leidenschaftlich liebte. 
Dabei war es prächtig anzusehen, wie einmal, als dieser Liebling eine 
Katze angriff, das schwächliche Mädchen die Peitsche in die linke 
Hand nahm und das riesige Thier damit behandelte, um sein Opfer 
zu retten. Später besorgte sie einige arme Kranke, was ihr sehr 
nützlich war. 

Den deutlichsten Beweis für die pathogene, reizende Wirkung 
der in den Absencen, ihrer „condition seconde" producirten Vorstellungs- 
complexe und für ihre Erledigung durch die Aussprache in Hypnose er- 
hielt ich bei meiner Eückkehr von einer mehrwochentlichen Ferialreise. 
Während dieser war keine „talking eure** vorgenommen worden, da 
die Kranke nicht zu bewegen war, jemand anderem als mir zu ei-zählen, 
auch nicht Dr. B., dem sie sonst herzlich zugethan worden war. Ich 
fand sie in einem traurigen moralischen Zustand, träge, unfügsam, 
launisch, selbst boshaft. Bei den abendlichen Erzählungen stellte sich 
heraus, dass ihre phantastisch -poetische Ader offenbar im Versiegen 
begriffen war; es wurden immer mehr und mehr Eeferate über ihre 
Hallucinationen und über das, was sie etwa in den vei-flossenen Tagen 
geärgert; phantastisch eingekleidet, aber mehr nur durch feststehende 
phantastische Foraieln ausgedrückt, als zu Poemen ausgebaut. Ein 
erträglicher Zustand wurde aber erst erreicht, als ich Patientin für 
eine Woche in die Stadt hereinkommen Hess und ihr nun Abend für 
Abend 3 — 5 Geschichten abrang. Als ich damit fertig war, war alles 
aufgearbeitet, was sich in den Wochen meiner Abwesenheit aufgehäuft 
hatte. Nun erst stellte sich jener Rhythmus ihres psychischen Be- 
findens wieder her, dass sie am Tag nach einer Aussprache liebens- 
würdig und heiter, am zweiten reizbarer und unangenehmer und am 
dritten recht „zuwider** war. Ihr moralischer Zustand war eine Function 
der seit der letzten Aussprache verflossenen Zeit, weil jedes spontane 
Product ihrer Phantasie und jede von dem kranken Theil ihrer 
Psyche aufgefasste Begebenheit, als psychischer Reiz solange fort- 
wirkte, bis es in der Hypnose erzählt, hiemit aber auch die Wirksamkeit 
völlig beseitigt war. 

Als Patientin im Herbst wieder in die Stadt kam (in eine andere 
Wohnung als die, in der sie erkrankt war), war der Zustand erträglich, 

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sowohl körperlich als geistig, indem recht wenig, eigentlich nur ein- 
greifendere Erlebnisse, krankhaft zu psychischen Beizen verarbeitet 
wurde. Ich hoifte eine fortlaufend zunehmende Besserung, wenn durch 
regelmässige Ausspraclie die dauernde Belastung ihrer Psyche mit 
neuen Beizen verhindert wurde. Zunächst wurde ich enttäuscht. Im 
December verschlimmerte sich ihr psychischer Zustand wesentlich, sie 
war wieder aufgeregt, traurig verstimmt, reizbar und hatte kaum 
mehr ^ganz gute Tage**, auch wenn nichts Nachweisbares in ihr 
„steckte*. Ende December, in der Weihnachtszeit, war sie besonders 
unruhig und erzählte dann durch die ganze Woche Abends nichts 
Neues, sondern die Phantasmen, die sie unter der Herrschaft starker 
Angstaflfecte in der Festzeit 1880 Tag für Tag ausgearbeitet hatte. 
Nach Beendigung der Serie grosse Erleichterung. 

Es hatte sich nun gejährt, dass sie vom Vater getrennt, bett- 
lägerig geworden war, und von da an klärte und systemisirte sich der 
Zustand in sehr eigenthümlicher Weise. Die beiden Bewusstseins- 
zustände, die alternirend bestanden, immer so,- dass vom Morgen an 
mit vorschreitendem Tage die Absencen, d. h. das Auftreten der 
condition seconde immer häufiger ward und Nachts nur diese allein 
bestand, — die beiden Zustände differirten nicht bloss wie früher 
darin, dass sie in dem einen (ersten) normal und im zweiten alienirt 
war, sondern sie lebte im ersten wie wir andern im Winter 81 — 82; 
im zweiten Zustand aber im Winter 80 — 81 und alles später Vor- 
gefallene war darin völlig vergessen. Nur das Bewusstsein davon, dass der 
Vater gestorben sei, schien meist doch zu bestehen. Die Bückversetzung 
in das vorhergegangene Jahr geschah so intensiv, dass sie in der 
neuen Wohnung ihr früheres Zimmer hallucinirte und, wenn sie zur 
Thüre gehen wollte, an den Ofen anrannte, der nun zum Fenster so 
stand wie in der alten Wohnung die Zimmerthüre. Der Umschlag aus 
einem Zustand in den andern erfolgte spontan, konnte aber mit der 
grössten Leichtigkeit hervorgerufen werden durch irgend einen Sinnes- 
eindruck, der lebhaft an das frühere Jahr erinnerte. Es genügte, ihr 
eine Orange vorzuhalten, (ihre Hauptnahrung während der ersten Zeit 
ihrer Erkrankung), um sie aus dem Jahr 1882 ins Jahr 1881 hinüber- 
zuwerfen. Diese Bück Versetzung in vergangene Zeit erfolgte aber nicht 
in allgemeiner und unbestimmter Weise, sondern sie durchlebte Tag iür 
Tag den vorhergegangenen Winter. Ich hätte das nur veimuthen 
können, wenn sie nicht täglich in der Abendhypnose sich das ab- 
gesprochen hätte, was 1881 an diesem Tag sie eiTegt hatte, und 

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wenn nicht ein geheimes Tagebuch der Mutter aus dem Jahre 1881 
die unverbrüchliche Richtigkeit der zu Grunde liegenden Thatsachen 
bewiesen hätte. Dieses Wiederdurchleben des verflossenen Jahres 
dauerte fort bis zum definitiven Abschluss der Krankheit im Juni 1882. 

Dabei war es sehr interessant zu sehen, wie auch diese wieder- 
auflebenden psychischen Reize aus dem zweiten Zustand in den ersten, 
normaleren herflberwirkten. Es kam vor, dass die Kranke mir am 
Morgen lachend sagte, sie wisse nicht, was sie habe, sie sei böse auf 
mich; dank dem Tagebuch wusste ich, um was es sich handelte und 
was auch richtig in der Abendhypnose wieder durchgemacht wurde. 
Ich hatte Patientin im Jahre 1881 an diesem Abend sehr geärgert. 
Oder sie sagte, es sei was mit ihren Augen los, sie sehe die Farben 
falsch ; sie wisse, dass ihr Kleid braun sei, und doch sehe sie es blau. 
Es zeigte sich alsbald, dass sie alle Farben der Prüfungspapiere 
richtig und scharf unterschied, und dass die Störung nur an dem 
StoiF ihres Kleides hafte. Der Grund war, dass sie sich 1881 in diesen 
Tagen sehr mit einem Schlafrock für den Vater beschäftigt hatte, an 
dem derselbe Stoff, aber blau, verwendet war. Auch war dabei 
oft ein Vorwirken dieser auftauchenden Erinnerungen deutlich, indem 
die Störung des normalen Zustandes schon früher eintrat, während 
die Eiinnerung erst allmählich für die condition seconde erwachte. 

War die Abendhypnose schon hiedurch reichlich belastet, da 
nicht bloss die Phantasmen frischer Production, sondern auch die 
Erlebnisse und die „vexations** von 1881 abgesprochen werden mussten, 
(die Phantasmen von 1881 hatte ich glücklicherweise schon damals 
abgenommen), so nahm die von Patientin und Arzt zu leistende 
Arbeitsumme noch enorm zu durch eine dritte Reihe von Einzel- 
störungen, die ebenfalls auf diese Weise erledigt werden mussten, 
die psychischen Ereignisse der Krankheitsincubation von Juli 
bis December 1880, welche die gesammten hysterischen Phänomene 
erzeugt hatten und mit deren Aussprache die Symptome verschwanden. 

Als das erstemal durch ein zuföUiges, unprovocirtes Aussprechen 
in der Abendhypnose eine Störung verschwand, die schon länger 
bestanden hatte, war ich sehr überrascht. Es war im Sommer eine 
Zeit intensiver Hitze gewesen, und Patientin hatte sehr arg durch 
Durst gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu können, war ihr 
plötzlich unmöglich geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas 
Wasser in die Hand, aber so wie es die Lippen berührte, stiess sie 
es weg wie ein Hydrophobischer. Dabei war sie offenbar für diese 

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paar Secunden in einer Absence. Sie lebte nur von Obst, Melonen 
und dgl., um den qualvollen Durst zu mildern. Als das etwa 6 Wochen 
gedauert hatte, raisonnirte sie einmal in der Hypnose über ihre 
englische Gesellschafterin, die sie nicht liebte, und erzählte dann mit 
allen Zeichen des Abscheus, wie sie auf deren Zimmer gekommen 
sei, und da deren kleiner Hund, das ekelhafte Thier, aus einem Glas 
getrunken habe. Sie habe nichts gesagt, denn sie wolle höflich sein. 
Nachdem sie ihrem stecken gebliebenen Aerger noch energisch Aus- 
druck gegeben, verlangte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine 
grosse Menge Wasser und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas 
an den Lippen. Die Störung war damit für immer verschwunden. 
Ebenso schwanden sonderbare hartnäckige Marotten, nachdem das 
Erlebniss erzählt, war, welches dazu den Anlass gegeben hatte. Ein 
grosser Schritt war aber geschehen, als auf dieselbe Weise als erstes 
der Dauersymptome die Contractur des rechten Beines geschwunden 
war, die allerdings schon vorher sehr abgenommen hatte. Aus diesen 
Erfahrungen, dass die hysterischen Phänomene bei dieser Kranken 
verschwanden, sobald in der Hypnose das Ereigniss reproducirt war, 
welches das Symptom veranlasst hatte, — daraus entwickelte sich 
eine therapeutische technische Procedur, die an logischer Consequenz 
und systematischer Durchführung nichts zu wünschen liess. Jedes 
einzelne Symptom dieses verwickelten Krankheitsbildes wurde für sich 
vorgenommen; die sämmtlichen Anlässe, bei denen es aufgetreten war, 
in umgekehrter Keihenfolge erzählt, beginnend mit den Tagen, bevor 
Patientin bettlägerig geworden, nach rückwärts bis zu der Veranlassung 
des erstmaligen Auftretens. War dieses erzählt, so war das Symptom 
damit für immer behoben. 

So wurden die Contracturparesen und Anästhesien, die ver- 
schiedensten Seh- und Hörstörungen, Neuralgien, Husten, Zittern und 
dgl. und schliesslich auch die Sprachstörungen „wegerzählt**. Als 
Sehstörungen wurden z. B. einzeln erledigt: der Strabismus conv. 
mit Doppeltsehen; Ablenkung beider Augen nach rechts, so dass die 
zugreifende Hand immer links neben das Object greift; Gesichtsfeld- 
einschränkung; centrale Amblyopie; Makropsie; Sehen eines Todten- 
kopfs an Stelle des Vaters; Unfähigkeit zu lesen. Dieser Analyse 
entzogen blieben nur einzelne Phänomene, die sich während des 
Krankenlagers entwickelt hatten, wie die Ausbreitung der Contractur- 
parese auf die linke Seite, und die wahrscheinlich auch wirklich keine 
directe psychische Veranlassung hatten. 

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Es erwies sich als ganz unthimlich, die Sache abzukürzen, indem 
man direct die erste Veranlassung der Symptome in ihre Erinnerung 
zu evociren suchte. Sie fand sie nicht, wurde verwin't, und es ging 
noch langsamer, als wenn man sie ruhig und sicher den aufgenommenen 
Erinnerungsfaden nach rückwärts abhaspeln liess. Da das aber in der 
Abendhypnose zu langsam gieng, weil die Kranke von der ^Aussprache** 
der zwei andern Serien angestrengt und zerstreut war, auch wohl die 
Erinnerungen Zeit brauchten, um in voller Lebhaftigkeit sich zu ent- 
wickeln, so bildete sich die folgende Procedur heraus. Ich suchte sie 
am Morgen auf, hypnotisirte sie (es Avaren sehr einfache Hypnose- 
proceduren empirisch gefunden worden) und fragte sie nun unter 
Concentration ilirer Gedanken auf das eben behandelte Symptom um 
die Gelegenheiten, bei denen es aufgetreten war. Patientin bezeichnete 
nun in rascher Folge mit kurzen Schlagworten diese äusseren Ver- 
anlassungen, die ich notirte. In der Abendhypnose erzählte sie dann, 
unterstützt durch die notirte Reihenfolge, ziemlich ausführlich die 
Begebenheiten. Mit welcher, in jedem Sinn, erschöpfenden Gründ- 
lichkeit das geschah, mag ein Beispiel zeigen. Es war immer vor- 
gekommen, dass Patientin nicht hörte, wenn man sie ansprach. Dieses 
vorübergehende Nichthören differenzirte sich in folgender Weise: 

a) Nicht hören, dass jemand eintrat, in Zerstreutheit. 108 einzeln 
detaillirte Fälle davon; Angabe der Personen und Umstände, oft 
des Datums ; als erster, dass sie ihren Vater nicht eintreten 
gehört. 

b) Nicht verstehen, wenn mehrere Personen sprechen, 27mal, das 
erstemal wieder der Vater und ein Bekannter. 

c) Nicht hören, wenn allein, direct angesprochen 50mal, Ursprung, 
dass der Vater vergebens sie um Wein angesprochen. 

d) Taubwerden durch Schütteln (im Wagen oder dgl) 15mal; 
Ursprung, dass ihr junger Bruder sie im Streit geschüttelt, als 
er sie Nachts an der Thür des Krankenzimmers lauschend 
ertappte. 

e) Taubwerden vor Schreck über ein Geräusch, 37mal; Ursprung 
ein Erstickungsanfall des Vaters durch Verschlucken. 

f) Taubwerden in tiefer Absence, 12mal. 

g) Taubwerden durch langes Horchen und Lauschen, so dass sie 
dann angesprochen nicht hörte, 54mal. 

Natürlich sind all diese Vorgänge grossentheils identisch, indem 
sie sich auf die Zerstreutheit — Absence oder auf Schreckaflfect 



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zurückführen lassen. Sie waren aber in der Erinnerung der Kranken 
so deutlich getrennt, dass, wenn sie sich einmal in der Eeihenfolge 
irrte, die richtige Ordnung corrigirend hergestellt werden musste, 
sonst stockte das Referat. Die erzählten Begebenheiten Hessen in 
ihrer Interesse- und Bedeutungslosigkeit und bei der Präcision der 
Erzählung den Verdacht nicht aufkommen, sie seien erfunden. Viele 
dieser Vorfälle, als rein innere Erlebnisse, entzogen sich der Controle. 
An andere oder die begleitenden Umstände erinnerte sich die Um- 
gebung der Kranken. 

Es geschah auch hier, was regelmässig zu beobachten war, 
während ein Symptom ^abgesprochen" wurde: dieses trat mit erhöhter 
Intensität auf, während es erzählt wurde. So war Patientin während der Ana- 
lyse des Nichthörens so taub, dass ich theilweise schriftlich mich mit 
ihr verständigen musste. Regelmässig war der erste Anlass irgend ein 
Schrecken, den sie bei der Pflege der Vaters erlebt, ein Uebersehen 
ihrerseits oder dgl. 

Nicht immer ging das Erinnern leicht von statten, und manch- 
mal musste die Kranke gewaltige Anstrengungen machen. So stockte 
einmal der ganze Fortgang eine Zeitlang, weil eine Erinnerung nicht 
auftauchen wollte; es handelte sich um eine der Kranken sehr 
schreckliche Hallucination, sie hatte ihren Vater, den sie pflegte, mit 
einem Todtenkopfe gesehen. Sie und ihre Umgebung erinnerten, dass 
sie einmal, noch in scheinbarer Gesundheit, einen Besuch bei einer 
Verwandten gemacht, die Thür geöffnet habe und sogleich bewusstlos 
niedergefallen sei. Um nun das Hinderniss zu überwinden, ging sie jetzt 
wieder dorthin und stürzte wieder beim Eintritt ins Zimmer bewusst- 
los zu Boden. In der Abendhypnose war dann das Hinderniss über- 
wunden; sie hatte beim Eintritt in dem der Thür gegenüberstehenden 
Spiegel ihr bleiches Gesicht erblickt, aber nicht sich, sondern ihren 
Vater mit einem Todtenkopf gesehen. — Wir haben oft beobachtet, 
dass die Furcht vor einer Erinnerung, wie es hier geschehen, ihr 
Auftauchen hemmt, und dieses durch Patientin oder Arzt erzwungen 
werden muss. 

Wie stark die innere Logik der Zustände war, zeigte unter 
anderem folgendes. Patientin war, wie bemerkt, in dieser Zeit Nachts 
immer in ihrer „condition seconde**, also im Jahre 1881. Einmal 
erwachte sie in der Nacht, behauptete, sie sei wieder von Hause weg- 
gebracht worden, kam in einen schlimmen Aufregungszustand, der 
das ganze Haus alarmirte. Der Grund war einfach. Am vorhergehenden 



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Abend war durch „talking eure** ihre Sehstörung geschwunden und 
zwar auch fQr die condition seconde. Als sie nun Nachts erwachte, 
fand sie sich in einem ihr unbekannten Zimmer, denn die Familie 
hatte seit Frühjahr 1881 die Wohnung gewechselt. Diese recht un- 
angenehmen Zufalle wurden verhindert, da ich ihr (auf ihre Bitte) 
Abends immer die Augen schloss mit der Suggestion, sie könne sie 
nicht öffnen, bis ich selbst es am Morgen thun würde. Nur einmal 
wiederholte sich der Lärm, als Patientin im Traum geweint und er- 
wachend die Augen geöffnet hatte. 

Da sich diese mühevolle Analyse der Symptome auf die Sommer- 
monate 1880 bezog, während welcher sich die Erkrankung vorbereitete^ 
gewann ich einen vollen Einblick in die Incubation und Pathoge- 
nese dieser Hysterie, die ich nun kurz darlegen will. 

Juli 1880 war der Vater der Kranken auf dem Lande an einem 
subpleuralen Abcess schwer erkrankt; Anna theilte sich mit der Mutter 
in die Pflege. Einmal wachte sie Nachts in grosser Angst um den 
hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg 
zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für einige Zeit 
entfernt, und Anna sass am Krankenbette, den rechten Arm über die 
Stuhllehne gelegt. Sie gerieth in einen Zustand von Wachträumen und 
sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken 
näherte, um ihn zu beissen. (Es ist sehr wahrscheinlich, dass auf der 
Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über die 
das Mädchen früher schon erschrocken war, und die nun das Material 
der Hallucination abgaben.) Sie wollte das Thier abwehren, war aber 
wie gelähmt; der rechte Arm, über der Stuhllehne hängend, war „ein- 
geschlafen*, anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn 
betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit 
Todtenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange 
mit dem gelähmten rechten Arm zu verjagen, und dadurch trat die 
Anästhesie und Lähmung derselben in Association mit der Schlangen- 
hallucination. — Als diese geschwunden war, wollte sie in ihrer 
Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner 
sprechen, bis sie endlich einen englischen Kindervers fand imd 
nun auch in dieser Sprache fortdenken und beten konnte. 

Der Pfiff der Locomotive, die den erwarteten Arzt brachte, unter- 
brach den Spuk. Aber als sie andern Tags einen Keifen aus dem 
Gebüsch nehmen wollte, in das er beim Spiel geworfen worden war, 
rief ein gebogener Zweig die Schlangenhallucination wieder hervor, 



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und zugleich damit wurde der rechte Arm steif gestreckt. Diess 
wiederholte sich nun immer, so oft ein mehr oder weniger schlangen- 
ähnliches Object die Hallucination provocirte. Diese aber wie die 
Contraetur traten nur in den kurzen Absencen auf, die von jener Nacht 
an immer häufiger wurden. (Stabil wurde die Contraetur erst im 
December, als Patientin, vollständig niedergebrochen, das Bett nicht 
mehr verlassen konnte.) Bei einem Anlass, den ich nicht notirt finde 
und nicht erinnere, trat zur Contraetur des Armes die des rechten 
Beines. 

Nun war die Neigung zu autohypnotischen Absencen geschaffen. 
An dem auf jene Nacht folgenden Tage versank sie im Warten auf den 
Chirurgen in solche Abwesenheit, dass er schliesslich im Zimmer 
stand, ohne dass sie ihn kommen gehört hätte. Das constante Angst- 
gefühl hinderte sie am Essen und producirte allmählich intensiven Ekel. 
Sonst aber entstanden alle einzelnen hysterischen Symptome im Affect. 
Es ist nicht ganz klar, ob dabei immer eine vollkommene momentane 
Absence eintrat, es ist aber wahrscheinlich, weil Patientin im Wachen 
von dem ganzen Zusammenhang nichts wusste. 

Manche Symptome aber scheinen nicht in der Absence, sondern 
nur im Affecte im wachen Zustande aufgetreten zu sein, wiederholten 
sich aber dann ebenso. So wurden die Sehstörungen sämmtlich auf 
einzelne, mehr minder klar determinirende Anlässe zurückgeführt, 
z. B. in der Art, dass Patientin, mit Thränen im Auge, am Kranken- 
bett sitzend, plötzlich vom Vater gefragt wurde, wie viel Uhr es sei, 
undeutlich sah, sich anstrengte, die Uhr nahe ans Auge brachte und 
nun das Zifferblatt sehr gross erschien (Makropsie und Strabismus 
conv.); oder Anstrengungen machte, die Thränen zu unterdrücken, damit 
sie der Kranke nicht sehe. 

Ein Streit, in dem sie ihre Antwort unterdrückte, verursachte 
einen Glottiskrampf, der sich bei jeder ähnlichen Veranlassung 
wiederholte. 

Die Sprache versagte a) aus Angst, seit der ersten nächtlichen 
Hallucination, b) seit sie einmal wieder eine Aeusserung unterdrückte 
(active Hemmung), c) seit sie einmal ungerecht gescholten worden war, 
d) bei allen analogen Gelegenheiten (Kränkung). Husten trat das erstemal 
ein, als während der Krankenwache aus einem benachbarten Hause 
Tanzmusik herübertönte und der aufsteigende Wunsch, dort zu sein, 
ihr Selbstvorwürfe erweckte. Seitdem reagirte sie ihre ganze Krank- 



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— 32 — 

heitszeit hiDdurch auf jede stark rhythmirte Musik mit einer Tussis 
nervosa. 

Ich bedauere nicht allzusehr, dass die ünvoUständigkeit meiner 
Notizen es unmöglich macht, hier sämmtliche Hysterica auf ihre 
Veranlassungen zurückzuführen. Patientin that es bei allen, mit der 
oben erwähnten Ausnahme, und jedes S}Tnptom war, wie geschildert, 
nach der Erzählung des ersten Anlasses verschwunden. 

Auf diese Weise schloss auch die ganze Hysterie ab. Die Kranke 
hatte sich selbst den festen Vorsatz gebildet, am Jahrestag ihrer 
Transferirung auf das Land müsse sie mit allem fertig sein. Sie 
betrieb darum Anfangs Juni die „talking cure*^ mit grosser, aufregender 
Energie. Am letzten Tage reproducirte sie mit der Nachhilfe, dass sie das 
Zimmer so arrangirte, wie das Krankenzimmer ihres Vaters gewesen 
war, die oben erzählte Angsthallucination, welche die Wurzel der 
ganzen Erkrankung gewesen war, und in der sie nur englisch hatte 
denken und beten können; sprach unmittelbar darauf deutsch und 
war nun frei von all den unzähligen einzelnen Störungen, die sie 
früher dargeboten hatte. Dann verliess sie Wien für eine Reise, 
brauchte aber doch noch längere Zeit, bis sie ganz ihr psychisches 
Gleichgewicht gefunden hatte. Seitdem erfreut sie sich vollständiger 
Gesundheit. 



So viel nicht uninteressanter Einzelheiten ich auch unterdrückt 
habe, ist doch die Krankengeschichte der Anna . . umfangreicher 
geworden, als eine an sich nicht ungewöhnliche hysterische Erkrankung 
zu verdienen scheint. Aber die Darstellung des Falles war unmöglich 
ohne Eingehen ins Detail, und die Eigenthümlichkeiten desselben 
scheinen mir von einer Wichtigkeit, welche das ausführliche Referat 
entschuldigen dürfte. Auch die Echinodermeneier sind für die Embryo 
logie nicht deshalb so wichtig, weil etwa der Seeigel ein besonders 
interessantes Thier wäre, sondern weil ihr Protoplasma durchsichtig 
ist, und man aus dem, was man an ihnen sehen kann, auf das schliesst, 
was an den Eiern mit trübem Plasma auch vorgehen dürfte. 

In der weitgehenden Durchsichtigkeit und Erklärbarkeit seiner 
Pathogenese scheint mir vor allem das Interesse dieses Falles zu liegen. 

Als disponirend zur hysterischen Erkrankung finden wir bei 
dem noch völlig gesunden Mädchen zwei psychische Eigenthümlich- 
keiten: 



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— 33 — 

1. den in monotonem Familienleben und ohne entsprechende 
geistige Arbeit unverwendeten Ueberschuss von psychischer Eeg- 
samkeit und Energie, der sich in fortwährendem Arbeiten der Phan- 
tasie entladet und 

2. das habituelle Wachträumen („ Privattheater **) eizeugt, womit 
der Grund gelegt wird zur Dissociation der geistigen Persönlichkeit. 
Immerhin bleibt auch diese noch in den Grenzen des Normalen; 
Träumerei, wie Meditation während einen mehr minder mechanischen 
Beschäftigung bedingt an sich noch keine pathologische Spaltung 
des Bewusstseins, weil jede Störung darin, jeder Anruf z. B., die 
normale Einheit desselben wieder herstellt und wohl auch keine 
Amnesie besteht. Doch wurde dadurch bei Anna . . der Boden ge- 
schaffen, auf dem in der geschilderten Weise der Angst- und Er- 
wartungsaffect sich festsetzte,. nachdem er einmal die habituelle Träumerei 
in eine hallucinatorische Absence ungeschaffen hatte. Es ist merkwürdig, 
wie vollkommen in dieser ersten Manifestation der beginnenden Er- 
krankung schon die Hauptzüge auftreten, welche dann durch fast 
2 Jahre constant bleiben: die Existenz eines 2. Bewusstseinszustandes, 
der sich, zuerst als vorübergehende Absence auftretend,- später zur 
double conscience organisirt; die Sprachhemmung, bedingt durch den 
Angstaffect, mit der zufälligen Entladung durch einen englischen 
Kindervers; später Paraphasie und Verlust der Muttersprache, die 
durch vortreffliches Englisch ersetzt wird; endlich die zufällige Druck- 
lähmung des rechten Aimes, welche sich später zur rechtseitigen 
Contracturparese und Anästhesie entwickelt. Der Entstehungsmechanismus 
dieser letztern Affection entspricht vollständig der C h a r c o tischen 
Theorie von der traumatischen Hysterie : hypnotischer Zustand, in 
w^elchem ein leichtes Trauma erfolgt. 

Aber während bei den Kranken, an welchen Charcot die hysterische 
Lähmung experimentell erzeugte, diese alsbald stabilisirt bleibt, und 
bei den durch ein schweres Schreck-Trauma erschütterten Trägern 
traumatischer Neurosen sich bald einstellt, leistete das Nervensystem 
unseres jungen Mädchens noch durch 4 Monate erfolgreichen Wider- 
stand. Die Contractur, wie die andern, allmählich sich dazu gesellenden 
Störungen traten nur in den momentanen Absencen, in der „condition 
seconde** ein und Hessen Patientin während des normalen Zustandes 
im Vollbesitze ihres Körpers und ihrer Sinne, so dass weder sie selbst 
etwas davon wusste, noch die Umgebung etwas sah, deren Aufmerk- 
Breuer u. Freud, Stadien. 3 

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— 34 - 

samkeit allerdings auf den schwer kranken Vater concentrirt und da- 
durch abgelenkt war. 

Indem aber seit jener ersten hallucinatorischen Autohypnose sich 
die Absencen mit völliger Amnesie und begleitenden hysterischen 
Phänomenen häuften, vermehrten sich die Gelegenheiten zur Bildung 
neuer solcher Symptome und befestigten sich die schon gebildeten 
in häufiger Wiederholung. Dazu kam, dass allmählich jeder peinliche, 
plötzliche AflFect ebenso so wirkte wie die Absence (wenn er nicht 
doch vielleicht immer momentane Absence erzeugte); zufallige Coin- 
cidenzen bildeten pathologische Associationen, Sinnes- oder motorische 
Störungen, die von da an mit dem Aflfect zugleich wieder auftraten. 
Aber noch immer nur momentan, vorübergehend; bevor Patientin bett- 
lägerig wurde, hatte sie bereits die ganze grosse Sammlung hysterischer 
Phänomene entwickelt, ohne dass jemand davon wusste. Erst da die 
Kranke, aufs äusserste geschwächt durch die Inanition, die Schlaf- 
losigkeit und den fortdauernden Angstaffect, völlig niedergebrochen war, 
als sie mehr Zeit in der „condition seconde" sich befand, als in 
normalem Zustande, griffen die hysterischen Phänomene auch in diesen 
hinüber und verwandelten sich aus anfallsweise auftretenden Er- 
scheinungen in Dauersymptome. 

Man muss nun die Frage aufwerfen, in wie weit die Angaben 
der Kranken zuverlässig sind, und die Phänomene wirklich die von 
ihr bezeichnete Entstehungsart und Veranlassung gehabt haben. Was 
die wichtigern und grundlegenden Vorgänge betrifft, so steht die Zu- 
veriässigkeit des Berichtes für mich ausser Frage. Auf das Verschwinden 
der Symptome, nachdem sie „aberzälilt" waren, berufe ich mich hiefür 
nicht; das wäre ganz wolil durch Suggestion zu erklären. Aber ich 
habe die Kranke immer vollkommen wahrheitsgetreu und zuverlässig 
gefunden; die erzählten Dinge hingen innig mit dem zusammen, was 
ihr das Heiligste war; alles, was einer Controlirung durch andere 
Personen zugänglich war, bestätigte sich vollkommen. Auch das 
begabteste Mädchen wäre wohl nicht im Stande, ein System von Angaben 
auszubauen, dem eine so grosse innere Logik eigen wäre, wie es bei 
der hier dargelegten Entwicklungsgeschichte ihrer Krankheit der Fall 
ist. Das aber ist von vorne herein nicht abzuweisen, dass sie eben in 
der Consequenz dieser Logik manchem Symptom eine Veranlassung 
zugeschoben hätte (im besten Glauben), die in Wirklichkeit nicht 
bestand. Aber ich halte auch diese Vermuthung nicht für richtig. 
Gerade die Bedeutungslosigkeit so vieler Anlässe, das Irrationale so 



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vieler Zusammenhänge spricht für ihre Kealität. Der Kranken war es 
unverständlich, wieso Tanzmusik sie husten mache. Ffir eine will- 
kürliche Construction ist das zu sinnlos. Ich allerdings konnte mir 
denken, dass jeder Gewissensskrupel ihr notorisch Glottiskrampf ver- 
ursachte, und die motorischen Impulse, die das sehr tanzlustige Mädchen 
empfand, diesen Glottiskrampf in eine tussis nervosa verwandelten. 
Ich halte also die Angaben der Kranken für ganz zuverlässig und 
wahrheitsgetreu. 

Wie weit ist nun die Vermuthung berechtigt, dass auch bei 
andern Kranken die Entwicklung der Hysterie analog sei, dass Aehnliches 
auch dort vorkomme, wo sich keine so deutlich geschiedene ,;Condition 
seconde" organisirt? Ich möchte hiefür darauf hinweisen, dass diese 
ganze Geschichte der Krankheitsentwicklung auch bei unserer Patientin 
vollständig unbekannt geblieben wäre, ihr selbst wie dem Arzte, hätte 
sie nicht die Eigenthümlichkeit gehabt, in der geschilderten Weise, 
sich in der Hypnose zu erinnern und das Erinnerte zu erzählen. Im 
Wachen wusste sie von all dem nichts. Wie es sich bei Andern damit 
verhält, ist also aus dem Krankenexamen der wachen Person nie zu 
entnehmen, da sie mit bestem Willen keine Auskunft geben kann. 
Und wie wenig die Umgebung von all den Vorgängen beobachten 
konnte, habe ich schon oben bemerkt. — Wie es sich bei andern 
Kranken verhalte, konnte also nur durch ein ähnliches Verfahren 
erkannt werden, wie es bei Anna . . die Autohypnosen an die Hand 
gegeben hatten. Zunächst war nur die Vermuthung berechtigt, ähn- 
liche Vorgänge dürften häufiger sein, als unsere Unkenntniss des 
pathogenen Mechanismus annehmen liess. 

Als die Kranke bettlägerig geworden war und ihr Bewusstsein 
fortwährend zwischen dem normalen und dem „ zweiten ** Zustand 
oscillirte, das Heer der einzeln entstandenen und bis dahin latenten 
hysterischen Symptome sich als Dauersymptome manifestirte, gesellte 
sich zu diesen noch eine Gruppe von Erscheinungen, die andern 
Ursprungs scheinen, die Contracturlähmung der linkseitigen Extre- 
mitäten und die Parese der Kopfheber. Ich trenne sie von den andern 
Phänomenen ab, weil sie, nachdem sie einmal geschwunden waren, 
nie, auch nicht anfalls- oder andeutungsweise, wieder erschienen, auch 
nicht in der Abschluss- und Abheilungsphase, in der alle andern 
Symptome nach längerem Schlummer wieder auflebten. Dem entsprechend 
kamen sie auch in den hypnotischen Analysen nie vor und wurden 
sie nicht auf affective oder phantastische Anlässe zurückgeführt. Ich 

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möchte darum glauben, dass sie nicht demselben psychischen Vorgang 
ihr Dasein dankten wie die andern Symptome, sondern der secundären 
Ausbreitung jenes unbekannten Zustandes, der die somatische Grund- 
lage der hysterischen Phänomene ist. 

Während des ganzen Krankheitsverlaufes bestanden die zwei 
Bewusstseinszustände neben einander, der primäre, in welchem Patientin 
psychisch ganz normal war, und der „zweite** Zustand, den wir wohl 
mit dem Traum vergleichen können, entsprechend seinem Eeichthum 
an Phantasmen, Hallucinationen, den grossen Lücken der Erinnerung, 
der Hemmungs- und Controlelosigkeit der Einfälle. In diesem zweiten 
Zustand war Patientin alienirt. Es scheint mir nun guten Einblick in 
das Wesen mindestens einer Art von hysterischen Psychosen zu 
gewähren, dass der psychische Zustand der Kranken durchaus abhängig 
war von dem Hereinragen dieses zweiten Zustandes in den normalen. 
Jede Abendhypnose lieferte den Beweis, dass die Kranke völlig klar, 
geordnet, und in ihrem Empfinden und Wollen normal war, wenn kein 
Product des zweiten Zustandes „im Unbewussten** als Eeiz wirkte; 
die eclatante Psychose bei jeder grössern Pause in dieser Entlastungs- 
procedur bewies, in welchem Ausmaasse eben diese Producte die 
psychischen Vorgänge des „normalen" Zustandes beeinflussten. Es ist 
schwer, dem Ausdruck aus dem Wege zu gehen, die Kranke sei in 
zwei Persönlichkeiten zerfallen, von denen die eine psychisch normal 
und die andere geisteskrank war. Ich meine, dass die scharfe Trennung 
der beiden Zustände bei unserer Kranken ein Verhalten nur deutlich 
machte, das auch bei vielen andern Hysterischen Ursache so mancher 
Käthsel ist. Bei Anna . . war besonders auffallend, wie sehr die 
Producte des „schlimmen Ichs% wie die Kranke selbst es nannte, 
ihren moralischen Habitus beeinflussten. Wären sie nicht fortlaufend 
weggeschafft worden, so hätte man in ihr eine Hysterica von der bös- 
artigen Sorte gehabt, widerspenstig, träge, unliebenswurdig, boshaft; 
während so. nach Entfernung dieser Keize, immer wieder sogleich 
ihr wahrer Charakter zum Vorschein kam, der von all dem das Gegen- 
theil war. 

Aber so scharf die beiden Zustände getrennt waren, es ragte 
nicht bloss der „zweite Zustand" in den ersten herein, sondern es sass, 
wie Patientin sich ausdrückte, mindestens häufig auch bei ganz 
schlimmen Zuständen in irgend einem Winkel ihres Gehirns ein 
scharfer und ruhiger Beobachter, der sich das tolle Zeug ansah. 
Diese Fortexistenz klaren Denkens während des Vorwaltens der 



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Psychose gewann einen sehr merkwürdigen Ausdruck; als Patientin 
nach Abschluss der hysterischen Phänomene in einer vorübergehenden 
Depression war, brachte sie unter andern kindischen Befürchtungen 
und Selbstanklagen auch die vor, sie sei gar nicht krank, und alles 
sei nur simulirt gewesen. Aehnliches ist bekanntlich schon mehrfach 
vorgekommen. 

Wenn nach Ablauf der Krankheit die beiden Bewusstseinszustände 
wieder in einen zusammengeflossen sind, sehen sich die Patienten beim 
Kückblick als die eine ungetheilte Persönlichkeit, die von all dem 
Unsinn gewusst hat, und meinen, sie hätten ihn hindern können, wenn 
sie gewollt hätten, also hätten sie den Unfug absichtlich verübt. — 
Diese Persistenz normalen Denkens während des zweiten Zustandes 
dürfte übrigens quantitativ enorm geschwankt und grossentheils auch 
nicht bestanden haben. 

Die wunderbare Thatsache, dass vom Beginn bis zum Abschluss 
der Erkrankung alle aus dem zweiten Zustand stammenden Reize und 
ihre Folgen durch das Aussprechen in der Hypnose dauernd beseitigt 
wurden, habe ich bereits geschildert und dem nichts hinzuzusetzen, 
als die Versicherung, dass es nicht etwa meine Erfindung war, die ich 
der Patientin suggerirt hätte; sondern ich war aufs höchste davon 
überrascht, und erst als eine Reihe spontaner Erledigungen erfolgt 
waren, entwickelte sich mir daraus eine therapeutische Technik. 

Einige Worte verdient noch die schliessliche Abheilung der 
Hysterie. Sie erfolgte in der geschilderten Weise unter namhafter 
Beunruhigung der Kranken und Verschlechterung ihres psychischen 
Zustandes. Man hatte durchaus den Eindruck, es sei die Menge von 
Producten des zweiten Zustandes, die geschlummert haben, nun ins 
Bewusstsein drängen; erinnert werden, wenn auch wieder zunächst in 
der „condition seconde**, aber den normalen Zustand belasten und 
beunruhigen. Es wird in Betracht zu ziehen sein, ob nicht auch in 
andern Fällen eine Psychose, mit welcher eine chronische Hysterie 
abschliesst, denselben Ursprung hat. 



II. Frau Emmy v. N . . ., 40 Jahre, aus Livland (Freud). 

Am I.Mai 1889 wurde ich der Arzt einer etwa 40jährigen Dame, 
deren Leiden wie deren Persönlichkeit mir soviel Interesse einflössten, dass 
ich ihr einen grossen Theil meiner Zeit widmete und mir ihre Herstellung 



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zur Aufgabe machte. Sie war Hysterica, mit grösster Leichtigkeit in 
Somnambulismus zu versetzen, und als ich dies merkte, entschloss ich 
mich^ das B r e u e r'sche Verfahren der Ausforschung in der Hypnose bei 
ihr anzuwenden, das ich aus den Mittheilungen Breuer's über die 
Heilungsgeschichte seiner ersten Patientin kannte. Es war mein erster 
Versuch in der Handhabung dieser therapeutischen Methode, ich war 
noch weit davon entfernt, dieselbe zu beherrschen, und habe in der 
That die Analyse der Krankheitsymptome weder weit genug getrieben, 
noch sie genügend planmässig verfolgt. Vielleicht wird es mir am 
besten gelingen, den Zustand der Kranken und mein ärztliches Vor- 
gehen anschaulich zu machen, wenn ich die Aufzeichnungen wieder- 
gebe, die ich mir in den ersten 3 Wochen der Behandlung allabendlich 
gemacht habe. Wo mir nachherige Erfahrung ein besseres Verständniss 
ermöglicht hat, werde ich es in Noten und Zwischenbemerkungen zum 
Ausdruck bringen: 

1. Mai 1889. Ich finde eine noch jugendlich aussehende Frau 
mit feinen, charakteristisch geschnittenen Gesichtszügen auf dem Divan 
liegend, eine Lederrolle unter dem Nacken. Ihr Gesicht hat einen ge- 
spannten, schmerzhaften Ausdruck, die Augen sind zusammengekniflfen, 
der Blick gesenkt, die Stirne stark gerunzelt, die Nasolabialfalten ver- 
tieft. Sie spricht wie mühselig, mit leiser Stimme, gelegentlich durch 
spastische Sprachstockung bis zum Stottern unterbrochen. Dabei hält 
sie die Pinger in einander verschränkt, die eine unaufhörliche Athetose- 
artige Unruhe zeigen. Häufige tickartige Zuckungen im Gesicht und 
an den Halsmuskeln, wobei einzelne, besonders der r. Sternocleido- 
mastoideus plastisch vorspringen. Perner unterbricht sie sich häufig 
in der Rede, um ein eigenthümliches Schnalzen hervorzubringen, das 
ich nicht nachahmen kann.^ 

Was sie spricht, ist durchaus zusammenhängend und bezeugt 
offenbar eine nicht gewöhnliche Bildung und Intelligenz. Umso be- 
fremdender ist es, dass sie alle paar Minuten plötzlich abbricht, das 
Gesicht zum Ausdruck des Grausens und Ekels verzieht, die Hand 
mit gespreizten und gekrümmten Fingern gegen mich ausstreckt und 
dabei mit veränderter, angsterfüllter Stimme die Worte ruft: „Seien 
Sie still, — reden Sie nichts, — rühren Sie mich nicht an!" Sie steht 
wahrscheinlich unter dem Eindrucke einer wiederkehrenden grauenvollen 



^ Dieses Schnalzen bestand aus mehreren Tempi; jagdkundige CoUegen, die 
CS hörten, verglichen dessen Endlaute mit dem Balzen des Auerhahnes. 

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Hallucination und wehrt die Einmengung des Fremden mit dieser Fonöel 
ab.^ Diese Einschaltung schliesst dann ebenso plötzlich ab, und die 
Kranke setzt ihre Rede fort, ohne die eben vorhandene Erregung weiter- 
zuspinnen, ohne ihr Benehmen zu erklären oder zu entschuldigen, also 
wahrscheinlich ohne die Unterbrechung selbst bemerkt zu haben. ^ 

Von ihren Verhältnissen erfahre ich Folgendes: Ihre Familie stammt 
aus Mitteldeutschland, ist seit zwei Generationen in den russischen 
Ostseeprovinzen ansässig und dort reich begütert. Sie waren 14 Kinder, 
sie selbst das 13. davon, es sind nur noch 4 am Leben. Sie wurde 
von einer überthatkräftigen, strengen Mutter sorgfältig, aber mit viel 
Zwang erzogen. Mit 23 Jahren heiratete sie einen hochbegabten und 
tüchtigen Mann, der sich als Grossindustrieller eine hervorragende 
Stellung erworben hatte, aber viel älter war als sie. Er starb nach kurzer 
Ehe plötzlich am Herzschlag. Dieses Ereigniss sowie die Erziehung 
ihrer beiden jetzt 16 und 14 Jahre alten Mädchen, die vielfach kränk- 
lich waren und an nervösen Störungen litten, bezeichnet sie als die 
Ursachen ihrer Krankheit. Seit dem Tode ihres Mannes vor 14 Jahren 
ist sie in schwankender Intensität immer krank gewesen. Vor 4 Jahren 
hat eine Massagecur in Verbindung mit elektrischen Bädern ihr 
vorübergehend Erleichterung gebracht, sonst blieben alle ihre Be- 
mühungen, ihre Gesundheit wieder zu gewinnen, erfolglos. Sie ist 
viel gereist und hat zahlreiche und lebhafte Interessen. Gegenwärtig be- 
wohnt sie einen Herrensitz an der Ostsee in der Nähe einer grossen 
Stadt. Seit Monaten wieder schwer leidend, verstimmt und schlaflos, 
von Schmerzen gequält, hat sie in Abbazia vergebens Besserung ge- 
sucht, ist seit sechs Wochen in Wien, bisher in Behandlung eines 
hervorragenden Arztes. 

Meinen Vorschlag, sich von den beiden Mädchen, die ihre Gou- 
vernante haben, zu trennen und in ein Sanatorium einzutreten, in dem 
ich sie täglich sehen kann, nimmt sie ohne ein Wort der Ein- 
wendung an. 



^ Die Worte entsprachen in der That einer Schutzformel, die auch im 
Weiteren ihre Erklärung findet. Ich habe solche Schutzformeln seither bei einer 
Melancholica beobachtet, die ihre peinigenden Gedanken (Wünsche, dass ihrem 
Mann, ihrer Mutter ptwas Arges zustossen möge, Gotteslästerungen udgl.) auf 
diese Art zu beherrschen versuchte. 

' Es handelte sich um ein hysterisches Delirium, welches mit dem normalen 
Bewusstseinszustande alternirt, ähnlich wie ein echter Tick sich in eine Willkür- 
bewegung einschiebt, ohne dieselbe zu stören und ohne sich mit ihr zu vermengen. 



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Am 2. Mai abends besuche ich sie im Sanatorium. Es fällt mir 
auf, dass sie jedesmal so heftig zusammenschrickt, sobald die Thüre 
unerwartet aufgeht. Ich veranlasse daher, dass die besuchenden Hausärzte 
und das Wavtepersonale kräftig anklopfen und nicht eher eintreten, 
als bis sie „Herein" gerufen hat. Trotzdem grinst und zuckt sie noch 
edesmal, wenn jemand eintritt. 

Ihre Hauptklage bezieht sich heute auf Kälteempfindung und 
Schmerzen im rechten Bein, die vom Rücken oberhalb des Darmbein- 
kammes ausgehen. Ich ordne warme Bäder an und werde sie zweimal 
täglich am ganzen Körper massiren. 

Sie ist ausgezeichnet zur Hypnose geeignet. Ich halte ihr einen 
Finger vor, rufe ihr zu: Schlafen Sie ! und sie sinkt mib dem Ausdruck 
von Betäubung und Verworrenheit zurück. Ich suggerire Schlaf, Besserung 
aller Symptome u. dgl., was sie mit geschlossenen Augen, aber unverkenn- 
bar gespannter Aufmerksamkeit anhört, und wobei ihre Miene sich all- 
mählich glättet und einen friedlichen Ausdruck annimmt. Nach dieser ersten 
Hypnose bleibt eine dunkle Erinnerung an meine Worte; schon nach der 
zweiten tritt vollkommener Somnambulismus (Amnesie) ein. Ich hatte ihr 
angekündigt, dass ich sie hypnotisiren würde, worauf sie ohne Wider- 
stand einging. Sie ist noch nie hypnotisirt worden, ich darf aber 
annehmen, dass sie über Hypnose gelesen hat, wiewohl ich nicht weiss, 
welche Vorstellung über den hypnotischen Zustand sie mitbrachte.^ 

Die Behandlung mit warmen Bädern, zweimaliger Massage und 
hypnotischer Suggestion wurde in den nächsten Tagen fortgesetzt. 
Sie schlief gut, erholte sich zusehends, brachte den grösseren Theil des 
Tages in ruhiger Krankenlage zu. Es war ihr nicht untersagt, ihre 
Kinder zu sehen, zu lesen und ihre Correspondenz zu besorgen. 

Am 8. Mai morgens unterhält sie mich, anscheinend ganz normal, 
von gräulichen Thiergeschichten. Sie hat in der Frankfurter Zeitung, 
die vor ihr auf dem Tische liegt, gelesen, dass ein Lehrling einen 



^ Beim Erwachen aus der Hypnose blickte sie jedesmal wie verworren einen 
Augenblick herum, Hess dann ihre Augen auf mir ruhen, seiden sich besonne;^ zu 
haben, zog die Brille an, die sie vor dem Einschlafen abgelegt hatte, und war 
dann heiter und ganz bei sich. Obwohl wir im Verlaufe der Behandlung, die in 
diesem Jahre 7, im nächsten 8 Wochen einnahm, über alles Mögliche mit einander 
sprachen und sie fast täglich zweimal von mir eingeschläfert wurde, richtete sie 
doch nie eine Frage oder Bemerkung über die Hypnose an mich und schien 
in ihrem Wachzustand die Thatsache, dass sie hypnotisirt werde, möglichst zu 
ignoriren. 



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— 41 — 

Knaben gebunden und ihm eine weisse Maus in den Mund gesteckt; 
der sei vor Schreck darüber gestorben. Dr. K. . . . habe ihr erzählt, 
dass er eine ganze Kiste voll weisser Ratten nachTiflis geschickt. Dabei 
treten alle Zeichen des Grausens höchst plastisch hervor. Sie krampft 
mehrmals nach einander mit der Hand. — „Seien Sie still, reden Sie 
nichts, rühren Sie mich nicht an! — Wenn so ein Thier im Bett 
wäre! (Grausen.) Denken Sie sich, wenn das ausgepackt wird! Es ist 
eine todte Eatte darunter, eine an-ge-nagte !** 

In der Hypnose bemühe ich mich, diese Thierhallucinationen zu 
verscheuchen. Während sie schläft, nehme ich die Frankfurter Zeitung 
zur Hand; ich finde in der That die Geschichte der Misshandlung eines 
Lehrbuben, aber ohne Beimengung von Mäusen oder Eatten. Das hat 
sie also während des Lesens hinzudelirirt. 

Am Abend erzähle ich ihr von unserer Unterhaltung über die 
weissen Mäuse. Sie weiss nichts davon, ist sehr erstaunt und lacht 
herzlich.^ 

Am Nachmittage war ein sogenannter „ Genickkrampf" ^ gewesen, 
aber „nur kurz, von zweistündiger Dauer \ 

Am 8. Mai abends fordere ich sie in der Hypnose zum ßeden 
auf, was ihr nach einiger Anstrengung gelingt. Sie spricht leise, besinnt 
sich jedesmal einen Moment, ehe sie Antw^ort gibt. Ihre Miene verändert 
sich entsprechend dem Inhalt ihrer Erzählung und wird ruhig, sobald 
meine Suggestion dem Eindruck der Erzählung ein Ende gemacht hat. Ich 
stelle die Frage, warum sie so leicht erschrickt. Sie antwortet: Das 
sind Erinnerungen aus frühester Jugend. — Wann? — Zuerst mit 
5 Jahren, als meine Geschwister so oft todte Thiere nach mir warfen, 
da bekam ich den ersten Ohnmachtsanfall mit Zuckungen, aber meine 
Tante sagte, das sei abscheulich, solche Anfälle darf mun nicht haben, 
und da. haben sie aufgehört. Dann mit 7 Jahren, als ich unvermuthet 



^ Eine solche plötzliche Einschiebuiig eines Deliriums in den wachen 
Zustand war bei ihr nichts Seltenes und wiederholte sich noch oft unter meiner 
Beobachtung. Sie pflegte zu klagen, dass sie oft im Gespräch die verdrehtesten 
Antworten gebe, so dass ihre Leute sie nicht verstünden. Bei unserem ersten 
Besuch antwortete sie mir auf die Frage, wie alt sie sei, ganz ernsthaft: Ich bin 
eine Frau aus dem vorigen Jahrhundert. Wochen später klärte sie mich auf, 
sie hätte damals im Delirium an einen schönen alten Schrank gedacht, den sie 
auf der Eeise als Liebhaberin antiker Möbel erworben. Auf diesen Schrank bezog 
sich die Zeitbestimmung, als meine Frage nach ihrem Alter zu einer Aussage- 
über Zeiten Anlass gab. 

2 Eine Art von Mifijräne. 



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— 42 — 

meine Schwester im Sarge gesehen, dann mit 8 Jahren, als mich mein 
Bruder so häufig durch weisse Tucher als Gespenst erschreckte, dann 
mit 9 Jahren, als ich die Tante im Sarge sah, und ihr — plötzlich — 
der Unterkiefer herunterfiel. 

Die Reihe von traumatischen Anlässen, die mir als Antwort auf 
meine Frage mitgetheilt wird, warum sie so schreckhaft sei, liegt ofifenbar 
in ihrem Gedächtniss bereit ; sie hätte in dem kurzen Moment von meiner 
Frage bis zu ihrer Beantwortung derselben die Anlässe aus zeitlich ver- 
schiedenen Perioden ihrer Jugend nicht so schnell zusammensuchen 
können. Am Schlüsse einer jeden Theilerzählung bekommt sie allgemeine 
Zuckungen und zeigt ihre Miene Schreck und Grausen, nach der letzten 
reisst sie den Mund weit auf und schnappt nach Athem. Die Worte, 
welche den schreckhaften Inhalt des Erlebnisses mittheilen, werden 
mühselig, keuchend hervorgestosen ; nachher beruhigen sich ihre Züge. 

Auf meine Frage bestätigt sie, dass sie während der Erzählung 
die betreffenden Scenen plastisch und in natürlichen Farben vor sich 
sehe. Sie denke an diese Erlebnisse überhaupt sehr häufig imd habe 
auch in den letzten Tagen wieder daran gedacht. Sowie sie daran denke, 
sehe sie die Scene jedesmal vor sich mit aller Lebhaftigkeit der Realität.^ 
Ich verstehe jetzt, warum sie mich so häufig von Thierscenen und 
Leichenbildern unterhält. Meine Therapie besteht darin, diese Bilder 
wegzuwischen, so dass sie dieselben nicht wieder vor Augen bekommen 
kann. Zur Unterstützung der Suggestion streiche ich ihr mehrmals über 
die Augen. 

9. Mai abends. Sie hat ohne erneuerte Suggestion gut ge- 
schlafen, aber morgens Magenschmerzen gehabt. Sie bekam dieselben 
schon gestern im Garten, wo sie zu lange mit ihren Kindern verweilte. 
Sie gestattet, dass ich den Besuch der Kinder auf 2V2 Stunden ein- 
schränke ; vor wenigen Tagen noch hatte sie sich Vorwürfe gemacht, 
dass sie die Kinder allein lasse. Ich finde sie heute etwas erregt, mit 
krauser Stirne, Schnalzen und Sprachstocken. Während der Massage 
erzählt sie uns, dass ihr die Gouvernante der Kinder einen cultur- 
historischen Atlas gebracht, und dass sie über Bilder darin, welche 
als Thiere verkleidete Indianer darstellen, so heftig erschrocken sei. 
^Denken Sie, wenn die lebendig würden!** (Grausen.) 

In der Hypnose frage ich, warum sie sich vor diesen Bildern 
so geschreckt, da sie sich doch vor Thieren nicht mehr fürchte ? Sie 

^ Dies Erinnern in lebhaften visuellen Bildern gaben uns viele andere 
Hysterische an und betonten es ganz besonders für die pathogenen Erinnerungen. 



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— 43 — 

liätten sie an Visionen erinnert, die sie beim Tode ihres Bruders gehabt. 
(Mit 19 Jahren.) Ich spare diese Erinnerung far später auf. Ferner 
frage ich, ob sie immer mit diesem Stottern gesprochen und seit wann 
sie den Tick (das eigenthümliche Schnalzen) habe.^ Das Stottern sei eine 
Krankheitserscheinung, und den Tick habe sie seit 5 Jahren, seitdem sie 
einmal beim Bett der sehr kranken jüngeren Tochter sass und sich ganz 
ruhig verhalten wollte. — Ich versuche die Bedeutung dieser Erinnerung 
abzuschwächen, der Tochter sei ja nichts geschehen u. s. w. Sie: es 
komme jedesmal wieder, wenn sie sich ängstige oder erschrecke. — 
Ich trage ihr auf, sich vor den Indianerbildem nicht zu furchten, viel- 
mehr herzlich darüber zu lachen und mich selbst darauf aufmerksam zu 
machen. So geschieht es auch nach dem Erwachen; sie sucht das Buch, 
fragt, ob ich es eigentlich schon gesehen habe, schlägt mir das Blatt 
auf und lacht aus vollem Halse über die grotesken Figuren, ohne jede 
Angst, mit ganz glatten Zügen. Dr. Breuer kommt plötzlich zu Besuch in 
Begleitung dss Hausarztes. Sie erschrickt und schnalzt, so dass die Beiden 
uns sehr bald verlassen. Sie erklärt ihre Erregung dadurch, dass sie 
das jedesmalige Miterscheinen des Hausarztes unangenehm berühre. 

Ich hatte in der Hypnose ferner den Magenschmerz durch Streichen 
weggenommen und gesagt, sie werde nach dem Essen die Wiederkehr 
des Schmerzes zwar erwarten, er aber doch ausbleiben. 

Abends. Sie ist zum erstenmal heiter und gesprächig, entwickelt 
einen Humor, den ich bei dieser ernsten Frau nicht gesucht hätte, und 
macht sich unter anderem im Vollgefühl ihrer Besserung über die Be- 
handlung meines ärztlichen Vorgängers lustig. Sie hätte schon lange die 
Absicht gehabt, sich dieser Behandlung zu entziehen, konnte aber die 
Form nicht finden, bis eine zufällige Bemerkung von Dr. Breuer, der 
sie einmal besuchte, sie auf einen Ausweg brachte. Da ich über diese 
Mittheilung erstaunt scheine, erschrickt sie, macht sich die heftigsten Vor- 
würfe, eine Indiscretion begangen zu haben, lässt sich aber von mir 
anscheinend beschwichtigen. — Keine Magenschmerzen, trotzdem sie 
dieselben erwartet hat. 

In der Hypnose frage ich nach weiteren Erlebnissen, bei denen 
sie nachhaltig erschrocken sei. Sie bringt eine zweite solche Reihe aus 
ihrer späteren Jugend ebenso prompt wie die erstere und versichert 
wiederum, dass sie alle diese Scenen häufig, lebhaft und in Farben 
vor sich sehe. Wie sie ihre Cousine ins Irrenhaus führen sah (mit 

* Im Wachen hatte ich auf die Frage nach der Herkunft des Tick die Antwort 
erhalten : Ich weiss nicht ; oh, schon sehr lange. 



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— 44 — 

15 Jahren); sie wollte um Hilfe rufen, konnte aber nicht und verlor 
die Sprache bis zum Abend dieses Tages. Da sie in ihrer wachen 
Unterhaltung so häufig von Irrenhäusern spricht, unterbreche ich sie 
und frage nach den anderen Gelegenheiten, bei denen es sich um Irre 
gehandelt hat. Sie erzählt, ihre Mutter war selbst einige Zeit im Irren- 
haus. Sie hätten einmal eine Magd gehabt, deren Frau lange im Irrenhaus 
Avar, und die ihr Schauergeschichten zu erzählten pflegte, wie dort die 
Kranken an Stühle angebunden seien, gezüchtigt werden u. dgl. Dabei 
krampfen sich ihre Hände vor Grausen, sie sieht dies alles vor Augen. 
Ich bemühe mich, ihre Vorstellungen von einem Irrenhaus zu corrigiren, 
versichere ihr, sie werde von einer solchen Anstalt hören können, ohne 
eine Beziehung auf sich zu versgüren, und dabei glättet sich ihr Gesicht. 

Sie fährt in der Aufzählung ihrer Schreckerinnerungen fort: Wie 
sie ihre Mutter, vom Schlage gerührt, auf dem Boden liegen fand (mit 
15 Jahren), die dann noch 4 Jahre lebte, und wie sie mit 19 Jahren 
einmal nach Hause kam und die Mutter todt fand, mit verzerrtem Gesicht. 
Diese Erinnerungen abzuschwächen, bereitet mir natürlich grössere 
Schwierigkeiten, ich versichere nach längerer Auseinandersetzung, dass 
sie auch dieses Bild nur verschwommen und kraftlos wiedersehen wird. 
— Ferner wie sie mit 19 Jahren unter einem Stein, den sie aufgehoben, 
eine Kröte gefunden und darüber die Sprache für Stunden verloren.^ 

Ich überzeuge mich in dieser Hypnose, dass sie alles weiss, 
was in der vorigen Hypnose vorgekommen, während sie im Wachen 
nichts davon weiss. 

Am 10. Mai morgens: Sie hat heute zum erstenmal anstatt 
eines warmen Bades ein Kleienbad genommen. Ich finde sie mit ver- 
driesslichem, krausem Gesicht, die Hände in einen Shawl eingehüllt, 
über Kälte und Schmerzen klagend. Befragt, was ihr sei, erzählt sie, 
sie habe in der zu kurzen Wanne unbequem gesessen und davon 
Schmerzen bekommen. Während der Massage beginnt sie, dass sie sich 
doch wegen des gestrigen Verrathes an Dr. Breuer kränke; ich be- 
schwichtige sie durch die fromme Lüge, dass ich von Anfang an darum 
wusste, und damit ist ihre Aufregung (Schnalzen, Gesichtscontractur) 
behoben. So macht sich jedesmal schon während der Massage mein 
Einfluss geltend, sie wird ruhiger und klarer und findet auch ohne 
hypnotisches Befragen die Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung. 
Auch das Gespräch, das sie während des Massirens mit mir führt, 

^ An die Kröte muss sich wohl eine besondere Symbolik geknüpft haben, 
die ich zu ergründen leider nicht versucht habe. 



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— 45 — 

ist nicht so absichtslos, als es den Anschein hat ; es enthält vielmehr 
die ziemlich vollständige Eeproduction der Erinnerungen und neuen 
Eindrücke, die sie seit unserem letzten Gespräch beeinflusst haben, und 
läuft oft ganz unerwartet auf pathogene Reminiscenzen aus, die sie 
sich unaufgefordert abspricht. Es ist, als hätte sie sich mein 
Verfahren zu eigen gemacht und benützte die anscheinend ungezwungene 
und vom Zufall geleitete Conversation zur Ergänzung der Hypnose. 
So kommt sie z. B. heute auf ihre Familie zu reden und gelangt auf 
allerlei Umwegen zur Geschichte eines Cousins, der ein beschränkter 
Sonderling war und dem seine Eltern sämmtliche Zähne auf einem 
Sitze ziehen Hessen. Diese Erzählung begleitet sie mit den Geberden 
des Grausens und mit mehrfacher Wiederholung ihrer Schutzformel 
(Seien sie still! — Keden Sie nichts! — Rühren Sie mich nicht an!). 
Darauf wird ihre Miene glatt, und sie ist heiter. So wird ihr Benehmen 
^vährend des Wachens doch durch die Erfahrungen geleitet, die sie im 
Somnambulismus gemacht hat, von denen sie im Wachen nichts zu 
wissen glaubt. 

In der Hypnose wiederhole ich die Frage, was sie verstimmt 
hat, und erhalte dieselben Antworten, aber in umgekehrter Reihenfolge: 
1. ihre Schwatzhaftigkeit von gestern, 2. die Schmerzen vom unbe- 
quemen Sitzen im Bade. — Ich frage heute, was die Redensart: 
Seien Sie still etc. bedeutet. Sie erklärt, wenn sie ängstliche Gedanken 
habe, fürchte sie, in ihrem Gedankengange unterbrochen zu werden, 
weil sich dann alles verwirre und noch ärger sei. Das „Seien Sie stilP 
beziehe sicli darauf, dass die Thiergestalten, die ihr in schlechten 
Zuständen erscheinen, in Bewegung gerathen und auf sie losgehen, 
wenn jemand vor ihr eine Bewegung mache; endlich die Mahnung ^ 
„Rühren Sie mich nicht an** komme von folgenden Erlebnissen: Wie 
ihr Bruder vom vielen Morphin so krank war und so grässliche Anfälle 
hatte (mit 19 Jahren) habe er sie oft plötzlich angepackt; dann sei 
einmal ein Bekannter in ihrem Hause plötzlich wahnsinnig geworden 
und habe sie am Arme gefasst; (ein dritter ähnlicher Fall, an den sie 
sich nicht genauer besinnt) und endlich, wie ihre Kleine so krank ge- 
wesen (mit 28 Jahren), habe sie sie im Delirium so heftig gepackt, 
dass sie fast erstickt wäre. Diese 4 Fälle hat sie — trotz der grossen 
ZeitdiflFerenzen — in einem Satz und so rasch hinter einander erzählt, 
als ob sie ein einzelnes Ereigniss in 4 Acten bilden würden. Alle ihre 
Mittheilungen solcher gruppirter Traumen beginnen übrigens mit „Wie" 
und die einzelnen Partialtraum en sind durch „und" an einander gereilit. 



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— 46 - 

Da ich merke, dass die Schutzformel dazu bestimmt ist, sie vor 
der Wiederkehr ähnlicher Erlebnisse zu bewahren, benehme ich ihr 
diese Furcht durch Suggestion, und ich habe wirklich die Formel nicht 
wieder von ihr gehört. 

Abends finde ich sie sehr heiter. Sie erzählt lachend, dass sie 
im Garten über einen kleinen Hund, der sie angebellt, erschrocken ist. 
Doch ist das Gesicht ein wenig verzogen und eine innere Erregung 
vorhanden, die erst schwindet, nachdem sie mich befragt, ob ich eine 
Bemerkung von ihr übel genommen, die sie während der Frühmassage 
gemacht hatte, und ich dies verneint. Die Periode ist heute nach 
kaum 14tägiger Pause wieder eingetreten. Ich verspreche ihr Regelung 
durch hypnotische Suggestion und bestimme in der Hypnose ein Intervall 
von 28 Tagen. ^ 

In der Hypnose frage ich ferner, ob sie sich erinnere, was sie 
mir zuletzt erzählt hat, und habe dabei eine Aufgabe im Sinne, die 
uns von gestern abends übrig geblieben ist. Sie beginnt aber correcter 
Weise mit dem „Rühren Sie mich nicht an** der Vormittagshypnose. 
Ich führe sie also auf das gestrige Thema zurück. Ich hatte gefragt: 
Woher das Stottern gekommen sei, und die Antwort bekommen : Ich 
weiss es nicht. ^ Darum hatte ich ihr aufgetragen, sich bis zur heutigen 
Hypnose daran zu erinnern. Heute antwortet sie also ohne weiteres 
Nachdenken, aber in grosser Erregung und mit spastisch erschwerter 
Sprache: Wie einmal die Pferde mit dem Wagen, in dem die Kinder 
Sassen, durchgegangen sind, und wie ein andermal ich mit den Kindern 
während eines Gewitters durch den Wald fuhr, und der Blitz gerade 
in einen Baum vor den Pferden einschlug, und die Pferde scheuten 
und ich mir dachte: Jetzt musst du ganz stille bleiben, sonst er- 
schreckst du die Pferde noch mehr durch dein Schreien, und der Kutscher 
kann sie gar nicht zurückhalten: von da an ist es aufgetreten. Diese 
Erzälilung hat sie ungemein erregt; ich erfahre noch von ihr, dass 
das Stottern gleich nach dem ersten der beiden Anlässe aufgetreten, 
aber nach kurzer Zeit verschwunden sei, um vom zweiten ähnlichen 
Anlass an stetig zu bleiben. Ich lösche die plastische Erinnerung an 



* welches auch zutraf. 

2 Die Antwort: „Ich weiss es nicht," mochte richtig sein, konnte aber 
ebensowohl die Unlust bedeuten, von den Gründen zu reden. Ich habe später bei 
anderen Kranken die Erfahrung gemacht, dass sie sich auch in der Hypnose um so 
schwerer an etwas besannen, je mehr Anstrengung sie dazu verwendet hatten, das 
betreffende Ereigniss aus ihrem Bewusstsein zu drängen. 



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— 47 — 

diese Scenen aus^ fordere sie aber auf, sich dieselben nochmals vor- 
zustellen. Sie scheint es zu versuchen und bleibt dabei ruhig, auch 
spricht sie von da an in der Hypnose ohne jenes spastische Stocken.^ 

Da ich sie disponirt finde, mir Aufschlüsse zu geben, stelle ich 
die weitere Frage, welche Ereignisse ihres Lebens sie noch ferner 
derart erschreckt haben, dass sie die plastische Erinnerung an sie 
bewahrt hat. Sie antwortet mit einer Sammlung solcher Erlebnisse: 
Wie sie ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter bei einer ihr be- 
freundeten Französin war und dort mit einem andern Mädchen in's 
nächste Zimmer geschickt wurde, um ein Lexikon zu holen und dann 
aus dem Bette eine Person sich erheben sah, die genau so aussah 
wie jene, die sie eben verlassen hatte. Sie blieb steif wie angewurzelt 
stehen. Später hörte sie, es sei eine hergerichtete Puppe gewesen. 
Ich erkläre diese Erscheinung für eine Hallucination, appellire an ihre 
Aufklärung, und ihr Gesicht glättet sich. 

Wie sie ihren kranken Bruder gepflegt und er in Folge des 
Morphins so grässliche Anfälle bekam, in denen er sie erschreckte und 
anpackte. Ich merke, dass sie von diesem Erlebniss schon heute früh 
gesprochen, und frage sie darum zur Probe, wann dieses „Anpacken" 
noch vorgekommen. Zu meiner freudigen Ueberraschung besinnt sie 
sich diesmal lange mit der Antwort und fragt endlich unsicher: Die 
Kleine? An die beiden anderen Anlässe (s. o.) kann sie sich gar nicht 
besinnen. Mein Verbot, das Auslöschen der Erinnerungen, hat also 
gewirkt. — Weiter: Wie sie ihren Bruder gepflegt und die Tante 
plötzlich den bleichen Kopf über den Paravent gestreckt, die ge- 
kommen war, um ihn zum katholischen Glauben zu bekehren. — Ich 
merke, dass ich hiemit an die Wurzel ihrer beständigen Furcht vor 
Ueberraschungen gekommen bin, und frage, wann sich solche noch 
zugetragen haben. — Wie sie zu Hause einen Freund hatten, der es 
liebte, sich ganz leise in's Zimmer zu schleichen, und dann plötzlich 
da stand; wie sie nach dem Tode der Mutter so krank wurde, in einen 
Badeort kam; und dort eine Geisteskranke durch Irrthum mehrmals 
bei Nacht in ihr Zimmer und bis an ihr Bett kam; und endlich wie 



^ Wie man hier erfahrt, sind das tickähnliche Schnalzen und das spastische 
Stottern der Patientin zwei Symptome, die auf ähnliche Veranlassungen und 
einen analogen Mechanismus zurückgehen. Ich habe diesem Mechanismus in einem 
kleinen Aufsatze : „Ein Fall von hypnotischer Heilung nebst Bemerkungen über den 
hysterischen Gegenwillen" (Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. I) Aufmerksamkeit 
geschenkt, werde übrigens auch hier darauf zurückkommen. 



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— 48 — 

auf ihrer Keise von Abbazia hieher ein fremder Mann 4raal plötzlich 
ihre Coupethür aufmachte und sie jedesmal starr ansah. Sie erschrak 
darüber so sehr, dass sie den Schaffner rief. 

Ich verwische alle diese Erinnerungen, wecke sie auf und ver- 
sichere ihr, dass sie diese Nacht gut schlafen werde, nachdem ich es 
unterlassen, ihr die entsprechende Suggestion in der Hypnose zu geben. 
Für die Besserung ihres Allgemeinzustandes zeugt ihre Bemerkung, 
sie habe heute nichts gelesen, sie lebe so in einem glücklichen 
Traum, sie, die sonst vor innerer Unruhe beständig etwas thun musste. 

11. Mai früh. Auf heute ist das Zusammentreffen mit dem 
Gynaekologen Dr. N . . angesagt, der ihre älteste Tochter wegen ihrer 
menstrualen Beschwerden untersuchen soll. Ich finde Frau Emmy in 
ziemlicher Unruhe, die sich aber jetzt durch geringfügigere körperliche 
Zeichen äussert als früher; auch ruft sie von Zeit zu Zeit: Ich habe 
Angst, solche Angst, ich glaube, ich muss sterben. Wovor sie denn 
Angst habe, ob vor Dr. N . .? Sie wisse es nicht, sie habe nur Angst. 
In der Hypnose, die ich noch vor dem Eintreffen des CoUegen vor- 
nehme, gesteht sie, sie fürchte, mich durch eine Aeusserung gestern 
während der Massage, die ihr unhöflich erschien, beleidigt zuhaben. Auch 
fürchte sie sich vor allem Neuen, also auch vor dem neuen Doctor. 
Sie lässt sich beschwichtigen, fährt vor Dr. N . . zwar manchmal zu- 
sammen, benimmt sich aber sonst gut und zeigt weder Schnalzen 
noch Sprechhemmung. Nach seinem Fortgehen versetze ich sie neuer- 
dings in Hypnose, um die etwaigen Beste der Erregung von seinem 
Besuch her wegzunehmen. Sie ist mit ihrem Benehmen selbst sehr 
zufrieden, setzt auf seine Behandlung grosse Hoffnungen, und ich suche 
ihr an diesem Beispiel zu zeigen, dass man sich vor dem Neuen nicht 
zu fürchten brauche, da es auch das Gute in sich schliesse.* 

Abends ist sie sehr heiler und entledigt sich vieler Bedenk- 
lichkeiten in dem Gespräch vor der Hypnose. In der Hypnose frage ich, 
welches Ereigniss ihres Lebens die nachhaltigste Wirkung geübt habe 
und am öftesten als Erinnerung bei ihr auftauche. — Der Tod ihres 
Mannes. — Ich lasse mir dieses Erlebniss mit allen Einzelheiten von ihr 
erzählen, was sie mit den Zeichen tiefster Ergriffenheit thut, aber 
ohne alles Schnalzen und Stottern. 



* Alle solche lehrhafte Suggestionen schlugen bei Frau Emmy fehl, wie die 
Folge gezeigt hat. 



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— 49 — 

Wie sie in einem Orte an der Kiviera, den sie beide sehr 
liebten, einst über eine Brücke gegangen imd er von einem Herz- 
krampf ergriffen, plötzlich umsank, einige Minuten wie leblos dalag, 
dann aber wohlbehalten aufstand. Wie dann kurze Zeit darauf, als 
sie im Wochenbett mit der Kleinen lag, der Mann, der an einem 
kleinen Tisch vor ihrem Bett frühstückte und die Zeitung las, plötz- 
lich aufstand, sie so eigenthümlich ansah, einige Schritte machte und 
dann todt zu Boden fiel. Sie sei aus dem Bette; die herbeigeholten 
Aerzte hätten Belebungsversuche gemacht, die sie aus dem anderen 
Zimmer mitangehört; aber es sei vergebens gewesen. Sie fährt dann 
fort: Und wie das Kind, das damals einige Wochen alt war, so 
krank geworden und durch 6 Monate krank geblieben sei, während 
welcher Zeit sie selbst mit heftigem Fieber bettlägerig war; — und 
nun folgen chronologisch geordnet ihre Beschwerden gegen dieses 
Kind, die mit ärgerlichem Gesichtsausdruck rasch hervorgestossen werden, 
wde wenn man von jemandem spricht, dessen man überdrüssig geworden 
ist. Es sei lange Zeit sehr eigenthümlich gewesen, hätte immer ge- 
schrien und nicht geschlafen, eine Lähmung des linken Beines be- 
kommen, an deren Heilung man fast verzweifelte; mit 4 Jahren habe 
es Visionen gehabt, sei erst spät gegangen und habe spät gesprochen, 
so dass man es lange für idiotisch hielt; es habe nach der Aussage 
der Aerzte Gehirn- und Kückenmarksentzündung gehabt, und was nicht 
alles sonst. Ich unterbreche sie hier, weise darauf hin, dass dieses 
selbe Kind heute normal und blühend sei, und nehme ihr die Mög- 
lichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu sehen, indem ich nicht 
nur die plastische Erinnerung verlösche, sondern die ganze Keminiscenz 
aus ihrem Gedächtniss löse, als ob sie nie darin gewesen wäre. Ich 
verspreche ihr davon das Aufhören der Unglückserwartung, die sie 
beständig quält, und der Schmerzen im ganzen Körper, über die sie 
gerade während der Erzählung geklagt hatte, nachdem mehrere Tage 
von ihnen nicht die ßede gewesen war.^ 

* Ich bin diesmal in meiner Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1^2 J3,hre 
später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah, klagte sie 
mir, es sei merkwürdig, dass sie sich an gewisse, sehr wichtige Momente ihres 
Lebens nur höchst ungenau erinnern könne. Sie sah darin einen Beweis für die 
Abnahme ihres Gedächtnisses, während ich mich hüten musste, ihr die Krklärung 
für diese specielle Amnesie zu geben. Der durchschlagende Erfolg der Therapie 
in diesem Punkte rührte wohl auch daher, dass ich mir diese Erinnerung so 
ausführlich erzählen liess (weit ausführlicher, als es die Notizen bewahrt haben), 
während ich mich sonst zu oft mit blossen Erwähnungen begnügte. 

Breuer u. Freud, Studien. 4 

Original fnom 



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— 50 — 

Zu meiner Ueben-aschung beginnt sie unmittelbar nach dieser 
meiner Suggestion von dem Fürsten L . . zu reden, dessen Entweichung 
aus einem Irrenhause damals von sich reden machte, kramt neue 
Angstvorstellungen über Irrenhäuser aus, dass dort die Leute mit eiskaltem 
Douchen auf den Kopf behandelt, in einen Apparat gesetzt und so lange 
gedreht würden, bis sie ruhig sind. Ich hatte sie vor 3 Tagen, als sie über 
die Irrenhausfurcht zuerst klagte, nach der ersten Erzählung, dass die 
Kranken dort auf Sessel gebunden würden, unterbrochen. Ich merke, 
dass ich dadurch nichts erreiche, dass ich mir's doch nicht ersparen 
kann, sie in jedem Punkt bis zu Ende anzuhören. Nachdem dies 
nachgeholt ist, nehme ich ihr auch die neuen Schreckbilder weg, 
appellire an ihre Aufklärung, und dass sie mir doch mehr glauben 
darf als dem dummen Mädchen, von dem sie die Schauergeschichten 
über die Einrichtung der Irrenhäuser hat. Da ich bei diesen Nach- 
trägen doch gelegentlich etwas Stottern bemerke, frage ich sie von 
Neuem, woher das Stottern rührt. — Keine Antwort. — Wissen Sie 
es nicht? — Nein. — Ja warum nicht? — Warum? Weil ich nicht 
darf (was heftig und ärgerlich hervorgestossen wird). Ich glaube in dieser 
Aeusserung einen Erfolg meiner Suggestion zu sehen, sie äussert aber das 
Verlangen, aus der Hypnose geweckt zu werden, dem ich willfahre.^ 

12. Mai. Sie hat wider mein Erwarten kurz und schlecht 
geschlafen. Ich finde sie in grosser Angst, übrigens ohne die ge- 
wohnten körperlichen Zeichen derselben. Sie will nicht sagen, was 
ihr ist; nur, dass sie schlecht geträumt hat und noch immer die- 
selben Dinge sieht. „Wie grässlich, wenn die lebendig werden sollten." 
Während der Massage macht sie einiges durch Fragen ab, wird dann 
heiter, erzählt von ihrem Verkehr auf ihrem Witwensitz an der Ostsee, 
von den bedeutenden Männern, die sie aus der benachbarten Stadt 
als Gäste zu laden pflegt und dgl. 



* Ich verstand diese kleine Scene erst am nächsten Tag. Ihre ungeberdige 
Natur, die sich im Wachen wie im künstlichen Schlaf gegen jeden Zwang auf- 
bäumte, hatte sie darüber zornig werden lassen, dass ich ihre Erzählung für 
vollendet nahm und sie durch meine abschliessende Suggestion unterbrach. Ich 
habe viele andere Beweise dafür, dass sie meine Arbeit in ihrem hypnotischen 
Bewusstsein kritisch überwachte. Wahrscheinlich wollte sie mir den Vorwurf 
machen, dass ich sie heute in der Erzählung störe, wie ich sie vorhin bei den 
Irrenhausgräueln gestört hatte, getraute sich dessen aber nicht, sondern brachte 
diese Nachträge anscheinend unvermittelt vor, ohne den verbindenden Gedanken- 
gang zu verrathen. Am nächsten Tag klärte mich dann eine verweisende Bemerkung 
über meinen Fehlgriff auf. 



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— 51 — 

Hypnose. Sie hat schrecklich geträumt, die Stuhlbeine und 
Sessellehnen waren alle Schlangen, ein Ungeheuer mit einem Geier- 
schnabel hat auf sie losgehackt und sie am ganzen Körper angefressen, 
andere wilde Thiere sind auf sie losgesprungen und dgl. Dann über- 
geht sie sofort auf andere Thierdelirien, die sie aber durch den Zusatz 
ausgezeichnet: Das war wirklich (kein Traum). Wie sie (früher einmal) 
nach einem Knäuel Wolle greifen wollte, und der war eine Maus 
und lief weg, wie auf einem Spaziergang eine grosse Kröte plötzlich 
auf sie losgesprungen u. s. f. Ich merke, dass mein generelles Verbot 
nichts gefruchtet hat, und dass ich ihr solche Angsteindrücke einzeln 
abnehmen muss." Auf irgend einem Weg kam ich dann dazu, sie zu 
fragen, warum sie auch Magenschmerzen bekommen habe, und woher 
diese stammen. Ich glaube, Magenschmerzen begleiteten bei ihr jeden 
Anfall von Zoopsie. Ihre ziemlich unwillige Antwort war, das wisse 
sie nicht. Ich gab ihr auf, sich bis Morgen daran zu erinnern. Nun 
sagte sie recht mürrisch, ich solle nicht immer fragen, woher das und 
jenes komme, sondern sie erzählen lassen, was sie mir zu sagen habe. 
Ich gehe darauf ein, und sie setzt ohne Einleitung fort: Wie sie ihn 
herausgetragen haben, habe ich nicht glauben können, dass er todt 
ist. (Sie spricht also wieder von ihrem Manne, und ich erkenne jetzt 
als Grund ihrer Verstimmung, dass sie unter dem zurückgehaltenen 
Kest dieser Geschichte gelitten hat). Und dann habe sie durch 3 Jahre 
das Kind gehasst, weil sie sich immer gesagt, sie hätte den Mann 
gesund pflegen können, wenn sie nicht des Kindes wegen zu Bette 
gelegen wäre. Und dann habe sie nach dem Tode ihres Mannes nur 
Kränkungen und Aufregungen gehabt. Seine Verwandten, die stets 
gegen die Heirat waren und sich dann darüber ärgerten, dass sie so 
glücklich lebten, hätten ausgesprengt, dass sie selbst ihn vergiftet, so 
dass sie eine Untersuchung verlangen wollte. Durch einen abscheulichen 
Winkelschreiber hätten die Verwandten ihr aUe möglichen Processe 
angehängt. Der Schurke schickte Agenten herum, die gegen sie hetzten, 
liesö schmähende Artikel gegen sie in die Localzeitungen aufnehmen 
und schickte ihr dann die Ausschnitte zu. Von daher stamme ihre 
Leutescheu und ihr Hass gegen alle fremden Menschen. Nach den 



* Ich habe leider in diesem Falle versäumt, nach der Bedeutung der 
Zoopsie zu forschen, etwa sondern zu wollen, was an der Thierfurcht primäres 
Grausen war, wie es vielen Neuropathen von Jugend auf eigen ist, und was 
Symbolik. 



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— 52 — 

beschwichtigenden Worten, die ich an ihre Erzählung knüpfe, erklärt 
sie sich für erleichtert. 

13. Mai. Sie hat wieder wenig geschlafen vor Magenschmerzen, 
gestern kein Nachtmahl genommen, klagt auch über Schmerzen im 
rechten Arm. Ihre Stimmung ist aber gut, sie ist heiter und behandelt 
mich seit gestern mit besonderer Auszeichnung. Sie fragt mich nach 
meinem ürtheil über die verschiedensten Dinge, die ihr wichtig er- 
scheinen, und geräth in eine ganz unverhältnissmässige Erregung, wenn 
ich z. B. nach den Tüchern, die bei der Massage benöthigt werden, 
suchen muss und dgl. Schnalzen und Gesichtstick treten häufig auf. 

Hypnose: Gestern abends ist ihr plötzlich der Grund ein- 
gefallen, weshalb kleine Thiere, die sie sehe, so in's Eiesige wachsen. 
Das sei ihr das erste Mal in einer Theatervorstellung in D . . geschehen, 
wo eine riesig grosse Eidechse auf der Bühne war. Diese Erinnerung 
habe sie gestern auch so sehr gepeinigt.^ 

Dass das Schnalzen wiedergekehrt, rühre daher, dass sie gestern 
ünterleibsschmerzen gehabt und sich bemüht dieselben nicht durch 
Seufzer zu verrathen. Von dem eigentlichen Anlass des Schnalzens 
(vgl. p. 46) weiss sie nichts. Sie erinnert sich auch, dass ich ihr die Auf- 
gabe gestellt herauszufinden, woher die Magenschmerzen stammen. 
Sie wisse es aber nicht, bittet mich, ihr zu helfen. Ich meine, ob sie 
sich nicht einmal nach grossen Aufregungen zum Essen genöthigt. 
Das trifft zu. Nach dem Tode ihres Mannes entbehrte sie eine lange 
Zeit hindurch jeder Esslust, ass nur aus Pflichtgefühl, und damals 
begannen wirklich die Magenschmerzen. — Ich nehme jetzt die Magen- 
schmerzen durch einige Striche über das Epigastrium weg. Sie beginnt 
dann spontan von dem zu sprechen, was sie am meisten afficirt hat: 
„Ich habe gesagt, dass ich die Kleine nicht geliebt habe. Ich muss 
aber hinzufügen, dass man es an meinem Benehmen nicht merken 
konnte. Ich habe alles gethan, was nothwendig war. Ich mache mir 
jetzt noch Vorwürfe, dass ich die Aeltere lieber habe." 

* Das visuelle Erinnerungszeichen der grossen Eidechse war zu dieser Be- 
deutung gewiss nur durch das zeitliche Zusammentreffen mit einem grossen 
Affect gelangt, dem sie während jener Theatervorstellung unterlegen sein muss. 
Ich habe mich aber in der Therapie dieser Kranken, wie schon eingestanden, 
häufig mit den oberflächlichsten Ermittlungen begnügt und auch in diesem Falle 
nicht weiter nachgeforscht. — Man wird übrigens an die hysterische Makropsie 
erinnert. Frau Emmy war hochgradig kurzsichtig und astigmatisch, und ihre 
HaUucinationen mochten oft durch die TJndeutlichkeit ihrer Gesichtswahmehmungen 
provocirt worden sein. 

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— 53 — 

14. Mai. Sie ist wohl und heiter, hat bis halb 8 Uhr früh ge- 
schlafen, klagt nur über etwas Schmerzen im Kadialisgebiet der Hand, 
Kopf- und Gesichtsschmerzen. Das Aussprechen vor der Hypnose gewinnt 
immer mehr an Bedeutung. Sie hat heute fast nichts Grässliches vor- 
zubringen. Sie beklagt sich über Schmerz und Gefühllosigkeit im 
rechten Bein, erzählt, dass sie 1871 eine Unterleibsentzündung durch- 
gemacht, dann, kaum erholt, ihren kranken Bruder gepflegt und dabei 
die Schmerzen bekommen, die selbst zeitweise eine Lähmung des 
rechten Fusses herbeiführten. 

In der Hypnose frage ich, ob es ihr jetzt schon möglich sein 
werde, sich unter Menschen zu bewegen, oder ob die Furcht noch über- 
wiege. Sie meint, es sei ihr noch unangenehm, wenn jemand hinter 
ihr oder knapp neben ihr steht, erzählt in diesem Zusammenhange noch 
Fälle von unangenehmen UebeiTaschungen durch plötzlich auftauchende 
Personen. So seien einmal, als sie auf Eugen einen Spaziergang mit 
ihren Töchtern gemacht, zwei verdächtig aussehende Individuen hinter 
einem Gebüsche hervorgekommen und hätten sie insultirt. In Abbazia 
sei auf einem abendlichen Spaziergange plötzlich ein Bettler hinter 
einem Stein hervorgetreten, der dann vor ihr niedergekniet. Es soll 
ein harmloser Wahnsinniger gewesen sein; ferner erzählt sie von einem 
nächtlichen Einbruch in ihrem isolirt stehenden Schloss, der sie sehr 
erschreckt hat. 

Es ist aber leicht zu merken, dass diese Furcht vor Menschen 
wesentlich auf die Verfolgungen zurückgeht, denen sie nach dem Tode 
ihres Mannes ausgesetzt war.^ 

Abends. Anscheinend sehr heiter, empfängt sie mich doch mit 
dem Ausrufe : „Ich sterbe vor Angst, oh, ich kann es Ihnen fast nicht 
sagen, ich hasse mich." Ich erfahre endlich, dass Dr. Breuer sie besucht 
hat, und dass sie bei seinem Erscheinen zusammengefahren ist. Als er 
es bemerkte, versicherte sie ihm: Nur diesesmal, und es that ihr in 
meinem Interesse so sehr leid, dass sie diesen Eest von früherer Schreck- 
haftigkeit noch verrathen musste! Ich hatte überhaupt in diesen Tagen 
Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie herbe sie gegen sich ist, wie 
leicht bereit, sich aus den kleinsten Nachlässigkeiten, — wenn die 
Tücher für die Massage nicht am selben Platze liegen, wenn die 
Zeitung nicht in die Augen springend vorbereitet ist, die ich lesen 

* Ich war damals geneigt, für alle Symptome bei einer Hysterie eine psy- 
chische Herkunft anzunehmen. Heute würde ich die Angstneigung bei dieser 
abstinent lebenden Frau neurotisch erklären. (Angstneurose.) 



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— 54 — 

soll, während sie schläft, — einen schweren Vorwurf zumachen. Nachdem 
die erste, oberflächlichste Schichte von quälenden Keminiscenzen abge- 
tragen ist, kommt ihre sittlich überempfindliche, mit der Neigung zur 
Selbstverkleinerung behaftete Persönlichkeit zum Vorscheine, der ich 
im Wachen wie in der Hypnose vorsage, was eine Umschreibung des 
alten Satzes „minima non curat praetor** ist, dass es zwischen dem 
Guten und dem Schlechten eine ganze grosse Gruppe von indiiferenten, 
kleinen Dingen gibt, aus denen sich niemand einen Vorwurf machen 
soll. Ich glaube, sie nimmt diese Lehren nicht viel besser auf als irgend 
ein asketischer Mönch des Mittelalters, der den Finger Gottes und 
die Versuchung des Teufels in jedem kleinsten Erlebniss sieht, das 
ihn betrifft, und der nicht im Stande ist, sich die Welt nur für eine kleine 
Weile und in irgend einer kleinen Ecke ohne Beziehung auf seine Person 
vorzustellen. 

In der Hypnose bringt sie einzelne Nachträge an schreckhaften 
Bildern (so in Abbazia blutige Köpfe auf jeder Woge.) Ich lasse mir 
von ihr die Lehren wiederholen, die ich ihr im Wachen ertheilt habe. 

15. Mai. Sie hat bis Vs^ Uhr geschlafen, iät aber gegen 
morgens unruhig geworden und empßlngt mich mit leichtem Tick, 
Schnalzen und etwas Sprachhemmung. „Ich sterbe vor Angst.*' Erzählt 
auf Befragen, dass die Pension, in der die Kinder hier untergebracht 
sind, sich im 4. Stock befinde und mittelst eines Lifts zu erreichen 
sei. Sie habe nun gestern verlangt, dass die Kinder diesen Lift auch 
zum Herunterkommen benützen, und mache sich jetzt Vorwürfe darüber, 
da der Lift nicht ganz verlässlich sei. Der Pensionsbesitzer habe es 
selbst gesagt. Ob ich die Geschichte der Gräfin Seh. . . kenne, die 
in Kom bei einem derartigen Unfälle todt geblieben sei? Ich kenne 
nun die Pension und weiss, dass der Aufzug Privateigenthum des Pen- 
sionsbesitzers ist; es scheint mir nicht leicht möglich, dass der Mann, 
der sich dieses Aufzuges in seiner Annonce rühmt, selbst vor dessen 
Benützung gewarnt haben solle. Ich meine, da liegt eine von der Angst 
eingegebene Erinnerungstäuschung vor, theile ihr meine Ansicht mit 
und bringe sie ohne Mühe dazu, dass sie selbst über die ünwahr- 
scheinlichkeit ihrer Befürchtung lacht. Eben darum kann ich nicht 
glauben, dass dies die Ursache ihrer Angst war, und nehme mir vor, 
die Frage an ihr hypnotisches Bewusstsein zu richten. Während der 
Massage, die ich nach mehrtägiger Unterbrechung heute wieder vor- 
nehme, erzählt sie einzelne, lose aneinder gereihte Geschichten, die 
aber wahr sein mögen, so von einer Kröte, die in einem Keller ge- 

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— 55 — 

fanden wurde, von einer excentrischen Mutter, die ihr idiotisches Kind 
auf eigenthümliche Weise pflegte, von einer Frau, die wegen Melan- 
cholie in ein Irrenhaus gesperrt wurde, und lässt so erkennen, was 
tür Keminiscenzen durch ihren Kopf ziehen, wenn sich ihrer eine un- 
behagliche Stimmung bemächtigt hat. Nachdem sie sich dieser Er- 
zählungen entledigt hat, wird sie sehr heiter, berichtet von ihrem 
Leben auf ihrem Gut, von den Beziehungen, die sie zu hervorragenden 
Männern Deutsch-Kusslands und Norddeutschlands unterhält, und es fällt 
mit wahrlich schwer, diese Fülle von Bethätigung mit der Vorstellung 
einer so arg nervösen Frau zu vereinen. 

In der Hypnose frage ich also: warum sie heute morgens so un- 
ruhig war, und erhalte anstatt des Bedenkens über den Lift die Aus- 
kunft, sie habe gefürchtet, die Periode werde wiederkehren und sie 
wiederum an der Massage stören." 



^ Der Hergang war also folgender gewesen : Als sie am Morgen aufwachte, 
fand sie sich in ängstlicher Stimmung und griff, um diese Stimmung aufzuklären, 
zur nächsten ängstlichen Vorstellung, die sich finden wollte. Ein Gespräch über 
den Lift im Hause der Kinder war am Nachmittag vorher vorgefallen. Die immer 
besorgte Mutter hatte die Gouvernante gefragt, ob die ältere Tochter, die wegen 
rechtsseitiger Ovarie und Schmerzen im rechten Bein nicht viel gehen konnte, den 
Lift auch zum Herunterkommen benütze. Eine Erinnerungstäuschung gestattete ihr 
dann, die Angst, deren sie sich bewusst war, an die Vorstellung dieses Aufzuges 
zu knüpfen. Den wirklichen Grund ihrer Angst fand in sie ihrem Bewusstsein 
nicht; der ergab sich erst, aber ohne jedes Zögern, als ich sie in der Hypnose 
darum befragte. Es war derselbe Vorgang, den Bernheim und Andere nach 
ihm bei den Personen studiert haben, die posthypnotisch einen in der Hypnose 
ertheilten Auftrag ausführen. Z. B. Bernheim (Die Suggestion, 31 der deutschen 
Uebersetzung) hat einem Kranken suggerirt, dass er nach dem Erwachen beide 
Daumen in ien Mund stecken werde. Er thut es auch und entschuldigt sich damit, 
dass er seit einem Biss, den er sich Tags vorher im epileptiformen Anfall zuge- 
fügt, einen Schmerz in der Zunge empfinde. Ein Mädchen versucht, der Suggestion 
gehorsam, einen Mordanschlag auf einen ihr völlig fremden Gerichtsbeamten; 
erfasst und nach den Gründen ihrer That befragt, erfindet sie eine Geschichte von 
einer ihr zugefügten Kränkung, die eine Rache erforderte. Es scheint ein Bedürfniss 
vorzuliegen, psychische Phänomene, deren man sich bewusst wird, in causale Ver- 
knüpfung mit anderem Bewnssten zu bringen. Wo sich die wirkliche Verursachung 
der Wahrnehmung des Bewusstseins entzieht, versucht man unbedenklich eine 
andere Verknüpfung, an die man selbst glaubt, obwohl sie falsch ist. Es ist klar, 
dass eine vorhandene Spaltung des Bewusstseinsinhaltes solchen „falschen 
Verknüpfungen" den grössten Vorschub leisten muss. 

Ich will bei dem oben erwähnten Beispiel einer falschen Vemüpfung etwas 
länger verweilen, weil es in mehr als einer Hinsicht als vorbildlich bezeichnet 
werden darf. Vorbildlich zunächt für das Verhalten dieser Patientin, die mir im 



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— se- 
lch lasse mir ferner die Geschichte ihrer Beinschmerzen erzählen. 
Der Beginn ist derselbe wie gestern, dann folgt eine lange Keihe von 
Wechselfällen peinlicher und aufreibender Erlebnisse, zu deren Zeit 



Verlaufe der Behandlung noch wiederholt Gelegenheit gab, mittelst der hypnotischen 
Aufklärung solche falsche Verknüpfungen zu lösen und die von ihnen ausgehenden 
Wirkungen aufzuheben. Einen Fall dieser Art will ich ausführlich erzählen, weil 
er die in Rede stehende psychologische Thatsache grell genug beleuchtet. Ich 
hatte Frau Emmy v. N . . . vorgeschlagen, anstatt der gewohnten lauen Bäder 
ein kühles Halbbad zu versuchen, von dem ich ihr mehr Erfrischung versprach. 
Sie leistete ärztlichen Anordnungen unbedingten Gehorsam, verfolgte dieselben 
aber jedesmal mit dem ärgsten Misstrauen. Ich habe schon berichtet, dass ihr 
ärztliche Behandlung fast niemals eine Erleichterung gebracht hatte. Mein 
Vorschlag, kühle Bäder zu nehmen, geschah nicht so autoritativ, dass sie nicht 
den Muth gefunden hätte, mir ihre Bedenken auszusprechen : „Jedesmal, so oft ich 
kühle Bäder genommen habe, bin ich den ganzen Tag über melancholisch gewesen. 
Aber ich versuche es wieder, wenn Sie wollen; glauben Sie nicht, dass ich 
etwas nicht thue, was Sie sagen." Ich verzichtete zum Schein auf meinen Vor- 
schlag, gab ihr aber in der nächsten Hypnose ein, sie möge nur die kühlen Bäder 
jetzt selbst vorschlagen, sie habe es sich überlegt, wolle doch noch den Versuch 
wagen u. s. w. So geschah es nun, sie nahm die Idee, kühle Halbbäder zu 
gebrauchen, selbst am nächsten Tage auf, suchte mich mit all den Argumenten 
dafür zu gewinnen, die ich ihr vorgetragen hatte, und ich gab ohne viel Eifer 
nach. Am Tage nach dem Halbbad fand ich sie aber wirklich in tiefer Verstimmung. 
„Warum sind Sie heute so ? — Ich habe es ja vorher gewusst. Von dem kalten 
Bad, das ist immer so. — Sie haben es selbst verlangt. Jetzt wissen wir, dass 
Sie es nicht vertragen. Wir kehren zu den lauen Bädern zurück." — In der Hypnose 
fragte ich dann: „War es wirklich das kühle Bad, das Sie so verstimmt hat." — 
„Ach, das kühle Bad hat nichts damit zu thun," war die Antwort, „sondern ich habe 
heute früh in der Zeitung gelesen, dass eine Revolution in S. Domingo aus- 
gebrochen ist. Wenn es dort Unruhen gibt, geht es immer über die Weissen 
her, und ich habe einen Bruder in S. Domingo, der uns schon soviel Sorge 
gemacht hat, und ich bin jetzt besorgt, dass ihm nicht etwas geschieht." Damit 
war die Angelegenheit zwischen uns erledigt, sie nahm am nächsten Morgen ihr 
kühles Halbbad, als ob es sich von selbst verstünde, und nahm es noch durch 
mehrere Wochen, ohne je eine Verstimmung auf dasselbe zurückzuführen. 

Man wird mir gerne zugeben, dass dieses Beispiel auch typisch ist für das 
Verhalten so vieler anderer Neuropathen gegen die vom Arzt empfohlene Therapie. 
Ob es nun Unruhen in S. Domingo oder anderwärts sind, die an einem bestimmten 
lag ein gewisses Symptom hervorrufen ; der Kranke ist stet« geneigt, dies 
Symptom von der letzten ärztlichen Beeinflussung herzuleiten. Von den beiden 
Bedingungen, welche für's Zustandekommen einer solchen falschen Verknüpfung^ 
erfordert werden, scheint die eine, das Misstrauen, jederzeit vorhanden zu sein . 
die andere, die Bewusstseinsspaltung, wird dadurch ersetzt, dass die meisten 
Neuropathen von den wirklichen Ursachen (oder wenigstens Gelegenheitsursachen), 
ihres Leidens theils keine Kenntniss haben, thoils absichtlich keine Eenntnisa 



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— 57 — 

sie diese Beinschmerzen hatte, und durch deren Einwirkung dieselben 
jedesmal sich verstärkten, selbst bis zu einer doppelseitigen Bein- 
lähmung mit Gefuhlsverlust. Aehnlich ist es mit den Armschmerzen, 



nehmen wollen, weil sie ungeine an den Antheil erinnert sind, den eigenes Ver- 
schulden daran trägt. 

Man könnte meinen, dass die bei Neuropathen ausserhalb der Hysterie 
hervorgehobenen psychischen Bedingungen der Unwissenheit oder absichtlichen 
Vernachlässigung günstiger für die Entstehung einer falschen Verknüpfung sein 
müssen als das Vorhandensein einer Bewusstseinsspaltung, die doch dem Bewusstsein 
Material für causale Beziehung entzieht. Allein diese Spaltung ist selten eine 
reinliche, meist ragen Stücke des unterbewussten Vorstellungscomplexes in's gewöhn- 
liche Bewusstsein hinein, und gerade diese geben den Anlass zu solchen Störungen. 
Gewöhnlich ist es die mit dem Complex verbundene Allgemeinempfindung, die 
Stimmung der Angst, der Trauer, die, wie im obigen Beispiel, bewusst empfunden 
wird und für die durch eine Art von „Zwang zur Association** eine Ver- 
knüpfung mit einem im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungscomplex hergestellt 
werden muss. (Vgl. übrigens den Mechanismus der Zwangsvorstellung, den ich 
in einer Mittheilung im Neurolog. Centralblatt, Nr. 10 u. 11, 1894, angegeben 
habe. Auch: Obsessions et phobies, Revue neurologique, Nr. 2, 1895.) 

Von der Macht eines solchen Zwanges zur Association habe ich mich 
unlängst durch Beobachtungen auf anderem Gebiete überzeugen können. Ich 
musste durch mehrere Wochen mein gewohntes Bett mit einem härteren Lager 
vertauschen, auf dem ich wahrscheinlich mehr oder lebhafter träumte, vielleicht 
nur die normale Schlaftiefe nicht erreichen konnte. Ich wusste in der ersten 
Viertelstunde nach dem Erwachen alle Träume der Nacht und gab mir die Mühe, 
sie niederzuschreiben und mich an ihrer Lösung zu versuchen. Es gelang mir, diese 
Träume säramtlich auf zwei Momente zurückzuführen : 1, auf die Nöthigung zur 
Ausarbeitung solcher Vorstellungen, bei denen ich tagsüber nur flüchtig verweilt 
hatte, die nur gestreift und nicht erledigt worden waren, und 2. auf den Zwang, 
die im selben Bewusstseinszustand vorhandenen Dinge mit einander zu verknüpfen. 
Auf das freie Walten des letzteren Momentes war das Sinnlose und Widerspruchs- 
voUe der Träume zurückzuführen. 

Dass die zu einem Erlebniss gehörige Stimmung und der Inhalt desselben 
ganz regelmässig in abweichende Beziehung zum primären Bewusstsein treten 
können, habe ich an einer anderen Patientin, Frau Cäcilie M., gesehen, die ich 
weitaus gründlicher als jede andere hier erwähnte Kranke kennen lernte. Ich habe 
bei dieser Dame die zahlreichsten und überzeugendsten Beweise für einen solchen 
psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene gesammelt, wie wir ihn in 
dieser Arbeit vertreten, bin aber leider durch persönliche Umstände verhindert, 
diese Krankengeschichte, auf die ich mich gelegentlich zu beziehen gedenke, aus- 
führlich mitzutheilen. Frau Cäcilie M. war zuletzt in einem eigenthümlichen 
hysterischen Zustande, der gewiss nicht vereinzelt dasteht, wenngleich ich nicht 
weiss, ob er je erkannt worden ist. Man könnte ihn als „hysterische Tilgungs- 
psychose" bezeichnen. — Die Patientin hatte zahlreiche psychische Traumen erlebt 
und lange Jahre in einer chronischen Hysterie mit sehr mannigfaltigen Erscheinungen 



C^ f\n n 1 i> Orrgrna f f nom 

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— 58 — 

die gleichfalls während einer Krankenpflege gleichzeitig mit den Genick- 
krämpfen begannen. Ueber die „Genickkrämpfe" erfahre ich nur Folgendes. 
Sie haben eigenthümliche Zustände von Unruhe mit Verstimmung abgelöst, 
die früher da waren, und bestehen in einem „eisigen Packen" im Genick, 
mit Steifwerden und schmerzhafter Kälte aller Extremitäten, Unfähig- 
keit zu sprechen und voller Prostration. Sie dauern 6 — 12 Stunden. 
Meine Versuche, diesen Symptomcomplex als ßeminiscenz zu entlarven, 
schlagen fehl. Die dahin zielenden Fragen, ob sie der Bruder, den sie 
im Delirium pflegte, einmal am Genick gepackt, werden verneint; sie 
weiss nicht, woher diese Anfalle rühren.^ 



zugebracht. Die Gründe aller dieser Zustände waren ihr und anderen unbekannt, 
ihr glänzend ausgestattetes Gedächtnis wies die auffälligsten Lücken auf; ihr 
Leben sei ihr wie zerstückelt, klagte sie selbst. Eines Tages brach plötzlich eine 
alte Reminiscenz in plastischer Anschaulichkeit mit aller Frische der neuen Em- 
pfindung über sie herein, und von da an lebte sie durch fast 3 Jahre alle Traumen 
ihres Lebens — längst vergessen geglaubte und manche eigentlich nie erinnerte — 
von Neuem durch mit dem entsetzlichsten Aufwand von Leiden und der Wiederkehr 
aller Symptome, die sie je gehabt. Diese „TUgung alter Schulden" umfasste einen 
Zeitraum von 33 Jahren und gestattete, von jedem ihrer Zustände die oft sehr 
coniplicirte Determinirung zu erkennen. Man konnte ihr Erleichterung nur dadurch 
bringen, dass man ihr Gelegenheit gab, sich die Reminiscenz, die sie gerade 
quälte, mit allem dazugehörigen Aufwand an Stimmung und deren körperlichen 
Aeusserungen in der Hypnose abzusprechen, und wenn ich verhindert war, dabei 
zu sein, so dass sie vor einer Person sprechen musste, gegen welche sie sich 
genirt fühlte, so geschah es einige Male, dass sie dieser ganz ruhig die Geschichte 
erzählte und mir nachträglich in der Hypnose all das Weinen, all die Aeusserungen 
der Verzweiflung brachte, mit welchen sie die Erzählung eigentlich hätte begleiten 
wollen. Nach einer solchen Reinigung in der Hypnose war sie einige Stunden 
ganz wohl und gegenwärtig. Nach kurzer Zeit brach die der Reihe nach nächste 
Reminiscenz herein. Diese schickte aber die dazu gehörige Stimmung um Stunden 
voraus. Sie wurde reizbar oder ängstlich oder verzweifelt, ohne je zu ahnen, dass 
diese Stinunung nicht der Gegenwart, sondern dem Zustande angehöre, der sie 
zunächst befallen werde. In dieser Zeit des Ueberganges machte sie dann regel- 
mässig eine falsche Verknüpfung, an der sie bis zur Hypnose hartnäckig festhielt. 
So z. B. empfing sie mich einmal mit der Frage : „Bin ich nicht eine verworfene 
Person, ist das nicht ein Zeichen der tiefsten Vorworfenheit, dass ich Ihnen 
gestern diess gesagt habe?" Was sie Tags vorher gesagt hatte, war mir wirklich 
nicht geeignet, diese Verdammung irgendwie zu rechtfertigen ; sie sah es nach 
kurzer Erörterung auch sehr wohl ein, aber die nächste Hypnose brachte eine 
Reminiscenz zum Vorschein, bei deren Anlass sie sich vor 12 Jahren einen schweren 
Vorwurf gemacht hatte, an dem sie in der Gegenwart übrigens gar nicht mehr festhielt 
* Bei nachheriger Ueberlegung muss ich mir sagen, dass diese „Genick- 
krämpfe^' organisch bedingte, der Migräne analoge Zustände gewesen sein 
mögen. Man sieht in praxi mehr derartige Zustände, die nicht beschrieben sind und 
die eine so auffällige Uebereinstimmung mit dem classischen Anfall von Hemicranie 

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— 59 - 

Abends. Sie ist sehr heiter, entwickelt überhaupt prächtigen 
Humor. Mit dem Lift sei es allerdinors nicht so gewesen, wie sie mir 
gesagt hatte. Er sollte nur unter einem Yorwand nicht für die Fahrt 
abwärts benützt werden. Eine Menge Fragen, an denen nichts Krank- 
haftes ist. Sie hat peinlich starke Schmerzen im Gesicht, in der Hand 
längs der Daumenseite und im Bein gehabt. Sie fühle Steifigkeit und 
Gesichtsschmerzen, wenn sie längere Zeit ruhig gesessen sei oder auf 
einen Punkt gestaiTt habe. Das Heben eines schwereren Gegenstandes 
verursache ihr Armschmerzen. — Die Untersuchung des rechten Beines 
ergibt ziemlich gute Sensibilität am Oberschenkel, hochgradige An- 
ästhesie am Unterschenkel und Fuss, mindere in der Backen- und 
Lendengegend. 

In der Hypnose gibt sie an, sie habe noch gelegentliche Angst 
Vorstellungen, wie, es könnte ihren Kindern etwas geschehen, sie könnten 



zeigen, dass man gerne die Begriffsbestimmung der letzteren erweitern und die 
Localisation des Schmerzes an die zweite Stelle drängen wollte. Wie bekannt» 
pflegen viele neuropathische Frauen mit dem Migränanfall hysterische Anfälle 
(Zuckungen und Delirien) zu verbinden. So oft ich den Genickkrampf bei Frau 
Emmj sah, war auch jedesmal ein Anfall von Delirium dabei. 

Was die Arm- und Beinschmerzen angeht, so denke ich, dass hier ein Fall 
der nicht sehr interessanten, abfer um so häufigeren Art der Determinirung durch 
zufällige Coincidenz vorlag. Sie hatte solche Schmerzen während jener Zeit der 
Aufregung und Krankenpflege gehabt, in Folge der Erschöpfung stärker als sonst 
empfunden, und diese, ursprünglich mit jenen Erlebnissen nur zufällig associirten 
Schmerzen wurden ds^nn in ihrer Erinnerung als das körperliche Symbol des 
Associationscomplexes wiederholt. Ich werde von beweisenden Beispielen für diesen 
Vorgang in der Folge noch mehrere anführen können. Wahrscheinlich waren die 
Schmerzen ursprünglich rheumatische d. h., um dem viel missbrauchten Worte einen 
bestimmten Sinn zu geben, solche Schmerzen, die hauptsächlich in den Muskeln 
sitzen, bei denen bedeutende Druckempfindlichkeit und Consistenzveränderung der 
Muskeln nachzuweisen ist, die sich am heftigsten nach längerer Ruhe oder 
Fixirung der Extremität äussern, also am Morgen, die auf Einübung der schmerzhaften 
Bewegung sich bessern und durch Massage zum Verschwinden zu bringen sind. 
Diese myogenen Schmerzen, bei allen Menschen sehr häufig, gelangen bei den 
Neuropathen zu grosser Bedeutung ; sie werden von ihnen mit Unterstützung der 
Aerzte, die nicht die Gewohnheit haben, die Muskeln mit dem Fingerdruck zu 
prüfen, für nervöse gehalten und geben das Material für unbestimmt viele hysterische 
Neuralgien, sogenannte Ischias u. dgl. ab. Auf die Beziehungen dieses Leidens zur 
gichtischen Disposition will ich hier nur kurz hinweisen. Mutter und zwei Schwestern 
meiner Patientin hatten an Gicht (oder chronischem Rheumatismus) im hohen 
Grade gelitten. Ein Theil der Schmerzen, über welche sie damals klagte, mochte 
auch gegenwärtiger Natur sein. Ich weiss es nicht; ich hatte damals noch keine 
Uebung in der Beurtheilung dieses Zustandes der Muskeln. 



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— 60 — 

krank werden oder nicht ani Leben bleiben, ihr Bruder, der jetzt auf 
der Hochzeitsreise sei, könnte einen Unfall erleiden, seine Frau sterben, 
weil alle Geschwister so kurz verheirathet waren. Andere Befürchtungen 
sind ihr nicht zu entlocken. Ich verweise ihr das Bedürfnis, sich zu 
ängstigen, wo kein Gnmd vorliegt. Sie verspricht es zu unterlassen, 
„weil Sie es verlangen". Weitere Suggestionen für die Schmerzen, das 
Bein u. s. w\ 

16. Mai. Sie hat gut geschlafen, klagt noch über Schmerzen im 
Gesicht, Arm, Beinen, ist sehr heiter. Die Hypnose fallt ganz uner- 
giebig aus. Faiadische Pinselung des anästhetischen Beines. 

Abends. Sie erschrickt gleich bei meinem Eintreten. — »Gut, 
dass Sie kommen. Ich bin so erschrocken.'' — Dabei alle Zeichen des 
Grausens, Stottern, Tick. Ich lasse mir zuerst im Wachen erzählen, was 
es gegeben hat, wobei sie das Entsetzen mit gekrümmten Fingern und 
vorgestreckten Händen vortrefflich darstellt. — Im Garten ist eine 
ungeheuere Maus plötzlich über ihre Hand gehuscht und dann plötzlich 
verschwunden, es huschte überhaupt beständig hin und her (Illusion 
spielender Schatten ?). Auf den Bäumen sassen lauter Mäuse. — Hören 
Sie nicht die Pferde im Circus stampfen? — Daneben stöhnt ein HeiT, 
ich glaube, er hat Schmerzen nach der Operation. — Bin ich denn 
auf Kügen, habe ich dort so einen Ofen gehabt? — Sie ist auch ver- 
worren unter der Fülle von Gedanken, die sich in ihr ki'euzen, und in 
dem Bemühen, die Gegenwart herauszufinden. Auf Fragen nach gegen- 
wärtigen Dingen, z. B. ob die Töchter heute da waren, weiss sie nicht 
zu antworten. 

Ich versuche die Entwirrung dieses Zustandes in der Hypnose. 

Hypnose. Wovor haben Sie sich denn geängstigt ? — Sie wieder- 
holt die Mäusegeschichte mit allen Zeichen des Entsetzens; auch sei, 
als sie über die Treppe ging, ein scheussliches Thier da gelegen und 
gleich verschwunden. Ich erkläre das für Hallucinationen, verweise ihr 
die Furcht vor Mäusen, die komme nur bei Trinkern vor (die sie 
sehr verabscheut). Ich erzähle ihr die Geschichte vom Bischof Hatto, die 
sie auch kennt und mit ärgstem Grausen anhört. — „Wie kommen Sie 
denn auf den Circus?** — Sie hört deutlich aus der Nähe, wie die 
Pferde in den Ställen stampfen und sich dabei im Halfter verwickeln, 
wodurch sie sich beschädigen können. Der Johann pflege dann immer 
hinauszugehen und sie loszubinden. — Ich bestreite ihr die Nähe 
des Stalles und das Stöhnen des Nachbars. Ob sie wisse, wo sie ist? 
— Sie weiss es, aber sie glaubte früher, auf Kügen zu sein. — Wie 

r^onnlp^ Original fnom 

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— 61 — 

sie zu dieser Erinnerung kommt? — Sie sprachen im Garten davon, dass 
es an einer Stelle so heiss sei, und da sei ihr die schattenlose Terrasse 
auf Eugen eingefallen. — Was für traurige Erinnerungen sie denn 
an den Aufenthalt in Eugen habe? — Sie bringt die Eeihe derselben 
vor. Sie habe dort die furchtbarsten Arm- und Beinschmerzen bekommen, 
sei mehrmals bei Ausflügen in den Nebel gerathen, so dass sie den Weg 
verfehlt, zweimal auf Spaziergängen von einem Stier verfolgt worden 
u. s. w. — Wieso sie heute zu diesem Anfall gekommen? — Ja, 
wieso? Sie habe sehr viele Briefe geschrieben, drei Stunden lang und 
dabei einen eingenommenen Kopf bekommen. — Ich kann also annehmen, 
dass die Ermüdung diesen Anfall von Delirium herbeigeführt hat, 
dessen Inhalt durch solche Anklänge wie die schattenlose Stelle im 
Garten etc. bestimmt wurde. — Ich wiederhole alle die Lehren, die 
ich ihr zu geben pflege, und verlasse sie eingeschläfert. 

17. Mai. Sie hat sehr gut geschlafen. Im Kleienbad, das sie heute 
nahm, hat sie mehrmals aufgeschrien, weil sie die Kleie für kleine 
Würmer hielt. Ich weiss dies von der Wärterin; sie mag es nicht gerne 
erzählen, ist fast ausgelassen heiter, unterbricht sich aber häufig mit 
Schreien „Hub*", Grimassen, die das Entsetzen ausdrücken, zeigt auch 
mehr Stottern als je in den letzten Tagen. Sie erzählt, dass sie in der 
Nacht geträumt, sie gehe auf lauter Blutegeln. In der Nacht vorher 
hatte sie grässliche Träume, musste so viele Todte schmücken und 
in den Sarg legen, wollte aber nie den Deckel darauf geben. (Oß^enbar 
eine Eeminiscenz an ihren Mann, s. o.) Erzählt ferner, dass ihr im 
Leben eine Menge von Abenteuern mit Thieren passirt seien, das 
grässlichste mit einer Fledermaus, die sich in ihrem Toiletteschrank 
eingefangen, wobei sie damals unangekleidet aus dem Zimmer lief. 
Ihr Bruder schenkte ihr darauf, um sie von dieser Angst zu curiren, 
eine schöne Broche in Gestalt einer Fledermaus; sie konnte dieselbe 
aber nie tragen. 

In der Hj^pnose : Ihre Angst vor Würmern rühre daher, dass sie 
einmal ein schönes Nadelkissen geschenkt bekommen, aus welchem 
am nächsten Morgen, als sie es gebrauchen wollte, lauter kleine Würmer 
hervorkrochen, weil die zur Füllung verwendete Kleie nicht ganz 
trocken war. (Hallucination? Vielleicht thatsächlich.) Ich frage nach 
weiteren Thiergeschichten. Als sie einmal mit ihrem Manne in einem 
Petersburger Park spazieren ging, sei der ganze Weg bis zum Teich 
mit Kröten besetzt gewesen, so dass sie umkehren mussten. Sie habe 
Zeiten gehabt, in denen sie niemand die Hand reichen konnte aus 



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— 62 — 

Furcht, diese verwandle sich in ein scheussliches Thier, wie es so oft 
der Fall gewesen war. Ich versuche sie von der Thierangst zu befreien, 
indem ich die Thiere einzeln durchgehe und frage, ob sie sich vor 
ihnen fürchte. Sie antwortet bei den einen „Nein**, bei den anderen: 
„Ich darf mich nicht furchten".' Ich frage, warum sie heute und gestern 
so gezuckt und gestottert. Das thue sie immer, wenn sie so schreckhaft 
sei.- — Warum sie aber gestern so schreckhaft gewesen? — Im Garten 
sei ihr allerlei eingefallen, was sie drückte. Vor allem, wie sie ver- 
hindern könne, dass sich wieder etwas bei ihr anhäufe, nachdem sie 
aus der Behandlung entlassen sei. — Ich wiederhole ihr die drei Trost- 
gründe, die ich ihr schon im Wachen gegeben: 1. Sie sei überhaupt 
gesünder und widerstandsfähiger geworden. 2. Sie werde sich gewöhnen, 
sich gegen irgend eine ihr nahe stehende Person auszusprechen. 3. 
Sie werde eine ganze Menge von Dingen, die sie bisher gedrückt^ 
fortan zu den indifferenten zählen. — Es habe sie ferner gedrückt, dass 
sie mir nicht für mein spätes Kommen gedankt, dass sie gefürchtet, 
ich werde wegen ihres letzten Kückfalles die Geduld mit ihr verlieren. 
Es habe sie sehr ergriffen und geängstigt, dass der Hausarzt im Garten 
einen Herrn gefragt habe, ob er schon Muth zur Operation habe. Die 
Frau sass dabei; sie selbst musste denken, wenn dies nun der letzte 
Abend des armen Mannes wäre. Mit dieser letzten Mittheilung scheint 
die Verstimmung gelöst zu sein !^ 



^ Es war kaum eine gute Methode, die ich da verfolgte. Dies alles war 
nicht erschöpfend genug gemacht. 

2 Mit der Zurückfiihrung auf die beiden initialen Traumen sind Stottern 
und Schnalzen nicht völlig beseitigt worden, obwohl von da ab eine auffällige 
Verminderung der beiden Symptome eintrat. Die Erklärung für diese ünvoU- 
ständigkeit des Erfolges gab die Kranke selbst (vergl. p. 43). Sie hatte sich an- 
gewöhnt, jedesmal zu schnalzen und zu stottern, so oft sie erschrak, und so 
hingen diese Symptome schliesslich nicht an den initialen Traumen allein, sondern 
an einer langen Kette von ihnen associierten Erinnerungen, die wegzuwischen ich 
unterlassen hatte. Es ist dies ein Fall, der häufig genug vorkommt und jedesmal 
die Eleganz und Vollständigkeit der therapeutischen Leistung durch die kathartische 
Methode beeinträchtigt. 

3 Ich erfuhr hier zum ersten Male, wovon ich mich später unzählige Male 
überzeugen konnte, dass bei der hypnotischen Lösung eines frischen hysterischen 
Deliriums die Mittheilung des Kranken die chronologische Reihenfolge umkehrt, 
zuerst die letzterfolgten und minderwichtigen Eindrücke und Gedankenverbindungen 
mittheilt und erst am Schlüsse auf den primären, wahrscheinlich causal wichtigsten 
Eindruck kommt. 



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- 63 — 

Abends ist sie sehr heiter und zufrieden. Die Hypnose liefert 
gar kein Ergebnis. Ich beschäftige mich mit der Behandlung der Muskel- 
schmerzen und mit der Herstellung den Sensibilität am rechten Bein, 
was in der Hypnose sehr leicht gelingt; die hergestellte Empfindlich- 
keit ist nach dem Erwachen aber zum Theil wieder verloren gegangen. 
Ehe ich sie verlasse, äussert sie ihre Verwunderung darüber, dass sie 
so lange keinen Genickkrampf gehabt, der sonst vor jedem Gewitter 
aufzutreten pflegte. 

18. Mai. Sie hat heute Nacht geschlafen, wie es seit Jahren 
nicht mehr vorgekommen, klagt aber seit dem Bad über Kälte im 
Genick, Zusammenziehen und Schmerzen im Gesicht, in den Händen 
und Füssen, ilire Züge sind gespannt, ihre Hände in Krampfstellungen. 
Die Hypnose weist keinerlei psychischen Inhalt dieses Zustandes von 
„ Genickkrampf ** nach, den ich dann durch Massage im Wachen bessere.^ 



Ich hoffe, der vorstehende Auszug aus der Chronik der ersten 
drei Wochen wird hinreichen, ein anschauliches Bild von dem Zustand 
der Kranken, von der Art meiner therapeutischen Bemühung und von 
deren Erfolg zu geben. Ich gehe daran, die Krankengeschichte zu ver- 
vollständigen. 

^ Ihre Verwunderung am Abend vorher, dass sie so lange keinen Genick- 
krampf gehabt, war also eine Ahnung des nahenden Zustandes, der sich damals 
schon vorbereitete und im Unbewussten bemerkt wurde. Diese merkwürdige Form 
der Ahnung war bei der vorhin erwähnten Frau Cäcilie M. etwas ganz Gewöhn- 
Uches. Jedesmal, wenn sie mir im besten Wohlbefinden etwa sagte: „Jetzt habe 
ich mich schon lange nicht bei Nacht vor Hexen gefürchtet" oder: „Wie froh bin 
ich. dass mein Augenschmerz so lange ausgeblieben ist,** konnte ich sicher sein, 
dass die nächste Nacht der Wärterin den Dienst durch die ärgste Ilexenfurcht 
erschweren, oder dass der nächste Zustand mit dem gefürchteten Schmerz im Auge 
beginnen werde. Es war jedesmal ein Durchschimmern dessen, was im Unbewussten 
bereits fertig vorgebildet lag, und das ahnungslose „officielle" Bewusstsein (nach 
Charcot 8 Bezeichnung) verarbeitete die als plötzlicher Einfall auftauchende Vor- 
stellung zu einer Aeusserung der Befriedigung, die immer rasch und sicher genug 
Lügen gestraft wurde. Frau Cäcilie, eine hochintelligente Dame, der ich auch 
viel Förderung im Verständniss hysterischer Symptome verdanke, machte mich 
selbst darauf aufmerksam, dass solche Vorkommnisse Anlass zum bekannten Aber- 
glauben des Beschreiens und Berufens gegeben haben mögen. Man soll sich keines 
Glückes rühmen, andererseits auch den Teufel nicht an die Wand malen, sonst 
kommt er. Eigentlich rühmt man sich des Glückes erst dann, wenn das Unglück 
schon lauert, und man fasst die Ahnung in die Form des Rühmens, weil hier der 
Inhalt der Reminiscenz früher auftaucht als die dazu gehörige Empfindung^ 
weil im Bewusstsein also ein erfreulicher Contrast vorhanden ist. 



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— 64 — 

Das zuletzt beschriebene hysterische Delirium war auch die 
letzte erheblichere Störung im Befinden der Frau Emmy v. N. Da 
ich nicht selbständig nach Krankheitssymptomen und deren Begründung 
forschte, sondern zuwartete, bis sich etwas zeigte oder sie mir einen 
beängstigenden Gedanken eingestand, wurden die Hypnosen bald 
unergiebig und wurden von mir meistens dazu verwendet, ihr Lehren 
zu ertheilen, die in ihren Gedanken stets gegenwärtig bleiben und sie 
davor schützen sollten, zu Hause neuerdings in ähnliche Zustände zu 
verfallen. Ich stand damals völlig unter dem Banne des Bern- 
heim'schen Buches über die Suggestion und erwartete mehr von 
solcher lehrhafter Beeinflussung, als ich heute erwarten würde. Das 
Befinden meiner Patientin hob sich in kurzer Zeit so sehr, dass sie 
versicherte, sich seit dem Tode ihres Mannes nicht ähnlich wohl gefühlt 
zu haben. Ich entliess sie nach im Ganzen 7wöchentlicher Behandlung 
in ihre Heimath an der Ostsee. 

Nicht ich, sondern Dr. Breuer erhielt nach etwa 7 Monaten Nach- 
richt von ihr. Ihr Wohlbefinden hatte mehrere Monate angehalten und 
war dann einer neuerlichen psychischen Erschütterung erlegen. Ihre 
älteste Tochter, die bereits während des ersten Aufenthaltes in Wien 
es der Mutter an Genickkrämpfen und leichteren hysterischen Zuständen 
gleich gethan hatte, die vor Allem an Schmerzen beim Gehen in Folge 
einer Ketroflexio uteri litt, war auf meinen Eath von Dr. N. . ., einem 
unserer angesehensten Gynaekologen, behandelt worden, der ihr den 
Uterus durch Massage aufrichtete, so dass sie mehrere Monate frei 
von Beschwerden blieb. Als sich diese zu Hause wieder einstellten, 
wandte sich die Mutter an den Gynaekologen der nächsten Universitäts- 
stadt, welcher dem Mädchen eine combinirte locale und allgemeine 
Therapie angedeihen Hess, die aber zu einer schweren nervösen Er- 
krankung des Kindes führte. Wahrscheinlich zeigte sich hierin bereits 
die pathologische Veranlagung des damals 17jährigen Mädchens, die 
ein Jahr später in einer Charakterveränderung manifest wurde. Die 
Mutter, die das Kind mit ihrem gewohnten Gemische von Ergebung 
und Misstrauen den Aerzten überlassen hatte, machte sich nach dem 
unglücklichen Ausgang dieser Cur die allerheftigsten Vorwürfe, ge- 
langte auf einem Gedankenwege, dem ich nicht nachgespürt habe, zum 
Schluss, dass wir beide, Dr. N. . . und ich, Schuld an der Erkrankung 
des Kindes trügen, weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als 
leicht dargestellt, hob gewissermaassen durch einen Willensact die 
Wirkung meiner Behandlung auf und verfiel alsbald wieder in dieselben 



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— 65 — 

Zustände, von denen ich sie befreit hatte. Ein hervorragender Arzt in 
ihrer Nähe, an den sie sich wandte, und Dr. Breuer, der brieflich mit 
ihr verkehrte, vermochten es zwar, sie zur Einsicht von der Unschuld 
der beiden Angeklagten zu bringen, allein die zu dieser Zeit ge- 
fasste Abneigung gegen mich blieb ihr als hysterischer Rest auch 
nach dieser Aufklärung übrig, und sie erklärte, es sei ihr unmöglich, 
sich wieder in meine Behandlung zu begeben. Nach dem Eath jener 
ärztlichen Autorität suchte sie Hilfe in einem Sanatorium Norddeutsch- 
lands, und ich theilte auf Breuer's Wunsch dem leitenden Arzte der 
Anstalt mit, welche Modification der hypnotischen Therapie sich bei 
ihr wirksam erwiesen hatte. 

Dieser Versuch einer Uebertragung misslang ganz gründlich. Sie 
scheint sich von Anfang an mit dem Arzt nicht verstanden zu haben, 
erschöpfte sich im Widerstand gegen alles, was man mit ihr vornahm, 
kam herunter, verlor Schlaf und Esslust und erholte sich erst, nach- 
dem eine Freundin, die sie in der Anstalt besuchte, sie eigentlich heim- 
lich entführt und in ihrem Hause gepflegt hatte. Kurze Zeit darauf, 
genau 1 Jahr nach ihrem ersten Zusammentreffen mit mir, war sie 
wieder in Wien und gab sich wieder in meine Hände. 

Ich fand sie weit besser, als ich sie mir nach den brieflichen 
Berichten vorgestellt hatte. Sie war beweglich, angstfrei; es hatte doch 
vieles gehalten, was ich im Vorjahre aufgerichtet hatte. Ihre Haupt- 
klage war die über häufige Verworrenheit, „Sturm im Kopf**, wie sie 
es nannte ; ausserdem war sie schlaflos, musste oft durch Stunden 
weinen und wurde zu einer bestimmten Zeit des Tages (5 Uhr) traurig. 
Es war dies die Zeit, um welche sie im Winter die im Sanatorium 
befindliche Tochter besuchen durfte. Sie stotterte und schnalzte sehr 
viel, rieb häufig wie wüthend die Hände an einander, und als ich 
sie fragte, ob sie viel Thiere sehe, antwortete sie nur: „0, seien 
Sie still." 

Beim ersten Versuch, sie in Hypnose zu versetzen, ballte sie die 
Fäuste, schrie: „Ich will keine Antipyrininjection, ich will lieber meine 
Schmerzen behalten. Ich mag den Dr. E. . . nicht, er ist mir antipathisch.** 
Ich erkannte, dass sie in der Reminiscenz einer Hypnose in der 
Anstalt befangen sei, und sie beruhigte sich, als ich sie in die gegen- 
wärtige Situation zurückbrachte. 

Gleich zu Beginn der Behandlung machte ich eine lehrreiche 
Erfahrung. Ich hatte gefragt, seit wann das Stottern wiedergekommen sei^ 
und sie hatte (in der Hypnose) zögernd geantwortet: seit dem Schreck, 

Breuer u. Freud, Studien. 5 

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den sie im Winter in D. . . gehabt. Ein Kellner des Gasthofs, in dem 
sie wohnte, hatte sieh in ihrem Zimmer versteckt; sie habe das Ding in 
der Dunkelheit für einen Paletot gehalten, hingegriflfen, und da sei der 
Mann plötzlich „in die Höhe geschossen**. Ich nehme ihr dieses Er- 
innerungsbild ab, und wirklich stottert sie von da an in der Hypnose 
wie im Wachen kaum merklich. Ich weiss nicht mehr, was mich beweg, 
hier die Probe auf den Erfolg zu versuchen. Als ich am Abend wieder- 
kam, fragte ich sie anscheinend ganz harmlos, wie ich es denn machen 
solle, um bei meinem Weggehen, wenn sie im Schlafe liege, die Thüre 
so zu verschliessen, dass sich niemand hereinschleichen könne. Zu 
meinem Erstaunen erschrak sie heftig, begann mit Zähneknirschen und 
Händereiben, deutete an, sie habe einen heftigen Schreck in dieser Art 
in D. . . gehabt, war aber nicht zu bewegen, die Geschichte zu erzählen. 
Ich merkte, dass sie dieselbe Geschichte meine, die sie vormittags in 
der Hypnose erzählt, und die ich doch verwischt zu haben meinte. In 
der nächsten Hypnose erzählte sie nun ausführlicher und wahrheits- 
getreuer. Sie war in ihrer Erregung am Abend auf dem Gange hin und 
her gegangen, fand die Thür zum Zimmer ihrer Kammerfrau offen und 
wollte eintreten, um sich dort niederzusetzen. Die Kammerfrau vertrat 
ihr den Weg, sie Hess sich aoer nicht abhalten, trat dennoch ein und 
bemerkte dann jenes dunkle Ding an der Wand, das sich als ein Mann 
erwies. Offenbar war es das erotische Moment dieses kleinen Abenteuers 
gewesen, was sie zu einer ungetreuen Darstellung veranlasst hatte. Ich 
hatte aber erfahren, dass eine unvollständige Erzählung in der Hypnose 
keinen Heileffect hat, gewöhnte mich, eine Erzählung für unvollständig 
zu halten, wenn sie keinen Nutzen brachte, und lernte es allmählich den 
Kranken an der Miene abzusehen, ob sie mir nicht ein wesentliches Stück 
der Beichte verschwiegen hätten. 

Die Arbeit, die ich diesmal mit ihr vorzunehmen hatte, bestand 
in der hypnotischen Erledigung der unangenehmen Eindrucke, die sie 
während der Cur ihrer Tochter und während des eigenen Aufenthaltes 
in jener Anstalt in sich aufgenommen hatte. Sie war voll unterdrückter 
Wuth gegen den Arzt, der sie genöthigt hatte, in der Hypnose 
K..r..ö..t..e zu buchstabiren, und nahm mir das Versprechen ab, 
dieses Wort ihr niemals zuzumuthen. Ich erlaubte mir hier einen 
suggestiven Scherz, den einzigen, übrigens ziemlich harmlosen Miss- 
brauch der Hypnose, dessen ich mich bei dieser Patientin anzuklagen 
habe. Ich versicherte ihr, der Aufenthalt in ***thal würde ihr so sehr 
in die Ferne entrückt sein, dass sie sich nicht einmal auf den Namen 



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- 67 — 

besinnen und jedesmal, wenn sie ihn aussprechen wollte, sich zwischen 
. . . berg, . . . thal, . . . wald u. dgl. irren werde. Es traf so zu, und bald 
war die Unsicherheit bei diesem Namen die einzige Sprachhemmung, 
die an ihr zu beobachten war, bis ich sie auf eine Bemerkung von 
Dr. Breuer von diesem Zwang zur Paramnesie befreite. 

Länger als mit den Besten dieser Erlebnisse hatte ich mit den 
Zuständen zu kämpfen, die sie „Sturm im Kopfe '^ benannte. Als ich 
sie zum ersten Male in solch einem Zustand sah, lag sie mit verzerrten 
Zügen auf dem Divan in unaufhörlicher Unruhe des ganzen Körpers, 
die Hände immer wieder gegen die Stirne gepresst, und rief dabei 
wie sehnsüchtig und rathlos den Namen „Emmy*, der ihr eigener wie 
der ihrer älteren Tochter war. In der Hypnose gab sie die Auskünfte, 
der Zustand sei die Wiederholung so vieler Anfälle von Verzweiflung, 
die sie während der Cur ihrer Tochter zu ergreifen pflegten, nachdem 
sie Stunden lange darüber nachgedacht, wie man den schlechten Erfolg 
der Behandlung corrigiren könne, ohne einen Ausweg zu finden. Als 
sie dann fühlte, dass sich ihre Gedanken verwirrten, gewöhnte sie sich 
daran, den Namen der Tochter laut zu rufen, um sich an ihm wieder 
zur Klarheit heraus zu arbeiten. Denn zu jener Zeit, als der Zustand 
der Tochter ihr neue Pflichten auferlegte und sie fühlte, dass die 
Nervosität wieder Macht über sie gewinne, habe sie bei sich festgesetzt, 
dass alles, was dieses Kind beträfe, der Verwirrung entzogen bleiben 
müsse, sollte auch alles andere in ihrem Kopfe drunter und drüber 
gehen. 

Nach einigen Wochen waren auch diese Keminiscenzen über- 
wunden, und Frau Emmy verblieb in vollkommenem Wohlbefinden noch 
einige Zeit in meiner Beobachtung. Grade gegen Ende ihres Aufenthaltes 
fiel etwas vor, was ich ausführlich erzählen will, weil diese Episode 
das hellste Licht auf den Charakter der Kranken und auf die Ent- 
stehungsweise ihrer Zustände wirft. 

Ich besuchte sie einmal zur Zeit ihres Mittagsessens und über- 
raschte sie dabei, wie sie etwas in Papier gehüllt in den Garten warf, 
wo es die Kinder des Hausdieners auffiengen. Auf mein Befragen 
bekannte sie, es sei ihre (trockene) Mehlspeise, die alle Tage denselben 
Weg zu gehen pflege. Diess gab mir Anlass, mich nach den Resten 
der anderen Gänge umzusehen, und ich fand auf den Tellern mehr 
übriggelassen , als sie verzehrt haben konnte. Zur Rede gestellt, 
warum sie so wenig esse, antwortete sie, sie sei nicht gewöhnt, mehr 
zu essen, auch würde es ihr schaden; sie habe dieselbe Natur wie 

b* 

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ihr seliger Vater, der gleichfalls ein schwacher Esser gewesen sei. Als 
ich mich erkundigte, was sie trinke, kam die Antwort, sie vertrage 
überhaupt nur dicke Flüssigkeiten, Milch, Kaffee, Cacao und dgl. ; so 
oft sie Quellwasser oder Mineralwasser trinke, verderbe sie sich den 
Magen. Diess trug nun unverkennbar den Stempel einer nervösen 
Election. Ich nahm eine Harnprobe mit und fand den Harn sehr 
concentrirt und mit harnsauren Salzen überladen. 

Ich erachtete es demnach für zweckmässig, ihr reichlicheres 
Trinken anzurathen, und nahm mir vor, auch ihre Nahrungsaufnahme 
zu steigern. Sie war zwar keineswegs aufföllig mager, aber etwas 
Ueberernährung schien mir immerhin anstrebenswerth. Als ich ihr bei 
meinem nächsten Besuch ein alkalisches Wasser empfahl und die 
gewohnte Verwendung der Mehlspeise untersagte, gerieth sie in nicht 
geringe Aufregung. „Ich werde es thun, weil Sie es verlangen, aber 
ich sage Ihnen vorher, es wird schlecht ausgehen, weil es meiner 
Natur widerstrebt, und mein Vater war ebenso.*" Auf die in der 
Hypnose gestellte Frage, warum sie nicht mehr essen und kein Wasser 
trinken könne, kam ziemlich mürrisch die Antwort: „Ich weiss nicht**. 
Am nächsten Tage bestätigte mir die Wärterin, dass Frau Emmy 
ihre ganze Portion bewältigt und ein Glas des alkalischen Wassers 
getrunken habe. Sie selbst fand ich aber liegend, tief verstimmt und 
in sehr ungnädiger Laune. Sie klagte über sehr heftige Magen- 
schmerzen: „Ich habe es Ihnen ja gesagt. Jetzt ist der ganze Erfolg 
wieder weg, um den wir uns so lange gequält haben. Ich habe 
mir den Magen verdorben wie immer, wenn ich mehr esse oder 
Wasser trinke, und muss mich wieder 5 bis 8 Tage ganz aus- 
hungern, bis ich etwas vertrage.** Ich versicherte ihr, sie werde 
sich nicht aushungern müssen, es sei ganz unmöglich, dass man auf 
diese Weise sich den Magen verderbe; ihre Schmerzen rührten nur 
von der Angst her, mit der sie gegessen und getrunken. Offenbar 
hatte ich ihr mit dieser Aufklärung nicht den geringsten Eindruck 
gemacht, denn als ich sie bald darauf einschläfern wollte, misslang 
die Hypnose zum ersten Male, und an dem wüthenden Blicke, den sie 
mir zuschleuderte, erkannte ich, dass sie in voller Auflehnung be- 
griffen, und dass die Situation sehr ernst sei. Ich verzichtete auf die 
Hypnose, kündigte ihr an, dass ich ihr eine 24 stündige Bedenkzeit 
lasse, um sich der Ansicht zu fügen, dass ihre Magenschmerzen nur 
von ihrer Furcht kämen; nach dieser Zeit werde ich sie fragen, ob 
sie noch meine, man könne sich den Magen auf 8 Tage hinaus durch 



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— 69 — 

ein Glas Mineralwasser und eine bescheidene Mahlzeit verderben, und 
wenn sie bejahe, werde ich sie bitten abzureisen. Die kleine 
Scene stand in recht scharfem Contrast zu unseren, sonst sehr freund- 
schaftlichen Beziehungen. 

Ich traf sie 24 Stunden später demüthig und mürbe. Auf die 
Frage, wie sie über die Herkunft ihrer Magenschmerzen denke, ant- 
wortete sie, einer Verstellung unfähig: „Ich glaube, dass sie von 
meiner Angst kommen, aber nur, weil Sie es sagen." Jetzt versetzte 
ich sie in Hypnose und fragte neuerdings: „Warum können Sie nicht 
mehr essen?** 

Die Antwort erfolgte prompt und bestand wieder in der Angabe 
einer chronologisch geordneten Reihe von Motiven aus der Erinnerung: 
„Wie ich ein Kind war, kam es oft vor, dass ich aus Unart bei Tisch 
mein Fleisch nicht essen wollte. Die Mutter war dann immer sehr 
streng, und ich musste bei schwerer Strafe 2 Stunden später das 
stehen gelassene Fleisch auf demselben Teller nachessen. Das Fleisch 
war ganz kalt geworden und das Fett so starr (Ekel), . . . und ich sehe 
die Gabel noch vor mir, ... die eine Zinke war etwas verbogen. Wenn 
ich mich jetzt zu Tisch setze, sehe ich immer die Teller vor mir 
mit dem kalten Fleisch und dem Fett; und wie ich viele Jahre später 
mit meinem Bruder zusammenlebte, der Officier war und der die 
garstige Krankheit hatte; — ich wusste, dass es ansteckend ist, und 
hatte so eine grässliche Angst, mich in dem Besteck zu irren und 
seine Gabel und sein Messer zu nehmen (Grausen), und ich habe doch 
mit ihm zusammengespeist, damit niemand merkt, dass er krank ist; 
und wie ich bald darauf meinen anderen Bruder gepflegt habe, der so 
lungenkrank war, da haben wir vor seinem Bett gegessen, und die 
Spuckschale stand immer auf dem Tisch und war often (Grausen), . . . und 
er hatte die Gewohnheit, über die Teller weg in die Schale zu spucken, 
da habe ich mich immer so geekelt, und ich konnte es doch nicht 
zeigen, um ihn nicht zu beleidigen. Und diese Spuckschalen stehen 
immer noch auf dem Tisch, wenn ich esse, und da ekelt es mich noch 
immer.** Ich räumte mit diesem Instrumentarium des Ekels natürlich 
gründlich auf und fragte dann, warum sie kein Wasser trinken könne. 
Als sie 17 Jahre alt wai-, verbrachte die Familie einige Monate in 
München, und fast alle Mitglieder zogen sich durch den Genuss des 
schlechten Trinkwassers Magenkatarrhe zu. Bei den Anderen wurde 
das Leiden durch ärztliche Anordnungen bald behoben, bei ihr hielt 
es an; auch das Mineralwasser, das ihr als Getränk empfohlen wurde. 



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besserte nichts. Sie dachte sich gleich, wie der Arzt ihr diese Ver- 
ordniiDg gab: Das wird gewiss auch nichts nützen. Seither hatte sich 
diese Intoleranz gegen Quell- und Mineralwässer ungezählte Male 
wiederholt. 

Die therapeutische Wirkung dieser hypnotischen Erforschung 
war eine sofortige und nachhaltige. Sie hungerte sich nicht 8 Tage 
lang aus, sondern ass und trank schon am nächsten Tag ohne alle 
Beschwerden. Zwei Monate später schrieb sie in einem Brief: „Ich 
esse sehr gut und habe um vieles zugenommen. Von dem Wasser 
habe ich schon 40 Flaschen getrunken. Glauben Sie, soll ich damit 
fortfahren?*' 

Ich sah Frau v. N . . im Frühjahr des nächsten Jahres auf 
ihrem Gute bei D . . wieder. Ihre ältere Tochter, deren Namen sie 
während der „Stürme im Kopf" zu rufen pflegte, trat um diese Zeit 
in eine Phase abnormer Entwicklung ein, zeigte einen ungemessenen 
Ehrgeiz, der im Missverhältniss zu ihrer kärglichen Begabung stand, 
wurde unbotmässig und selbst gewaltthätig gegen die Mutter. Ich 
besass noch das Vertrauen der letzteren und wurde hinbeschieden, 
um mein Urtheil über den Zustand des jungen Mädchens abzugeben. 
Ich gewann einen ungünstigen Eindruck von der psychischen Ver- 
änderung, die mit dem Kinde vorgegangen war, und hatte bei der 
Stellung der Prognose noch die Thatsache in Anschlag zu bringen, 
dass sämmtliche Halbgeschwister der Kranken (Kinder des Herrn 
V. N . . aus erster Ehe) an Paranoia zu Grunde gegangen waren. In 
der Familie der Mutter fehlte es ja auch nicht an einem ausgiebigen 
Maass von neuropathischer Belastung, wenngleich von ihrem nächsten 
Verwandtenkreis kein Mitglied in endgiltige Psychose verfallen war. 
Frau V. N . ., der ich die Auskunft, die sie verlangt hatte, ohne 
Kückhalt ertheilte, benahm sich dabei ruhig und verständnissvoll. Sie 
war stark geworden, sah blühend aus, die '^i^ Jahre seit Beendigung 
der letzten Behandlung waren in relativ hohem Wohlbefinden ver- 
flossen, das nur durch Genickkrämpfe und andere kleine Leiden gestört 
worden war. Den ganzen Umfang ihrer Pflichten, Leistungen und 
geistigen Interessen lernte ich erst während dieses mehrtägigen Auf- 
enthaltes in ihrem Hause kennen. Ich traf auch einen Hausarzt an, 
der nicht allzuviel über die Dame zu klagen hatte; sie war also mit 
der „profession" einigermaassen ausgesöhnt. 

Die Frau war um so vieles gesünder und leistungsfähiger ge- 
worden, aber an den Grundzügen ihres Charakters hatte sich trotz 



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~ 71 — 

aller lehrhaften Suggestionen wenig verändert. Die Kategorie der 
^indifferenten Dinge** schien sie mir nicht anerkannt zu haben, ihre 
Neigung zur Selbstquälerei war kaum geringer als zur Zeit der Be- 
handlung. Die hysterische Disposition hatte auch Während dieser guten 
Zeit nicht geruht, sie klagte z. B. über eine Unfähigkeit, längere 
Eisenbahnreisen zu machen, die sie sich in den letzten Monaten 
zugezogen hatte, und ein noth gedrungen eiliger Versuch, ihr dieses 
Hinderniss aufzulösen, ergab nur verschiedene kleine unangenehme 
Eindrücke, die sie sich auf den letzten Fahrten nach D . . und in die 
Umgebung geholt hatte. Sie schien sich in der Hypnose aber nicht 
gerne mitzutheilen, und ich kam schon damals auf die Vermuthung, 
dass sie im Begriffe sei, sich meinem Einfluss wiederum zu entziehen, 
und dass die geheime Absicht der Eisenbahnhemmung darin liege, 
eine neuerliche Reise nach Wien zu verhindern. 

Während dieser Tage äusserte sie auch jene Klage über Lücken 
in ihrer Erinnerung «gerade in den wichtigsten Begebenheiten**, aus 
der ich schloss, dass meine Arbeit vor 2 Jahren eingreifend genug 
und dauernd gewirkt hatte. — Als sie mich eines Tages durch 
eine Allee führte, die vom Hause bis zu einer Bucht der See reichte, 
wagte ich die Frage, ob diese Allee oft mit Kröten besetzt sei. Zur 
Antwort traf mich ein strafender Blick, doch nicht begleitet von den 
Zeichen des Grausens, und dann folgte ergänzend die Aeusserung: „Aber 
wirkliche gibt es hier". — Während der Hypnose, die ich zur Er- 
ledigung der Eisenbahnhemmung unternahm, schien sie selbst von 
den Antworten, die sie gab, unbefriedigt, und sie drückte die Furcht 
aus, sie wurde jetzt wohl der Hypnose nicht mehr so gehorchen wie 
früher. Ich beschloss, sie vom Gegentheil zu überzeugen. Ich schrieb 
einige Worte auf einen Zettel nieder, den ich ihr übergab, und sagte: 
„Sie werden mir heute Mittag wieder ein Glas Rothwein einschänken 
wde gestern. Sowie ich das Glas zum Mund führe, werden Sie sagen: 
Ach bitte, schänken Sie mir auch ein Glas voll, und wenn ich dann nach 
der Flasche greife, werden Sie rufen: Nein, ich danke, ich will doch 
lieber nicht. Darauf werden Sie in Ihre Tasche greifen und den Zettel 
hervorziehen, auf dem dieselben Worte stehen**. Das war Vormittags; 
wenige Stunden später vollzog sich die kleine Scene genau so, wie ich sie 
angeordnet hatte, und in so natürlichem Hergang, dass sie keinem der 
zahlreichen Anwesenden auffiel. Sie schien sichtlich mit sich zu kämpfen, 
als sie von mir den Wein verlangte, — sie trank nämlich niemals Wein, — 
und nachdem sie mit offenbarer Erleichterung das Getränk abbestellt 

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— 72 — 

hatte, griff sie in die Tasche, zog den Zettel hervor, auf dem ihre 
letztgesprochenen Worte zu lesen waren, schüttelte den Kopf und sah 
mich erstaunt an. 

Seit diesem Besuche im Mai 1890 wurden meine Nachrichten 
über Frau v. N . . allmählich spärlicher. Ich erfuhr auf Umwegen, dass 
der unerquickliche Zustand ihrer Tochter, der die mannigfaltigsten 
peinlichen Erregungen für sie mit sich brachte, ihr Wohlbefinden 
endlich doch untergraben habe. Zuletzt erhielt ich von ihr (Sommer 
1893) ein kurzes Schreiben, in dem sie mich bat zu gestatten, dass 
sie ein anderer Arzt hypnotisire, da sie wieder leidend sei und nicht 
nach Wien kommen könne. Ich verstand anfangs nicht, weshalb es dazu 
meiner Erlaubniss bedürfe, bis mir die Erinnerung auftauchte, dass ich 
sie im Jahre 1890 auf ihren eigenen Wunsch vor fremder Hypnose 
geschützt hatte, damit sie nicht wieder in Gefahr komme, wie damals 
in **berg (. . .thal, . . .wald) unter dem peinlichen Zwang eines ihr 
unsympathischen Arztes zu leiden. Ich verzichtete jetzt also schriftlich 
auf mein ausschliessliches Vorrecht. 

Epikrise. 

Es ist ja ohne vorherige eingehende Verständigung über den 
Werth und die Bedeutung der Namen nicht leicht zu entscheiden, ob 
ein Krankheitsfall zur Hysterie oder zu den anderen (nicht rein 
neurasthenischen) Neurosen gezählt werden soll, und auf dem Gebiete 
der gemeinhin vorkommenden gemischten Neurosen wartet man noch 
auf die ordnende Hand, welche die Grenzsteine setzen und die für die 
Charakteristik wesentlichen Merkmale hervorheben soll. Wenn man 
bis jetzt also Hysterie im engeren Sinne nach der Aehnlichkeit mit 
den bekannten typischen Fällen zu diagnosticiren gewohnt ist, so wird 
man dem Falle der Frau Emmy v. N . . die Bezeichnung einer Hysterie 
kaum streitig machen können. Die Leichtigkeit der Delirien und 
Hallucinationen bei im üebrigen intacter geistiger Thätigkeit, die Ver- 
änderung der Persönlichkeit und des Gedächtnisses im künstlichen 
Somnambulismus, die Anästhesie an der schmerzhaften Extremität, 
gewisse Daten der Anamnese, die Ovarie und dgl. lassen keinen Zweifel 
über die hysterische Natur der Erkrankung oder wenigstens der 
Kranken zu. Dass die Frage überhaupt aufgeworfen werden kann, rührt 
von einem bestimmten Charakter dieses Falles her, welcher auch Anlass 
zu einer allgemein giltigen Bemerkung bieten darf. Wie aus unserer 
Eingangs abgedruckten „Vorläufigen Mittheilung** ersichtlich, betrachten 

r^onnlp^ Original fnom 

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wir die hysterischen Symptome als Effecte und Beste von Erregungen, 
welche das Nervensystem als Traumen beeinflusst haben. Solche Reste 
bleiben nicht übrig, wenn die ursprüngliche Erregung durch Ab- 
reagiren oder Denkarbeit abgeführt worden ist. Man kann es hier nicht 
länger abweisen, Quantitäten (wenn auch nicht messbare) in Betracht 
zu ziehen, den Vorgang so aufzufassen, als ob eine an das Nerven- 
system herantretende Summe von Erregung in Dauersymptome 
umgesetzt würde, insoweit sie nicht ihrem Betrag entsprechend zur 
Action nach aussen verwendet worden ist. Wir sind nun gewohnt bei 
der Hysterie zu finden, dass ein erheblicher Theil der „Erregungssumme'' 
des Traumas sich in rein körperliche Symptome umwandelt. Es ist 
dies ja jener Zug der Hysterie, der durch so lange Zeit ihrer Auf- 
fassung als psychiöche AflFection im Wege gestanden ist. 

Wenn wir der Kürze halber die Bezeichnung „Conversion" für 
die Umsetzung psychischer Erregung in körperliche Dauersymptome 
wählen, welche die Hysterie auszeichnet, so können wir sagen, der 
Fall der Frau Emmy v. N . . zeigt einen geringen Betrag von Con Version, 
die ursprünglich psychische Erregung verbleibt auch zumeist auf 
psychischem Gebiet, und es ist leicht einzusehen, dass er dadurch 
jenen anderen nicht hysterischen Neurosen ähnlich wird. Es gibt Fälle 
von Hysterie, in denen die Conversion den gesammten Keizzuwachs 
betrifft, so dass die körperlichen Symptome der Hysterie in ein 
scheinbar völlig normales Bewusstsein hereinragen; gewöhnlicher aber 
ist eine unvollständige Umsetzung, so dass wenigstens ein Theil des 
das Trauma begleitenden Affectes als Componente der Stimmung im 
Bewusstsein verbleibt. 

Die psychischen Symptome unseres Falles von wenig convertirter 
Hysterie lassen sich gruppiren als Stimmungsveränderung (Angst, 
melancholische Depression), Phobien und Abulien (Willenshemmungen). 
Die beiden letzteren Arten von psychischer Störung, die von der 
Schule französischer Psychiater als Stigmata der nervösen Degeneration 
aufgefasst werden, erweisen sich aber in unserem Falle als ausreichend 
determinirt durch traumatische Erlebnisse ; es sind zumeist traumatische 
Phobien und Abulien, wie ich im Einzelnen ausführen werde. 

Von den Phobien entsprechen einzelne allerdings den piimären 
Phobien des Menschen, insbesondere des Neuropathen, so vor allem 
die Thierfurcht (Schlangen, Kröten und ausserdem all das Ungeziefer, 
nls dessen Herr sich Mephistopheles rühmt), die Gewitterfurcht u. a. 
Doch sind auch diese Phobien durch traumatische Erlebnisse befesti<»t 



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— 74 - 

worden, so die Furcht vor Kröten durch den Eindruck in früher 
Jugend, als ihr ein Bruder eine todte Kröte nachwarf, worauf sie den 
Anfall hysterischer Zuckungen bekam; die Gewitterfiircht durch jenen 
Schreck, der zur Entstehung des Schnalzens Anlass gab ; die Furcht 
vor Nebel durch jenen Spaziergang auf Rügen; immerhin spielt in 
dieser Gruppe die primäre, sozusagen instinctive Furcht, als psychisches 
Stigma genommen, die Hauptrolle. 

Die anderen und specielleren Phobien sind auch durch besondere 
Erlebnisse gerechtfertigt. Die Furcht vor einem unerwarteten, plötzlichen 
Schreckniss ist das Ergebniss jenes schrecklichsten Eindrucks in ihrem 
Leben, als sie ihren Mann mitten aus bester Gesundheit an einem 
Herzschlag verscheiden sah. Die Furcht vor fremden Menschen, die 
Menschenfurcht überhaupt, erweist sich als Rest aus jener Zeit, in der sie 
den Verfolgungen ihrer Familie ausgesetzt und geneigt war, in jedem 
Fremden einen Agenten der Verwandtschaft zu sehen, oder in der ihr 
der Gedanke nahe lag, die Fremden wüssten um die Dinge, die 
mündlich und schriftlich über sie verbreitet wurden. Die Angst vor 
dem Irrenhause und dessen Einwohnern geht auf eine ganze Reihe 
von traurigen Erlebnissen in ihrer Familie und auf Schilderungen zu- 
rück, die dem horchenden Kinde eine dumme Dienstmagd machte, 
ausserdem stützt sich diese Phobie einerseits auf das primäre, instinc- 
tive Grauen des Gesunden vor dem Wahnsinn, andererseits auf die 
wie bei jedem Nervösen so auch bei ihr vorhandene Sorge, selbst 
dem Wahnsinn zu verfallen. Eine so specialisirte Angst wie die, dass 
jemand hinter ihr stünde, wird durch mehrere schreckhafte Eindrücke 
aus ihrer Jugend und aus späterer Zeit motivirt. Seit einem ihr 
besonders peinlichen Erlebniss im Hotel, peinlich, weil es mit Erotik 
verknüpft ist, wird die Angst vor dem Einschleichen einer fremden 
Person besonders hervorgehoben; endlich eine den Neuropathen so 
häufig eigene Phobie, die vor dem Lebendigbegrabenwerden, findet ihre 
volle Aufklärung in dem Glauben, dass ihr Mann nicht todt war, als 
man seine Leiche forttrug, einem Glauben, in dem sich die ünßihigkeit 
so rührend äussert, sich in das plötzliche Aufhören der Gemeinschaft 
mit dem geliebten Wesen zu finden. Ich meine übrigens, dass alle 
diese physischen Momente nur die Auswahl, aber nicht die Fort- 
dauer der Phobien erklären können. Für letztere muss ich ein neu- 
rotisches Moment heranziehen, den Umstand nämlich, dass die 
Patientin sich seit Jahren in sexueller Abstinenz befand, womit einer 
der häufigsten Anlässe zur Angstneigung gegeben ist. 



C^ rkrsn\i> Original fnom 

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— /o — 

Die bei unserer Kranken vorhandenen Abulien (Willensliemmungen, 
Unßlhigkeiten) gestatten noch weniger als die Phobien die Auffassung 
von psychischen Stigmen in Folge allgemein eingeengter Leistungs- 
fähigkeit. Vielmehr macht die hypnotische Analyse des Falles er- 
sichtlich, dass die Abulien hier durch einen zweifachen psychischen 
Mechanismus bedingt werden, der im Grunde wieder nur einer ist. Die 
Abulie ist entweder einfach die Folge einer Phobie, nämlich in allen den 
Fällen, in denen die Phobie sich an eine eigene Handlung knüpft 
anstatt an eine Erwartung (Ausgehen, Menschen aufsuchen; — der 
andere Fall, dass sich jemand einschleicht u. s. w.), und Ursache der 
Willenshemmung ist die mit dem Erfolg der Handlung verknüpfte 
Angst. Man thäte Unrecht daran, diese Art von Abulien neben den 
ihnen entsprechenden Phobien als besondere Symptome aufzuführen, 
nur muss man zugestehen, dass eine derartige Phobie bestehen kann, 
wenn sie nicht allzu hochgradig ist, ohne zur Abulie zu führen. Die 
andere Art der Abulien beruht auf der Existenz affectvoll betonter, 
ungelöster Associationen, die sich der Anknüpfung neuer Associationen, 
und insbesondere unverträglicher Art widersetzen. Das glänzendste 
Beispiel einer solchen Abulie bietet die Anorexie unserer Kranken. Sie 
isst nur so wenig, weil es ihr nicht schmeckt, und sie kann dem 
Essen keinen Geschmack abgewinnen, weil der Act des Essens bei ihr 
von Alters her mit Ekelerinnerungen verknüpt ist, deren Affectbetrag 
noch keine Verminderung erfahren ist. Es ist aber unmöglich, gleich- 
zeitig mit Ekel und mit Lust zu essen. Die Verminderung des an den 
Mahlzeiten von früher her haftenden Ekels hat darum nicht stattgehabt, 
weil sie alle Male den Ekel unterdrücken musste, anstatt sich von 
ihm durch Reaction zu befreien; als Kind war sie aus Furcht vor 
Strafe gezwungen, mit Ekel die kalte Malzeit zu essen, und in 
reiferen Jahren verhinderte sie die Rücksicht auf die Brüder, die 
Affecte zu äussern, denen sie bei den gemeinsam genommenen Mal- 
zeiten unterlag. 

Ich darf hier vielleicht an eine kleine Arbeit erinnern, in der ich 
versucht habe, eine psychologische Erklärung der hysterischen Läh- 
mungen zu geben. Ich gelangte dort zur Annahme, die Ursache dieser 
Lähmungen liege in der Unzugänglichkeit des Vorstellungskreises 
etwa einer Extremität für neue Associationen; diese associative Unzu- 
gänglichkeit selbst rühre aber davon her, dass die Vorstellung des 
gelähmten Gliedes in die mit unerledigtem Affect behaftete Erinnerung 
des Traumas einbezogen sei. Ich führte aus den Beispielen des ge- 



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wohnlichen Lebens an, dass eine solche Besetzung einer Vorstellung mit 
unerledigtem Affect jedesmal ein gewisses Maass von associativer ünzu- 
gänglichkeit, von Unverträglichkeit mit neuen Besetzungen mit sich bringt. ^ 

Es ist mir nun bis heute nicht gelungen, meine damaligen Vor- 
aussetzungen für einen Fall von motorischer Lähmung durch hypno- 
tische Analyse zu erweisen, aber ich kann mich auf die Anorexie der 
Frau V. N . . als Beweis dafür berufen, dass dieser Mechanismus für 
gewisse Abulien der zutreffende ist, und Abulien sind ja nichts anderes 
als sehr specialisirte, — „systematisirte** nach französischem Ausdruck 
— psychische Lähmungen. 

Man kann den psychischen Sachverhalt bei Frau v. N . . im 
Wesentlichen charakterisiren, wenn man zweierlei hervorhebt: 1. Es 
sind bei ihr die peinlichen Affecte von traumatischen Erlebnissen 
unerledigt verblieben, so die Verstimmung, der Schmerz (über den 
Tod des Mannes), der Groll (von den Verfolgungen der Verwandten), 
der Ekel (von den gezwungenen Mahlzeiten), die Angst (von so vielen 
schreckhaften Erlebnissen), u. s. w. und 2. es besteht bei ihr eine leb- 
hafte Erinnerungsthätigkeit, welche bald spontan, bald auf erweckende 
Beize der Gegenwart hin (z. B. bei der Nachricht von der Kevolution 
in S. Domingo) Stück für Stück der Traumen mitsammt den sie 
begleitenden Affecten in's actuelle Bewusstsein ruft. Meine Therapie 
schloss sich dem Gange dieser Erinnerungsthätigkeit an und suchte 
Tag für Tag aufzulösen und zu erledigen, was der Tag an die 
Oberfläche gebracht hatte, bis der erreichbare VoiTath an krank- 
machenden Erinnerungen erschöpft schien. 

An diese beiden psychischen Charaktere, die ich für allgemeine 
Befunde bei hysterischen Paroxysmen halte, liessen sieh einige wichtige 
Betrachtungen anschliessen, die ich verschieben will, bis dem Mecha- 
nismus der körperlichen Symptome einige Aufmerksamkeit geschenkt 
wurde. 

Man kann nicht die gleiche Ableitung für alle körperlichen 
Symptome der Kranken geben, vielmehr erfährt man selbst aus diesem 
hieran nicht reichen Falle, dass die körperlichen Symptome einer 
Hysterie auf verschiedene Weisen zu Stande kommen. Ich gestatte mir 
zunächst, die Schmerzen zu den körperlichen Symptomen zu stellen. 
Soviel ich sehen kann, war ein Theil der Schmerzen gewiss organisch 
bedingt durch jene leichten (rheumatischen) Veränderungen in Muskeln, 



^ Archives de Neurologie, Nr, 77, 1893. 

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Sehnen und Fascien, die dem Nervösen soviel mehr Schmerz bereiten als 
dem Gesunden; ein anderer Theil der Schmerzen war höchst wahrscheinlich 
Schmerzerinnerung, Erinnerungssymbol der Zeiten von Aufregung und 
Krankenpflege, die im Leben der Kranken so viel Platz eingenommen 
hatten. Auch diese Schmerzen mochten ursprünglich einmal organisch 
berechtigt gewesen sein, waren aber seither für die Zwecke der Neu- 
rose verarbeitet worden. Ich stütze diese Aussagen über die Schmerzen 
bei Frau v. N. . . auf anderswo gemachte Erfahrungen, welche ich an 
einer späteren Stelle dieser Arbeit mittheilen werde; an der Kranken 
selbst war gerade über diesen Punkt wenig Aufklärung zu gewinnen. 

Ein Theil der auffälligen Bewegungserscheinungen, welche Frau 
V. N . . zeigte, war einfach Ausdruck von Gemüthsbewegung und 
leicht in dieser Bedeutung zu erkennen, so das Vorstrecken der 
Hände mit gespreizten und gekrümmten Fingern als Ausdruck des 
Grausens, das Mienenspiel und dgl. Allerdings ein lebhafterer und 
ungehemmterer Ausdnick der Gemüthsbewegung als der sonstigen 
Mimik dieser Frau, ihrer Erziehung und ihrer Kace entsprach; sie 
war, wenn nicht im hysterischen Zustande, gemessen, fast steif in ihren 
Ausdrucksbewegungen. Ein anderer Theil ihrer Bewegungssymptome 
stand nach ihrer Angabe in directem Zusammenhang mit ihren 
Schmerzen; sie spielte ruhelos mit den Fingern (1888), oder rieb die 
Hände an einander (1889), um nicht schreien zn müssen, und diese 
Motivirung erinnert lebhaft an eines der Darwin'schen Principien zur 
Erklärung der Ausdrucksbewegung, an das Princip der „Ableitung der 
Erregung", durch welches er z. B. das Schweifwedeln der Hunde er- 
klärt. Den Ersatz des Schreiens bei schmerzhaften Beizen durch 
andersartige motorische Innervation üben wir übrigens Alle. Wer 
sich beim Zahnarzt vorgenommen hat, Kopf und Mund ruhig zu 
halten und nicht mit den Händen dazwischenzufahren, der trommelt 
wenigstens mit den Füssen. 

Eine complicirtere Weise der Conversion lassen die tickähnlichen 
Bewegungen bei Frau v. N . . erkennen, das Zungenschnalzen und 
Stottern, das Kufen ihres Namens „Emmy** im Anfall von Verworren- 
heit, die zusammengesetzte Schutzformel — „Seien sie still — Keden 
sie nichts — Kühren sie mich nicht an** (1888). Von diesen motorischen 
Aeusserungen lassen Stottern und Schnalzen eine Erklärung nach 
einem Mechanismus zu, den ich in einer kleinen Mittheilung in der 
Zeitschrift für Hypnotismus Band I, 1893 als „Objectivirung der 
Contrastvorstellung" bezeichnet habe. Der Vorgang hierbei wäre, an 

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unserem Beispiel selbst erläutert, folgender: Die durch Sorge und 
Wachen erschöpfte Hysterica sitzt beim Bette ihres kranken Kindes, das 
endlich! eingeschlafen ist. Sie sagt sich: Jetzt musst du aber ganz 
stille sein, damit du die Kleine nicht aufweckst. Dieser Vorsatz er- 
weckt wahrscheinlich eine Contrastvorstellung, die Befürchtung, sie 
werde doch ein Geräusch machen, das die Kleine aus dem lang er- 
sehnten Schlafe weckt. Solche Contrastvorstellungen gegen den Vorsatz 
entstehen auch in uns merklicher Weise dann, wenn wir uns in der 
Durcliführung eines wichtigen Vorsatzes nicht sicher fühlen. 

Der Neurotische, in dessen Selbstbewusstsein ein Zug von De- 
pression, von ängstlicher Erwartung selten vermisst wird, bildet solcher 
Contrastvorstellungen eine grössere Anzahl, oder er nimmt sie leichter 
wahr; ^ie erscheinen ihm auch bedeutsamer. Im Zustande der Er- 
schöpfung, in dem sich unsere Kranke befindet, erweist sich nun die 
Contrastvorstellung, die sonst abgewiesen wurde, als die stärkere; sie 
ist es, die sich objectivirt, und die nun zum Entsetzen der Kranken 
das gefürchtete Geräusch wirklich erzeugt. Zur Erklärung des ganzen 
Vorganges nehme ich noch an, dass die Erschöpfung eine partielle ist; 
sie betrifft, wie man in den Terminis J a n e t's und seiner Nachfolger 
sagen würde, nur das primäre Ich der Kranken, sie hat nicht zur 
Folge, dass auch die Contrastvorstellung geschwächt wird. 

Ich nehme ferner an, dass es das Entsetzen über das wider 
Willen producirte Geräusch ist. welches den Moment zu einem 
traumatisch wirksamen macht und dies Geräusch selbst als leibliches 
Erinnerungssymptom der ganzen Scene fixirt. Ja, ich glaube in dem 
Charakter dieses Ticks selbst, der aus mehreren spastisch hervor- 
gestossenen, durch Pausen von einander getrennten Lauten besteht, 
die am meisten mit Schnalzen Aehnlichkeit haben, die Spur des Vor- 
ganges zu erkennen, dem er seine Entstehung verdankte. Es scheint, 
dass sich ein Kampf zwischen dem Vorsatz und der Contrastvor- 
stellung, dem „Gegen willen", abgespielt hat, der dem Tick den ab- 
gesetzten Charakter gab, und der die Contrastvorstellung auf un- 
gewöhnliche Innervationswege der Sprachmuskulatur einschränkte. 

Von einem im Wesen ähnlichen Anlass blieb die spastische 
Sprachhemmung, das eigenthümliche Stottern übrig, nur dass diesmal 
nicht der Erfolg der schliesslichen Innervation, der Schrei, sondern 
der Innervationsvorgang selbst, der Versuch einer krampfhaften Hemmung 
der Sprach Werkzeuge zum Symbol des Ereignisses für die Erinnerung 
erhoben wurde. 



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Beide, durch ihre Entstehungsgeschichte nahe verwandten Sym- 
ptome, Schnalzen und Stotteni, blieben auch fernerhin associirt und 
wurden durch eine Wiederholung bei einem ähnlichen Anlasse zu 
Dauersymptomen. Dann aber wurden sie einer weiteren Verwendung 
zugeführt. Unter heftigem Erschrecken entstanden, gesellten sie sich 
von nun an (nach dem Mechanismus der monosymptomatischen 
Hysterie, den ich bei Fall V aufzeigen werde) zu jedem Schreck 
hinzu, wenn derselbe auch nicht zum Objectiviren einer Contrast- 
vorstellung Anlass geben konnte. 

Sie waren endlich mit so vielen Traumen verknüpft, hatten soviel 
Kecht, sich in der Erinnerung zu reproduciren, dass sie ohne weiteren 
Anlass nach Art eines sinnlosen Tick beständig die Kede unterbrachen. 
Die hypnotische Analyse konnte dann aber zeigen, wieviel Be- 
deutung sich hinter diesem scheinbaren Tick verberge, und wenn es 
der Breuer'schen Methode hier nicht gelang, beide Symptome mit 
einem Schlage vollständig zum Verschwinden zu bringen, so kam 
diess daher, dass die Katharsis nur auf die drei Haupttraumen und 
Dicht auf die secundär associirten ausgedehnt wurde. ^ 



* Ich könnte hier den Eindruck erwecken, als legte ich den Details der 
Symptome zuviel Gewicht bei und verlöre mich in überflüssige Zeichendeuterei. 
Allein ich habe gelernt, dass die Determinirung der hysterischen Symptome wirklich 
bis in deren feinste Ausführung hinabreicht, und dass man ihnen nicht leicht zuviel 
Sinn unterlegen kann. Ich will ein Beispiel beibringen, das mich rechtfertigen 
wird. Vor Monaten behandelte ich ein 18j ähriges Mädchen aus belasteter 
Familie, an dessen complicirter Neurose die Hysterie ihren gebührenden Antheil hatte. 
Das erste, was ich von ihr erfuhr, war die Klage über Anfälle von Verzweiflung 
mit zweierlei Inhalt. Bei den einen verspürte sie ein Ziehen und Prickeln in der 
unteren Gesichtspartie von den Wangen herab gegen den Mund ; bei den anderen 
streckten sich die Zehen an beiden Füssen krampfhaft und spielten ruhelos hin 
und her. Ich war anfangs auch nicht geneigt, diesen Details viel Bedeutung 
beizumessen, und früheren Bearbeitern der Hysterie wäre es sicherlich nahe 
gelegen, in diesen Erscheinungen Beweise für die Heizung corticaler Centren beim 
hysterischen Anfall zu erblicken. Wo die Centren für solche Parästhesien liegen, 
wissen wir zwar nicht, es ist aber bekannt, dass solche Parästhesien die partielle 
Epilepsie einleiten und die sensorische Epilepsie C h a r c o t's ausmachen. Für die 
Zehenbewegungen wären symmetrische Rindenstellen in nächster Nähe der Median- 
spalte verantwortlich zu machen. Allein es klärte sich anders. Als ich mit dem Mädchen 
besser bekannt worden war, fragte ich sie einmal directe, was für Gedanken ihr 
bei solchen Anfällen kämen ; $ie solle sich nicht geniren, sie müsste wohl eine 
Erklärung für die beiden Erscheinungen geben können. Die Kranke wurde roth 
vor Scham und Hess sich endlich ohne Hypnose zu folgenden Aufklärungen 
bewegen, deren Beziehung auf die Wirklichkeit von ihrer anwesenden Gesell- 



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— 80 — 

Das Rufen des Namens „Emmy** in Anfällen von Verwirrung, 
welche nach den Regeln hysterischer Anfälle die häufigen Zustände 



Schafte rin vollinhaltlich bestätigt wurde. Sie hatte vom Eintritt der Menses an 
durch Jahre an der Cephalaea adolescentiura gelitten, die ihr jede anhaltende 
Beschäftigung unmöglich machte und sie in ihrer Ausbildung unterbrach. Endlich 
von diesem Hinderniss befreit, beschloss das ehrgeizige und etwas einfältige Kind, 
mächtig an sich zu arbeiten, um seine Schwestern und Altersgenossinnen wieder 
einzuholen. Dabei strengte sie sich übei jedes Maass an, und eine sokhe Bemühung 
endete gewöhnlich mit einem Ausbruch von Verzweiflung darüber, dass sie ihre 
Kräfte überschätzt habe. Natürlich pflegte sie sich auch körperlich mit anderen 
Mädchen zu vergleichen und unglücklich zu sein, wenn sie an sich einen körperlichen 
Nachtheil entdeckt hatte. Ihr (ganz deutlicher) Prognathismus begann sie zu 
kränken, und sie kam auf die Idee, ihn zu corrigiren, indem sie sich Viertelstunden 
lang darin übte, die Oberlippe über die vorstehenden Zähne herabzuziehen. Die 
Erfolglosigkeit dieser kindischen Bemühung führte einmal zu einem Ausbruch von 
Verzweiflung, und von da an war Ziehen und Prickeln von der Wange nach abwärts 
als Inhalt der einen Art von Anfällen gegeben. — Nicht minder durchsichtig war 
die Detcrminirung der anderen Anfälle mit dem motorischen Symptom der Zehen- 
streckung und Zehenunruhe. Es war mir angegeben worden, dass der erste solche 
Anfall nach einer Partie auf den Schafberg bei Ischl aufgetreten sei, und die 
Angehörigen waren natürlich geneigt, ihn von Ueberanstrengnng abzuleiten. Das 
Mädchen berichtete aber Folgendes : Es sei ein unter den Geschwistern beliebtes 
Thema gegenseitiger Neckerei, einander auf ihre (unleugbar) grossen Füsse 
aufmerksam zu machen. Unsere Patientin, seit langer Zeit über diesen Schönheits- 
fehler unglücklich, versuchte ihren Fuss in die engsten Stiefel zu zwängen, allein 
der aufmerksame Papa litt dies nicht und sorgte dafür, dass sie nur bequeme 
Fussbekleidung trug. Sie war recht unzufrieden mit dieser Verfügung, dachte 
immer daran und gewöhnte sich, mit den Zehen im Schuh zu spielen, wie man 
es thut, wenn man abmessen will, ob der Schuh um vieles zu gross ist, einen 
wieviel kleineren Schuh man vertragen könnte u. dgl. Während der Bergpartie 
auf den Schafberg, die sie gar nicht anstrengend fand, war natürlich wieder 
Gelegenheit, sich bei den verkürzten Röcken mit dem Schuhwerk zu beschäftigen. 
Eine ihrer Schwestern sagte ihr unterwegs : „Du hast aber heute besonders grosse 
Schuhe angezogen." Sie probirte mit den Zehen zu spielen; es kam ihr auch so 
vor. Die Aufregung über die unglücklich grossen Füsse verliess sie nicht mehr, 
und als sie nach Hause kamen, brach der erste Anfall los, in dem als Erinnerungs- 
symbol für den ganzen verstimmenden Gedankengang die Zehen krampften und 
sich unwillkürlich bewegten. 

Ich bemerke, dass es sich hier um Anfalls- und nicht um Dauersymptome 
handelt ; ferner füge ich hinzu, dass nach dieser Beichte die Anfälle der ersten 
Art aufhörten, die der zweiten mit Zehenunruhe sich fortsetzten. Es musste also 
wohl noch ein Stück dabei sein, das nicht gebeichtet wurde. 

Nachschrift: Ich habe später auch diess erfahren. Das thörichte Mädchen 
arbeitete darum so übereifrig an seiner Verschönerung, weil es — einem jungen 
Vetter gefallen wollte. 



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— 81 — 

von Kathlosigkeit während der Cur der Tochter reproducirten, war 
durch einen complicirten Gedankengang mit dem Inhalt des Anfalls 
verknüpft und entsprach etwa einer Schutzformel der Kranken gegen 
diesen Anfall. Dieser Ruf hätte wahrscheinlich auch die Eignung ge- 
habt, in mehr lockerer Ausnützung seiner Bedeutung zum Tick herab- 
zusinken; die complicirte Schutzformel „ßnhren Sie mich nicht 
an etc." war zu dieser Anwendung bereits gelangt, aber die hypno- 
tische Therapie hielt in beiden Fällen die weitere Entwicklnng dieser 
Symptome auf. Den ganz frisch entstandenen Kuf „Emmy** fand 
ich noch auf seinen Mutterboden, den Anfall von Verwin'ung, 
beschränkt. 

Ob nun diese motorischen Symptome wie das Schnalzen durch 
Objectivirung einer Contrastvorstellung, wie das Stottern durch blosse 
Conversion der psychischen Erregung in's Motorische, wie der Kuf 
^Emmy" und die längere Formel als Schutzvorrichtungen durch ge- 
wollte Action der Kranken im hysterischen Paroxysmus entstanden 
sein mögen, ihnen allen ist das Eine gemeinsam, dass sie ur- 
sprünglich oder fortdauernd in einer aufzeigbaren Verbindung mit 
Traumen stehen, für welche sie in der Erinnerungsthätigkeit als Sym- 
bole eintreten. 

Andere körperliche Symptome der Kranken sind überhaupt nicht 
liysterischer Natur, so die Genickkrämpfe, die ich als modificirte 
Migränen auffasse, und die als solche eigentlich gar nicht zu 
den Neurosen, sondern zu den organischen Aifectionen zu stellen sind. 
An sie knüpfen sich aber regelmässig hysterische Symptome an; bei 
Frau V. N. werden die Genickkrämpfe zu hysterischen Anfällen ver- 
wendet, während sie über die typischen Erscheinungsformen des hy- 
sterischen Anfalles nicht verfügte. 

Ich will die Charakteristik des psychischen Zustandes der 
Frau V. N. vervollständigen, indem ich mich den bei ihr nachweis- 
baren krankhaften Veränderungen des BewuSstseins zuwende. Wie 
durch die Genickkrämpfe, so wird sie auch durch peinliche Eindrücke 
der Gegenwart (vgl. das letzte Delirium im Garten) oder durch 
mächtige Anklänge an eines ihrer Traumen in einen Zustand von 
Delirium versetzt, in welchem — nach den wenigen Beobachtungen, 
die ich darüber anstellte, kann ich nichts anderes aussagen — eine 
ähnliche Einschränkung des Bewusstseins, ein ähnlicher Associations- 
zwang wie im Traum obwaltet, Hallucinationen und Illusionen äusserst 
erleichtert sind und schwachsinnige oder geradezu widersinnige Schlüsse 

Breaer u. Freud, Studien. 6 

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— 82 — 

gezogen werden. Dieser Zustand, mit einer geistigen Alienation ver- 
gleichbar, vertritt wahrscheinlich ihren Anfall, etwa eine acute Psy- 
chose als Anfallsäquivalent, die mau als „hallucinatorische Verworren- 
heit* classificiren würde. Eine weitere Aehnlichkeit mit dem typischen 
hysterischen Anfall liegt noch darin, dass zumeist ein Stück der alten 
traumatischen Erinnerungen als Grundlage des Deliriums nachweisbar 
ist. Der üebergang aus dem Normalzustand in dieses Delirium voll- 
zieht sich häutig ganz unmerklich; eben hat sie noch ganz correct 
von wenig affectiven Dingen gesprochen und bei der Fortsetzung des 
Gespräches, das sie auf peinliche Vorstellungen führt, merke ich an 
ihren gesteigerten Gesten, an dem Auftreten ihrer Spruchformeln und 
dgl., dass sie delirirt. Zu Beginn der Behandlung zog sich das De- 
lirium durc^i den ganzen Tag hindurch, so dass es schwer fiel, von 
den einzelnen Symptomen mit Sicherheit anzusagen, ob sie — wie die 
Gesten — nur dem psychischen Zustand als Anfallssymptome ange- 
hörten, oder wie Schnalzen und Stottern zu wirklichen Dauersym- 
ptomen geworden waren. Oft gelang es erst nachträglich zu unter- 
scheiden, was im Delirium, was im Normalzustand vorgefallen war. 
Die beiden Zustände waren nämlich durch das Gedächtniss getrennt, 
und sie war dann aufs äusserste erstaunt zu hören, welche Dinge das 
Delirium an eine im Normalen geführte Conversation angestückelt 
hatte. Meine erste Unterhaltung mit ihr war das merkwürdigste Bei- 
spiel dafür, wie die beiden Zustände durch einander durchgingen, ohne 
von einander Notiz zu nehmen. Nur einmal ereignete sich während 
dieses psychischen Wippens eine Beeinflussung des die Gegenwart 
verfolgenden Normalbewusstseins, als sie mir die aus dem Delirium 
stammende Antwort gab, sie sei eine Frau aus dem vorigen Jahr- 
hundert. 

Die Analyse dieses Deliriums bei Frau v. N. ist wenig er- 
schöpfend geworden, hauptsächlich darum, weil ihr Zustand sich als- 
bald so besserte, dass die Delirien sich scharf vom Normalleben son- 
derten und sich auf die Zeiten der Genickkrämpfe einschränkten. Um 
so mehr Erfahrung habe ich über das Verhalten der Patientin in 
einem dritten psychischen Zustand, in dem des künstlichen Somnam- 
bulismus, gesammelt. Während sie in ihrem eigenen Normalzustande 
nicht wosste, was sie in ihren Delirien und was sie im Somnam- 
bulismus psychisch erlebt hatte, verfügte sie im Somnambulismus 
über die Erinnerungen aller drei Zustande; sie war hier eigentlich am 
normalsten. Wenn ich abziehe, dass sie als Somnambule weit weniger 

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— 83 — 

reservirt gegen mich war als in ihren besten Stunden des gewöhn- 
lichen Lebens, d. h. mir als Somnambule Mittheilungen über ihre 
Familie u. dgl. machte, während sie mich sonst behandelte als wäre 
ich ein Fremder, wenn ich ferner davon absehe, dass sie die volle 
Suggerirbarkeit der Somnambulen zeigte, muss ich eigentlich sagen, 
sie war als Somnambule in einem vollkommen normalen Zustande. 
Es war interessant zu beobachten, dass dieser Somnambulismus 
andererseits keinen Zug des üebernormalen zeigte, dass er mit allen 
psychischen Mängeln behaftet war, die wir dem normalen Bewiisst- 
seinszustande zutrauen. Das Verhalten des somnambulen Gedächt- 
nisses mögen folgende Proben erläutern. Einmal drückte sie mir im 
Gespräch ihr Entzücken über eine schöne Topfpflanze aus, welche die 
Vorhalle des Sanatoriums zierte. „Aber wie heisst sie nur, Herr 
üoctor? Wissen Sie nicht? Ich habe den deutschen und den latei- 
nischen Namen gewusst und beide vergessen.** Sie war eine treffliche 
Kennerin der Pflanzen, während ich bei dieser Gelegenheit meine 
botanische Unbildung eingestand. Wenige Minuten später frage ich 
sie in der Hypnose: Wissen Sie jetzt den Namen der Pflanze im 
Stiegenhaus? Die Antwort lautet ohne jedes Besinnen: Mit dem 
deutschen Namen heisst sie Türkenlilie, den lateinischen habe ich 
wirklich vergessen. Ein andermal erzählt sie mir in gutem Wohl- 
befinden von einem Besuch in den Katakomben von Kom und kann 
sich auf zwei Termine der Beschreibung nicht besinnen, zu denen 
auch ich ihr nicht verlielfen kann. Unmittelbar darauf erkundige ich 
mich in der Hypnose, welche Worte sie meinte. Sie weiss es auch 
in der Hypnose nicht. Ich sage darauf: Denken Sie nicht weiter nach, 
morgen zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags im Garten, näher an 
G Uhr, werden sie Ihnen plötzlich einfallen. 

Am nächsten Abend platzt sie während einer den Katakomben 
ganz • entfremdeten Unterhaltung plötzlich heraus: Kvypte, Herr 
Doctör, und Columbarium. — Ah, das sind ja die Worte, auf die Sie 
gestern nicht kommen konnten. Wann sind sie Ihnen denn eingefallen? 

— Heute Nachmittag im Garten, kurz ehe ich hinaufgegangen bin. 

— Ich merkte, dass sie mir auf diese Weise zeigen wollte, sie habe 
genau die angegebene Zeit eingehalten, denn sie war gewohnt, den 
Garten gegen 6 Uhr zu verlassen. So verfügte sie also auch im 
Somnambulismus nicht über den ganzen Umfang ihres Wissens, es 
gab auch far ihn noch ein actuelles und ein potentielles Bewusstsein. 
Oft genug kam es auch vor, dass sie im Somnambulismus auf meine 

6* 

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— Si — 

Frage: Woher rührt diese oder jene Erscheinung? die Stirne in Falten 
zog und nach einer Pause kleinlaut die Antwort gab: Das weiss ich 
nicht. Dann hatte ich die Gewohnheit angenommen zu sagen: Be- 
sinnen Sie sich, Sie werden es gleich erfahren; und sie konnte mir 
nach ein w^enig Nachdenken die verlangte Auskunft geben. Es traf 
sicli aber auch, dass ihr nichts einfiel, und dass ich ihr die Aufgabe 
hinterlassen musste. sich bis morgen daran zu erinnern, was auch 
jedesmal zutraf. Die Frau, die im gewöhnlichen Leben peinlichst jeder 
Unwahrheit aus dem Wege ging, log auch in der Hypnose niemals; 
es kam aber vor, dass sie unvollständige Angaben machte, mit einem 
Stück des Berichtes zurückhielt, bis ich ein zweites Mal die Vervoll- 
ständigung erzwang. Wie in dem auf pag. 66 gegebenen Beispiel, 
war es meist die Abneigung, die ihr das Thema einflösste, welche ihr 
auch im Somnambulismus den Mund verschloss. Trotz dieser Züge 
von Einschränkung war aber doch der Eindruck, den ihr psychisches 
Verhalten im Somnambulismus machte, im Ganzen der einer unge- 
hemmten Entfaltung ihrer geistigen Kraft und der vollen Verfügung 
über ihren Erinnerungsschatz. 

Ihre unleugbar grosse Suggerirbarkeit im Somnambulismus war 
indess von einer krankhaften Widerstandslosigkeit weit entfernt. Im 
Ganzen muss ich sagen, machte ich doch nicht mehr Eindruck auf 
sie, als ich bei solchem Eingehen auf den psychischen Mechanismus 
bei jeder Person hätte erwarten dürfen, die mir mit grossem Ver- 
trauen und in voller Geistesklarheit gelauscht hätte, nur dass Frau 
v. N. mir in ihrem sogenannten Normalzustand eine solche günstige 
j)sychische Verfassung nicht entgegenbringen konnte. Wo es mir, wie 
bei der Thierfurcht, nicht gelang, ihr Gründe der Ueberzeugung bei- 
zubringen, oder wo ich nicht auf die psychische Entstehungsgeschichte 
des Symptoms einging, sondern mittelst autoritativer Suggestion wirken 
wollte, da merkte ich jedesmal den gespannten, unzufriedenen Aus- 
druck in der Miene der Somnambulen, und wenn ich dann zum 
Schlüsse fragte : Also, werden Sie sich noch vor diesem Thier 
fürchten? war die Antwort: Neiu, — weil Sie es verlangen. Ein solches 
Versprechen, das sich nur auf ihre Gefügigkeit gegen mich stützen 
konnte, hatte aber eigentlich niemals Erfolg, so wenig Erfolg wie die 
vielen allgemeinen Lehren, die ich ihr gab, anstatt deren ich eben 
so gut die eine Suggestion : Seien Sie gesund, hätte wiederholen können. 

Dieselbe Person, die ilire Krankheitssymptome gegen die Sug- 
gestion so hartnäckig festhielt und sie nur gegen psychische Analyse 

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— 85 — 

oder Ueberzeugung fallen Hess, war andererseits gefügig wie das 
beste Spitalsmedium, wo es sich um belanglose Suggestionen han- 
delte, Dinge, die nicht in Beziehung zu ihrer Krankheit standen. 
Ich habe Beispiele von solchem posthypnotischen Gehorsam in der 
Krankengeschichte mitgetheilt. Ich finde keinen Widerspruch in diesem 
Verhalten. Das Kecht der stärkeren Vorstellung musste sich auch 
hier geltend machen. Wenn man auf den Mechanismus der patho" 
logischen „fixen Idee* eingeht, findet man dieselbe begründet und 
gestützt durch so viele und intensiv wirkende Erlebnisse, dass man 
sich nicht wundern kann, wenn sie im Stande ist, der suggerirten, 
wiederum nur mit einer gewissen Kraft ausgestatteten, Gegenvorstellung 
erfolgreich Widerstand zu leisten. Es wäre nur ein wahrhaft patho- 
logisches Gehirn, in dem es möglich wäre,* so berechtigte Ergebnisse 
intensiver psychischer Vorgänge durch die Suggestion wegzublasen.^ 



^ Von diesem interessanten Gegensatze zwischen dem weitestgehenden 
somnambulen Gehorsam in allen anderen Stücken und der hartnäckigsten Beständig- 
keit der Krankheitssymptome, weil letztere tief begründet und der Analyse unzu- 
gänglich sind, habe ich mir in einem anderen Falle einen tiefen Eindruck geholt. 
Ich behandelte ein junges, lebhaftes und begabtes Mädchen, das seit 1^2 Jahren 
mit schwerer Gangstörung behaftet war, durch länger als 5 Monate, ohne ihr 
helfen zu können. Das Mädchen hatte Analgesie und schmerzhafte Stellen an 
beiden Beinen, rapiden Tremor an den Händen, ging vorgebeugt mit schweren 
Beinen, kleinen Schritten und ach wankte wie cerebellar, fiel auch öfters hin. Ihre 
Stimmung war eine auffällig heitere. Eine unserer damaligen Wiener Autoritäten 
hatte sich durch diesen Symptomcomplex zur Diagnose einer multiplen Sclerose 
verleiten lassen, ein anderer Fachmann erkannte die Hysterie, für die auch die 
complicirtere Gestaltung des Krankheitsbildes zu Beginn der Erkrankung sprach 
(Schmerzen, Ohnmächten, Amaurose), und wies mir die Behandlung der Kranken 
zu. Ich versuchte ihren Gang durch hypnotische Suggestion, Behandlung der Beine 
in der Hypnose etc. zu bessern, aber ohne jeden Erfolg, obwohl sie eine aus- 
gezeichnete Somnambule war. Eines Tages, als sie wieder in's Zimmer geschwankt 
kam, den einen Arm auf den ihres Vaters, den anderen auf einen Regenschirm 
gestützt, dessen Spitze bereits stark abgerieben war, wurde ich ungeduldig und 
schrie sie in der Hypnose an: „Das ist jetzt die längste Zeit so gewesen. Morgen 
Vormittag wird schon der Schirm da in der Hand zerbrechen, und Sie werden 
ohne Schirm nach Hause gehen müssen, von da an werden Sie keinen Schirm 
mehr brauchen.** Ich weiss nicht, wie ich zu der Dummheit kam, eine Suggestion 
an einen Regenschirm zu richten; ich schämte mich nachträglich und ahnte nicht, 
dass meine kluge Patientin meine Rettung vor dem Vater, der Arzt war und 
den Hypnosen beiwohnte, übernehmen würde. Am nächsten Tage erzählte mir der 
Vater: „Wissen Sie, was sie gestern gethan hat? Wir gehen auf der Ringstrassc 
spazieren; plötzlich wird sie ausgelassen lustig und fängt an — mitten auf der 
Strasse — zu singen: Ein freies Leben führen wir, schlägt dazu den Takt mit dem 



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— 86 - 

Als ich den somnambulen Zustand der Frau v. N. studirte, stiegen 
in mir zum erstenmal gewichtige Zweifel an der Richtigkeit des Satzes 
Bern heim 's: Tout est dans la Suggestion, und an dem Gedanken- 
gange seines scharfsinnigen Freundes Delb oe uf ,,Comme quoi il n'y a 
pas d'hypnotisme'* auf. Ich kann es auch heute nicht verstehen, dass 
mein vorgehaltener Finger und das einmalige „Schlafen Sie* den beson- 
deren psychischen Zustand der Kranken geschaffen haben soll, in dem 
ihr Gedächtnis alle ihre psycliischen Erlebnisse umfasste. Ich konnte 
den Zustand hervorgerufen haben, geschaffen habe ich ihn nicht durch 
meine Suggestion, da seine Charaktere, die übrigens allgemein giltige 
sind, mich so sehr überraschten. 

Auf welche Weise hier im Somnambulismus Therapie geübt wurde, 
ist aus der Krankengeschichte zur Genüge ersichtlich. Ich bekämpfte, 
wie es in der hypnotischen Psychotherapie gebräuchlich, die vorhandenen 
krankhaften Vorstellungen durch Versicherung, Verbot, Einführung von 
Gegenvorstellungen jeder Art, begnügte mich aber nicht damit, sondern 
ging der Entstehungsgeschichte der einzelnen Symptome nach, um die 
Voraussetzungen bekämpfen zu können, auf denen die krankhaften 
Ideen aufgebaut waren. Während dieser Analysen ereignete es sich dann 
regelmässig, dass die Kranke sich unter den Zeichen heftigster Erregung 
über Dinge aussprach, deren Affect bisher nur Abfluss als Ausdruck 
von Gemüthsbewegung gefunden hatte. Wieviel von dem jedesmaligen 
therapeutischen Erfolg auf dies Wegsuggeriren in statu nascendi, wieviel 
auf die Lösung des Affectes durch Abreagiren kam, kann ich nicht an- 
geben, denn ich habe beide therapeutischen Momente zusammenwirken 
lassen. Dieser Fall wäre demnach für den strengen Nachweis, dass der 



Schirm gegen das Pflaster und zerbricht deri Schirm.** Sie hatte natürlich keine 
Ahnung davon, dass sie selbst mit soviel Witz eine unsinnige Suggestion in eine 
glänzend gelungene verwandelt hatte. Als ihr Zustand auf Versicherung, Gebot 
und Behandlung in der Hypnose sich nicht besserte, wandt« ich mich an die 
psychische Analyse und verlangte zu wissen, welche Gemüthsbewegung dem Aus- 
bruch des Leidens vorhergegangen war. Sie erzählte jetzt (in der Hypnose, aber 
ohne alle Erregung), dass kurz vorher ein junger Verwandter gestorben sei, als 
dessen Verlobte sie sich seit langen Jahren betrachtet habe. Diese Mittheilung 
linderte aber gar nichts an ilirem Zustand; in dir nächsten Hv-pnose sagte ich 
ihr demnach, ich sei ganz überzeugt, der Tod des Vetters habe mit ihrem Znstand 
nichts zu thun, es sei etwas anderes vorgefallen, was sie nicht erwähnt habe. 
Nun liess sie sich zu einer einzigen Andeutung hinreissen, aber kaum dass sie 
ein Wort gesagt hatte, verstummte sie, und der alte Vater, der hinter ihr sass, 
begann bitterlich zu schluchzen. Ich drang natürlich nicht weiter in die Kranke^ 
bekam sie aber auch nicht wieder zu Gesichte. 



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— 87 — 

kathartischen Methode eine therapeutische Wirksamkeit innewohnt, nicht 
zu verwerten, allein ich muss doch sagen, dass nur jene Krankheits- 
symptome wirklich auf die Dauer beseitigt worden sind, bei denen 
ich die psychische Analyse durchgeführt hatte. 

Der therapeutische Erfolg war im Ganzen ein recht beträchtlicher, 
aber kein dauernder; die Eignung der Kranken, unter neuerlichen Traumen, 
die sie trafen, in änlicher Weise zu erkranken, wurde nicht beseitigt. 
Wer die endgiltige Heilung einer solchen Hysterie unternehmen wollte, 
müsste sich eingehendere Rechenscbaft über den Zusammenhang der 
Phänomene geben, als ich damals versuchte. Frau v. N. war sicherlich 
eine neuropathisch hereditär belastete Person. Ohne solche Disposition 
bringt man wahrscheinlich überhaupt keine Hysterie zu Stande. Aber 
die Disposition allein macht auch noch keine Hysterie, es gehören 
Gründe dazu und zwar, wie ich behaupte, adäquate Gründe, eine 
Aetiologie bestimmter Natur. Ich habe vorhin erwähnt, dass bei Frau 
V. N. die Affecte so vieler traumatischer Erlebnisse erhalten schienen, 
und dass eine lebhafte Erinnerungsthätigkeit bald dies, bald jenes 
Trauma an die psychische Obei-fläche brachte. Ich möchte mich nun 
getrauen, den Grund für diese Erhaltung der Affecte bei Frau v. N. 
anzugeben. Er hängt allerdings mit ihrer hereditären Anlage zusammen. 
Ihre Empfindungen waren nämlich einerseits sehr intensiv, sie war eine 
heftige Natur, der grössten Entbindung von Leidenschaftlichkeit föhig; 
andererseits lebte sie seit dem Tode ihres Mannes in völliger seelischer 
Vereinsamung, durch die Verfolgungen der Verwandtschaft gegen 
Freunde misstrauisch gemacht, eifersüchtig darüber wachend, dass 
Niemand zuviel Einfluss auf ihr Handeln gewinne. Der Kreis ihrer 
Pflichten war ein gi'osser, und die ganze psychische Arbeit, die ihr 
aufgenöthigt war, besorgte sie allein ohne Freund oder Vertraute, fast 
isolirt von ihrer Familie und unter der Erschwerung, die ihre Gewissen- 
haftigkeit, ihre Neigung zur Selbsquälerei, oft auch ihre natürliche 
Rathlosigkeit als Frau ihr auferlegten. Kurz, der Mechanismus der 
Eetentiou grosser Erregungssummen an und für sich ist 
hier nicht zu verkennen. Er stützt sich theils auf die Umstände ihres 
Lebens, theils auf ihre natürliche Anlage; ihre Scheu z. B., etwas 
über sich mitzutheilen, war so gross, dass keiner von den täglichen 
Besuchern ihres Hauses, wie ich 1891 mit Erstaunen merkte, sie als 
krank oder mich als ihren Arzt kannte. 

Ob ich damit die Aetiologie dieses Falles von Hysterie erschöpft 
habe? Ich glaube es nicht, denn ich stellte mir zur Zeit der beiden 



CoOqIp Original from 

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Behandlungen noch nicht jene Fragen, deren Beantwortung es für eine 
erschöpfende Aufklärung bedarf. Ich denke jetzt, es muss noch etwas 
hinzugekommen sein, um bei den durch lange Jahre unveränderten 
ätiologisch wirksamen Verhältnissen einen Ausbruch des Leidens gerade 
in den letzten Jahren zu provociren. Es ist mir auch aufgefallen, dass 
in all don intimen Mittheilungen, die mir die Patientin machte, das 
sexuelle Element, das doch wie kein anderes Anlass zu Traumen gibt, 
völlig fehlte. So ohne jeglichen Best können die Erregungen in dieser 
Sphäre wohl nicht geblieben sein, es war wahrscheinlich eine editio 
in usum delphini ihrer Lebensgeschichte, die ich zu hören bekam. Die 
Patientin war in ihrem Benehmen von der grössten, ungekünstelt er- 
scheinenden Decenz, ohne Prüderie. Wenn ich aber an die Zurück- 
haltung denke, mit der sie mir in der Hypnose das kleine Abenteuer 
ihrer Kammerfrau im Hotel erzählte, komme ich auf den Verdacht, 
diese heftige, so starker Empfindungen fähige Frau habe den Sieg über 
ihre sexuellen Bedürfnisse nicht ohne schwere Kämpfe gewonnen, und 
sich zu Zeiten bei dem Versuch einer Unterdrückung dieses mächtigsten 
aller Triebe psychisch schwer erschöpft. Sie gestand mir einmal, 
dass sie nicht wieder geheiratet habe, weil sie bei ihrem grossen Ver- 
mögen der Uneigennützigkeit der Bewerber nicht vertrauen konnte, und 
weil sie sich Vorwürfe gemacht hätte, den Interessen ihrer beiden 
Kinder durch eine neue Verheiratung zu schaden. 

Noch eine Bemerkung muss ich anfügen, ehe ich die Kranken- 
geschichte der Frau v. N. beschliesse. Wir kannten sie beide ziemlich 
genau, Dr. Breuer und ich, und durch ziemlich lange Zeit, und wir 
pflegten zu lächeln, wenn wir ihr Charakterbild mit der Schilderung 
der hysterischen Psyche verglichen, die sich seit alten Zeiten durch 
die Bücher und die Meinung der Aerzte zieht. Wenn wir Jius der 
Beobachtung der Frau Cäcilie M. . . . ersehen hatten, dass Hysterie 
schwerster Form mit der reichhaltigsten und originellsten Begabung 
vereinbar ist — eine Thatsache, die übrigens aus den Biogi*aphien der 
für Geschichte und Literatur bedeutsamen Frauen bis zur Evidenz 
hervorleuchtet, — so hatten wir an Frau Emmy v. N. ein Beispiel 
dafür, dass die Hysterie auch tadellose Charakterentwicklung und 
zielbewusste Lebensführung nicht ausschliesst. Es war eine ausgezeich- 
nete Frau, die wir kennen gelernt hatten, deren sittlicher Ernst in der 
Auffassung ihrer Pflichten, deren geradezu männliche Intelligenz und 
Energie, deren hohe Bildung und Wahrheitsliebe uns beiden imponirte, 
während ihre gütige Fürsorge für alle ihr unterstehenden Personen, 

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ihre innere Bescheidenheit und die Feinheit ihrer Umgangsformen sie 
auch als Dame achtenswert erscheinen Hess. Eine solche Frau eine 
^Degenerirte** zu nennen, heisst die Bedeutung dieses Wortes bis zur 
Unkenntlichkeit entstellen. Man thut gut daran, die „disponirten'' 
Menschen von den „degenerirten" begrifflich zu sondern, sonst wird 
man sich zum Zugeständnis gezwungen sehen, dass die Menschheit 
einen guten Theil ihrer grossen Errungenschaften den Anstrengungen 
„degenerirter** Individuen zu lerdanken hat. 

Ich gestehe auch, ich kann in der Geschichte der Frau v. N. 
nichts von der „psychischen Minderleistung'' finden, aufweiche P. Janet 
die Entstehung der Hysterie zurückführt. Die hysterische Disposition 
bestünde nach ihm in einer abnormen Enge des Bewusstseinsfeldes 
(infolge hereditärer Degeneration), welche zur Vernachlässigung ganzer 
Reihen von Wahrnehmungen, in weiterer Folge zum Zerfall des Ich und 
zur Organisirung secundärer Persönlichkeiten Anlass gibt. Demnach müsste 
auch der Rest des Ich, nach Abzug der hysterisch organisirten psychi- 
schen Gruppen, minder leistungsfähig sein als das normale Ich, 
und in der That ist nach Janet dieses Ich bei den Hysterischen mit 
psychischen Stigmaten belastet, zum Monoideismus verurtheiltund der 
gewöhnlichen Willensleistungen des Lebens unfähig. Ich meine, Janet 
hat hier Folgezustände der hysterischen Bewusstseinsveränderung mit Un- 
recht zu dem Rang von primären Bedingungen der Hysterie erhoben. Das 
Thema ist einer eingehenderen Behandlung an anderer Stelle wert; 
bei Frau v. N. aber war von solcher Minderleistung nichts zu bemerken. 
Während der Periode ihrer schwersten Zustände war und blieb sie 
fähig, ihren Antheil an der Leitung eines grossen industriellen Unter- 
nehmens zu besorgen, die Erziehung ihrer Kinder niemals aus den Augen 
zu verlieren, ihren Briefverkehr mit geistig hervorragenden Personen 
fortzusetzen, kurz allen ihren Pflichten soweit nachzukommen, dass 
ihr Kranksein verborgen bleiben konnte. Ich sollte doch meinen, das 
ergäbe ein ansehnliches Maass von psychischer Ueberleistung, das viel- 
leicht auf die Dauer nicht haltbar war, das zu einer Erschöpfung, zur 
sekundären ,.Misfere psychologique'^ führen musste. Wahrscheinlich be- 
gannen zur Zeit, da ich sie zuerst sah, bereits solche Störungen ihrer 
Leistungsfähigkeit sich fühlbar zu machen, aber jedenfalls hatte schwere 
Hysterie lange Jahre vor diesen Symptomen der Erschöpfung be- 
standen. 



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— Qu- 
ill. Miss Lucy R., 30 J. (Freud.) 

Ende 1892 wies ein befreundeter College eine junge Dame an mich, 
die wegen chronisch wiederkehrender eitriger Khinitiden in seiner Be- 
handlung stand. Wie sich später herausstellte, war eine Caries des 
Siebbeines die Ursache der Hartnäckigkeit ihrer Beschwerden. Zuletzt 
hatte sich die Patientin an ihn w^^gen neuer Symptome gewendet, die 
der kundige Arzt nicht mehr auf locale Aflfection schieben konnte. Sie 
hatte die Geruchswahrnehmung völlig eingebüsst und wurde von ein 
oder zwei subj^ctiven Geruchsempfindungen fast unausgesetzt verfolgt. 
Sie empfand dieselben sehr peinlich, war ausserdem in ihrer Stimmung 
gedruckt, müde, klagte über schweren Kopf, verminderte Esslust und 
Leistungsunfähigkeit. 

Die junge Dame, die als Gouvernante im Hause eines Fabriks- 
directors im erweiterten Wien lebte, besuchte mich von Zeit zu Zeit 
in meiner Ordinationsstunde. Sie war Engländerin, von zarter Con- 
stitution, pigmentarm, bis auf die Affection der Nase gesund. Ihre 
ersten Mittheilungen bestätigten die Angaben des Arztes. Sie litt 
an Verstimmung und Müdigkeit, wurde von subjectiven Genichs- 
empfindungen gequält, zeigte von hysterischen Symptomen eine ziemlich 
deutliche, allgemeine Analgesie bei intacter Tastempfindlichkeit; die 
Gesichtsfelder ergaben bei grober Prüfung (mit der Hand) keine Ein- 
schränkung. Das Innere der Nase war vollkommen analgisch und 
reflexlos. Berührungen Avurden verspürt, die Wahrnehmung dieses 
Sinnesorganes war sowohl für specifische, wie für andere Keize 
(Ammoniak, Essigsäure) aufgehoben. Der eitrige NasenkataiTh befand 
sich eben in einer Periode der Besserung. 

Bei dem ersten Bemühen, den Krankheitsfall verständlich zu 
machen, mussten sich die subjectiven Geruchsempfindungen als wieder- 
kehrende Hallucinationen der Deutung von hysterischen Dauersymptomen 
fügen. Die Verstimmung war vielleicht der zu dem Trauma gehörige 
Affect, und es musste sich ein Erlebniss finden lassen, bei dem diese 
jetzt subjectiv gewordenen Gerüche objectiv gewesen waren; dieses 
Erlebniss musste das Trauma sein, als dessen Symbole in der Erinnerung 
die Geruchsempfindungen wiederkehren. Vielleicht war es richtiger, 
die wiederkehrenden Geruchs-Hallucinationen, sammt der sie begleitenden 
Verstimmung, als Aequivalente des hysterischen Anfalls zu betrachten; 
die Natur wiederkehrender Hallucinationen macht sie ja zur Bolle von 
Dauersymptomen ungeeignet. Darauf kam es in diesem rudimentär 
ausgebildeten Falle wirklich nicht an; durchaus erforderlich war aber, 

r^onnlp^ Original fnom 

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dass die subjectiven Geruchsempfindiingeii eine solche Specialisirung 
zeigten, wie sie ihrer Herkunft von einem ganz bestimmten realen 
Object entsprechen konnte. 

Diese Erwartung erfüllte sich alsbald. Auf meine Frage, was 
für ein Geruch sie zumeist verfolge, erhielt ich die Antwort: wie von 
verbrannter Mehlspeise. Ich brauchte also nur anzunehmen, es sei 
wirklich der Geruch verbrannter Mehlspeise, der in dem traumatisch 
wirksamen Erlebniss vorgekommen sei. Dass Geruchsempfindungen zum 
Erinnerungssymbol von Traumen gewählt werden, ist zwar recht unge- 
wöhnlich, allein es lag nahe, einen Grund für diese Auswahl anzugeben. 
Die Kranke war mit eitriger Ehinitis behaftet, darum die Nase und 
deren Wahrnehmungen im Vordergrund ihrer Aufmerksamkeit. Von 
den Lebensverhältnissen der Kranken wusste ich nur, dass in dem 
Hause, dessen zwei Kinder sie behütete, die Mutter fehle, die 
vor einigen Jahren an acuter schwerer Erkrankung gestorben war. 

Ich beschloss also, den Geruch nach „verbrannter Mehlspeise'' 
zum Ausgangspunkt der Analyse zumachen. Die Geschichte dieser Analyse 
will ich so erzählen, wie sie unter günstigeren Verhältnissen hätte vor- 
fallen können; thatsächlich dehnte sich, was eine einzige Sitzung hätte 
werden sollen, auf mehrere aus, da die Kranke mich nur in der 
Ordination besuchen konnte, wo ich ihr wenig Zeit zu widmen hatte, und 
zog sich ein einziges solches Gespräch über mehr als eine Woche, 
da ihre Pflichten ilir auch nicht gestatteten, den weiten Weg von 
der Fabrik zu mir so oft zu machen. Wir brachen also mitten in der 
Unterredung ab, um nächstes Mal den Faden an der nämlichen Stelle 
wieder aufzunehmen. 

Miss Lucy ß. wurde nicht somnambul, als ich sie in Hypnose 
zu versetzen versuchte. Ich verzichtete also auf den Somnambulismus 
und machte die ganze Analyse mit ihr in einem Zustande durch, der 
sich vom normalen vielleicht überhaupt wenig unterschied. 

Ich muss mich über diesen Punkt in der Technik meines Ver- 
fahrens eingehender äussern. Als ich im Jahre 1889 die Kliniken 
von Nancy besuchte, hörte ich den Altmeister der Hypnose, den 
Dr. Liebeault, sagen: „Ja, wenn wir die Mittel besässen, jedermann 
somnambul zu machen, wäre die hypnotische Heilmethode die mächtigste 
von allen." Auf der Klinik Bern hei m's schien es fast, als gäbe es 
wirklich eine solche Kunst und als könnte man sie von Bernheim 
lernen. Sobald ich aber diese Kunst an meinen eigenen Kranken zu 
üben versuchte, merkte ich, dass wenigstens meinen Kräften in dieser 

Original fnom 



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Hinsicht enge Schranken gezogen seien, und dass, wo ein Patient nicht 
nach 1 — 3 Versuchen somnambul wurde, ich auch kein Mittel 
hesass, ihn dazu zu machen. Der Procentsatz der Somnambulen blieb 
aber in meiner Erfahrung weit hinter dem von B e r n h e i m angegebenen 
zurück. 

So stand ich vor der Wahl, entweder die kathartische Methode 
in den meisten Fällen, die sich dazu eignen mochten, zu unterlassen, 
oder den Versuch zu wagen, sie ausserhalb des Sonmambulismus in 
leichten und selbst in zweifelhaften Fällen von hypnotischer Beein- 
flussung auszuüben. Welchem Grad von Hypnose — nach einer der 
hieför aufgestellten Scalen — der nicht somnambule Zustand entsprach, 
schien mir gleichgiltig, da ja jede Richtung der Suggerirbarkeit von 
der anderen ohnedies unabhängig ist, und die Hervorrufung von 
Katalepsie, automatischen Bewegungen udgl. für eine Erleichterung^ 
in der Erweckung von vergessenen Erinnerungen, wie ich sie brauchte, 
nichts präjudicirt. Ich gewöhnte mir auch bald die Vornahme jener 
Versuche ab, welche den Grad der Hypnose bestimmen sollen, da 
diese in einer ganzen Reihe von Fällen den Widerstand der Kranken 
rege machten und mir das Zutrauen trübten, das ich für die wichtigere 
psychische Arbeit brauchte. Ueberdiess war ich bald müde geworden, 
auf die Versicherung und den Befehl: „Sie werden schlafen, schlafen 
Sie!** immer wieder bei leichteren Graden von Hypnose den Einspruch 
zuhören: „Aber Herr Doctor, ich schlafe ja nicht% um dann die allzu- 
heikle Unterscheidung vorbringen zu müssen: „Ich meine ja nicht den 
gewöhnlichen Schlaf, ich meine die Hypnose. Sehen Sie, Sie siad 
hypnotisirt, Sie können ja die Augen nicht öfiften udgl. Uebrigens 
brauche ich den Schlaf gar nicht** udgl. Ich bin selbst überzeugt, dass 
viele meiner CoUegen in der Psychotherapie sich aus diesen Schwierigkeiten 
^beschickter zu ziehen wissen als ich; die mögen dann auch anders 
verfahren. Ich finde aber, wenn man in solcher Häufigkeit darauf 
rechnen darf, sich durch den Gebrauch eines Wortes Verlegenheit zu 
bereiten, thut man besser daran, dem Wort und der Verlegenheit aus 
dem Weg zu gehen. Wo also der erste Versuch nicht Somnambulismus 
oder einen Grad von Hypnose mit ausgesprochenen körperlichen Ver- 
änderungen ausgab, da lies ich die Hypnose scheinbar fallen, ver- 
langte nur „Concentrirung* und ordnete die Rückenlage und willkür- 
lichen Verschluss der Augen als Mittel zur Erreichung dieser „Con- 
centrirung** an. Ich mag dabei mit leichter Mühe zu so tiefen Graden 
der Hypnose gelangt sein, als es überhaupt erreichbar war. 



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— 93 — 

Indem ich aber auf den Somnambulismus verzichtete, beraubte 
ich mich vielleicht einer Vorbedingung, ohne welche die kathartische 
Methode unanwendbar schien. Sie beruhte ja darauf, dass die Kranken 
in dem veränderten Bewusstseinzustand solche Erinnerungen zur Ver- 
fügung hatten und solche Zusammenhänge erkannten, die in ihrem 
normalen Bewustseinzustand angeblich nicht vorhanden waren. Wo die 
somnambule Erweiterung des Gedächtnisses wegfiel, musste auch die 
Möglichkeit ausbleiben, eine Causalbeziehung herzustellen, die der 
Kranke dem Arzt nicht als eine ihm bekannte entgegenbrachte, und 
gerade die pathogenen Erinnerungen sind es ja, „die dem Gedächtniss 
der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande fehlen oder 
nur höchst summarisch darin vorhanden sind.** (Vorl. Mittheilung.) 

Aus dieser neuen Verlegenheit half mir die Erinnerung, dass 
ich Bern he im selbst den Beweis hatte erbringen sehen, die 
Erinnerungen des Somnambulismus seien im Wachzustand nur 
scheinbar vergessen und liessen sich durch leichtes Mahnen, ver- 
knüpft mit einem Handgriff, der einen andern Bewusstseinszustand 
markiren sollte, wieder hervorrufen. Er hatte z. B. einer Somnam- 
bulen die negative Hallucination ertheilt, er sei nicht mehr anwesend, 
hatte sich dann auf die mannigfaltigsten Weisen und durch schonungs- 
lose Angriffe ihr bemerkbar zu machen versucht. Es war nicht gelungen. 
Nachdem die Kranke erweckt war, verlangte er zu wissen, was er mit 
ihr vorgenommen, während sie geglaubt habe, er sei nicht da. Sie gab 
erstaunt zur Antwort, sie wisse von nichts, aber er gab nicht nach, 
behauptete, sie würde sich an alles erinnern, legte ihr die Hand 
auf die Stirne, damit sie sich besänne, und siehe da, sie erzählte 
endlich alles, was sie im somnambulen Zustand angeblich nicht 
wahrgenommen und wovon sie im Wachzustand angeblich nichts 
gewusst hatte. 

Dieser erstaunliche und lehrreiche Versuch war mein Vorbild. 
Ich beschloss von der Voraussetzung auszugehen, dass meine Patienten 
alles, was irgend von pathogener Bedeutung war, auch wussten, und 
dass es sich nur darum handle, sie zum Mittheilen zu nöthigen. Wenn 
ich also zu einem Punkt gekommen war, wo ich auf die Frage: „Seit wann 
haben Sie dies Symptom? Oder, woher rührt es?** die Antwort bekam: 
„Das weiss ich wirklich nicht**, so verfuhr ich folgendermaassen. Ich legte 
der Kranken die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf zwischen 
meine beiden Hände und sagte: „Es wird Ihnen jetzt einfallen unter 
dem Druck meiner Hand. Im Augenblick, da ich mit dem Druck auf- 



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höre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen etwas als 
Einfall durch den Kopf gehen, und das greifen Sie auf. Es ist das, 
was wir suchen. — Nun, was haben Sie gesehen oder was ist Ihnen 
eingefallen?" 

Als ich dieses Verfahren die ersten Male anwendete (es war 
nicht bei Miss Lucy R.), war ich selbst erstaunt, dass es mir gerade das 
lieferte, was ich brauchte, und ich darf sagen, es hat mich seither 
kaum jemals im Stich gelassen, hat mir immer den Weg gezeigt, den 
meine Ausforschung zu gehen hatte, und hat mir ermöglicht, jede 
derartige Analyse ohne Somnambulismus zu Ende zu führen. Ich 
wurde allmählich so kühn, dass icli den Patienten, die zur Antwort 
gaben: „Ich sehe nichts** oder: „Mir ist nichts eingefallen", erklärte: Das 
sei nicht möglich. Sie hätten gewiss das Richtige erfahren, nur glaubten 
sie nicht daran, dass es das sei, und hätten es verworfen. Ich würde 
die Procedur wiederholen, so oft sie wollten, sie würden jedesmal das- 
selbe sehen. Ich behielt in der That jedesmal Recht; die Kranken hatten 
noch nicht gelernt, ihre Kritik ruhen zu lassen, hatten die auftauchende 
Erinnerung oder den Einfall verworfen, weil sie ihn für unbrauchbar, 
für eine dazwischenkommende Störung hielten, und nachdem sie ihn 
mitgetheilt hatten, ergab es sich jedesmal, dass es der richtige war. 
Gelegentlich bekam ich auch die Antwort, wenn ich die Mittheilung 
nach dem dritten oder vierten Druck erzwungen hatte: „Ja, das habe 
ich schon beim ersten Mal gewusst, aber gerade das habe ich nicht 
sagen wollen", oder „ich habe gehoiffc, das wird es nicht sein." 

Mühevoller war diese Art, das angeblich verengte Bewusstsein 
zu erweitern, immerhin weit mehr als das Ausforschen im Somnam- 
bulismus, aber sie machte mich doch vom Somnambulismus unab- 
hängig und gestattete mir eine Einsicht in die Motive, die häufig für 
das „Vergessen" von Erinnerungen ausschlaggebend sind. Ich kann 
behaupten, dieses Vergessen ist oft ein beabsichtigtes, gewünschtes. 
Es ist immer ein nur scheinbar gelungenes. 

Vielleicht noch merkwürdiger ist mir erschienen, dass man 
angeblich längst vergessene Zahlen und Daten durch ein ähnliches 
Verfahren wiederbringen und so eine unvermuthete Treue des Gedächt- 
nisses erweisen kann. 

Die geringe Auswahl, die man bei der Suche nach Zahlen und 
Daten hat, gestattet nämlich, den aus der Lehre von der Aphasie 
bekannten Satz zur Hilfe zu nehmen, dass Erkennen eine geringere 
Leistung des Gedächtnisses ist als sich spontan besinnen. 

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— 95 — 

Man sagt also dem Patienten, der sich nicht erinnern kann, in 
welchem Jahr, Monat und an welchem Tag ein gewisses Ereigniss 
vorfiel, die Jahreszahlen, um die es sich handeln kann, die zwölf 
Monatsnamen, die 31 Zahlen der Monatstage vor und versichert ihm, 
dass bei der richtigen Zahl oder beim richtigen Namen sich seine 
Augen von selbst öffnen wurden, oder dass er dabei fühlen werde, 
welche Zahl die richtige sei. In den allermeisten Fällen entscheiden 
sich dann die Kranken wirklich für ein bestimmtes Datum und häufig genug 
(so bei Frau Cecilie N.) Hess sich durch vorhandene Aufzeichnungen aus 
jener Zeit nachweisen, dass das Datum richtig erkannt war. Andere Male 
und bei andern Kranken ergab sich aus dem Zusammenhang der 
erinnerten Thatsachen, dass das so gefundene Datum unanfechtbar 
war. Die Kranke bemerkte z. B.. nachdem man ihr das durch „Aus- 
zählen" gewonnene Datum vorgehalten hatte: „Das ist ja der Geburts- 
tag des Vaters** und setzte dann fort: „Ja gewiss, weil es der Geburtstag 
des Vaters war, habe ich ja das Ereigniss (von dem wir sprachen) 
erwartet." 

Ich kann dieses Thema hier nur streifen. Der Schluss, den ich 
aus all diesen Erfahrungen zog, war der, dass die als pathogene 
wichtigen Erlebnisse mit all ihren Nebenumständen treulich vom 
Gedächtnis festgehalten werden, auch wo sie vergessen scheinen, wo 
dem Kranken die Fähigkeit fehlt, sich auf sie zu besinnen.^ 

* Ich will als Beispiel für die oben geschilderte Technik des Ausforschens 
im nicht somnambulen Zustand, also bei nicht erweitertem Bewusstsein, einen Fall 
erzählen, den ich gerade in den letzten Tagen analysirt habe. Ich behandle eine 
Frau von 38 Jahren, die an Angstneurose (Agoraphobie, TodesangstanfäUen u. dgl.) 
leidet. Sie hat, wie so viele dieser Kranken, eine Abneigung zuzugestehen, dass 
sie dieses Leiden in ihrem ehelichen Leben acquirirt hat, und möchte es gerne 
in ihre frühe Jugend zurückschieben. So berichtet sie mir, dass sie als 17jähriges 
Mädchen den ersten Anfall von Schwindel mit Angst und Ohnmachtsgefühl auf 
der Strasse ihrer kleinen Heimathstadt bekommen hat, und dass diese Anfälle 
sich zeitweise wiederholt haben, bis sie vor wenigen Jahren dem jetzigen Leiden 
den Platz räumten. Ich vermuthe, dass diese ersten Schwindelanfälle, bei denen 
sich die Angst immer mehr verwischte, hysterische waren, und beschliesse, in die 
Analyse derselben einzugehen. Sie weiss zunächst nur, dass dieser erste Anfall 
sie überfiel, während sie ausgegangen war, in den Läden der Hauptstrasse Ein- 
käufe zu machen. — Was wollten Sie denn einkaufen? — Verschiedenes, ich 
glaube, für einen Ball, zu dem ich eingeladen war. — Wann sollte dieser Ball 
staltfinden? — Es kommt mir vor, zwei Tage später. — Da muss doch einige 
Tage vorher etwas vorgefallen sein, was Sie aufregte, was Ihnen einen Eindruck 
machte. — Ich weiss aber nichts, es sind 21 Jahre her. — Das macht nichts, 



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— 96 — 

Ich kehre nach dieser langen, aber unabweisbaren Abschweifung 
zur Geschichte von Miss Lucy K. zurück. Sie wurde also beim Ver- 
such der Hypnose nicht somnambul, sondern lag bloss ruhig da in 



Sie werden sich doch erinnern. Ich drücke auf Ihren Kopf, und wenn ich mit dem 
Druck nachlasse, werden Sie an etwas denken oder werden etwas sehen; das 

sagen Sie dann Ich nehme die Procedur vor; sie schweigt aber — Nun. 

ist Ihnen nichts eingefallen? — Ich habe an etwas gedacht, aber das kann doch 
keinen Zusammenhang damit haben. — Sagen Sie's nur. — Ich habe an eine 
Freundin gedacht, ein junges Mädchen, die gestorben ist; aber die ist gestorben, 
wie ich 18 Jahre alt war, also ein Jahr später. — Wir werden sehen, bleiben wir 
jetzt dabei. Was war mit dieser Freundin? — Ihr Tod hat mich sehr erschüttert, 
weil ich viel mit ihr verkehrte. Einige Wochen vorher war ein anderes junges 
Mädchen gestorben, das hat viel Aufsehen in der Stadt gemacht; also dann war 
es doch, wie ich 17 Jahre alt war. — Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, man 
kann sich auf die Dinge verlassen, die einem unter dem Druck der Hand einfallen. 
Nun aber erinnern Sie sich, was für ein Gedanke war dabei, als Sie den Schwindel- 
anfall auf der Strasse bekamen? — Es war gar kein Gedanke dabei, nur ein 
Schwindel. — Das ist nicht möglich, solche Zustände gibt es nicht ohne eine 
begleitende Idee. Ich werde wieder drücken, und der Gedanke von damals wird 
Ihnen wiederkommen. — Also was ist Ihnen eingefallen? — Mir ist ein fi;ef allen : 
Jetzt bin ich die Dritte. — Was heisst das? — Ich muss bei dem Schwindel- 
anfall gedacht haben: Jetzt sterbe ich auch wie die beiden andern jungen Mäd- 
chen. — Das war also die Idee; Sie haben bei dem Anfall an die Freundin 
gedacht. Da muss Ihnen also ihr Tod einen grossen Eindruck gemacht haben. — 
Ja gewiss, ich erinnere mich jetzt, wie ich von dem Todesfalle gehört habe, war 
es mir schrecklich, dass ich auf einen Ball gehen soll, während sie todt ist. Aber 
ich habe mich so auf den Ball gefreut und war so beschäftigt mit der Einladung; 
ich habe gar nicht an das traurige Ereigniss denken wollen. (Man bemerke hier 
die absichtliche Verdrängung aus dem Bewusstsein, welche die Erinnerung an die 
Freundin pathogen macht.) 

Der Anfall ist jetzt einigermaassen aufgeklärt, ich bedarf aber noch eines 
occasionellen Momentes, welches die Erinnerung gerade damals provocirt, und 
bilde mir darüber eine zufällig glückliche Vermuthung. — Sie erinnern sich genau, 
durch welche Strasse Sie damals gegangen sind? — Freilich, die Hauptstrasse mit 
ihren alten Häusern, ich sehe sie vor mir. — Nun, und wo hatte die Freundin 
gewohnt? — In derselben Strasse, ich war eben vorbeigegangen, zwei Häuser 
weiter ist mir der Anfall gekommen. — Dann hat Sie also das Haus, während Sie 
vorbeigingen, an die todte Freundin erinnert und der Contrast, von dem Sie 
damals nichts wissen wollten, Sie neuerdings gepackt. 

Ich gebe mich noch immer nicht zufrieden. Vielleicht war doch noch etwas 
anderes im Spiel, was bei dem bis dahin normalen Mädchen die hysterische Dis- 
position wachgerufen oder verstärkt hat. Meine Vermuthungen lenken sich auf 
das periodische Unwohlsein als ein dazu geeignetes Moment, und ich frage: 
Wissen Sie, wann in dem Monat die Periode kam? — Sie wird unwillig: Dag 
soll ich auch noch wissen? Ich weiss nur, sie war um diese Zeit sehr selten und 



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— 97 — 

irgend einem Grade leichterer Beeinflussung, die Augen stetig ge- 
schlossen, die Miene etwas starr, ohne mit einem Glied zu rühren. 
Ich fragte sie, ob sie sich erinnere, bei welchem Anlass die Geruchs^ 
erapfindung der verbrannten Mehlspeise entstanden sei. — ja, das 
weiss icli ganz genau. Es war vor ungefähr zwei Monaten, zwei Tage 
vor meinem Geburtstag. Ich war mit den Kindern im Schulzimmer 
imd spielte mit ihnen (zwei Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief 
hereingebracht, den der Briefträger eben abgegeben hatte. Ich erkannte 
an Poststempel und Handschrift, dass der Brief von meiner Mutter in 
Glasgow sei, wollte ihn offnen und lesen. Da kamen die Kinder auf 
mich losgestürzt, rissen mir den Brief aus der Hand und riefen : Nein, 
Du darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiss für Deinen Geburtstag, 
wir werden ihn Dir aufheben. Während die Kinder so um mich 
spielten, verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die Kinder 
.hatten die Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen, und die 
war angebrannt. Seit damals verfolgt mich dieser Geruch, er ist 
eigentlich immer da und wird stärker bei Aufregung. 

Sie sehen diese Scene deutlich vor sich? — Greifbar, wie ich 
sie erlebt habe. — Was konnte Sie denn daran so aufregen ? — Es 
rührte mich, dass die Kinder so zärtlich gegen mich waren. — Waren 
sie das nicht immer? — Ja, aber gerade, als ich den Brief der 
Mutter bekam. — Ich verstehe nicht, inwiefern die Zärtlichkeit der 
Kleinen und der Brief der Mutter einen Contrast ergeben haben 
sollen, den Sie doch anzudeuten scheinen. — Ich hatte nämlich die 
Absicht, zu meiner Mutter zu reisen, und da fiel es mir so schwer 



sehr unregelmässig. Wie ich 17 Jahre alt war, hatte ich sie nur einmal. — Also, 
wir werden auszählen, wann dieses eine Mal war. — Sie entscheidet sich beim 
Auszählen mit Sicherheit für einen Monat und schwankt zwischen zwei Tagen 
unmittelbar vor einem Datum, das einem fixen Festtag angehört. — Stimmt das 
irgendwie mit der Zeit des Balles? — Sie antwcrtet kleinlaut: Der Ball war — an 
dem Feiertag. Und jetzt erinnere ich mich auch, es hat mir einen Eindruck 
gemacht, dass die einzige Periode, die ich in diesem Jahr halte, gerade vor dem 
Ball kommen musste. Es war der erste, zu dem ich geladen war. 

Man kann sich jetzt den Zusammenhang der Begebenheiten unschwer 
reconstruiren und sieht in den Mechanismus dieses hysterischen Anfalles hinein. 
Dieses Ergebniss v ar freilich mühselig genug gewonnen und bedurfte des vollen 
Zutrauens in die Technik von meiner Seite und einzelner leitender Einfälle, um 
solche Einzelheiten eines vergessenen Erlebnisses nach 21 Jahren bei einer 
ungläubigen, eigentlich wachen Patientin wiederzuerwecken. Dann aber stimmte 
Alles zusammen. 

Breuer u. Freud, Studien. ' 

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— 98 — 

aufs Herz, diese lieben Kinder zu verlassen. — Was ist's mit Ihrer 
Mutter? Lebt sie wohl so einsam und hat Sie zu sich beschieden? 
Oder war sie krank um diese Zeit und Sie erwarteten Nachricht von 
ihr? — Nein, sie ist kränklich, aber nicht gerade krank und hat eine 
Gesellschafterin bei sich. — Warum mussten Sie also die Kinder 
verlassen? — Es war im Hause nicht mehr auszuhalten. Die Haus- 
hälterin, die Köchin und die Französin scheinen geglaubt zu haben, 
dass ich mich in meiner Stellung überhebe, haben sich zu einer 
kleinen Intrigue gegen mich vereinigt, dem Grosspapa (der Kinder) 
alles Mögliche über mich hinterbracht, und ich fand an den beiden 
Herren nicht die Stütze, die ich erwartet hatte, als ich bei ihnen 
Klage führte. Darauf habe ich dem Herrn Director (dem Vater der 
Kinder) meine Demission angeboten, er antwortete sehr freundlich, 
ich sollte es mir doch zwei Wochen überlegen, ehe ich ihm meinen 
definitiven Entschluss mittheilte. In dieser Zeit der Schwebe war 
ich damals; ich glaubte, ich würde das Haus verlassen. Ich bin 
seither geblieben. — Und fesselte Sie etwas Besonderes an die Kinder 
ausser deren Zärtlichkeit gegen Sie? — Ja, ich hatte der Mutter, 
die eine entfernte Verwandte meiner Mutter war, auf ihrem Todten- 
bette versprochen, dass ich mich der Kleinen mit allen Kräften an- 
nehmen, dass ich sie nicht verlassen und ihnen die Mutter ersetzen 
werde. Dieses Versprechen hatte ich gebrochen, als ich gekündigt hatte. 
So schien denn die Analyse der subjectiven Geruchsempflndung 
vollendet; dieselbe war in der That dereinst eine objective gewesen, 
und zwar innig associirt mit einem Erlebniss, einer kleinen Scene, in 
welcher widerstreitende Aflfecte einander entgegengetreten waren, das 
Bedauern, diese Kinder zu verlassen, und die Kränkungen, welche sie 
doch zu diesem Entschlüsse drängten. Der Brief der Mutter hatte sie 
begreiflicherweise an die Motive zu diesem Entschluss erinnert, da 
sie von hier zu ihrer Mutter zu gehen gedachte. Der Conflict der 
Affecte hatte den Moment zum Trauma erhoben, und als Symbol des 
Traumas war ihr die damit verbundene Geruchsempfindung geblieben. 
Es bedurfte noch der Erklärung dafür, dass sie von all den sinnlichen 
Wahrnehmungen jener Scene gerade den einen Geruch zum Symbol aus- 
gewählt hatte. Ich war aber schon darauf vorbereitet, die chronische 
Erkrankung ihrer Nase für diese Erklärung zu verwerten. Auf 
mein directes Fragen gab sie auch an, sie hätte gerade zu dieser Zeit 
wieder an einem so heftigen Schnupfen gelitten, dass sie kaum etwas 
roch. Den Geruch der verbrannten Mehlspeise nahm sie aber in 



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— 99 — 

ihrer Erregung doch wahr, er durchbrach die organisch begründete 
Anosmie. 

Ich gab mich mit der so erreichten Aufklärung nicht zufrieden. 
Es klang ja alles recht plausibel, aber es fehlte mir etwas, ein an- 
nehmbarer Grund, wesshalb diese Reihe von Erregungen und dieser 
Widerstreit der Affecte gerade zur Hysterie geführt haben musste. 
Warum blieb das Ganze nicht auf dem Boden des normalen psychi- 
schen Lebens? Mit anderen Worten, woher die Berechtigung zu der 
hier vorliegenden Conversion? Warum erinnerte sie sich nicht be- 
ständig an die Scene selbst, anstatt an die mit ihr verknüpfte Sen- 
sation, die sie als Symbol für die Erinnerung bevorzugte? Solche 
Fragen mochten vorwitzig und überflüssig sein, wo es sich um eine 
alte Hysterica handelte, welcher jener Mechanismus der Conversion 
habituell war. Dieses Mädchen hatte aber erst bei diesem Trauma 
oder wenigstens bei dieser kleinen Leidensgeschichte Hysterie acquirirt. 

Nun wusste ich bereits aus der Analyse ähnlicher Fälle, dass, 
wo Hysterie neu acquirirt werden soll, eine psychische Bedingung 
hiefür unerlässlich ist, nämlich, dass eine Vorstellung absichtlich 
aus dem Bewusstsein verdrängt, von der associativen Ver- 
arbeitung ausgeschlossen werde. 

In dieser absichtlichen Verdrängung erblicke ich auch den Grund 
für die Conversion der Erregungssumme, sei sie eine totale oder 
partielle. Die Erregungssumme, die nicht in psychische Association 
treten soll, findet umso eher den falschen Weg zu einer körper- 
lichen Innervation. Grund der Verdrängung selbst konnte nur eine 
Unlustempfindung sein, die Unverträglichkeit der einen zu ver- 
drängenden Idee mit der herrschenden Vorstellungsmasse des Ich. 
Die verdrängte Vorstellung rächt sich aber dadurch, dass sie pa- 
thogen wird. 

Ich zog also daraus, dass Miss Lucy R. in jenem Moment der 
hysterischen Conversion verfallen war, den Schluss, dass unter den 
^Voraussetzungen jenes Traumas eine sein müsse, die sie absichtlich 
im Unklaren lassen wolle, die sie sich bemühe zu vergessen. Nahm 
ich die Zärtlichkeit für die Kinder und die Empfindlichkeit gegen 
die andeiTi Personen des Haushaltes zusammen, so Hess dies alles nur 
«ine Deutung zu. Ich hatte den Muth, der Patientin diese Deutung 
mitzutheilen. Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, dass diess alle Gründe 
för Ihre Empfindung gegen die beiden Kinder sind; ich vermuthe 
vielmehr, dass Sie in Ihren Herrn, den Director, verliebt sind, viel- 

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leicht, ohne es selbst zu wissen, dass Sie die Hoffnung in sich nähren, 
thatsächlich die Stelle der Mutter einzunehmen, und dazu kommt noch, 
dass Sie so empfindlich gegen die Dienstleutc geworden sind, mit 
denen Sie Jahre lang friedlich zusammengelebt haben. Sie fürchten, 
dass diese etwas von Ihrer Hoffnung merken und Sie darüber ver- 
spotten werden. ** 

Ihre Antwort war in ihrer wortkargen Weise: Ja, ich glaube, es 
ist so. — Wenn Sie aber wussten, dass Sie den Director lieben, 
warum haben Sie es mir nicht gesagt? — Ich wusste es ja nicht 
oder besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem Kopf 
schlagen, nie mehr daran denken; ich glaube, es ist mir auch in 
der letzten Zeit gelungen.^ 

Warum wollten Sie sich diese Neigung nicht eingestehen? 
Schämten Sie sich dessen, dass Sie einen Mann lieben sollten? — 
0, nein, ich bin nicht unverständig prüde ; für Empfindungen ist man 
ja überhaupt nicht verantwortlich. Es war mir nur darum peinlich, 
weil es der HeiT ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen Haus ich 
lebe, gegen den ich nicht wie gegen einen andern die volle Unab- 
hängigkeit in mir fühle. Und weil ich ein armes Mädchen und er 
ein reicher Mann aus vornehmer Familie ist; man würde mich ja 
auslachen, wenn man etwas davon ahnte. 

Ich finde nun keinen Widerstand, die Entstehung dieser Neigung 
zu beleuchten. Sie erzählt, sie habe die ersten Jahre arglos in dem 
Hause gelebt und ihre Pflichten erfüllt, ohne auf unerfüllbare Wünsche 
zu tommen. Einmal aber begann der eraste, überbeschäftigte, sonst 
immer gegen sie reservirte Herr ein Gespräch mit ihr über die 

^ Eine andere und bessere Schilderung des eigenthümlichen Zustandes, in 
dem man etwas weiss und gleichzeitig nicht weiss, konnte ich nie erzielen. 
Man kann das offenbar nur verstehen, wenn man sich selbst in solch einem Zu- 
stand befunden hat. Ich verfüge über eine sehr auffällige Erinnerung dieser Art, 
die mir lebhaft vor Augen steht. Wenn ich mich bemühe, mich zu erinnern, was 
damals in mir vorging, so ist meine Ausbeute recht armselig. Ich sah damals 
etwas, was mir gar nicht in die Ei Wartung passte, und Hess mich durch das 
Gesehene nicht im Mindesten in meiner bestimmten Absicht beirren, während doch 
diese Wahrnehmung meine Absicht hätte aufheben sollen. Ich wurde mir des 
Widerspruches nicht bewusst, und ebensowenig merkte ich etwas von dem Affect 
der Abstossung, der doch unzweifelhaft Schuld daran war, dass jene Wahrnehmung 
zu gar keiner psychischen Geltung gelangte. Ich war mit jener Blindheit bei 
sehenden Augen geschlagen, die man an Müttern gegen ihre Töchter, an Männern 
gegen ihre Ehefrauen, an Herrschern gegen ihre Günstlinge so sehr bewundert. 



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— 101 - 

Erfordernisse der Kindererziehung. Er wurde weicher und herzlicher 
als gewöhnlich, sagte ihr, wie sehr er bei der Pflege seiner verwaisten 
Kinder auf sie rechne und blickte sie dabei besonders an ... In diesem 
Moment begann sie ihn zu lieben und beschäftigte sich selbst gerne 
mit der erfreulichen Hoffnung, die sie aus jenem Gespräch geschöpft 
hatte. Erst, als dann nichts mehr nachfolgte, als trotz ihres Wartens und 
Harrens keine zweite Stunde von vertraulichem Gedankenaustausch 
kam, beschloss sie, sich die Sache aus dem Sinn zu schlagen. Sie 
gibt mir ganz Kecht, dass jener Blick im Zusammenhange des 
Gespräches wohl dem Andenken seiner verstorbenen Frau gegolten hat, 
ist sich auch völlig klar darüber, dass ihre Neigung völlig aussichtslos ist. 

Ich erwartete von diesem Gespräch eine grandliche Aenderung 
ihres Zustandes, diese blieb aber einstweilen aus. Sie war weiterhin 
gedrückt und verstimmt; eine hydropathische Cur, die ich sie gleich- 
zeitig nehmen Hess, frischte sie des Morgens ein wenig auf; der Geruch 
der verbrannten Mehlspeise war nicht völlig geschwunden, wohl aber 
seltener imd schwächer geworden; er kam, wie sie sagte, nur, wenn sie 
sehr aufgeregt war. 

Das Fortbestehen dieses Erinnerungssymbols liess mich vermuthen, 
dass dasselbe ausser der Hauptscene die Vertretung der vielen kleinen 
Nebentraumen auf sich genommen, und so forschten wir denn nach 
allem, was sonst mit der Scene der verbrannten Mehlspeise in 
Zusammenhang stehen mochte, gingen das Thema der häuslichen 
Keibungen, des Benehmens des Grossvaters u. a. durch. Dabei schwand 
die Empfindung des brenzlichen Geruches immer mehr. Auch eine längere 
Unterbrechung fiel in diese Zeit, verursacht durch neuerliche Erkrankung 
der Nase, die jetzt zur Entdeckung der Caries des Siebbeines führte. 

Als sie wiederkam, berichtete sie auch, dass Weihnachten ihr so 
zahlreiche Geschenke von Seiten der beiden Hen-en und selbst von 
den Dienstleuten des Hauses gebracht habe, als ob alle bestrebt 
seien, sie zu versöhnen und die Erinnerung an die Conflicte der letzten 
Monate bei ihr zu verwischen. Dies offenkundige Entgegenkommen habe 
ihr aber keinen Eindruck gemacht. 

Als ich wieder ein anderes Mal nach dem Geruch der ver- 
brannten Mehlspeise fragte, bekam ich die Auskunft, der sei zwar 
ganz geschwunden, allein an seiner Stelle quäle sie ein anderer und 
ähnlicher Geruch, wie von Cigarrenrauch. Derselbe sei wohl auch früher 
dagewesen, aber wie gedeckt durch den Geruch der Mehlspeise. Jetzt 
sei er rein hervorgetreten. 

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— 102 — 

Ich war nicht sehr befriedigt von dem Erfolge meiner Therapie. 
Da war also eingetroffen, was man einer bloss symptomatischen Therapie 
immer zur Last legt; man hatte ein Symptom weggenommen, bloss 
damit ein neues an die freie Stelle rücken könne. Indess machte ich 
mich bereitwillig an die analytische Beseitigung dieses neuen Erinnerungs- 
symbols. 

Diesmal wusste sie aber nicht, woher die subjective Geruchs- 
empfindung stamme, bei welcher wichtigen Gelegenheit sie eine objective 
gewesen sei. „Es wird taglich geraucht bei uns", meinte sie; „ich weiss 
wirklich nicht, ob der Geruch, den ich verspüre, eine besondere 
Gelegenheit bedeutet." Ich beharrte nun darauf, dass sie versuche, sich 
unter dem Drucke meiner Hand zu erinnern. Ich habe schon erwähnt, 
dass ihre Erinnerungen plastische Lebhaftigkeit hatten, dass sie eine 
„Visuelle** war. In der That tauchte unter meinem Drängen ein Bild 
in ihr auf, anfangs zögernd und nur stückweise. Es war das Speise- 
zimmer ihres Hauses, in dem sie mit den Kindern wartet, bis die 
Hen*en aus der Fabrik zum Mittagsmal kommen. — Jetzt sitzen wir alle 
um den Tisch herum : die Herren, die Französin, die Haushälterin, 
die Kinder und ich. Das ist aber wie alle Tage — Sehen Sie nur 
weiter auf das Bild hin, es wird sich entwickeln und specialisiren. 
— Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr, der die 
Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu Mittag, das 
ist auch nichts Besonderes. — Haben Sie nur Geduld, blicken Sie 
immer nur auf das Bild, es wird gewiss etwas vorgehen. — Es geht 
nichts vor. Wir stehen vom Tisch auf, die Kinder sollen sich ver- 
abschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage in den zweiten 
Stock. — Nun? — Es ist doch eine besondere Gelegenheit, ich erkenne 
die Scene jetzt. Wie die Kinder sich verabschieden, will der Oberbuch- 
halter sie küssen. Der Herr fährt auf und schreit ihn geradezu an. 
„Nicht die Kinder küssen.* Dabei gibt es mir wie einen Stich in's Herz, 
und da die Herren schon rauchen, bleibt mir der Cigarrenrauch im 
Gedächtniss. 

Diess war also die zweite, tieferliegende Scene, die als Trauma 
gewirkt und ein Erinnerungssymbol hinterlassen hatte. Woher rührte 
aber die Wirksamkeit dieser Scene? — Ich fragte: Was ist der Zeit 
nach früher, diese Scene oder die mit der verbrannten Mehlspeise? — 
Die letzte Scene ist die frühere, und zwar um fast zwei Monate. — 
Warum hat es Ihnen denn einen Stich bei dieser Abwehr des Vaters 
gegeben? Der Verweis richtete sich doch nicht gegen Sie? — Es war 



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— 103 — 

doch nicht recht, einen alten Herrn so anzufahren, der ein lieber 
Freund und noch dazu Gast ist. Man kann das ja auch ruhig sagen. 

— Also hat Sie nur die heftige Form Ihres Herrn verletzt? Haben 
Sie sich vielleicht für ihn genirt oder haben Sie gedacht, wenn er 
wegen einer solchen IQeinigkeit so heftig sein kann mit einem alten 
Freunde und Gast, wie wäre er es erst mit mir, wenn ich seine Frau 
wäre? — Nein, das ist es nicht. — Es war aber doch wegen der 
Heftigkeit? — Ja, wegen des Küssens der Kinder, das hat er nie gemocht. 

— Und nun taucht wieder unter dem Drucke meiner Hand die 
Erinnerung an eine noch ältere Scene auf, die das eigentlich wirksame 
Trauma war, und die auch der Scene mit dem Oberbuchhalter die 
traumatische Wirksamkeit verliehen hatte. 

Es hatte sich wieder einige Monate vorher zugetragen, dass eine be- 
freundete Dame auf Besuch kam, die beim Abschied beide Kinder 
auf den Mund küsste. Der Vater, der dabei stand, überwand sich wohl, 
der Dame nichts zu sagen, aber nach ihrem Fortgehen brach sein 
Zorn über die unglückliche Erzieherin los. Er erklärte ihr, er mache 
sie dafür verantwortlich, wenn jemand die Kinder auf den Mund küsse; 
es sei ihre Pflicht, es nicht zu dulden, und sie sei pflichtvergessen, 
wenn sie es zulasse. Wenn es noch einmal geschähe, würde er die 
Erziehung der Kinder anderen Händen anvertrauen. Es war die Zeit, 
als sie sich noch geliebt glaubte und auf eine Wiederholung jenes 
ersten freundlichen Gespräches wartete. Diese Scene knickte ihre 
Hoflhungen. Sie sagte sich: wenn er wegen einer so geringen Sache, 
und wo ich überdies ganz unschuldig bin, so auf mich losfahren kann, 
mir solche Drohungen sagen kann, so habe ich mich geint, so hat er 
nie eine wärmere Empfindung für mich gehabt. Die würde ihn Rücksicht 
gelehrt haben. — Ofl'enbar war es die Erinnerung an diese peinliche 
Scene, die ihr kam, als der Oberbuchhalter die Kinder küssen wollte 
und dafür vom Vater zurechtgewiesen wurde. 

Als Miss Lucy mich zwei Tage nach dieser letzten Analyse 
wieder besuchte, musste ich sie fragen, was mit ihr Erfreuliches vor- 
gegangen sei. 

Sie war wie verwandelt, lächelte und trug den Kopf hoch. Einen 
Augenblick dachte ich daran, ich hätte doch die Verhältnisse irrig 
beurtheilt und aus der Gouvernante der Kinder sei jetzt die Braut 
des Directors geworden. Aber sie wehrte meine Vermuthungen ab: 
„Es ist gar nichts vorgegangen. Sie kennen mich eben nicht, Sie haben 
mich nur krank und verstimmt gesehen. Ich bin sonst immer so heiter. 

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— 104 — 

Wie ich gestern früh erwacht bin, war der Druck von mir genommen, 
und seither bin ich wohl. — Und wie denken Sie über Ihre Aussichten 
im Hause? — Ich bin ganz klar, ich weiss, dass ich keine habe, und 
werde nicht unglücklich darüber sein. — Und werden Sie sich jetzt mit 
den Hausleuten vertragen? — Ich glaube, da hat meine Empfindlichkeit 
das Meiste dazu gethan. — Und lieben Sie den Director noch? — 
Gewiss, ich liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts. Man kann ja 
bei sich denken und empfinden, was man will. 

Ich untersuchte jetzt ihre Nase und fand die Schmerz- und 
Reflexempfindlichkeit fast völlig wiedergekehrt; sie unterschied auch 
Gerüche, aber unsicher und nur wenn sie intensiver waren. Ich muss 
aber dahingestellt lassen, in wieweit an dieser Anosmie die Erkrankung 
der Nase betheiligt war. 

Die ganze Behandlung hatte sich über 9 Wochen erstreckt. 
4 Monate später traf ich die Patientin zufällig in einer unserer 
Sommerfrischen. Sie war heiter und bestätigte die Fortdauer ihres 
W^ohlbefindens. 

Epikrise. 

Ich möchte den hier erzählten Krankheitsfall nicht gering schätzen, 
wenngleich er einer kleinen und leichten Hysterie entspricht und nur 
über wenige Symptome verfügt. Vielmehr erscheint es mir lehrreich, 
dass auch eine solche, als Neurose armselige Erkrankung so vieler 
psychischer Voraussetzungen bedarf, und bei eingehenderer Würdigung 
dieser Krankengeschichte bin ich versucht, sie als vorbildlich für einen 
Typus der Hysterie hinzustellen, nämlich für die Form von Hysterie, die 
auch eine nicht hereditär belastete Person durch dazu geeignete 
Erlebnisse erwerben kann. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von einer 
Hysterie, die unabhängig von jeder Disposition wäre; eine solche gibt 
es wahrscheinlich nicht, aber von solcher Art von Disposition sprechen 
wir erst, wenn die Person hysterisch geworden ist; sie ist vorher durch 
nichts bezeucht gewesen. Neuropathische Disposition, wie man sie ge- 
wöhnlich versteht, ist etwas anderes ; sie ist bereits vor der Erkrankung 
durch das Maass hereditärer Belastung oder die Summe individueller 
psychischer Abnormitäten bestimmt. Von diesen beiden Momenten war 
bei Miss Lucy ß., soweit ich unterrichtet bin, nichts nachzuweisen. Ihre 
Hysterie darf also eine acquirirte genannt werden und setzt nichts 
weiter voraus als die wahrscheinlich sehr verbreitete Eignung — Hysterie 
zu acquiriren, deren Charakteristik wir noch kaum auf der Spur sind. 



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— 105 — 

In solchen Fällen fällt aber das Hauptgewicht auf die Natur des 
Traumas, natürlich im Zusammenhalt mit der Reaction der Person 
gegen das Trauma. Es zeigt sich als unerlässliche Bedingung für die 
Erwerbung der Hysterie, dass zwischen dem Ich und einer an dasselbe 
herantretenden Vorstellung das Verhältniss der Unverträglichkeit entsteht. 
Ich hoffe an anderer Stelle zeigen zu können, wie verschiedene neurotische 
♦Störungen aus den verschiedenen Verfahren hervorgehen, welche das 
„Ich" einschlägt, um sich von jener ünverträgliclikeit zu befreien. Die 
hysterische Art der Abwehr — zu welcher eben eine besondere Eignung 
erfordert wird — besteht nun in der Conversion der En-egung in eine 
körperliche Innervation, und der Gewinn dabei ist der, dass die un- 
verträgliche Vorstellung aus dem Ichbewusstsein gedrängt ist. Dafür 
enthält das Ichbewusstsein die durch Conversion entstandene körper- 
liche Eemiüiscenz, — in unserem Falle die subjectiven Geruchsempfin- 
dungen — , und leidet unter dem Aflfect, der sich mehr oder minder 
deutlich gerade an diese Reminiscenzen knüpft. Die Situation, die so 
geschaffen wird, ist nun nicht weiter veränderlich, da durch Verdrän- 
gung und Conversion der Widerspruch aufgehoben ist, der zur 
Erledigung des Affectes aufgefordert hätte. So entspricht der 
Mechanismus, der die Hysterie erzeugt, einerseits einem Acte mo- 
ralischer Zaghaftigkeit, andererseits stellt er sich als eine Schutz- 
einrichtung dar, die dem Ich zu Gebote steht. Es gibt Fälle genug, 
in denen man zugestehen muss, die Abwehr des Erregungszuwachses 
durch Production von Hysterie sei auch dermalen das Zweckmässigste 
gewesen; häufiger wird man natürlich zum Schlüsse gelangen, dass 
ein grösseres Maass von moralischem Muth ein Vortheil für das Indi- 
viduum gewesen wäre. 

Der eigentlich traumatische Moment ist demnach jener, in dem 
der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung 
der widersprechenden Vorstellung beschliesst. Durch solche Verweisung 
wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern bloss in's Unbewusste 
gedrängt; findet dieser Vorgang zum ersten Male statt, so ist hiemit 
ein Kern und Krystallisationsmittelpunkt für die Bildung einer vom 
Ich getrennten psychischen Gruppe gegeben, um den sich in weiterer 
Folge alles sammelt, was die Annahme der widerstreitenden Vorstellung 
zur Voraussetzung hätte. Die Spaltung des Bewusstseins in diesen 
Fällen acquiriiter Hysterie ist somit eine gewollte, absichtliche, oft 
wenigstens durch einen Willküract eingeleitete. Eigentlich geschieht 
etwas anderes, als das Individuum beabsichtigt; es möchte eine Vor- 

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— 106 — 

Stellung aufheben, als ob sie gar nie angelangt wäre ; es gelingt ihm 
aber nur, sie psychisch zu isoliren. 

In der Geschiclite unserer Patientin encspricht der traumatische 
Moment jener Scene, die ihr der Director wegen des Küssens der 
Kinder machte. Diese Scene bleibt aber einstweilen ohne sichtliche 
Wirkung, vielleicht dass Verstimmung und Empfindlichkeit damit be- 
gannen, ich weiss nichts darüber — ; die hysterischen Symptome ent- 
standen erst später in Momenten, welche man als „auxiliäre^ bezeichnen 
kann, und die man dadurch charakterisiren möchte, dass in ihnen zeit- 
weilig die beiden getrennten psychischen Gruppen zusammenfliessen, 
wie im erweiterten somnambulen Bewusstsein. Der erste dieser 
Momente, in denen die Conversion stattfand, war bei Miss Lucy R. die 
Scene bei Tische, als der Oberbuchhalter die Kinder küssen wollte. 
Hier spielte die traumatische Erinnerung mit und sie benahm sich so^ 
als hätte sie nicht alles, was sich auf ihre Neigung zu ihrem HeiTn 
bezog, von sich gethan. In anderen Krankengeschichten fallen diese 
verschiedenen Momente zusammen, die Conversion geschieht unmittel- 
bar unter der Einwirkung des Traumas. 

Der zweite auxiliäre Moment wiederholt ziemlich genau den 
Mechanismus des ersten. Ein starker Eindruck stellt vorübergehend die 
Einheit des Bewusstseins wieder her, und die Conversion geht den 
nämliclien Weg, der sich ihr das erste Mal eröffnet hatte. Interessant 
ist es, dass das zuzweit entstandene Symptom das erste deckt, so dass 
letzteres nicht eher klar empfunden wird, als bis das erstere weg- 
geschafft ist. Bemerkenswert erscheint mir auch die ümkehrung der 
Reihenfolge, der sich auch die Analyse fugen muss. In einer ganzen 
Reihe von Fällen ist es mir ähnlich ergangen; die später entstandenen 
Symptome deckten die ersten, und erst das letzte, zu dem die Analyse 
vordrang, enthielt den Schlüssel zum Ganzen. 

Die Therapie bestand hier in dem Zwang, der die Vereinigung 
der abgespaltenen psychischen Gruppe mit dem Ichbewusstsein durch- 
setzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maass der ge- 
leisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt war, trat 
plötzlich Heilung ein. 

IV. Katharina .... (Freud). 

In den Ferien des Jahres 189* machte ich einen Ausflug in 
die Hohen Tauern, um für eine Weile die Medicin und besonders die 
Neurosen zu vergessen. Es war mir fast gelungen, als ich eines Tages 

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— 107 — 

von der Hauptstrasse abwich, um einen abseits gelegenen Berg zu be- 
steigen, der als Aussichtspunkt und wegen seines gut gehaltenen Schutz- 
hauses gerühmt wurde. Nach anstrengender Wanderung oben angelangt, 
gestärkt und ausgeruht sass ich dann, in die Betrachtung einer ent- 
zückenden Fernsicht versunken, so selbstvergessen da, dass ich es erst 
nicht auf mich beziehen wollte, als ich die Frage hörte: „Ist der Herr 
ein Doctor?** Die Frage galt aber mir und kam von dem etwa 18jährigen 
Mädchen, das mich mit ziemlich mürrischer Miene zur Mahlzeit bedient 
hatte und von der Wirthin „Katharina** gerufen worden war. Nach ihrer 
Kleidung und ihrem Betragen konnte sie keine Magd, sondern musste 
wohl eine Tochter oder Verwandte der Wlrtl.in sein. 

Ich antwortete, zur Selbstbesinnung gelangt: „Ja, ich bin ein 
Doctor. Woher wissen Sie das?** 

„Der Herr hat sich in's Fremdenbuch eingeschrieben, und da hab' 
ich mir gedacht, wenn der Herr Doctor jetzt ein bischen Zeit hätte — , 
ich bin nämlich nervenkrank und war schon einmal bei einem Doctor in L. . ., 
der hat mir auch etwas gegeben, aber gut ist mir noch nicht geworden.** 

Da war ich also wieder in den Neurosen, denn um etwas 
anderes konnte es sich bei dem grossen und kräftigen Mädchen mit der 
vergrämten Miene kaum handeln. Es interessirte mich, dass Neurosen 
in der Höhe von über 2000 Metern so wohl gedeihen sollten, ich fragte 
also weiter. 

Die Unterredung, die jetzt zwischen uns vorfiel, gebe ich so 
wieder, wie sie sich meinem Gedächtniss eingeprägt hat, und lasse der 
Patientin ihren Dialect. 

„An was leiden Sie denn?'* 

„Ich hab' so Athemnoth; nicht immer, aber manchmal packt's mich 
so, dass ich glaube, ich erstick'.** 

Das klang nun zunächst nicht nervös, aber es wurde mir gleich 
wahrscheinlich, dass es nur eine ersetzende Bezeichnung für einen 
Angstanfall sein sollte. Aus dem Empfindungscomplex der Angst hob 
sie das eine Moment der Athembeengung ungebührlich hervor. 

„Setzen Sie sich her. Beschreiben Sie mir's, wie ist denn so ein 
Zustand von „Athemnoth"?** 

„Es kommt plötzlich über mich. Dann legt's sich zuerst wie ein 
Druck auf meine Augen, der Kopf wird so schwer und sausen thut's, 
nicht auszuhalten, und schwindlich bin ich, dass ich glaub', ich fall' 
um, und dann presst's mir die Brust zusammen, dass ich keinen 
Athem krieg'.** 



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— 108 — 

^Und im Hals spüren Sie nichts?" 

^Den Hals schnürt's mir zusammen, als ob ich ersticken sollt?* 

,,ünd thut es sonst noch was imKopf?'' 

„Ja, hämmern thut es zum Zerspringen." 

„Ja, und furchten Sie sich gar nicht dabei?* 

„Ich glaub' immer, jetzt muss ich sterben, und ich bin sonst 
couragirt, ich geh' überall allein hin. in den Keller und hinunter 
über den ganzen Berg, aber wenn so ein Tag ist, an dem ich das hab', 
dann trau' ich mich nirgends hin, ich glaub' immer, es steht jemand 
hinter mir und packt mich plötzlich an.** 

Es war wirklich ein Angstaufall, und zwar eingeleitet von den 
Zeichen der hysterischen Aura, oder besser gesagt, ein hysterischer 
Anfall, dessen Inhalt Angst war. Sollte kein anderer Inhalt dabei sein? 

„Denken Sie was, immer dasselbe, oder sehen Sie was vor sich, 
wenn Sie den Anfall haben?'' 

„Ja, so ein grausliches Gesicht seh ich immer dabei, das mich 
so schrecklich anschaut, vor dem furcht' ich mich dann." 

Da bot sich vielleicht ein Weg, rasch zum Kern der Sache vor- 
zudringen. 

„Erkennen Sie das Gesicht; ich mein', ist das ein Gesicht, was 
Sie einmal wirklich gesehen haben?" — „Nein." 

„Wissen Sie, woher Sie die Anfälle haben?" „Nein." — „Wann 
haben Sie die denn zuerst bekommen?" — „Zuerst vor zwei Jahren, 
wie ich noch mit der Tant' auf dem anderen Berg war, sie hat dort 
früher das Schutzhaus gehabt, jetzt sind wir seit IV'2 Jahren hier, aber 
es kommt immer wieder." 

Sollte ich hier einen Versuch der Analyse machen? Die Hypnose 
zwar wagte ich nicht in diese Höhen zu verpflanzen, aber vielleicht 
gelingt es im einfachen Gespräch. Ich musste glücklich rathen. Angst 
bei jungen Mädchen hatte ich so oft als Folge des Grausens erkannt, 
das ein virginales Gemüth befällt, wenn sich zuerst die Welt der 
Sexualität vor ihm aufthut.^ 



* Ich will den Fall hier anführen, in welchem ich dies causale Verhältniss 
zuerst erkannte. Ich behandelte eine junge Frau an einer complicirten Neurose, die 
wieder einmal nicht zugeben wollte, dass sie sich ihr Leiden in ihrem ehelichen 
Leben geholt hatte. Sie wandte ein, dass sie schon als Mädchen an Anfällen von 
Angst gelitten habe, die in Ohnmacht ausgingen. Ich blieb standhaft. Als wir 
besser bekannt geworden waren, sagte sie mir plötzlich eines Tages : „Jetzt will 
ich Ihnen auch berichten, woher meine Angstzustände als junges Mädchen gekommen 



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— 109 — 

Ich sagte also: „Wenn Sie's nicht wissen, will ich Ihnen sagen, 
wovon ich denke, dass Sie Ihre Anfälle bekommen haben. Sie haben 
einmal, damals vor zwei Jahren, etwas gesehen oder gehört, was Sie sehr 
genirt hat, was Sie lieber nicht möchten gesehen haben." 

Sie darauf: „Jesses ja, ich hab* ja den Onkel bei dem Mädel 
erwischt, bei der Francisca, meiner Cousine!" 

„Was ist das für eine Geschichte mit dem Mädel? Wollen Sie 
mir die nicht erzählen?" 

„Einem Doctor darf man ja alles sagen. Also wissen Sie, der Onkel, 
er war der Mann von meiner Tant', die Sie da gesehen haben, hat 
damals mit der Tant' das Wirthshaus auf dem **kogel gehabt; jetzt 
sind sie geschieden, und ich bin Schuld daran, dass sie geschieden 
sind, weil^s durch mich aufgekommen ist, dass er's mit der Francisca hält." 

„Ja, wie sind Sie zu der Entdeckung gekommen?" 

„Das war so. Vor zwei Jahren sind einmal ein paar Herren herauf- 
gekommen und haben zu essen verlangt. Die Tant' war nicht zu Haus', 
und die Francisca war nirgends zu finden, die immer gekocht hat. Der 
Onkel war auch nicht zu finden. Wir suchen sie überall, da sagt der 
Bub, der Alois, mein Cousin: ,Am End' ist die Francisca beim Vätern'. 
Da haben wir beide* gelacht, aber gedacht haben wir uns nichts 
Schlechtes dabei. Wir gehen zum Zimmer, wo der Onkel gewohnt hat, 
das ist zugesperrt. Das war mir aber auffällig. Sagt der Alois: Am 
Gang ist ein Fenster, da kann man hineinschauen in's Zimmer. Wir 
gehen auf den Gang. Aber der Alois mag nicht zum Fenster, er sagt, 
er furcht sich. ,Da sag' ich: Du dummer Bub, ich geh hin, ich furcht' 
mich gar nicht'. Ich habe auch gar nichts Arges im Sinne gehabt. 
Ich schau hinein, das Zimmer war ziemlich dunkel, aber da seh ich 
den Onkel und die Francisca, und er liegt auf ihr." 

„Nun?" 

„Ich bin gleich weg vom Fenster, hab' mich an die Mauer ange- 
lehnt, hab' die Athemnoth bekommen, die ich seitdem hab', die Sinne 
sind mir vergangen, die Augen hat es mir zugedrückt und im Kopf 
hat es gehämmert und gebraust." 

„Haben Sie's gleich am selben Tag der Tante gesagt?" 

„0 nein, ich hab nichts gesagt." 



sind. Ich habe damals in einem Zimmer neben dem meiner Eltern geschlafen, die 
Thür war offen und ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Da habe ich denn 
einigeraale gesehen, wie der Vater zur Mutter in's Bett gegangen ist und habe 
etwas gehört, was mich sehr aufgeregt hat. Darauf bekam ich dann meine Anfälle." 



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— 110 — 

„Warum sind Sie denn so erschrocken, wie Sie die Beiden beisammen 
gefunden haben? Haben Sie denn etwas verstanden? Haben Sie sich 
etwas gedacht, was da geschieht?*" 

,,0 nein, ich hab' damals gar nichts verstanden, ich war erst 
16 Jahre alt. Ich weiss nicht, worüber ich so erschrocken bin/ 

„Fräulein Katharin', wenn Sie sich jetzt erinnern könnten, was 
damals in Ihnen vorgegangen ist, wie Sie den ersten Anfall bekommen 
haben, was Sie sich dabei gedacht haben, dann wäre Ihnen geholfen.** 

„Ja, wenn ich könnt', ich bin aber so erschrocken gewesen, dass 
ich alles vergessen hab'.** 

(In die Sprache unserer „vorläufigen Mittheilung" übersetzt, 
heisst das: Der Affect schafft selbst den hypnoiden Zustand, dessen 
Producte dann ausser associativem Verkehr mit dem Ichbewusstsein 
stehen.) 

„Sagen Sie, Fräulein, ist der Kopf, den Sie immer bei der Athem- 
noth sehen, vielleicht der Kopf von der Francisca, wie Sie ihn damals 
gesehen haben?" 

nein, der war doch nicht so grauslich, und dann ist es ja ein 
Männerkopf/ 

„Oder vielleicht vom Onkel?" 

„Ich hab' sein Gesicht gar nicht so deutlich gesehen, es war zu 
finster im Zimmer und warum sollt' er denn damals ein so schreck- 
liches Gesicht gemacht haben?" 

„Sie haben Recht." (Da schien nun plötzlich der Weg verlegt. 
Vielleicht findet sich in der weiteren Erzählung etwas.) 

„Und was ist dann weiter geschehen?" 

„Nun, die zwei müssen Geräusch gehört haben. Sie sind bald 
herausgekommen. Mir war die ganze Zeit recht schlecht, ich hab' immer 
nachdenken müssen, dann ist zwei Tage später ein Sonntag gewesen, 
da hat's viel zu thun gegeben, ich hab' den ganzen Tag gearbeitet 
und am Montag früh, da hab' ich wieder den Schwindel gehabt und 
hab' erbrochen und bin zu Bett geblieben und hab' drei Tage fort 
und fort gebrochen." 

Wir hatten oft die hysterische Symptomatologie mit einer Bilder- 
schrift verglichen, die wir nach Entdeckung einiger bilinguer Fälle zu, 
lesen verstünden. In diesem Alphabet bedeutet Erbrechen Ekel. Ich sagte 
ihr also: „Wenn Sie drei Tage später erbrochen haben, so glaub' ich, 
Sie haben sich damals, wie Sie in's Zimmer hineingeschaut haben, 
geekelt. " 

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— 111 — 

„Ja, geekelt werd' ich mich schon haben/ sagt sie nachdenklich. 
,Aber wovor denn?" 

„Sie haben vielleicht etwas Nacktes gesehen? Wie waren denn 
die beiden Personen im Zimmer?" 

„Es war zu finster, um was zu sehen, und die waren ja beide 
angezogen (in Kleidern). Ja, wenn ich nur wQsst', wovor ich mich 
damals geekelt hab'." 

Das wusste ich nun auch nicht. Aber ich forderte sie auf, weiter 
zu erzählen, was ihr einfiele, in der sicheren Erwartung, es werde ihr 
gerade das einfallen, was ich zur Aufklärung des Falles brauchte. 

Sie berichtet nun, dass sie endlich der Tante, die sie verändert 
fand und dahinter ein Geheimniss vennuthete, ihre Entdeckung mit- 
theilte, dass es darauf sehr verdriessliche Scenen zwischen Onkel und 
Tante gab, die Kinder Dinge zu hören bekamen, die ihnen über 
manches die Augen öffneten, und die sie besser nicht hätten hören 
sollen, bis die Tante sich entschloss, mit ihren Kindern und der Nichte 
die andere Wirthschaft hier zu übernehmen und den Onkel mit der 
unterdess gravid gewordenen Francisca allein zu lassen. Dann aber 
lässt sie zu meinem Erstaunen diesen Faden fallen und beginnt zwei 
Reihen von älteren Geschichten zu erzählen, die um 2 — 3 Jahre hinter 
dem traumatischen Moment zurückreichen. Die erste Eeihe enthält 
Anlässe, bei denen derselbe Onkel ihr selbst sexuell nachgestellt, als 
sie erst 14 Jahre alt war. Wie sie einmal mit ihm im Winter eine 
Partie in's Thal gemacht und dort im Wirtshaus übernachtet. Er blieb 
trinkend und kartenspielend in der Stube sitzen, s'w. wurde schläfrig 
und begab sich frühzeitig in das für Beide bestimmte Zimmer im 
Stock. Sie schlief nicht fest, als er hinaufkam, dann schlief sie wieder 
ein und plötzlich erwachte sie und „spürte seinen Körper** im Bett. 
Sie sprang auf, machte ihm Vorwürfe. „Was treiben's denn, Onkel? 
Warum bleiben's nicht in Ihrem Bett?** Er versuchte sie zu beschwatzen ; 
^Geh, dumme Gredel, sei still, du weisst ja nicht, wie gut das is." — 
^Ich mag Ihr Gutes nicht, nit einmal schlafen lassen's einen**. Sie bleibt 
bei der Thür stehen, bereit, auf den Gang hinaus zu flüchten, bis er 
ablässt und selbst einschläft. Dann legt sie sich in ihr Bett und schläft 
bis zum Morgen. Aus der Art der Abwehr, die sie berichtet, scheint 
sich zu ergeben, dass sie den Angriff nicht klar als einen sexuellen 
erkannte; darnach gefragt, ob sie denn gewusst, was er mit ihr vor- 
gehabt, antwortete sie: Damals nicht, es -sei ihr viel später klar 

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— 112 — 

geworden. Sie hätte sich gesträubt, weil es ihr unangenehm war, im 
Schlaf gestört zu werden, und „weil sich das nicht gehört hat". 

Ich musste diese Begebenheit ausführlich berichten, weil sie 
für das Vcrständniss alles Späteren eine grosse Bedeutung besitzt. — 
Sie erzählt dann noch andere Erlebnisse aus etwas späterer Zeit, wie 
sie sich seiner abermals in einem Wirthshaus zu erwehren hatte, als 
er vollbetriinken war, udgl. mehr. Auf meine Frage, ob sie bei diesen 
Anlässen etwas Aehnliches verspürt wie die spätere Athemnoth, antwortet 
sie mit Bestimmtheit, dass sie dabei jedesmal den Druck auf die 
Augen und auf die Brust bekam, aber lange nicht so stark wie bei 
der Scene der Entdeckung. 

Unmittelbar nach xVbschluss dieser Reihe von Erinnerungen 
beginnt sie eine zweite zu erzählen, in welcher es sich um Gelegen- 
heiten handelt, wo sie auf etwas zwischen dem Onkel und der Francisca 
aufmerksam wurde. Wie sie einmal, die, ganze Familie, die Nacht auf 
einem Heuboden in Kleidern verbracht und sie in Folge eines 
Geräusches plötzlich aufwachte; sie glaubte zu bemerken, dass der 
Onkel, der zwischen ihr und der Francisca gelegen war, wegrückte und 
die Francisca sich gerade legte. Wie sie ein anderes Mal in einem 
Wirthshaus des Dorfes N . . übernachteten, sie und der Onkel in dem 
einen Zimmer, die Francisca in einem anderen nebenan. In der Nacht 
erwachte sie plötzlich und sah eine lange weisse Gestalt bei der Thür, 
im Begriff, die Klinke niederzudrücken: ,,Jesses, Onkel, sein Sie's? 
Was wollen's beider Thür?-' — ,,Sei still, ich hab' nur was gesucht.'' 
— „Da geht man ja bei der anderen Thür heraus.'' — „Ich hab 
mich halt verirrt u. s. w. 

Ich frage sie, ob sie damals einen Argwohn gehabt. „Nein, gedacht 
hab' ich mir gar nichts dabei, es ist mir nur immer aufgefallen, aber 
ich hab' nichts weiter daraus gemacht." — Ob sie bei diesen Gelegen- 
heiten auch die Angst bekommen? — Sie glaubt, ja, aber diesmal 
ist sie dessen nicht so sicher. 

Nachdem sie diese beiden Reihen von Erzählungen beendigt, 
hält sie inne. Sie ist Avie verwandelt, das mürrische, leidende Gesicht 
hat sich belebt, die Augen sehen frisch drein, sie ist erleichtert 
und gehoben. Mir aber ist unterdess das Verständniss ihres Falles 
aufgegangen; was sie mir zuletzt anscheinend planlos erzählt hat> 
erklärt vortrefflich ihr Benehmen bei der Scene der Entdeckung. Sie 
trug damals zwei Reihen von Erlebnissen mit sich, die sie erinnerte 
aber nicht verstand, zu keinem Schluss verwertete ; beim Anblick des 



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— 113 — 

coitirenden Paares stellte sie sofort die Verbindung des neuen Ein- 
drucks mit diesen beiden Keihen von Keminiscenzen her, begann zu 
verstehen und gleichzeitig abzuwehren. Dann folgte eine kurze Periode 
der Ausarbeitung, „der Incubation'*, und darauf stellten sich die 
Symptome der Conversion, das Erbrechen, als Ersatz für den moralischen 
und physischen Ekel ein. Das Käthsel war damit gelöst, sie hatte sieh 
nicht vor dem Anblick der Beiden geekelt, sondern vor einer Erinne- 
rung, die ihr jener Anblick geweckt hatte, und alles erwogen, konnte 
dies nur die Erinnerung an den nächtlichen Ueberfall sein, als sie 
^den Körper des Onkels spürte *". 

Ich sagte ihr also, nachdem sie ihre Beichte beendigt hatte: 
,, Jetzt weiss ich schon, was Sie sich damals gedacht haben, wie Sie 
in's Zimmer hineingeschaut haben. Sie haben sich gedacht: jetzt thut 
er mit ihr, was er damals bei Nacht und die anderen Male mit mir 
hat thun wollen. Davor haben Sie sich geekelt, weil Sie sich an die 
Empfindung erinnert haben, wie Sie in der Nacht aufgewacht sind 
und seinen Körper gespürt haben." 

Sie antwortet: „Das kann schon sein, dass ich mich davor geekelt, 
und dass ich damals das gedacht hab'.^^ 

„Sagen Sie mir einmal genau, Sie sind ja jetzt ein erwachsenes 
Mädchen und wissen allerlei — " 

„Ja jetzt, freilich." 

„Sagen Sie mir genau, was haben Sie denn in der Nacht eigentlich 
von seinem Körper verspürt?" 

Sie gibt aber keine bestimmtere Antwort, sie lächelt verlegen 
und wie überführt, wie einer, der zugeben muss, dass man jetzt auf 
den Grund der Dinge gekommen ist, über den sich nicht mehr viel 
sagen lässt. Ich kann mir denken, welches die Tastempfindung war, 
die sie später deuten gelernt hat; ihre Miene scheint mir auch zu 
sagen, dass sie von mir voraussetzt, ich denke mir das Richtige, aber 
ich kann nicht weiter in sie dringen; ich bin ihr ohnehin Dank dafür 
schuldig, dass sie soviel leichter mit sich reden lässt als die prüden 
Damen in meiner Stadtpraxis, für die alle naturalia turpia sind. 

Somit wäre der Fall geklärt; aber halt, die im Anfall wieder- 
kehrende Hallucination des Kopfes, der ihr Schrecken einjagt, woher 
kommt die? Ich frage sie jetzt darnach. Als hätte auch sie in diesem 
Oespräch ihr Verständniss erweitert, antwortet sie prompt: „Ja, das 
weiss ich jetzt schon, der Kopf ist der Kopf vom Onkel, ich erkenn's 
jetzt, aber nicht aus der Zeit. Später, wie dann alle die Streitigkeiten 

Breuer u. Freud, Studien. " 

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— lU — 

losgegangen sind, da hat der Onkel eine unsinnige Wiith auf mich 
bekommen; er hat immer gesagt, ich bin Schuld an allem; hätt' ich 
nicht geplauscht, so wär's nie zur Scheidung gekommen; er hat mir 
immer gedroht, er thut mir was an; wenn er mich von Weitem gesehen 
hat, hat sich sein Gesicht vor Wuth verzogen, und er ist mit der 
gehobenen Hand auf mich losgegangen. Ich bin immer vor ihm davon- 
gelaufen und hab' immer die grösste Angst gehabt, er packt mich 
irgendwo unversehens. Das Gesicht, was ich jetzt immer sehe, ist sein 
Gesicht, wie er in der Wuth war." 

Diese Auskunft erinnert mich daran, dass ja das erste Symptom 
der Hysterie, das Erbrechen, vergangen ist; der Angstanfall ist geblieben 
und hat sich mit neuem Inhalt gefüllt. Demnach handelt es sich um 
eine zum guten Theile abreagirte Hysterie. Sie hat ja auch wirklich ihre 
Entdeckung bald hernach der Tante mitgetheilt. 

„Haben Sie der Tante auch die anderen Geschichten erzählt, 
wie er Ihnen nachgestellt hat?'' 

„Ja, nicht gleich, aber später, wie schon von der Scheidung die 
Kede war. Da hat die Tant' gesagt: Das heben wir uns auf; wenn er 
Schwierigkeiten vor Gericht macht, dann sagen wir auch das." 

Ich kann verstehen, dass gerade aus der letzten Zeit, als die 
aufregenden Scenen im Hause sich häuften, als ihr Zustand aufhörte, 
das Interesse der Tante zu erwecken, die von dem Zwist vollauf in 
Anspruch genommen war, dass aus dieser Zeit der Häufung und 
Ketention das Erinnerungssymbol verblieben ist. 

Ich hoffe, die Ansprache mit mir hat dem in seinem sexuellen 
Empfinden so frühzeitig verletzten Mädchen in etwas wohlgethan; ich 
habe sie nicht wiedergesehen. 

Epikrise. 

Ich kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand in dieser 
Krankengeschichte weniger einen analysirten als einen durch Errathen 
aufgelösten Fall von Hysterie erblicken will. Die Kranke gab zwar 
alles, was ich in ihren Bericht interpolirte, als wahrscheinlich zu; sie 
war aber doch nicht im Stande es als Erlebtes wiederzuerkennen. Ich 
meine, dazu hätte es der Hypnose bedurft. Wenn ich annehme, ich 
hätte richtig gerathen, und nun versuche, diesen Fall auf das Schema 
einer acquirirten Hysterie zu reduciren, wie es sich uns aus Fall III 
ergeben hat, so liegt es nahe, die zwei Eeihen von erotischen Erleb- 
nissen mit traumatischen Momenten, die Scene bei der Entdeckung 



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— 115 — 

des Paares mit einem auxiliären Moment zu vergleichen. Die Aehn- 
lichkeit liegt darin, dass in den ersteren ein Bewusstseinsinhalt geschaffen 
wurde, welcher, von der Denkthätigkeit des Ich ausgeschlossen, auf- 
bewahrt blieb, während in der letzteren Scene ein neuer Eindruck die 
associative Vereinigung dieser abseits befindlichen Gruppe mit dem 
Ich erzwang. Andererseits finden sich auch Abweichungen, die nicht 
vernachlässigt werden können. Die Ursache der Isolirung ist nicht wie 
bei Fall III der Wille des Ich, sondern die Ignoranz des Ich, das 
mit sexuellen Erfahrungen noch nichts anzufangen weiss. In dieser 
Hinsicht ist der Fall Katharina ein typischer; man findet bei der 
Analyse jeder auf sexuelle Traumen begründeten Hysterie, dass 
Eindrücke aus der vorsexuellen Zeit, die auf das Kind wirkungslos 
geblieben sind, später als Erinnerungen traumatische Gewalt erhalten, 
wenn «ich der Jungfrau oder Frau das Verständniss des sexuellen 
Lebens erschlossen hat. Die Abspaltung psychischer Gruppen ist 
sozusagen ein normaler Vorgang in der Entwicklung der Adolescenten, 
imd es wird begreiflich, dass deren spätere Aufnahme in das Ich 
einen häutig genug ausgenützten Anlass zu psychischen Störungen gibt. 
Ferner möchte ich an dieser Stelle noch dem Zweifel Ausdruck geben, 
ob die Bewusstseinsspaltung durch Ignoranz wirklich von der durch 
bewusste Ablehnung verschieden ist, ob nicht auch die Adolescenten 
viel häufiger sexuelle Kentniss besitzen, als man von ihnen veraieint, 
und als sie sich selbst zutrauen. 

Eine weitere Abweichung im psychischen Mechanismus dieses 
Falles liegt darin, dass die Scene der Entdeckung, welche wir als 
„auxiliäre'* bezeichnet haben, gleichzeitig auch den Namen einer 
„traumatischen** verdient. Sie wirkt durch ihren eigenen Inhalt, nicht 
bloss durch die Erweckung der vorhergehenden traumatischen Erlebnisse, 
sie vereinigt die Charaktere eines „auxiliären" und eines traumatischen 
Momentes. Ich sehe in diesem Zusammenfallen aber keinen Grund 
eine- begriffliche Scheidung aufzugeben, welcher bei anderen Fällen 
auch eine zeitliche Scheidung entspricht. Eine andere Eigenthümlichkeit 
des Falles Katharina, die übrigens seit Langem bekannt ist, zeigt 
sich darin, dass die Conversion, die Erzeugung der hysterischen 
Phänomene nicht unmittelbar nach dem Trauma, sondern nach einem 
Intervall von Incubation vor sich geht. Charcot nannte dieses 
Intervall mit Vorliebe die „Zeit der psychischen Ausarbeitung.** 

Die Angst, an der Katharina in ihrer Anfallen leidet, ist eine 
hysterische, d. h. eine ßeproduction jener Angst, die bei jedem der 

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— 116 — 

sexuellen Traumen auftrat. Ich unterlasse es hier den Vorgang auch 
zu erläutern, den ich in einer ungemein grossen Anzahl von Fällen 
als regelmässig zutreffend erkannt habe, dass die Ahnung sexueller 
Beziehungen bei virginalen Personen einen Angstaffekt hervorruft. 

V. Fräulein Elisabeth v. R . . . (Freud). 

Im Herbste 1892 forderte ein befreundeter College mich auf, 
eine junge Dame zu untersuchen, die seit länger als zwei Jahren an 
Schmerzen in den Beinen leide und schlecht gehe. Er fügte der Ein- 
ladung bei, dass er den Fall für eine Hysterie halte, wenngleich von 
den gewöhnlichen Zeichen der Neurose nichts zu finden sei. Er kenne 
die Familie ein wenig und wisse, dass die letzten Jahre derselben 
viel Unglück und wenig Erfreuliches gebracht hätten. Zuerst sei der 
Vater der Patientin gestorben, dann habe die Mutter sich einer ernsten 
Operation an den Augen unterziehen müssen, und bald darauf sei eine 
verheirathete Schwester der Kranken nach einer Entbindung einem alten 
Herzleiden erlegen. An allem Kummer und aller Krankenpflege habe 
unsere Patientin den grössten Antheil gehabt. 

Ich gelangte nicht viel weiter im Verständniss des Falles, nach- 
dem ich das 24jährige Fräulein zum ersten Male gesehen hatte. Sie 
schien intelligent und psychisch normal und trug das Leiden, welches 
ihr Verkehr und Genuss verkümmerte, mit heiterer Miene, mit der 
„belle indifference" der Hysterischen, musste ich denken. Sie gieng mit 
vorgebeugtem Oberkörper, doch ohne Stütze, ihr Gang entsprach keiner 
als pathologisch bekannten Gangart, war übrigens keineswegs auffällig 
schlecht. Es lag eben nur vor, dass sie über grosse Schmerzen beim 
Gehen, über rasch auftretende Ermüdung dabei und im Stehen klagte 
und nach kurzer Zeit die Kühe aufsuchte, in der die Schmerzen 
geringer waren, aber keineswegs fehlten. Der Schmerz war unbe- 
stimmter Natur, man konnte etwa entnehmen: eine schmerzhafte 
Müdigkeit. Eine ziemlich grosse, schlecht abgegrenzte Stelle an der 
Vorderfläche des rechten Oberschenkels wurde als der Herd der 
Schmerzen angegeben, von dem dieselben am häufigsten ausgieijgen und 
wo sie ihre grösste Intensität erreichten. Dort war auch Haut und 
Muskulatur ganz besonders empfindlich gegen Drücken und Kneipen, 
Nadelstiche wurden eher etwas gleichgiltig hingenommen. Nicht bloss 
an dieser Stelle, sondern so ziemlich im ganzen Umfang beider Beine 
war dieselbe Hyperalgesie der Haut und der Muskeln nachweisbar. 
Die Muskeln waren vielleicht noch schmerzhafter als die Haut; unver- 



CoOqIp Original from 

v.:-UUgH^ NEWYORK PUBLIC LIBRARY 



— 117 — 

kennbar waren beide Arten von Schmerzhaftigkeit an den Oberschenkeln 
am stärksten ausgebildet. Die motorische Kraft der Beine war nicht 
gering zu nennen, die Reflexe von mittlerer Intensität; alle anderen 
Symptome fehlten, so dass sich kein Anhaltspunkt für die Annahme 
ernsterer organischer Affection ergab. Das Leiden war seit zwei Jahren 
allmählich entwickelt, wechselte sehr in seiner Intensität. 

Ich hatte es nicht leicht, zu einer Diagnose zu gelangen, entschloss 
mich aber aus zwei Gründen, der meines CoUegen beizupflichten. 
Für's erste war es aufl'ällig, wie unbestimmt alle Angaben der doch 
hochintelligenten Kranken über die Chaiaktere ihrer Schmerzen lauteten. 
Ein Kranker, der an organischen Schmerzen leidet, wird, wenn er nicht 
etwa nebenbei nervös ist, diese bestimmt und ruhig beschreiben, sie 
seien etwa lancinirend, kämen in gewissen Intervallen, erstreckton sich 
von dieser bis zu dieser Stelle und würden nach seiner Meinung durch diese 
und jene Einflüsse hervorgerufen. Der Neurastheniker^, der seine Schmerzen 
beschreibt, macht dabei den Eindruck, als sei er mit einer schwierigen 
geistigen Arbeit beschäftigt, die weit über seine Kräfte geht. Seine 
Gesichtszüge sind gespannt und wie unter der Herrschaft eines pein- 
lichen Affectes verzerrt, seine Stimme wird schriller, er ringt nach 
Ausdruck, weist jede Bezeichnung, die ihm der Arzt für seine 
Schmerzen vorschlägt, zurück, auch wenn sie sich später als un- 
zweifelhaft passend herausstellt; er ist offenbar der Meinung, die 
Sprache sei zu arm, um seinen Empfindungen Worte zu leihen; diese 
Empfindungen selbst seien etwas einziges, noch nicht dagewesenes, das 
man gar nicht erschöpfend beschreiben könne, und darum wird er 
auch nicht müde, immer neue Details hinzuzufügen, und wenn er 
abbrechen muss, beherrscht ihn sicherlich der Eindruck, es sei ihm 
nicht gelungen, sich dem Arzt verständlich zu machen. Das kommt 
daher, dass seine Schmerzen seine ganze Aufmerksamkeit auf sich ge- 
zogen haben. Bei Frl. v. R. war das entgegengesetzte Verhalten, und 
man musste daraus schliessen, da sie doch den Schmerzen Bedeutung 
genug beilegte, dass ihre Aufmerksamkeit bei etwas anderem ver- 
weilte, wovon die Schmerzen nur ein Begleitphänomen seien, wahr- 
scheinlich also bei Gedanken und Empfindungen, die mit den Schmerzen 
zusammenhiengen. 

Noch mehr bestimmend für die Auffassung der Schmerzen musste 
aber ein zw^eites Moment sein. Wenn man eine schmerzhafte Stelle bei 
einem organisch Krankeij oder einem Neurastheniker reizt, so zeigt 

* (Hypochonder, mit Angstneurose Behaftete.) 

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— 118 — 

dessen Physiognomie den unveiiniscliten Ausdruck des ünbehagecs oder 
des physischen Sclimerzes, der Kranke zuckt ferner zusammen, entzieht 
sich der Untersuchung, wehrt ab. Wenn man aber bei Frl. v. R. die 
byperalgische Haut und Muskulatur der Beine kneipte oder drückte, so 
nahm ihr Gesicht einen eigenthümlichen Ausdruck an, eher den der 
Lust als des Schmerzes, sie schrie auf, — ich musste denken, etwa wie 
bei einem wollüstigen Kitzel, — ihr Gesicht röthete sich, sie warf den 
Kopf zurück, schloss die Augen, der Eumpf bog sich nach rückwärts; 
das alles war nicht sehr grob, aber doch deutlich ausgeprägt und liess 
sich nur mit der Auffassung vereinigen, das Leiden sei eine Hysterie, 
und die Heizung habe eine hysterogene Zone betroffen. 

Die Miene passte nicht zum Schmerz, den das Kneipen der 
Muskeln uud Haut angeblich en-egte, wahrscheinlich stimmte sie besser 
zum Inhalte der Gedanken, die hinter diesem Schmerz steckten, und 
die man in der Kranken durch Eeizung der ihnen associirten Körper- 
stellen weckte. Ich hatte ähnlich bedeutungsvolle Mienen bei Reizung 
liyperalgischer Zonen wiederholt in sicheren Fällen von Hysterie 
beobachtet; die anderen Gebärden entsprachen offenbar der leichtesten 
Andeutung eines hysterischen Anfalles. 

Für die ungewöhnliche Localisation der hysterogenen Zone ergab 
sich zunächst keine Aufklärung. Dass die Hyperalgesie hauptsächlich 
die Muskulatur betraf, gab auch zu denken. Das häufigste Leiden, 
welches die diffuse und locale Druckempfindlichkeit der Muskeln ver- 
schuldet, ist die rheumatische Infiltration derselben, der gemeine 
chronische Muskelrheumatismus, von dessen Eignung, nervöse Affectionen 
vorzutäuschen, ich bereits gesprochen habe. Die Consistenz der schmerz- 
liaften Muskeln bei Frl. v. R. widersprach dieser Annahme nicht, es 
fanden sich vielfältig harte Stränge in den Muskelmassen, die auch 
besonders empfindlich schienen. Wahrscheinlich lag also eine im 
angegebenen Sinn organische Veränderung der Muskeln vor, an welche 
sich die Neurose anlehnte, und deren Bedeutung die Neurose übertrieben 
gross erscheinen liess. 

Die Therapie gieng auch von einer derartigen Voraussetzung eines 
gemischten Leidens aus. Wir empfahlen Fortsetzung einer syste- 
matischen Knetung und Faradisirung der empfindlichen Muskeln ohne 
Rücksicht auf den dadurch entstehenden Schmerz, und ich behielt mir 
die Behandlung der Beine mit starken Franklin'schen Funkenentladungen 
vor, um mit der Kranken in Verkehr bleiben zu können. Ihre Frage, ob sie 
sich zum Gehen zwingen solle, beantworteten wir mit entschiedenem Ja. 

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— 119 — 

Wir erzielten so eine leichte Besserung. Ganz besonders schien 
sie sich für die schmerzhaften Schläge der Influenzmaschine zu er- 
wärmen, und je stärker diese waren, desto mehr schienen sie die 
eigenen Schmerzen der Kranken zurückzudrängen. Mein College bereitete 
unterdess den Boden für eine psychische Behandlung vor, und als 
ich nach vierwöchentlicher Scheinbehandlung eine solche vorschlug 
und der Kranken einige Aufschlüsse über das Verfahren und seine 
Wirkungsweise gab, fand ich rasches Verständniss und nur geringen 
Widerstand. 

Die Arbeit, die ich aber von da an begann, stellte sich als eine 
der schwersten heraus, die mir je zugefallen waren, und die Schwierigkeit, 
von dieser Arbeit einen Bericht zu geben, reiht sich den damals über- 
wundenen Schwierigkeiten würdig an. Ich verstand auch lange Zeit 
nicht, den Zusammenhang zwischen der Leidensgeschichte und dem 
Leiden zu finden, welches doch durch diese Reihe von Erlebnissen 
verursacht und determinirt sein sollte. 

Wenn man eine derartige kathartische Behandlung unternimmt, 
wird man sich zuerst die Frage vorlegen: Ist der Kranken Herkunft 
und Anlass ihres Leidens bekannt? Dann bedarf es wohl keiner 
besonderen Technik, sie zur Eeproduction ihrer Leidensgeschichte zu 
vei-mögen; das Interesse, das man ihr bezeugt, das Verständniss, das 
man sie ahnen lässt, die Hoifnung auf Genesung, die man ihr macht, 
werden die Kranke bestimmen, ihr Geheimniss aufzugeben. Bei Fräulein 
Elisabeth war mir von Anfang an wahrscheinlich, dass sie sich der 
Gründe ihres Leidens bewusst sei, dass sie also nur ein Geheimniss, 
keinen Fremdkörper im Bewusstsein habe. Man musste, wenn man sie 
ansah, an die Worte des Dichters denken: „Das Mäskchen da weissagt 
verborgenen Sinn.** ^ 

Ich konnte also zunächst auf die Hypnose verzichten, mit dem Vor- 
behalt allerdings, mich später der Hypnose zu bedienen, wenn sich im Ver- 
laufe der Beichte Zusammenhänge ergeben sollten, zu deren Klärung ihre 
Erinnerung etwa nicht ausreichte. So gelangte ich bei dieser ersten 
vollständigen Analyse einer Hysterie, die ich unternahm, zu einem 
Verfahren, das ich später zu einer Methode erhob und zielbewusst ein- 
leitete, zu einem Verfahren der achichtweisen Ausräumung des pathogenen 
psychischen Materials welches wir gerne mit der Technik der Aus- 
grabung einer verschütteten Stadt zu vergleichen pflegten. Ich liess 
mir zunächst erzählen, was der Kranken bekannt war, achtete sorg- 

^ Es wird sich ergeben, dass ich mich hierin doch geirrt hatte. 

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— 120 — 

fältig darauf, wo ein Zusammenhang räthselhaft blieb, wo ein Glied 
in der Kette der Verursachungen zu fehlen schien, und drang dann 
später in tiefere Schichten der Erinnerung ein, indem ich an- jenen 
Stellen die hypnotische Erforschung oder eine ihr ähnliche Technik 
wirken liess. Die Voraussetzung der ganzen Arbeit war natürlich 
die Erwartung, dass eine vollkommen zureichende Determinirung 
zu erweisen sei; von den Mitteln zur Tieferforschung wird bald die 
Rede sein. 

Die Leidensgeschichte, welche Fräulein Elisabeth erzählte, war 
eine langwierige, aus mannigfachen schmerzlichen Erlebnissen gewebte. 
Sie befand sich während der Erzählung nicht in Hypnose, ich liess sie 
aber liegen und hielt ihre Augen geschlossen, ohne dass ich mich 
dagegen gewehrt hätte, wenn sie zeitweilig die Augen öffnete, ihre 
Lage veränderte, sich aufsetzte udgl. Wenn sie ein Stuck der Erzählung 
tiefer ergriff, so schien sie mir dabei spontan in einen der Hypnose 
ähnlicheren Zustand zu gerathen. Sie blieb dann regungslos liegen und 
hielt ihre Augen fest geschlossen. 

Ich gehe daran wiederzugeben, was sich als oberflächlichste 
Schicht ihrer Erinnerungen ergab. Als jüngste von drei Töchtern hatte 
sie, zärtlich an den Eltern hängend, ihre Jugend auf einem Gute in 
Ungarn verbracht. Die Gesundheit der Mutter war vielfach getrübt 
durch ein Augenleiden und auch durch nervöse Zustände. So kam es, 
dass sie sich besonders innig an den heiteren und lebenskundigen 
Vater anschloss, der zu sagen pflegte, diese Tochter ersetzte ihm einen 
Sohn und einen Ereund, mit dem er seine Gedanken austauschen 
könne. Soviel das Mädchen an geistiger Anregung bei diesem Verkehr 
gewann, so entgieng es doch dem Vater nicht, dass sich dabei ihre 
geistige Constitution von dem Ideal entfernte, welches man gerne in 
einem Mädchen verwirklicht sieht. Er nannte sie scherzweise „keck 
und rechthaberisch**, warnte sie vor allzugrosser Bestimmtheit in 
ihren Urtheilen, vor ihrer Neigung, den Menschen schonungslos die 
Wahrheit zu sagen, und meinte oft, sie werde es schwer haben, einen 
Mann zu finden. Thatsächlich war sie mit ihrem Mädchenthum recht 
unzufrieden, sie war von ehrgeizigen Plänen erfüllt, wollte studieren 
oder sich in Musik ausbilden, empörte sich bei dem Gedanken, in 
einer Ehe ihre Neigungen und die Freiheit ihres ürtheiles opfern zu 
müssen. Unterdess lebte sie im Stolze auf ihren Vater, auf das Ansehen 
und die sociale Stellung ihrer Familie und hütete eifersüchtig alles, 
was mit diesen Gütern zusammenhieng. Die Selbstlosigkeit, mit welcher 



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sie sich vorkommenden Falles gegen ihre Mutter und ihre älteren 
Schwestern zurücksetzte, söhnte die Eltern aber voll mit den schrofferen 
Seiten ihres Charakters aus. 

Das Alter der Mädchen bewog die Familie zur Uebersiedlung in 
die Hauptstadt, wo sich Elisabeth eine Weile an dem reicheren und 
heiteren Leben in der Familie erfreuen durfte. Dann aber kam der 
Schlag, der das Glück dieses Hauses zerstörte. Der Vater hatte ein 
chronisches Herzleiden verborgen oder selbst übersehen; eines Tages 
brachte man ihn bewusstlos nach einem ersten Anfall von Lungen- 
ödem nach Hause. Es folgte eine Krankenpflege von IV2 Jahren, in 
welcher sich Elisabeth den ersten Platz am Bette sicherte. Sie schlief 
im Zimmer des Vaters, erwachte Nachts auf seinen Euf, betreute ihn 
tagsüber und zwang sich, selbst heiter zu scheinen, während er den 
hoffnungslosen Zustand mit liebenswürdiger Ergebenheit ertrug. Mit 
dieser Zeit der Krankenpflege musste der Beginn ihres Leidens zu- 
sammenhängen, denn sie konnte sich erinnern, dass sie im letzten 
Halbjahr der Pflege ein und einhalb Tage wegen solcher Schmerzen 
im rechten Bein zu Bett geblieben sei. Sie behauptete aber, diese 
Schmerzen seien bald vorübergegangen und hätten weder ihre Sorge 
noch ihre Aufmerksamkeit erregt. Thatsächlich war es erst zwei Jahie 
nach dem Tode des Vaters, dass sie sich krank fühlte und ihrer 
Schmerzen wegen nicht gehen konnte. 

Die Lücke, die der Tod des Vaters in dem Leben dieser aus 
4 Frauen bestehenden Familie hinterliess, die gesellschaftliche Verein- 
samung, das Aufhören so vieler Beziehungen, die Anregung und Genuss 
versprochen hatten, die jetzt gesteigerte Kränklichkeit der Mutter, diess 
alles trübte die Stimmung unserer Patientin, machte aber gleichzeitig 
in ihr den heissen Wunsch rege, dass die Ihrigen bald einen Ersatz 
für das verlorene Glück finden möchten, und hiess sie ihre ganze 
Neigung und Sorgfalt, auf die überlebende Mutter concentriren. 

Nach Ablauf des Trauerjahres heirathete die älteste Schwester 
einen begabten und strebsamen Mann in ansehnlicher Stellung, der 
durch sein geistiges Vermögen zu einer grossen Zukunft bestimmt 
schien, der aber im nächsten Umgang eine krankhafte Empfindlichkeit, 
ein egoistisches Beharren auf seinen Launen entwickelte, und der zuerst 
im Kreise dieser Familie die Kücksicht auf die alte Frau zu vernach- 
lässigen wagte. Das war mehr, als Elisabeth vertragen konnte; sie 
fühlte sich berufen, den Kampf gegen den Schwager aufzunehmen, so 
oft er Anlass dazu bot, während die anderen Frauen die Ausbrüche 

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seines erregbaren Temperamentes leicht hinnahmen. Für sie war es eine 
schmerzliche Enttäuschung, dass der Wiederaufbau des alten Familien- 
glückes diese Störung erfuhr, und sie konnte es ihrer verheiratheten 
Schwester nicht vergeben, dass diese in frauenhafter Fügsamkeit 
bestrebt blieb, jede Parteinahme zu vermeiden. Eine ganze Reihe von 
Scenen war Elisabeth so im Gedächtniss geblieben, an denen zum 
Theil nicht ausgesprochene Beschwerden gegen ihren ersten Schwager 
hafteten. Der grösste Vorwurf aber blieb, dass er einem in Aussicht 
gestellten Avancement zu Liebe mit seiner kleinen Familie in eine 
entfernte Stadt Oesterreichs übersiedelte und so die Vereinsamung der 
Mutter vergrössern half. Bei dieser Gelegenheit fühlte Elisabeth so 
deutlich ihre Hilflosigkeit, ihr Unvermögen, der Mutter einen Ersatz 
für das verlorene Glück zu bieten, die Unmöglichkeit, ihren beim Tod 
des Vaters gefassten Vorsatz auszuführen. 

Die Heirath der zweiten Schwester schien Erfi-eulicheres für die 
Zukunft der Familie zu versprechen, denn dieser zweite Schwager war, 
obwohl geistig minder hochstehend, ein Mann nach dem Herzen der 
feinsinnigen, in der Pflege aller Rücksichten erzogenen Frauen, und 
sein Benehmen söhnte Elisabeth mit der Institution der Ehe und 
mit dem Gedanken an die mit ihr verknöpften Opfer aus. Auch blieb 
das zweite junge Paar in der Nähe der Mutter, und das Kind dieses 
Schwagers und der zweiten Schwester wurde der Liebling Elisabeth's. 
Leider war das Jahr, in dem dies Kind geboren wurde, durch ein anderes 
Ereigniss getrübt. Das Augenleiden der Mutter erforderte eine mehr- 
wöchentliche Dunkelcur, welche Elisabeth mitmachte. Dann wurde 
eine Operation lür nothwendig erklärt; die Aufregung vor derselben 
fiel mit den Vorbereitungen zur Uebersiedlung des ersten Schwagers 
zusammen. Endlich war die von Meisterhand ausgeführte Operation 
überstanden, die drei Familien trafen in einem Sommeraufenthalte zu- 
sammen, und die durch die Sorgen der letzten Monate erschöpfte 
Elisabeth hätte nun in der ersten, von Leiden und Befürchtungen freien 
Zeit, die dieser Familie seit dem Tode des Vaters gegönnt war, sich 
voll erholen sollen. 

Gerade in die Zeit dieses Sommeraufenthaltes fällt aber der 
Ausbruch von Elisabeth's Schmerzen und Gehschwäche. Nachdem sich 
die Schmerzen eine Weile vorher etwas bemerklich gemacht hatten, 
traten sie zuerst heftig nach einem warmen Bade auf, das sie 
im Badhaus des kleinen Curortes nahm. Ein langer Spaziergang, 
eigentlich ein Marsch von einem halben Tag, einige Tage vorher. 



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— 123 - 

wurde dann in Beziehung zum Auftreten dieser Schmerzen gebraclit, 
so dass sich leicht die Auffassung ergab, Elisabeth habe sich zuerst 
^übermüdef* und dann ^erkühlt". 

Von jetzt ab war Elisabeth die Kranke der Familie. Aerztlicher 
Rath veranlasste sie, noch den Rest dieses Sommers zu einer Badecur 
in Gastein zu verwenden, wohin sie mit ihrer Mutter reiste, aber 
nicht ohne dass eine neue Sorge aufgetaucht wäre. Die zweite 
Schwester war neuerdings gravid, und Nachrichten schilderten ihr 
Befinden recht ungünstig, so dass sich Elisabeth kaum zur Reise 
nach Gastein entschliessen wollte. Nach kaum zwei Wochen des Gasteiner 
Aufenthaltes wurden Mutter und Schwester zurückgerufen, es gienge 
der jetzt bettlägerigen Kranken nicht gut. 

Eine qualvolle Reise, auf welcher sich bei Elisabeth Schmerzen 
und schreckhafte Erwartungen vermengten, dann gewisse Anzeichen 
auf dem Bahnhofe, welche das Schlimmste ahnen Hessen, und dann, 
als sie in's Zimmer der Kranken traten, die Gewissheit, dass sie zu 
spät gekommen waren, um von einer Lebenden Abschied zu nehmen. 

Elisabeth litt nicht nur unter dem Verlust dieser Schwester, die 
sie zärtlich geliebt hatte, sondern fast ebensosehr unter den Gedanken, 
die dieser Todesfall anregte, und unter den Veränderungen, die er mit 
sich brachte. Die Schwester war einem Herzleiden erlegen, das durch 
die Gravidität zur Verschlimmerung gebracht worden war. 

Nun tauchte der Gedanke auf, Herzkrankheit sei das väterliche 
Erbtheil der Familie. Dann erinnerte man sich, dass die Verstorbene 
in den ersten Mädchenjahren eine Chorea mit leichter Herzaffection 
durchgemacht hatte. Man machte sich und den Aerzten den Vorwurf, 
dass sie die Heirath zugelassen hätten, man konnte dem unglücklichen 
Witwer den Vorwurf nicht ersparen, die Gesundheit seiner Frau durch 
zwei auf einander folgende Graviditäten ohne Pause gefährdet zu haben. 
Der traurige Eindruck, dass, wenn einmal die so seltenen Bedin- 
gungen für eine glückliche Ehe sich getroffen hätten, dieses Glück 
dann solch ein Ende nähme, beschäftigte die Gedanken Elisabeth's von 
da an ohne Widerspruch. Ferner aber sah sie wiederum alles in sich 
zerfallen, was sie für ihre Mutter ersehnt hatte. Der verwitwete 
Schwager war untröstlich und zog sich von der Familie seiner Frau 
zurück. Es scheint, dass seine eigene Familie, der er sich während 
der kurzen und glücklichen Zeit seiner Ehe entfremdet hatte, den 
Moment günstig fand, um ihn wieder in ihre eigenen Bahnen zu ziehen. 
Es fand sich kein Weg, die frühere Gemeinschaft aufrecht zu halten; 



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ein Ziisammenwolinen mit der Mutter war aus Euctsicht auf die un- 
verheirathete Schwägerin unthunlich, und indem er sich weigerte, den 
beiden Frauen das Kind, das einzige Erbtheil der Todten, zu über- 
lassen, gab er ihnen zum ersten Mal Gelegenhut, ihn der Härte zu 
beschuldigen. Endlich — und diess war nicht das am mindesten Peinliche 
— hatte Elisabeth dunkle Kunde von einem Zwist bekommen, der 
zwischen beiden Schwägern ausgebrochen war, und dessen Anlass sie 
nur ahnen konnte. Es schien aber, als ob der Witwer in Vermögens- 
angelegenheiten Forderungen erhoben hätte, die der andere Schwager 
für ungerechtfertigt hinstellte, ja die er mit Rücksicht auf den frischen 
Schmerz der Mutter als eine arge Erpressung bezeichnen konnte. 
Diess also war die Leidensgeschichte des ehrgeizigen rnd liebe- 
bedurftigen Mädchens. Mit ihrem Schicksal grollend, erbittert über das 
Fehlschlagen all ihrer kleinen Pläne, den Glanz des Hauses wieder- 
herzustellen; — ihre Lieben theils gestorben, theils entfernt, theils 
entfremdet; — ohne Neigung, eine Zuflucht in der Liebe eines fremden 
Mannes zu suchen, lebte sie seit l^/g Jahren, fast von jedem Verkehr 
abgeschieden, der Pflege ihrer Mutter und ihrer Schmerzen. 

Wenn man an grösseres Leid vergessen und sich in das Seelen- 
leben eines Mädchens versetzen wollte, konnte man Fräulein Elisabeth 
eine herzliche menschliche Theilnahme nicht versagen. Wie stand es 
aber mit dem ärztlichen Interesse für diese Leidensgeschichte, mit den 
Beziehungen derselben zu ihrer schmerzhaften Gehschwäche, mit den 
Aussichten auf Klärung und Heilung dieses Falles, die sich etwa aus 
der Kenntniss dieser psychischen Traumen ergaben? 

Für den Arzt bedeutete die Beichte der Patientin zunächst eine 
grosse Enttäuschung. Es war ja eine aus banalen seelischen Er- 
schütterungen bestehende Krankengeschichte, aus der sich weder 
erklärte, warum die Betroffene an Hysterie erkranken musste noch 
wieso die Hysterie gerade die Form der schmerzhaften Abasie an- 
genommen hatte. Es erhellte weder die Verursachung, noch die 
Determinirung der hier vorliegenden Hysterie. Man konnte etwa an- 
nehmen, dass die Kranke eine Association hergestellt hatte zwischen 
ihren seelischen schmerzlichen Eindrücken und körperlichen Schmerzen, 
die sie zufällig zur gleichen Zeit verspürt hatte, und dass sie nun 
in ihrem Erinnerungsleben die körperliche Empfindung als Symbol der 
seelischen verwendete. Welches Motiv sie etwa für diese Substituirung 
hatte, in welchem Moment diese vollzogen wurde, diess blieb un- 
aufgeklärt. Es waren diess allerdings Fragen, deren Aufstellung bisher 

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den Aerzten nicht geläufig gewesen war. Man pflegte sich mit der 
Auskunft zufrieden zu geben , die Kranke sei eben von Constitution 
eine Hysterica, die unter dem Drucke intensiver, ihrer Art nach be- 
liebiger Erregungen hysterische Symptome entwickeln könne. 

Noch weniger als für die Aufklärung schien durch diese Beichte 
für die Heilung des Falles geleistet zu sein. Es war nicht einzusehen, 
welchen wohlthätigen Einfluss es für Fräulein Elisabeth haben könnte, 
die all ihren Familienmitgliedern wohlbekannte Leidensgeschichte der 
letzten Jahre auch einmal einem Fremden zu erzählen, der ihr dafür 
eine massige Theilnahme bezeugte. Es war auch kein solcher Heil- 
erfolg der Beichte zu bemerken. Die Kranke versäumte während 
dieser ersten Periode der Behandlung niemals dem Arzte zu wieder- 
holen: Es geht mir aber noch immer schlecht, ich habe dieselben 
Schmerzen wie früher; und wenn sie mich dabei listig-schadenfroh 
anblickte, konnte ich etwa des Urtheiles gedenken, das der alte Hen* 
V. E. über seine Lieblingstochter gefällt: Sie sei häufig „keck** und 
„schlimm*'; ich musste aber doch zugestehen, dass sie im Rechte war. 

Hätte ich in diesem Stadium die psychische Behandlung der 
Kranken aufgegeben, so wäre der Fall des Frl. Elisabeth v. E. wohl 
recht belanglos für die Theorie der Hysterie geworden. Ich setzte 
meine Analyse aber fort, weil ich der sicheren Erwartung war, es 
werde sich aus tieferen Schichten des Bewusstseins das Verständniss 
sowohl für die Verursachung als auch für die Determinirung des 
hysterischen Symptoms gewinnen lassen. 

Ich beschloss also an das erweiterte Bewusstsein der Kranken 
die directe Frage zu richten, an welchen psychischen Eindruck die 
erste Entstehung der Schmerzen in den Beinen geknüpft sei. 

Zu diesem Zweck sollte die Kranke in tiefe Hypnose versetzt 
werden. Aber leider musste ich wahrnehmen, dass meine dahinzielenden 
Proceduren die Kranke in keinen anderen Zustand des Bewusstseins 
brachten, als jener war, in dem sie mir ihre Beichte abgelegt hatte. 
Ich war noch herzlich froh, dass sie es diesmal unterliess, mir 
triumphirend vorzuhalten: „Sehen sie, ich schlafe ja nicht, ich bin 
nicht zu hypnotisiren.** In solcher Nothlage gerieth ich auf den Einfall, 
jenen Kunstgriff des Drückens auf den Kopf anzuwenden, über dessen 
Entstehungsgeschichte ich mich in der vorstehenden Beobachtung der 
Miss Lucy ausführlich geäussert habe. Ich führte ihn aus, indem ich 
die Kranke aufforderte, mir unfehlbar mitzutheilen, was in dem 
Moment des Druckes vor ihrem inneren Auge auftauche oder durch 



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ihre Erinnerung ziehe. Sie schwieg lange und bekannte dann auf mein 
Drängen, sie habe an einen Abend gedacht, an dem ein junger Mann 
sie aus einer Gesellschaft nach Hause begleitet, an die Gespräche, die 
zwischen ihr und ihm vorgefallen seien, und an die Empfindungen, mit 
denen sie dann nach Hause zur Pflege des Vaters zurückkehrte. 

Mit dieser ersten Erwähnung des jungen Mannes war ein neuer 
Schacht eröff*net, dessen Inhalt ich nun allmählich herausbeförderte. 
Hier handelte es sich eher um ein Geheimniss, denn ausser einer 
gemeinsamen Freundin hatte sie niemanden in ihre Beziehungen und 
die daran geknüpften Hoffnungen eingeweiht. Es handelte sich um 
den Sohn einer seit langem befreundeten Familie, deren Wohnsitz 
ihrem früheren nahe lag. Der junge Mann, selbst verwaist, hatte sich 
mit grosser Ergebenheit an ihren Vater angeschlossen, Hess sich von 
dessen Rathschlägen in seiner Carrifere leiten und hatte seine Ver- 
ehrung vom Vater auf die Damen der Familie ausgedehnt. Zahlreiche 
Erinnerungen an gemeinsame Leetüre, Gedankenaustausch, Aeusserungen 
von seiner Seite, die ihr wiedererzählt worden waren, bezeichneten 
das allmähliche Anv/achsen ihrer Ueberzeugung, dass er sie liebe und 
verstehe, und dass eine Ehe mit ihm ihr nicht die Opfer auferlegen 
würde, die sie von der Ehe fürchtete. Er war leider nur wenig älter 
als sie und von Selbständigkeit damals noch weit entfernt, sie war 
aber fest entschlossen gewesen, auf ihn zu warten. 

Mit der schweren Erkrankung des Vaters und ihrer Inanspruch- 
nahme als Pflegerin wurde dieser Verkehr immer seltener. Der Abend, 
an den sie sich zuerst erinnert hatte, bezeichnete gerade die Höhe 
ihrer Empfindung; zu einer Aussprache zwischen ihnen war es aber 
auch damals nicht gekommen. Sie hatte sich damals durch das 
Drängen der Ihrigen und des Vaters selbst bewegen lassen, vom 
Krankenbette weg in eine Gesellschaft zu gehen, in welcher sie ihn 
zu treffen erwarten durfte. Sie wollte dann früh nach Hause eilen, 
aber man nöthigte sie zu bleiben, und sie gab nach, als er ihr ver- 
sprach sie zu begleiten. Sie hatte nie so warm für ihn gefühlt als 
während dieser Begleitung; aber als sie in solcher Seligkeit spät nach 
Hause kam, traf sie den Zustand des Vaters verschlimmert und machte 
sich die bittersten Vorwürfe, dass sie soviel Zeit ihrem eigenen Ver- 
gnügen geopfert. Es war das letzte Mal, dass sie den kranken Vater 
für einen ganzen Abend verliess; ihren Freund sah sie nur selten 
wieder; nach dem Tode des Vaters schien er aus Achtung vor ihrem 
Schmerz sich ferne zu halten, dann zog ihn das Leben in andere 



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Bahnen; sie hatte sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen 
müssen, dass sein Interesse fQr sie durch andere Empfindungen ver- 
drängt, und er für sie verloren sei. Dieses Fehlschlagen der ersten 
Liebe schmerzte sie aber noch jedesmal, so oft sie an ihn 
dachte. 

In diesem Verhältniss und in der obigen Scene, zu welcher es 
führte, durfte ich also die Verursachung der ersten hysterischen 
Schmerzen suchen. Durch den Contrast zwischen der Seligkeit, die 
sie sich damals gegönnt hatte, und dem Elend des Vaters, das sie 
zu Hause antraf, war ein Conflict, ein Fall von Unverträglichkeit 
gegeben. Das Ergebniss des Conflictes war, dass die erotische Vor- 
stellung aus der Association verdrängt wurde, und der dieser anhaftende 
Aifect wurde zur Erhöhung oder Wiederbelebung eines gleichzeitig (oder 
kurz vorher) vorhandenen körperlichen Schmerzes verwendet. Es war 
also der Mechanismus einer Conversion zum Zwecke der Abwehr, 
wie ich ihn an anderer Stelle eingehend behandelt habe. ' 

Es bleibt hier freilich Raum für allerlei Bemerkungen. Ich muss 
hervorheben, dass es mir nicht gelang, aus ihrer Erinnerung nach- 
zuweisen, dass sich in jenem Moment des Nachhausekommens die 
Conversion vollzogen hatte. Ich forschte daher nach ähnlichen Er- 
lebnissen aus der Zeit der Krankenpflege und rief eine Reihe von 
Scenen hervor, unter denen das Aufspringen aus dem Bette mit nackten 
Füssen im kalten Zimmer auf einen Ruf des Vaters sich durch seine 
öftere Wiederholung hervorhob. Ich war geneigt, diesen Momenten 
eine gewisse Bedeutung zuzusprechen, weil neben der Klage über den 
Schmerz in den Beinen die Klage über quälende Kälteempfindung 
stand. Indess konnte ich auch hier nicht eine Scene erhaschen, 
die sich mit Sicherheit als die Scene der Conversion hätte be- 
zeichnen lassen. Ich war darum geneigt, hier eine Lücke in der 
Aufklärung zuzugestehen, bis ich mich der Thatsache besann, dass 
die hysterischen Beinschmerzen ja überhaupt nicht zur Zeit der 
Krankenpflege vorhanden waren. Ihre Erinnerung berichtete nur von 
einem einzigen, über wenig Tage erstreckten Schmerzanfall, der 
damals keine Aufmerksamkeit auf sich zog. Meine Forschung wandte 
sich nun diesem ersten Auftreten der Schmerzen zu. Es gelang, die 
Erinnerung daran sicher zu beleben, es war gerade damals ein Ver- 
wandter zu Besuch gekommen, den sie nicht empfangen konnte, 



Die Abwehr-Neuropsychosen. Neurologisches Centralblatt 1. Juni 1894. 



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— 128 — 

weil sie zu Bette lag, und der auch bei einem späteren Besuch 
zwei Jahre nachher das Missgeschick hatte, sie im Bette zu treffen. 
Aber die Suche nach einem psychischen Anlass für diese ersten 
Schmerzen misslang, so oft sie auch wiederholt wurde. Ich glaubte 
annehmen zu dürfen, dass jene ersten Schmerzen wirklich ohne psy- 
chischen Anlass als leichte rheumatische Erkrankung gekommen seien, 
und konnte noch erfahren, dass dies organische Leiden, das Vorbild 
der späteren hysterischen Nachahmung, jedenfalls in eine Zeit vor 
die Scene der Begleitung zu setzen sei. Dass sich diese Schmerzen 
als organisch begründete in gemildertem Maass und unter geringer Auf- 
merksamkeit eine Zeit lang fortgesetzt hätten, blieb nach der Natur 
der Sache immerhin möglich. Die Unklarheit, die sich daraus ergiebt, 
dass die Analyse auf eine Conversion psychischer Erregung in Körper- 
schmerz zu einer Zeit hinweist, da solcher Schmerz gewiss nicht ver- 
spürt und nicht erinnert wurde — , dieses Problem hoffe ich durch 
spätere Erwägungen und andere Beispiele lösen zu können.^ 

Mit der Aufdeckung des Motivs für die erste Conversion begann 
eine zweite, fruchtbarere Periode der Behandlung. Zunächst überraschte 
mich die Kranke bald nachher mit der Mittheilung, sie wisse nun, 
warum die Schmerzen gerade immer von jener bestimmten Stelle des 
rechten Oberschenkels ausgiengen und dort am heftigsten seien. Es 
sei dies nämlich die Stelle, wo jeden Morgen das Bein des Vaters 
geruht, während sie die Binden erneuerte, mit denen das arg geschwollene 
Bein gewickelt wurde. Das sei wohl hundertmal so geschehen, und sie 
habe merkwürdigerweise an diesen Zusammenhang bis heute nicht 
gedacht. Sie lieferte mir so die erwünschte Erklärung für die Ent- 
stehung einer atypischen hysterogenen Zone. Ferner fingen die 
schmerzhaften Beine an, bei unseren Analysen immer „ mitzusprechen **. 
Ich meine folgenden merkwürdigen Sachverhalt: Die Kranke war meist 
schmerzfrei, wenn wir an unsere Arbeit giengen; rief ich jetzt durch 
eine Frage oder einen Druck auf den Kopf eine Erinnerung wach, so 
meldete sich zuerst eine Schmerzempfindung, meist so lebhaft, dass 
die Kranke zusammenzuckte und mit der Hand nach der schmerzenden 
Stelle fuhr. Dieser geweckte Schmerz blieb bestehen, so lange die 
Kranke von der Erinnerung beherrscht war, erreichte seine Höhe, 
wenn sie im Begriffe stand, das Wesentliche und Entscheidende an 

^ Ich kann nicht ausschliessen, aber auch nicht erweisen, dass diese haupt- 
sachlich die Oberschenkel einnehmenden Schmerzen neurasthenischer Natur 
gewesen seien. 



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ihrer Mittheilung auszusprechen, und war mit den letzten Worten 
dieser Mittheilung verschwunden. Allmählich lernte ich diesen gew^eckten 
Schmerz als Compass gebrauchen ; wenn sie verstummte, aber noch 
Schmerzen zugab, so wusste ich, dass sie nicht alles gesagt hatte, und 
drang auf Fortsetzung der Beichte, bis der Schmerz weggesprochen 
war. Erst dann weckte ich eine neue Erinnerung. 

In dieser Periode des „Abreagirens" besserte sich der Zustand 
der Kranken in somatischer wie in psychischer Hinsicht so auffällig, 
dass ich nur halb im Scherz zu behaupten pflegte, ich trage jedesmal 
ein gewisses Quantum von Schmerzmotiven weg, und wenn ich alles 
abgeräumt haben würde, werde sie gesund sein. Sie gelangte bald 
dahin, die meiste Zeit keine Schmerzen zu haben, liess sich bewegen, 
viel zu gehen und ihre bisherige Isolirung aufzugeben. Im Laufe der 
Analyse folgte ich bald den spontanen Schwankungen ihres Befindens, 
bald meiner Schätzung, wo ich ein Stuck ihrer Leidensgeschichte noch 
nicht genügend erschöpft meinte. Ich machte bei dieser Arbeit einige 
interessante Wahrnehmungen, deren Lehren ich später bei anderen 
Kranken bestätigt fand. 

Zunächst, was die spontanen Schwankungen anbelangt, dass 
eigentlich keine vorfiel, die nicht durch ein Ereigniss des Tages asso- 
ciativ provocirt worden wäre. Das einemal hatte sie von einer Er- 
krankung im Kreise ihrer Bekannten gehört, die sie an ein Detail in 
der Krankheit ihres Vaters erinnerte, ein andermal war das Kind der 
verstorbenen Schwester zum Besuche da gewesen und hatte durch 
seine Aehnlichkeit den Schmerz um die Verlorene geweckt, ein ander- 
mal wieder war es ein Brief der entfernt lebenden Schwester, der 
deutlich den Einfluss des rücksichtslosen Schwagers bewies und einen 
Schmerz weckte, welcher die Mittheilung einer noch nicht erzählten 
Eamilienscene verlangte. 

Da sie niemals denselben Schmerzanlass zweimal vorbrachte, 
schien unsere Erwartung, auf solche Weise den Vorrath zu erschöpfen, 
nicht ungerechtfertigt, und ich widerstrebte keineswegs, sie in Situa- 
tionen kommen zu lassen, welche geeignet waren, neue, noch nicht an 
die Oberfläche gelangte Erinnerungen hervorzurufen, z. B. sie auf das 
Grab ihrer Schwester zu schicken oder sie in eine Gesellschaft gehen 
zu lassen, wo sie den jetzt wieder anwesenden Jugendfreund sehen 
konnte. 

Sodann erhielt ich einen Einblick in die Art der Entstehung 
einer als monosymptomatisch zu bezeichnenden Hysterie. Ich fand 

Breuer u. Freud, Studien. 9 

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nämlich, dass das rechte Bein während unserer Hypnosen schmerzhaft 
wurde, wenn es sich um Erinnerungen aus der Krankenpflege des 
Vaters, aus dem Verkehr mit dem Jugendgespielen und um anderes 
handelte, was in die erste Periode der pathogenen Zeit fiel, während 
der Schmerz sich am andern, linken Bein meldete, sobald ich eine 
Erinnerung an die verlorene Schwester, an die beiden Schwäger, kurz, 
einen Eindruck aus der zweiten Hälfte der Leidensgeschichte erweckt 
hatte. Durch dieses constante Verhalten aufmerksam gemacht, forschte 
ich weiter nach und gewann den Eindruck, als ob die Detaillirung 
hier noch weiter gienge und jeder neue psychische Anlass zu schmerz- 
lichen Empfindungen sich mit einer anderen Stelle der schmerzhaften 
Area der Beine verknöpft hätte. Die ursprünglich schmerzhafte Stelle 
am rechten Oberschenkel hatte sich auf die Pflege des Vaters bezogen, 
von da an war das Schmerzgebiet durch Apposition aus Anlass neuer 
Traumen gewachsen, so dass hier streng genommen nicht ein ein- 
ziges körperliches Symptom vorlag, welches mit vielfachen psychischen 
Erinnerungscomplexen verknüpft war, sondern eine Mehrheit von ähn- 
lichen Symptomen, die bei oberflächlicher Betrachtung zu einem Symptom 
verschmolzen schienen. Einer Abgrenzung der den einzelnen psychischen 
Anlässen entsprechenden Schmerzzonen bin ich allerdings nicht nach- 
gegangen, da ich die Aufmerksamkeit der Kranken von diesen Bezie- 
hungen abgewendet erfand. 

Ich schenkte aber ein weiteres Interesse der Art, wie der ganze 
Symptomcomplex der Abasie sich über diesen schmerzhaften Zonen 
aufgebaut haben mochte, und stellte in solcher Absicht verschiedene 
Fragen wie: Woher rühren die Schmerzen im Gehen, im Stehen, im 
Liegen?, die sie theils unbeeinflusst, theils unter dem Drucke meiner 
Hand beantwortete. Dabei ergab sich zweierlei. Einerseits gruppirte 
sie mir alle mit schmerzhaften Eindrücken verbundenen Scenen, je 
nachdem sie während derselben gesessen oder gestanden hatte u. dgl. 
— So z. B. stand sie bei einer Thüre, als man den Vater im Herz- 
anfall nach Hause brachte, und blieb im Schreck wie angewurzelt 
stehen. An diesen ersten „Schreck im Stehen" schloss sie dann wei- 
tere Erinnerungen an bis zur Schreckensscene, da sie wiederum wie 
gebannt an dem Bett der todten Schwester stand. Die ganze Kette 
von Keminiscenzen sollte die berechtigte Verknüpfung der Schmerzen 
mit dem Aufrechtstehen darthun und konnte ja auch als Associations- 
nachweis gelten; nur musste man der Forderung eingedenk bleiben, 
dass bei all diesen Gelegenheiten noch ein anderes Moment nachweis- 



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bar sein müsse, welches die Aufmerksamkeit — und in weiterer Folge 
die Conversion — gerade auf das Stehen, (Gehen, Sitzen u. dgl.) 
gelenkt hatte. Die Erklärung für diese Kichtung der Aufmerksamkeit 
konnte man kaum in anderen Verhältnissen suchen als darin, dass 
Gehen, Stehen und Liegen eben an Leistungen und Zustände jener 
Köi*pertheile geknüpft sind, welche hier die schmerzhaften Zonen 
trugen, nämlich der Beine. Es war also der Zusammenhang zwischen 
der Astasie-Abasie und dem ersten Falle von Conversion in dieser 
Krankengeschichte leicht zu verstehen. 

Unter den Scenen, welche zufolge dieser Revue das Gehen 
schmerzhaft gemacht hätten, drängte sich eine hervor, ein Spazier- 
gang, den sie in jenem Curort in grosser Gesellschaft gemacht 
und angeblich zu lange ausgedehnt hatte. Die näheren Umstände 
dieser Begebenheit enthüllten sich nur zögernd und Hessen manches 
Räthsel ungelöst. Sie war in besonders weicher Stimmung, schloss 
sich dem Kreise von befreundeten Personen gerne an; es war ein 
schöner, nicht zu beisser Tag; ihre Mama blieb zu Hause, ihre ältere 
Schwester war bereits abgereist, die jüngere fühlte sich leidend, wollte 
ihr aber das Vergnügen nicht stören, der Mann dieser zweiten Schwester 
erklärte anfangs, er bleibe bei seiner Frau, und gieng dann ihr (Eli- 
sabeth) zu Liebe mit. Diese Scene schien mit dem ersten Hervortreten 
der Schmerzen viel zu thun zu haben, denn sie erinnerte sich, dass 
sie sehr müde und mit heftigen Schmerzen von dem Spaziergang zu- 
rückgekommen, äusserte sich aber nicht sicher darüber, ob sie schon 
vorher Schmerzen verspürt habe. Ich machte geltend, dass sie sich 
mit irgend erheblichen Schmerzen kaum zu diesem weiten Weg ent- 
schlossen hätte. Auf die Frage, woher auf diesem Spaziergang die 
Schmerzen gekommen sein mögen, erhielt ich die nicht ganz durch- 
sichtige Antwort, der Contrast zwischen ihrer Vereinsamung und 
dem Eheglück der kranken Schwester, welches ihr das Benehmen ihres 
Schwagers unausgesetzt vor Augen führte, sei ihr schmerzlich 
gewesen. 

Eine andere Scene, der vorigen der Zeit nach sehr benachbart, 
spielte eine Rolle in der Verknüpfung der Schmerzen mit dem Sitzen. 
Es war einige Tage nachher; Schwester und Schwager waren bereits 
abgereist, sie befand sich in erregter, sehnsüchtiger Stimmung, stand 
des Morgens früh auf, ging einen kleinen Hügel hinauf bis zu einer 
Stelle, die sie so oft mit einander besucht hatten und die eine herr- 
liche Aussicht bot, und setzte sich dort, ihren Gedanken nachhängend, 

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auf eine steinerne Bank. Ihre Gedanken betrafen wieder ihre Verein- 
samung, das Schicksal ihrer Familie, und den heissen Wunsch, ebenso 
glücklich zu werden, wie ihre Schwester war, gestand sie diesmal 
unverhüllt ein. Sie kehrte mit heftigen Schmerzen von dieser Morgen- 
meditation zurück; am Abend desselben Tages nahm sie das Bad, 
nach welchem die Schmerzen endgiltig und dauernd aufgetreten waren. 

Mit aller Bestimmtheit ergab sich ferner, dass die Schmerzen 
im Gehen und Stehen sich anfänglich im Liegen zu beruhigen pflegten. 
Erst als sie auf die Nachricht von der Erkrankung der Schwester 
Abends von Gastein abreiste und während der Nacht, gleichzeitig 
von der Sorge um die Schwester und von tobenden Schmerzen 
gequält, schlaflos im Eisenbahnwagen ausgestreckt lag, stellte sich 
auch die Verbindung des Liegens mit den Schmerzen her, und eine 
ganze Zeit hindurch war ihr sogar das Liegen schmerzhafter als das 
Gehen und Stehen. 

In solcher Art war erstens das schmerzliche Gebiet durch Appo- 
sition gewachsen, indem jedes neue pathogen wirksame Thema eine 
neue Kegion der Beine besetzte, zweitens hatte jede der eindruckskräftigen 
Scenen eine Spur hinterlassen, indem sie eine bleibende, immer sich mehr 
häufende „Besetzung** der verschiedenen Functionen der Beine, eine 
Verknüpfung dieser Functionen mit den Schmerzempfindungen hervor- 
brachte; es war aber unverkennbar noch ein dritter Mechanismus an 
der Ausbildung der Astasie-Abasie in Mitwirkung gewesen. Wenn die 
Kranke die Erzählung einer ganzen Reihe von Begebenheiten mit der 
Klage schloss, sie habe dabei ihr „Alleinstehend* schmerzlich 
empfunden, bei einer anderen Reihe, welche ihre verunglückten Versuche 
zur Herstellung eines neuen Familienlebens umschloss, nicht müde 
wurde zu wiederholen, das schmerzliche daran sei das Gefühl ihrer 
Hilflosigkeit gewesen, die Empfindung, sie „komme nicht 
von der Stelle**, so musste ich auch ihren Reflexionen einen Ein- 
fluss auf die Ausbildung der Abasie einräumen, musste ich annehmen, 
dass sie direct einen symbolischen Ausdruck für ihre schmerzlich 
betonten Gedanken gesucht und ihn in der Verstärkung ihres Leidens 
gefunden hatte. Dass durch eine solche Symbolisirung somatische 
Symptome der Hysterie entstehen können, haben wir bereits in unserer 
vorläufigen Mittheilung behauptet; ich werde in der Epikrise zu dieser 
Krankengeschichte einige zweifellos beweisende Beispiele aufführen. Bei 
Frl. Elisabeth v. R. . . stand der psychische Mechanismus der Sym- 
bolisirung nicht in erster Linie, er hatte die Abasie nicht geschaffen, 



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wohl aber sprach alles dafür, dass die bereits vorhandene Abasie 
auf diesem Wege eine wesentliche Verstärkung erfahren hatte. 
Demnach war diese Abasie in dem Stadium der Entwicklung, in 
dem ich sie antraf, nicht nur einer psychischen associativen Func- 
tionslähmung, sondern auch einer symbolischen Functionslähmung 
gleichzustellen. 

Ich will, ehe ich die Geschichte meiner Kranken fortsetze, noch 
ein Wort über ihr Benehmen während dieser zweiten Periode der Be- 
handlung anfügen. Ich bediente mich während dieser ganzen Analyse 
der Methode, durch Drücken auf den Kopf Bilder und Einfälle hervor- 
zurufen, einer Methode also, die ohne volles Mitarbeiten und willige 
Aufmerksamkeit der Kranken unanwendbar bleibt. Sie verhielt sich 
auch zeitweilig so, wie ich es nur wünsclien konnte, und in solchen 
Perioden war es wirklich übeiraschend, wie prompt und wie unfehlbar 
chronologisch geordnet die einzelnen Scenen, die zu einem Thema 
gehörten, sich einstellten. Es war, als läse sie in einem langen Bilder- 
buch, dessen Spiten vor ihren Augen vorübergezogen würden. Andere 
Male schien es Hemmnisse zu geben, deren Art ich damals noch nicht 
ahnte. Wenn ich meinen Druck ausübte, behauptete sie, es sei ihr 
nichts eingefallen; ich wiederholte den Druck, ich hiess sie warten, 
es wollte noch immer nichts kommen. Die ersten Male, als sich diese 
Widerspenstigkeit zeigte, liess ich mich bestimmen, die Arbeit abzu- 
brechen; der Tag sei nicht günstig; ein andermal. Zwei Wahrnehmun- 
gen bestimmten mich aber, mein Verhalten zu ändern. Erstens, dass sich 
solches Versagen der Methode nur ereignete, wenn ich Elisabeth heiter 
und schmerzfrei gefunden hatte, niemals, wenn ich an einem schlechten 
Tag kam; zweitens, dass sie eine solche Angabe, sie sehe nichts vor 
sich, häufig machte, nachdem sie eine lange Pause hatte vergehen lassen, 
während welcher ihre gespannte und beschäftigte Miene mir doch einen 
seelischen Vorgang in ihr verrieth. Ich entschloss mich also zur An- 
nahme, die Methode versage niemals, Elisabeth habe unter dem Druck 
meiner Hand jedesmal einen Einfall im Sinne oder ein Bild vor Augen, 
sei aber nicht jedesmal bereit, mir davon Mittheilung zu machen, 
sondern versuche das Heraufbeschworene wieder zu unterdrücken. Von 
den Motiven für solches Verschweigen konnte ich mir zwei vorstellen; 
entweder Elisabeth übte an ihrem Einfall eine Kritik, zu der sie nicht 
berechtigt war, sie fand ihn nicht wertvoll genug, nicht passend als 
Antwort auf die gestellte Frage, oder sie scheute sich ihn anzugeben, 
weil — ihr solche Mittheilung zu unangenehm war. Ich gieng also 

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so vor, als wäre ich von der Verlässlichkeit meiner Technik voll- 
kommen überzeugt. Ich Hess es nicht mehr gelten, wenn sie behauptete, 
es sei ihr nichts eingefallen, versicherte ihr, es müsse ihr etwas ein- 
gefallen sein, sie sei vielleicht nicht aufmerksam genug, dann wolle 
ich den Druck gerne wiederholen, oder sie meine, ihr Einfall sei 
nicht der richtige. Das gehe sie aber gar nichts an, sie sei verpflichtet, 
vollkommen objectiv zu bleiben und zu sagen, was ihr in den Sinn 
gekommen sei, es möge passen oder nicht; endlich, ich wisse genau, 
es sei ihr etwas eingefallen, sie verheimliche es mir, sie werde aber 
nie ihre Schmerzen los werden, so lange sie etwas verheimliche. Durch 
solches Drängen en-eichte ich, dass wirklich kein Druck mehr erfolglos 
blieb. Ich musste annehmen, dass ich den Sachverhalt richtig erkannt hatte, 
und gewann bei dieser Analyse ein in der That unbedingtes Zutrauen 
zu meiner Technik. Es kam oft vor, dass sie mir erst nach dem 
dritten Drücken eine Mittheilung machte, dann aber selbst hinzufugte: 
Ich hätte es Ihnen gleich das erste Mal sagen können. — Ja, wanira 
haben Sie es nicht gleich gesagt? — ^,Ich habe gemeint, es ist nicht 
das Kichtige, oder: ich habe gemeint, ich kann es umgehen; es ist 
aber jedesmal wiedergekommen. Ich fieng während dieser schweren Arbeit 
an, dem Widerstand, den die Kranke bei der Keproduction ihrer Er- 
innemngen zeigte, eine tiefere Bedeutung beizulegen und die Anlässe 
sorgfältig zusammenzustellen, bei denen er sich besonders auffällig 
verrieth. 

Ich komme nun zur Darstellung der dritten Periode unserer Be- 
handlung. Der Kranken gieng es besser, sie war psychisch entlastet und 
leistungsfähig geworden, aber die Schmerzen waren offenbar nicht be- 
hoben, sie kamen von Zeit zu Zeit immer wieder, und zwar in alter 
Heftigkeit. Dem unvollkommenen Heilerfolg entsprach die unvollstän- 
dige Analyse, ich wusste noch immer nicht genau, in welchem Moment 
und durch welchen Mechanismus die Schmerzen entstanden waren. 
Während der Keproduction der mannigfaltigsten Scenen in der zweiten 
Periode und der Beobachtung des Widerstandes der Kranken gegen 
die Erzählung hatte sich bei mir ein bestinmiter Verdacht gebildet; 
ich wagte aber noch nicht, ihn zur Grundlage meines Handelns 
zu machen. Eine zufällige Wahrnehmung gab da den Ausschlag. Ich 
hörte einmal während der Arbeit mit der Kranken Männerschritte im 
Nebenzimmer, eine angenehm klingende Stimme, die eine Frage zu 
stellen schien, und meine Patientin erhob sich darauf mit der Bitte, 
für heute abzubrechen, sie höre, dass ihr Schwager gekommen sei und 



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nach ihr frage. Sie war bis dahin schmerzfrei gewesen, nach dieser 
Störung verriethen ihre Miene und ihr Gang das plötzliche Auftreten 
heftiger Schmerzen. Ich war in meinem Verdacht bestärkt und be 
schloss die entscheidende Aufklärung herbeizuführen. 

Ich stellte also die Frage nach den Umständen und Ursachen 
des ersten Auftretens der Schmerzen. Als Antwort lenkten sich ihre 
Gedanken auf den Sommeraufenthalt in jenem Curort vor der 
Gasteiner Reise, und es zeigten sich wieder einige Scenen, die schon vorher 
minder erschöpfend behandelt worden waren. Ihre Gemüthsverfassung zu 
jener Zeit, die Erschöpfung nach der Sorge um das Augenlicht der Mutter 
und nach deren Krankenpflege während der Zeit der Augenoperation, ihr 
endliches Verzagen, als einsames Mädchen etwas vom Leben geniessen 
oder im Leben leisten zu können. Sie war sich bis dahin stark genug 
vorgekommen, um den Beistand eines Mannes entbehren zu können, 
jetzt bemächtigte sich ihrer ein Gefühl ihrer Schwäche als Weib, eine 
Sehnsucht nach Liebe, in welcher nach ihren eigenen Worten ihr 
starres Wesen zu schmelzen begann. In solcher Stimmung machte die 
glückliche Ehe ihrer jüngeren Schwester den tiefsten Eindruck auf sie; 
wie rührend er für sie sorgte, wie sie sich mit einem Blick verstanden, 
wie sicher sie einer des anderen zu sein schienen. Es war ja gewiss 
bedauerlich, dass die zweite Schwangerschaft so rasch auf die erste 
folgte, und die Schwester wusste, dass diess die Ursache ihres Leidens 
sei, aber wie willig ertrug sie dieses Leiden, weil er die Ursache 
davon war. An dem Spaziergange, der mit Elisabeth^s Schmerzen so 
innig verknüpft war, wollte der Schwager anfangs nicht theilnehmen, 
er zog es vor, bei der kranken Frau zu bleiben. Diese bewog ihn 
aber durch einen Blick mitzugehen, weil sie meinte, dass es Elisabeth 
Freude machen würde. Elisabeth blieb die ganze Zeit über in seiner 
Begleitung, sie sprachen mit einander über die verschiedensten und 
intimsten Dinge, sie fand sich so sehr im Einklang mit allem, was 
er sagte, und der Wunsch, einen Mann zu besitzen, der ihm gleiche, 
wurde übermächtig in ihr. Dann folgte die Scene wenige Tage später, 
als sie am Morgen nach der Abreise den Aussichtsort aufsuchte, welcher 
ein Lieblingsspaziergang der Abwesenden gewesen war. Sie setzte sich 
dort auf einen Stein und träumte wiederum von einem Lebensglück, 
wie es der Schwester zugefallen war, und von einem Manne, der ihr 
Herz so zu fesseln verstünde wie dieser Schwager. Sie stand mit 
Schmerzen auf, die aber nochmals vergiengen, erst am Nachmittag 
nach dem warmen Bad, das sie im Orte nahm, brachen die Schmerzen 

Original fnom 



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über sie herein, die sie seither nicht verlassen hatten. Ich versuchte 
zu erforschen, mit was für Gedanken sie sich damals im Bade be- 
schäftigt; es ergab sich aber nur, dass das Badhaus sie an ihre abge- 
reisten Geschwister erinnert, weil diese in demselben Haus gewohnt hatten. 

Mir musste längst klar geworden sein, um was es sich handle; 
die Kranke schien in schmerzlich-süsse Erinnerungen versunken, nicht 
zu bemerken, welchem Aufschluss sie zusteuere, und setzte die Wiedergabe 
ihrer Reminiscenzen fort. Es kam die Zeit in Gastein, die Sorge, mit 
der sie jedem Briefe entgegensah; endlich die Nachricht, dass es der 
Schwester schlecht gienge, das lange Warten bis zum Abend, an dem 
sie erst Gastein verlassen konnten. Die Fahrt in qualvoller Ungewiss- 
heit, in schlafloser Nacht, — alles als Momente, die von heftiger 
Steigerung der Schmerzen begleitet waren. Ich fragte, ob sie sich 
während der Fahrt die traurige Möglichkeit vorgestellt, die sich dann 
verwirklicht fand. Sie antwortete, sie sei dem Gedanken sorgsam aus- 
gewichen, die Mutter aber habe, nach ihrer Meinung, vom Anfang an 
das Schlimmste erwartet. — Nun folgte ihre Erinnerung der Ankunft 
in Wien, der Eindrücke, die sie von den erwartenden Verwandten em- 
pfiengen, der kleinen Keise von Wien in die nahe Sommerfrische, in 
der die Schwester wohnte, der Ankunft dort am Abend, des eilig 
zurückgelegten Weges durch den Garten bis zur Thüre des kleinen 
Gartenpavillons, — die Stille im Hause, die beklemmende Dunkelheit; 
dass der Schwager sie nicht empfieng; dann standen sie vor dem Bette^ 
sahen die Todte, und in dem Momente der grässlichen Gewissheit, 
dass die geliebte Schwester gestorben sei, ohne von ihnen Abschied zu 
nehmen, ohne ihre letzten Tage durch ihre Pflege verschönt zu haben, 
— in demselben Momente hatte ein anderer Gedanke Eiisabeth's Hirn 
durchzuckt, der sich jetzt unabweisbar wieder eingestellt hatte, der 
Gedanke, der wie ein greller Blitz durch's Dunkel fuhr: Jetzt ist er 
wieder frei, und ich kann seine Frau werden. 

Nun war freilich alles klar. Die Mühe des Analytikers war 
reichlich gelohnt worden: Die Ideen der „Abwehr" einer unverträg- 
lichen Vorstellung, der Entstehung hysterischer Symptome durch 
Conversion psychischer Erregung in's Körperliche, die Bildung einer 
separaten psychischen Gruppe durch den Willensact, der zur Abwehr 
führt; dies alles wurde mir in jenem Moment greifbar vor Augen 
gerückt. So und nicht anders war es hier zugegangen. Dieses Mädchen 
hatte ihrem Schwager eine zärtliche Neigung geschenkt, gegen deren 
Aufnahme in ihr Bewusstsein sich ihr ganzes moralisches Wesen 



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sträubte. Es war ihr gelungen, sich die schmerzliche Gewissheit, dass 
sie den Mann ihrer Schwester liebe, zu ersparen, indem sie sich dafür 
körperliche Schmerzen schuf, und in Momenten, wo sich ihr diese 
Gewissheit aufdrängen wollte (auf dem Spaziergang mit ihm, während 
jener Morgen träumerei, im Bade, vor dem Bette der Schwester) waren 
durch gelungene Conversion in's Somatische jene Schmerzen entstanden. 
Zur Zeit, da ich sie in Behandlung nahm, war die Absonderung der 
auf diese Liebe bezüglichen Vorstellungsgruppe von ihrem Wissen 
bereits vollzogen; ich meine, sie hätte sonst niemals einer solchen 
Behandlung zugestimmt; der Widerstand, den sie zu wiederholten Malen 
der Keproduclion von traumatisch wirksamen Scenen entgegengesetzt 
hatte, entsprach wirklich der Energie, mit welcher die unverträgliche 
Vorstellung aus der Association gedrängt worden war. 

Für den Therapeuten kam aber zunächst eine böse Zeit. Der Effect 
der Wiederaufnahme jener verdrängten Vorstellung war ein nieder- 
schmetternder für das arme Kind. Sie schrie laut auf, als ich den 
Sachverhalt mit den trockenen Worten zusammenfasste : Sie waren also 
seit langer Zeit in Ihren Schwager verliebt. Sie klagte über die gräss- 
lichsten Schmerzen in diesem Augenblick, sie machte noch eine ver- 
zweifelte Anstrengung, die Aufklärung zurückzuweisen. Es sei nicht 
wahr, ich habe es ihr eingeredet, eä könne nicht sein, einer solchen 
Schlechtigkeit sei sie nicht föhig. Das würde sie sich auch nie ver- 
zeihen. Es war leicht, ihr zu beweisen, dass ihre eigenen Mitthei- 
lungen keine andere Deutung zuliessen, aber es dauerte lange, bis 
meine beiden Trostgründe, dass man für Empfindungen unver- 
antwortlich sei, und dass ihr Verhalten, ihr Erkranken unter jenen 
Anlässen ein genügendes Zeugniss für iiire moralische Natur sei, bis 
diese Tröstungen, sage ich, Eindruck auf sie machten. 

Ich musste jetzt mehr als einen Weg einschlagen, um der 
Kranken Linderung zu verschaffen. Zunächst wollte ich ihr Gelegenheit 
geben, sich der seit langer Zeit aufgespeicherten Erregung durch 
„Abreagiren** zu entledigen. Wir forschten den ersten Eindrücken aus 
dem Verkehr mit ihrem Schwager, dem Beginne jener unbewusst 
gehaltenen Neigung nach. Es fanden sich hier alle jene kleinen V^or- 
zeichen und Ahnungen, aus denen eine voll entwickelte Leidenschaft 
in der Ruckschau so viel zu machen versteht. Er hatte bei seinem 
ersten Besuch im Hause sie für die ihm bestimmte Braut • gehalten 
und sie vor der älteren, aber unscheinbaren Schwester begrüsst. Eines 
Abends unterhielten sie sich so lebhaft mit einander und schienen 



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sich so wohl zu verstehen, dass die Braut sie mit der halb ernst 
geraeinten Bemerkung unterbrach: ^»Eigentlich hättet Ihr zwei sehr gut 
zu einander gepasst/ Ein anderesmal war in einer Gesellschaft, welche 
von der Verlobung noch nichts wusste, die Rede von dem jungen Manne, 
und eine Dame beanständete einen Fehler seiner Gestalt, der auf eine 
juvenile Knochenerkrankung hindeutete. Die Braut selbst blieb ruhig 
dabei, Elisabeth aber fuhr auf und trat mit einem Eifer, der ihr 
dann selbst unverständlich war, für den geraden Wuchs ihres zukünftigen 
Schwagers ein. Indem wir uns durch diese Keminiscenzen hindurch- 
arbeiteten, wurde es Elisabeth klar, dass die zärtliche Empfindung für 
ihren Schwager seit langer Zeit, vielleicht seit Beginn ihrer Beziehungen 
in ihr geschlummeit und sich so lange hinter der Maske einer blos 
verwandscliaftlichen Zuneigung versteckt hatte, wie sie ihr hoch ent- 
wickeltes Familien gefühl begreiflich machen konnte. 

Dieses Abreagiren that ihr entschieden sehr wohl; noch mehr 
Erleichterung konnte ich ihr aber bringen, indem ich mich freund- 
schaftlich um gegenwärtige Verhältnisse bekümmerte. Ich suchte in 
solcher Absicht eine Unterredung mit Frau v. R. . ., in der ich eine 
verständige und feinfühlige, wenngleich durch die letzten Schicksale 
in ihrem Lebensmuth beeinträchtigte Dame fand. Von ihr erfuhr ich, 
dass der Vorwurf einer unzarten Erpressung, den der ältere Schwager 
gegen den Witwer erhoben hatte, und der für Elisabeth so schmerzlich 
war, bei näherer Erkundigung zurückgenommen werden musste. Der 
Charakter des jungen Mannes konnte ungetrübt bleiben; ein Missver- 
ständniss, die leicht begreifliche Differenz in der Werthschätzung des 
Geldes, die der Kaufmannn, für den Geld ein Arbeitswerkzeug war, 
im Gegensatz zur Anschauung des Beamten zeigen durfte; mehr als 
diess blieb von dem scheinbar so peinlichen Vorfall nicht übrig. Ich 
bat die Mutter, fortan Elisabeth alle Aufklärungen zu geben, deren 
sie bedurfte, und ihr in der Folgezeit jene Gelegenheit zur seelischen 
Mittheilung zu bieten, an welche ich sie gewöhnt hatte. 

Es lag mir natürlich auch daran zu erfahren, welche Aussicht 
der jetzt bewusst gewordene Wunsch des Mädchens habe, zur Wirk- 
lichkeit zu werden. Hier lagen die Dinge minder günstig! Die Mutter 
sagte, sie habe die Neigung Elisabeth's für ihren Schwager längst 
geahnt, allerdings nicht gewusst, dass sich eine solche noch bei 
Lebzeiten der Schwester geltend gemacht habe. Wer sie Beide im — aller- 
dings selten gewordenen — Verkehr sehe, dem könne über die Absicht 
des Mädchens, ihm zu gefallen, kein Zweifel bleiben. Allein weder sie, 



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die Mutter, noch die Kathgeber in der Familie seien einer ehelichen 
Verbindung der Beiden sonderlich geneigt. Die Gesundheit des jungen 
Mannes sei keine feste und habe durch den Tod der geliebten Frau 
einen neuen Stoss erlitten; es sei auch gar nicht sicher, dass er seelisch 
soweit erholt sei, um eine neue Ehe einzugehen. Er halte sich wahr- 
scheinlich darum so reservirt, vielleicht auch, weil er, seiner Annahme 
nicht sicher, nahe liegendes Gerede vermeiden wolle. Bei dieser 
Zurückhaltung von beiden Seiten dürfte wohl die Lösung, die sich 
Elisabeth ersehnte, missglücken. 

Ich theilte dem Mädchen alles mit, was ich von der Mutter 
erfahren hatte, hatte die Genugthuung, ihr durch die Aufklärung jener 
öeldaflfaire wohlzuthun, und muthete ihr andererseits zu, die Ungewissheit 
über die Zukunft, die nicht zu zerstreuen war, ruhig zu tragen. Jetzt 
aber drängte der vorgeschrittene Sommer dazu, der Behandlung ein 
Ende zu machen. Sie befand sich wieder wohler, von ihren Schmerzen 
war zwischen uns nicht mehr die Rede, seitdem wir uns mit der 
Ursache beschäftigten, auf welche sich die Schmerzen hatten zurück- 
führen lassen. Wir hatten beide die Empfindung, fertig geworden zu 
sein, wenngleich ich mir sagte, dass das Abreagiren der verhaltenen 
Zärtlichkeit nicht gerade sehr vollständig gemacht worden war. Ich 
betrachtete sie als geheilt, verwies sie noch auf das selbstthätige 
Fortschreiten der Lösung, nachdem eine solche einmal angebahnt war, 
und sie widersprach mir nicht. Sie reiste mit ihrer Mutter ab, um 
die älteste Schwester und deren Familie im gemeinsamen Sommer- 
aufenthalt zu treffen. 

Ich habe noch kurz über den weiteren Verlauf der Krankheit 
bei Fräulein Elisabeth v. R. zu berichten. Einige Wochen nach unserem 
Abschied erhielt ich einen verzweifelten Brief der Mutter, der mir 
mittheilte, Elisabeth habe sich beim ersten Versuch, mit ihr von 
ihren Herzensangelegenheiten zu sprechen, in voller Empörung auf- 
gelehnt und seither wieder heftige Schmerzen bekommen; sie sei auf- 
gebracht gegen mich, weil ich ihr Geheimniss verletzt habe, zeige sich 
vollkommen unzugänglich, die Cur sei gründlich misslungen. Was nun 
zu thun wäre? Von mir wolle sie nichts wissen. Ich gab keine 
Antwort; es stand zu erwarten, dass sie noch einmal den Versuch 
machen würde, die Einmengung der Mutter abzuweisen und in ihre 
Verschlossenheit zurückzukehren, nachdem sie aus meiner Zucht ent- 
lassen war. Ich hatte aber eine Art von Sicherheit, es werde sich 
alles zurechtschütteln, meine Mühe sei nicht vergebens angewandt 

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gewesen. Zwei Monate später waren sie nach Wien zurückgekehrt, und 
der College, dem ich die Einführung bei der Kranken dankte, brachte 
mir die Nachricht, Elisabeth befinde sich vollkommen wohl, benehme 
sich wie gesund, habe allerdings noch zeitweise etwas Schmerzen. Sie 
hat mir seither noch zu wiederholten Malen ähnliche Botschaften 
geschickt, jedesmal dabei zugesagt, mich aufzusuchen; es ist aber 
charakteristisch für das persönliche Verhältniss, das sich bei solchen 
Behandlungen herausbildet, dass sie es nie gethan hat. Wie mir mein 
College versichert, ist sie als geheilt zu betrachten; das Verhältniss 
des Schwagers zur Familie hat sich nicht geändert. 

Im Frühjahr 1894 hörte ich, dass sie einen Hausball besuchen 
werde, zu welchem ich mir Zutritt verschaffen konnte, und ich liess 
mir die Gelegenheit nicht entgehen, meine einstige Kranke im raschen 
Tanz dahinfliegen zu sehen. Sie hat sich seither aus freier Neigung 
mit einem Fremden verheiratet. 

Epikrise. 

Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin 
bei Localdiagnosen und Elektroproguostik erzogen worden wie andere 
Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigenthümlich, dass 
die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, 
und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlich- 
keit entbehren. Ich muss mich damit trösten, dass für dieses Er- 
gebniss die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu 
machen ist als meine Vorliebe; Localdiagnostik und elektrische 
Keaktionen kommen bei dem Studium der Hysterie eben nicht zur 
Geltung, während eine eingehende Darstellung der seelischen Vor- 
gänge, wie man sie vom Dichter zu erhalten gewöhnt ist, mir ge- 
stattet, bei Anwendung einiger weniger psychologischer Formeln doch 
eine Art von Einsicht in den Hergang einer Hysterie zu gewinnen. 
Solche Krankengeschichten wollen beurtheilt werden wie psychiatrische, 
haben aber vor letzteren eines voraus, nämlich die innige Be- 
ziehung zwischen Leidensgeschichte und Krankheitssymptomen, nach 
welcher wir in den Biographien anderer Psychosen noch vergebens 
suchen. 

Ich habe mich bemüht, die Aufklärungen, die ich über den 
Fall des Frl. Elisabeth v. ß. geben kann, in die Darstellung ihrer 
Heilungsgeschichte zu verflechten ; vielleicht ist es nicht überflüssig, 
das Wesentliche hier im Zusammenhange zu wiederholen. Ich habe den 

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Charakter dei Kranken gescliildert, die Züge, die bei soviel Hysterischen 
wiederkehren und die man wahrhaftig nicht auf Eechnung einer De- 
generation setzen darf: Die Begabung, den Ehrgeiz, die moralische 
Feinfühligkeit, das übergrosse Liebesbedürfniss, das zunächst in der 
Pamilie seine Befriedigung findet, die über das weibliche Ideal hinaus- 
gehende Selbständigkeit ihrer Natur, die sich in einem guten Stück 
Eigensinn, Kampfbereitschaft und Verschlossenheit äussert. Eine 
irgend erhebliche hereditäre Belastung war nach den Mittheilungen 
meines Collegen in den beiden Familien nicht nachweisbar; ihre Mutter 
zwar litt durch lange Jahre an nicht näher erforschter, neurotischer 
Verstimmung; deren Geschwister aber, der Vater und dessen Familie 
durften zu den ausgeglichenen, nicht nervösen Menschen gezählt 
werden. Ein schwererer Fall von Neuropsychose war bei den nächsten 
Angehörigen nicht vorgefallen. 

Auf diese Natur wirkten nun schmerzliche Gemüthsbewegungen 
ein, zunächst der depotenzirende Einfluss einer langen Krankenpflege 
bei dem geliebten Vater. 

Es hat seine guten Grunde, wenn die Krankenpflege in der Vor- 
geschichte der Hysterien eine so bedeutende Rolle spielt. Eine Reihe 
der hierbei wirksamen Momente liegt ja klar zu Tage, die Störung 
des körperlichen Befindens durch unterbrochenen Schlaf, vernach- 
lässigte Körperpflege, die Rückwirkung einer beständig nagenden 
Sorge auf die vegetativen Functionen ; das Wichtigste aber liegt nach 
meiner Schätzung anderwärts. Wessen Sinn durch die hunderterlei 
Aufgaben der Krankenpflege beschäftigt ist, die sich in unabsehbarer 
Folge Wochen und Monate lang an einander reihen, der gewöhnt sich 
einerseits daran, alle Zeichen der eigenen Ergiiffen'heit zu unterdrücken, 
andererseits lenkt er sich bald von der Aufmerksamkeit für seine 
eigenen Eindrücke ab, weil ihm Zeit wie Kraft fehlt, ihnen gerecht 
zu werden. So speichert der Krankenpfleger eine Fülle von aflfect- 
fähigen Eindrücken in sich auf, die kaum klar genug percipirt, jeden- 
falls nicht durch Abreagirea geschwächt worden sind. Er schafft sich 
das Material für eine Retentionshysterie. Genest der Kranke, so 
werden all diese Eindrücke freilich entwerthet; stirbt er aber, bricht 
die Zeit der Trauer herein, in welcher nur werthvoU erscheint, was 
sich auf den Verlorenen bezieht, so kommen auch jene der Er- 
ledigung haiTenden Eindrücke an die Reihe, und nach einer kurzen 
Pause der Erschöpfung bricht die Hysterie los, zu der der Keim 
während der Krankenpflege gelegt wurde. 



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— 142 — 

Man kann dieselbe Thatsache der nachträglichen Erledigung 
während der Krankenpflege gesammelter Traumen gelegentlich auch 
antreffen, wo der Gesammteindruck des Krankseins nicht zu Stande 
kommt, der Meclianismus der Hysterie aber doch gewahrt wird. So 
kenne ich eine hochbegabte, an leichten nervösen Zuständen leidende 
Frau, deren ganzes Wesen die Hysterica bezeugt, wenngleich sie nie den 
Aerzten zur Last gefallen ist, nie die Ausübung ihrer Pflichten hat 
unterbrechen müssen. Diese Frau hat bereits 3 oder 4 ihrer Lieben 
zu Tode gepflegt, jedesmal bis zur vollen körperlichen Erschöpfung; 
sie ist auch nach diesen traurigen Leistungen nicht erkrankt. Aber 
kurze Zeit nach dem Tode des Kranken beginnt in ihr die Keproductions- 
arbeit, welche ihr die Scenen der Krankheit und des Sterbens noch- 
mals vor die Augen führt. Sie macht jeden Tag jeden Eindruck 
von Neuem durch, weint darüber und tröstet sich darüber, — man 
möchte sagen in Müsse. Solche Erledigung geht bei ihr durch die 
Geschäfte des Tages durch, ohne dass die beiden Thätigkeiten sich 
verwirren. Das Ganze zieht chronologisch an ihr vorüber. Ob die 
Erinnerungsarbeit eines Tages genau einen Tag der Vergangenheit 
deckt, weiss ich nicht. Ich vermuthe, diess hängt von der Müsse 
ab, welche ihr die laufenden Geschäfte des Haushaltes lassen. 

Ausser dieser .»nachholenden Thräne**, die sich an den Todes- 
fall mit kurzem Litervall anschliesst, hält diese Frau periodische 
Erinnerungsfeier alljährlich um die Zeit der einzelnen Katastrophen, 
und hier folgt ihre lebhafte visuelle Reproduction und ihre AflFect- 
äusserung getreulich dem Datum. Ich treffe sie beispielsweise in 
Thränen und erkundige mich theilnehmend, was es heute gegeben hat. 
Sie wehrt die Nachfrage halb ärgerlich ab: «Ach nein, es war nur 
heute der Hofrath N. . . . wieder da und hat uns zu verstehen ge- 
geben, dass nichts zu erwarten ist. Ich hab' damals keine Zeit ge- 
habt, darüber zu weinen.** Sie bezieht sich auf die letzte Krankheit 
ihres Mannes, der vor 3 Jahren gestorben ist. Es wäre mir sehr 
interessant zu wissen, ob sie bei diesen jährlich wiederkehrenden 
Erinnerungsfeiern stets dieselben Scenen wiederholt, oder ob sich ihr 
jedesmal andere Einzelheiten zum Abreagiren darbieten, wie ich im 
Interesse meiner Theorie vermuthe. Ich kann aber nichts Sicheres 
darüber erfahren, die ebenso kluge als starke Frau schämt sich der 
Heftigkeit, mit welcher jene Reminiscenzen auf sie wirken.^ 

* Ich habe einmal mit Verwunderung erfahren, dass ein solches „nachholendes 
Abreagiren" — nach anderen Eindrücken als bei einer Krankenpflege — den 



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— 148 — 

Ich hebe nochmals hervor: Diese Frau ist nicht krank, das 
nachholende Abreagiren ist bei aller Aehnlichkeit doch kein hysterischer 
Vorgang; man darf sich die Frage stellen, woran es liegen mag, dass 
nach der einen Krankenpflege sich eine Hysterie ergiebt, nach der 
anderen nicht. An der persönlichen Disposition kann es nicht liegen, 
eine solche war bei der Dame, die ich hier im Sinne habe, im reichsten 
Ausmaass vorhanden. 

Ich kehre zu Fräulein Elisabeth v. K. zurück. Während der 
Pflege ihres Vaters also entstand bei ihr das erste Mal ein hysterisches 
Symptom und zwar ein Schmerz an einer bestimmten Stelle des 
rechten Oberschenkels. Der Mechanismus dieses Symptoms lässt sich 
auf Grund der Analyse hinreichend durchleuchten. Es war ein Moment, 



Inhalt einer sonst räthselhaftcn Neurose bilden kann. Es war diess bei einem schönen 
19jährigen Mädchen, Frl. Mathilde H. . . ., welches ich zuerst mit einer unvoll- 
ständigen Lähmung der Beine sah, dann aber Monate später zur Behandlung bekam, 
weil sie ihren Charakter verändert hatte, bis zur Lebensunlust verstimmt, rücksichtslos 
gegen ihre Mutter, reizbar und unzugänglich geworden war. Das ganze Bild der 
Patientin gestattete mir nicht die Annahme einer gewöhnlichen Melancholie. Sie 
war sehr leicht in tiefen Somnambulismus zu versetzen, und ich bediente mich 
dieser ihrer Eigenthümlichkeit, um ihr jedesmal Gebote und Suggestionen zu 
ertheilen, die sie im tiefen Schlaf anhörte, mit reichlichen Thränen begleitete, die 
aber sonst an ihrem Befinden wenig änderten. Eines Tages wurde sie in der 
Hypnose gesprächig und theilte mir mit, dass die Ursache ihrer Verstimmung 
die vor mehreren Monaten erfolgte Auflösung ihrer Verlobung sei. Es hätte sich 
bei näherer Bekanntschaft mit dem Verlobten immer mehr herausgestellt, was der 
Mutter und ihr unerwünscht gewesen wäre, andererseits seien die materiellen 
Vortheile der Verbindung zu greifbar gewesen, um den Entschluss des Abbrechens 
leicht zu machen : so hätten sie Beide eine lange Zeit geschwankt, sie selbst sei 
in einen Zustand von Unentschlossenheit gerathen, in dem sie apathisch alles über 
sich ergehen Hess, und endlich habe die Mutter für sie das entscheidende Nein 
gesprochen. Eine Weile später sei sie wie aus einem Traum erwacht, habe begonnen, 
sich eifrig in Gedanken mit der bereits gefällten Entscheidung zu befassen, das 
Für und das Wider bei sich abzuwägen, und dieser Vorgang setze sich bei ihr 
immer noch fort. Sie lebe in jener Zeit der Zweifel, habe an jedem Tag die 
Stimmung und die Gedanken, die sich für den damaligen Tag geschickt hätten, 
ihre Keizbarkeit gegen die Mutter sei auch nur in damals geltenden Verhältnissen 
begründet, und neben dieser Gedankenthätigkeit komme ihr das gegenwärtige Leben 
wie eine Scheinexistenz, wie etwas Geträumtes vor. — Es gelang mir nicht wieder, 
das Mädchen zum Keden zu bringen, ich setzte meinen Zuspruch in tiefem 
Somnambulismus fort, sah sie jedesmal in Thränen ausbrechen, ohne dass sie mir 
je Antwort gab, und eines Tages, ungefähr um den Jahrestag der Verlobung, war 
der ganze Zustand von Verstimmung vorüber, was mir als grosser hypnotischer 
Heilerfolg angerechnet wurde. 



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— 144 — 

in welchem der VorstelJungskreis ihrer Pflichten gegen den kranken 
Vater mit dem damaligen Inhalt ihres erotischen Sehnens in Conflict 
gerieth. Sie entschied sich unter lebhaften Selbstvorwürfen für den 
ersteren und schuf sich dabei den hysterischen Schmerz. Nach der 
Auffassung, welche die Conversionstheorie der Hysterie nahe legt, 
wäre der Vorgang folgender Art darzustellen: Sie verdrängte die 
erotische Vorstellung aus ihrem Bewusstsein und wandelte deren 
Affectgrösse in somatische Schmerzempfindung um. Ob sich ihr 
dieser erste Conflict ein einziges Mal oder wiederholte Male dar- 
bot, wurde nicht klar; wahrscheinlicher ist das Letztere. Ein ganz 
ähnlicher Conflict — indess von höherer moralischer Bedeutung und 
durch die Analyse noch besser bezeugt — wiederholte sich nach 
Jahren und führte zur Steigerung derselben Schmerzen und zu deren 
Ausbreitung über die anfänglich besetzten Grenzen. Wiederum war 
es ein erotischer Vorstellungskreis, der in Conflict mit all ihren 
moralischen Vorstellungen gerieth, denn die Neigung bezog sich auf 
ihren Schwager, und sowohl zu Lebzeiten als nach dem Tode ihrer 
SchAvester war es ein für sie unannehmbarer Gedanke, dass sie sich 
gerade nach diesem Manne sehnen sollte. Ueber diesen Conflict, welcher 
den Mittelpunkt der Krankengeschichte darstellt, gibt die Analyse 
ausführliche Auskunft. Die Neigung der Kranken zu ihrem Schwager 
mochte seit Langem gekeimt haben, ihrer Entwicklung kam die 
körperliche Erschöpfung durch neuerliche Krankenpflege, die moralische 
Erschöpfung durch mehrjährige Enttäuschungen zu Gute, ihre inner- 
liche Sprödigkeit begann sich damals zu lösen, und sie gestand sich 
das Bedürfniss nach der Liebe eines Mannes ein. Während eines über 
Wochen ausgedehnten Verkehres (in jenem Curort) gelangte diese 
erotische Neigung gleichzeitig mit den Schmerzen zur vollen Aus- 
bildung, und für dieselbe Zeit bezeugt die Analyse einen besonderen 
psychischen Zustand der Kranken, dessen Zusammenhalt mit der 
Neigung und den Schmerzen ein Verständniss des Vorganges im Sinne 
der Conversionstheorie zu ermöglichen scheint. 

Ich muss mich nämlich der Behauptung getrauen, dass die 
Kranke zu jener Zeit sich der Neigung zu ihrem Schwager, so intensiv 
selbe auch war, nicht klar bewusst wurde, ausser bei einzelnen 
seltenen Veranlassungen, und dann nur für Momente. Wäre es anders 
gewesen, so hätte sie sich auch des Widerspruches zwischen dieser 
Neigung und ihren moralischen Vorstellungen bewusst werden und 
ähnliche Seelenqualen überstehen müssen, wie ich sie nach unserer 



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— 145 - 

Analyse leiden sah. Ihre Erinnerung hatte von dergleichen Leiden 
nichts zu berichten, sie hatte sich dieselben erspart, folglich war 
ihr auch die Neigung selbst nicht klar geworden; damals wie noch 
zur Zeit der Analyse war die Liebe zu ihrem Schwager nach Art eines 
Fremdkörpers in ihrem Bewusstsein vorhanden, ohne in Beziehungen 
zu ihrem sonstigen Vorstellungsleben getreten zu sein. Es war der 
eigenthümliche Zustand des Wissens und gleichzeitigen Nichtwissens 
in Bezug auf diese Neigung vorhanden, der Zustand der abgetrennten 
psychischen Gruppe. Etwas anderes ist aber nicht gemeint, wenn man 
behauptet, diese Neigung sei ihr nicht „klar bewusst" gewesen; es 
ist nicht gemeint eine niedere Qualität oder eia geringer Grad von 
Bewusstsein, sondern eine Abtrennung vom freien associativen Denk- 
verkehr mit dem übrigen Vorstellungsinhalt. 

Wie konnte es nur dazu kommen, dass eine so intensiv betonte 
Vorstellungsgruppe so isolirt gehalten wurde? Im Allgemeinen wächst 
doch mit der AiFectgrösse einer Vorstellung auch deren Rolle in der 
Association. 

Man kann diese Frage beantworten, wenn man auf zwei That- 
sachen Rücksicht nimmt, deren man sich als sichergestellt bedienen 
darf; 1. dass gleichzeitig mit der Bildung jener separaten psychischen 
Gruppe die hysterischen Schmerzen entstanden, 2. dass die Kranke 
dem Versuche der Herstellung der Association zwischen der separaten 
psychischen Gruppe und dem übrigen Bewusstseinsiuhalt einen grossen 
Widerstand entgegensetzte und, als diese Vereinigung doch vollzogen 
war, einen grossen psychischen Schmerz empfand. Unsere Auffassung 
der Hysterie bringt diese beiden Momente mit der Thatsache der 
Bewusstseinsspaltung zusammen, indem sie behauptet : in 2. sei der 
Hinweis auf das Motiv der Bewusstseinsspaltung enthalten, in 1. auf 
den Mechanismus derselben. Das Motiv war das der A b w e h r, 
das Sträuben des ganzen Ich, sich mit dieser Vorstellungsgruppe zu 
vertragen; der Mechanismus war der der Conversion, d.h. anstatt 
der seelischen Schmerzen, die sie sich erspart hatte, traten körperliche 
auf; es wurde so eine Umwandlung eingeleitet, bei der sich als 
Gewinn herausstellte, dass die Kranke sich einem unerträglichen 
psychischen Zustand entzogen hatte, allerdings auf Kosten einer 
psychischen Anomalie, der zugelassenen Bewusstseinsspaltung, und 
eines körperlichen Leidens, der Schmerzen, über welche sich eine 
Astasie-Abasie aufbaute. 

Breuer u. Freud, Studien. 10 

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— 146 — 

Allerdings eine Anleitung dazu, wie man bei sich eine solche 
Conversion herstellt, kann ich nicht geben ; man macht das offenbar 
nicht so, wie man mit Absicht eine willkürliche Handlung ausfuhrt; 
es ist ein Vorgang, der sich unter dem Antrieb des Motivs der Abwehr 
in einem Individuum vollzieht, wenn dieses die Eignung dazu in seiner 
Organisation — oder derzeitigen Modification — trägt. 

Man hat ein Kecht, der Theorie näher auf den Leib zu rücken 
und zu fragen: Was ist es denn, was sich hier in köiTperlichen Schmerz 
verwandelt? Die vorsichtige Antwort wird lauten: Etwas, woraus 
seelischer Schmerz hätte werden können und werden sollen. Will man 
sich weiter wagen und eine Art von algebraischer Darstellung der 
Vorstellungsmechanik versuchen, so wird man etwa dem Vorstellungs- 
complex dieser unbewusst gebliebenen Neigung einen gewissen Affectbetrag 
zuschreiben und letztere Quantität als das Convertirte bezeichnen. Eine 
directe Folgerung dieser Auffassung wäre es, dass die „unbewusste 
Liebe** durch solche Conversion so sehr an Intensität eingebüsst, dass 
sie zu einer schwachen Vorstellung herabgesunken wäre; ihre Existenz als 
abgetrennte psychische Gruppe wäre dann erst durch diese Schwächung 
ermöglicht. Indess ist der vorliegende Fall nicht geeignet, in dieser 
so heikein Materie Anschaulichkeit zu gewähren. Er entspricht 
wahrscheinlich einer bloss unvollständigen Conversion ; aus anderen 
Fällen kann man wahrscheinlich machen, dass auch vollständige 
Conversionen vorkommen, und dass bei diesen in der That die un- 
verträgliche Vorstellung „verdrängt** worden ist, wie nur eine sehr 
wenig intensive Vorstellung verdrängt werden kann. Die Kranken ver- 
sichern nach vollzogener associativer Vereinigung, dass sie sich seit 
der Entstehung des hysterischen Symptoms in Gedanken nicht mehr 
mit der unverträglichen Vorstellung beschäftigt haben. — 

Ich habe oben behauptet, dass die Kranke bei gewissen Gelegenheiten, 
wenngleich nur flüchtig, die Liebe zu ihrem Schwager auch bewusst 
erkannte. Ein solcher Moment war z, B., als ihr am Bette der Schwester 
der Gedanke durch den Kopf fuhr: „Jetzt ist er frei und Du kannst 
seine Frau werden.** Ich muss die Bedeutung dieser Momente für die 
Auffassung der ganzen Neurose erörtern. Nun, ich meine, in der 
Annahme einer „Abwehrhysterie** ist bereits die Forderung enthalten, 
dass wenigstens ein solcher Moment vorgekommen ist. Das Bewusst- 
sein weiss ja nicht vorher, wann sich eine unverträgliche Vorstellung 
einstellen wird; die unverträgliche Vorstellung, die später mit ihrem 
Anhang zur Bildung einer separaten psychischen Gruppe ausgeschlossen 

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— 147 — 

wird, niiiss ja anfänglich im Denkverkelir gestanden sein, sonst hätte 
sich der Conflict nicht ergeben, der ihre Ausschliessung herbeigeführt 
hat.^ Gerade diese Momente sind also als die „traumatischen** 
zu bezeichnen; in ihnen hat die Conversion stattgefunden, deren Er- 
gebnisse die Bewusstseinsspaltung und das hysterische Symptom sind. 
Bei Frl. Elisabeth v. R . . deutet alles auf eine Mehrheit von solchen 
Momenten (die Scenen vom Spaziergang, Morgenmeditation, Bad, am 
Bette der Schwester); vielleicht kamen sogar neue Momente dieser Art 
während der Behandlung vor. Die Mehrheit solcher traumatischer 
Momente wird nämlich dadurch ermöglicht, dass ein ähnliches Er- 
lebniss wie jenes, das die unverträgliche Vorstellung zuerst einführte, 
der abgetrennten psychischen Gruppe neue En-egung zufuhrt und so 
den Elfolg der Conversion vorübergehend aufhebt. Das Ich muss sich 
mit dieser plötzlich verstärkt aufleuchtenden Vorstellung beschäftigen 
und muss dann durch neuerliche Conversion den früheren Zustand 
wiederherstellen. Frl. Elisabeth, die beständig mit ihrem Schwager 
verkehrte, musste dem Auftauchen neuer Traumen besonders ausgesetzt 
sein. Ein Fall, dessen traumatische Geschichte in der Vergangenheit 
abgeschlossen lag, wäre mir für diese Darstellung erwünschter 
gewesen. — 

Ich muss mich nun mit einem Punkte beschäftigen, den ich als 
eine Schwierigkeit für das Verständniss der vorstehenden Kranken- 
geschichte bezeichnet habe. Auf Grund der Analyse nahm ich an, dass 
eine erste Conversion bei der Kranken während der Pflege ihres Vaters 
stattgefunden und zwar damals, als ihre Pflichten als Pflegerin in 
Widerstreit mit ihrem erotisclicn Sehnen geriethen, und dass dieser 
Vorgang das Vorbild jenes späteren war, der im Alpencurort zum 
Ausbruch der Krankheit führte. Nun ergiebt sich aber aus den Mitthei- 
lungen der Kranken, dass sie zur Zeit der Krankenpflege und in dem 
darauffolgenden Zeitabschnitt, den ich als „erste Periode ** bezeichnet 
habe, überhaupt nicht an Schmerzen und Gehschwäclie 
gelitten hat. Sie war zwar während der Krankheit des Vaters einmal durch 
wenige Tage mit Schmerzen in den Füssen bettlägerig, aber es ist 
zweifelhaft geblieben, ob dieser Anfall bereits der Hysterie zugeschrieben 
werden muss. Eine causale Beziehung zwischen diesen ersten Schmerzen 
und irgend welchem psychischen Eindruck liess sich bei der Analyse 
nicht erweisen; es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass es sich 

* Anders bei einer Hypnoidhysterie ; hier wäre der Inhalt der separaten 
psychischen (Jruppe nie im Ichbewusstsein gewesen. 

10* 

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— US — 

damals um gemeine, rheumatische Muskelschmerzen gehandelt hat. 
Wollte man selbst annehmen, dass dieser erste Schmerzanfall das 
Ergebniss einer hysterischen Conversion infolge der Ablehnung ihrer 
damaligen erotischen Gedanken war, so bleibt doch die Thatsache übrig, 
dass die Schmerzen nach wenigen Tagen verschwanden, so dass die Kranke 
sich also in der Wirklichkeit anders verhalten hatte, als sie während 
der Analyse zu zeigen schien. Während der Reproduction der soge- 
nannten ersten Periode begleitete sie alle Erzählungen von der Krank- 
heit und dem Tode des Vaters, von den Eindrücken aus dem Verkehr 
mit dem ersten Schwager u. dgl. mit Schmerzensäusserungen, während 
sie zur Zeit, da sie diese Eindrücke erlebte, keine Schmerzen ver- 
spürte. Ist das nicht ein Widerspruch, der geeignet ist, das Vertrauen 
in den aufklärenden Wert einer solchen Analyse recht herabzusetzen? 

Ich glaube den Widerspruch lösen zu können, indem ich an- 
nehme, die Schmerzen — das Product der Conversion — seien nicht 
entstanden, während die Kranke die Eindrücke der ersten Periode 
erlebte, sondern nachträglich, also in der zweiten Periode, als die Kranke 
diese Eindrücke in ihren Gedanken reproducirte. Die Conversion sei 
erfolgt nicht an den frischen Eindrücken, sondern an den Erinnerungen 
derselben. Ich meine sogar, ein solcher Vorgang sei nichts Aussergewöhn- 
liches bei der Hysterie, habe einen regelmässigen Antheil an der Ent- 
stehung hysterischer Symptome. Da aber eine solche Behauptung gewiss 
nicht einleuchtet, werde ich versuchen, sie durch andere Erfahrungen 
glaubwürdiger zu machen. 

Es geschah mir einmal, dass sich während einer derartigen ana- 
lytischen Behandlung bei einer Kranken ein neues hysterisches Symptom 
ausbildete, so dass ich dessen Wegräumung am Tage nach seinem 
Entstehen in Angriff nehmen konnte. 

Ich will die Geschichte dieser Kranken in ihren wesentlichen 
Zügen hier einschieben; sie ist ziemlich einfach und doch nicht ohne 
Interesse. 

Frl. Eosalia H . . ., 23 Jahre alt, seit einigen Jahren bemüht, 
sich zur Sängerin auszubilden, klagt darüber, dass ihre schöne 
Stimme ihr in gewissen Lagen nicht gehorcht. Es tritt ein Gefühl von 
Würgen und Schnüren in der Kehle ein, so dass der Ton wiegepresst 
klingt; ihr Lehrer hat ihr darum noch nicht gestatten können, sich 
vor dem Publicum als Sängerin zu zeigen; obwohl diese Unvollkommen- 
heit nur die Mittellage betrifft, so kann sie doch nicht durch einen 
Fehler ihres Organs erklärt werden; zu Zeiten bleibt die Störung ganz 

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— 149 — 

ans, so dass sich der Lehrer für sehr befriedigt erklärt; andere Male, auf 
die leiseste EiTegung hin, auch scheinbar ohne jeden Grund, tritt die 
schnürende Empfindung wieder ein, und die freie Stimmentfaltung ist 
behindert. Es war nicht schwer, in dieser belästigenden Empfindung 
die hysterische Conversion zu erkennen; ob thatsächlich eine Con- 
tractur in gewissen Muskeln der Stimmbänder eintrat, habe ich nicht 
feststellen lassen.^ In der hypnotischen Analyse, die ich mit dem 
Mädchen unternahm, erfuhr ich Folgendes von ihren Schicksalen und 
damit von der Verursachung ihrer Beschwerden; Sie war, früh verwaist, 
von einer selbst kinderreichen Tante in's Haus genommen worden und 
wurde dadurch Theilnehmerin an einem höchst unglücklichen Familien- 
leben. Der Mann dieser Tante, eine offenbar pathologische Persönlich- 
keit, misshandelte Frau und Kinder in rohester Weise und kränkte sie 
besonders durch die unverhohlene sexuelle Bevorzugung der im Haus 
befindlichen Dienst- und Kindermädchen, was umso anstössiger wurde, 
je mehr die Kinder heranwuchsen. Als die Tante starb, wurde Rosalia 
die Schützerin der verwaisten und vom Vater bedrängten Kinderschaar. 
Sie nahm ihre Pflichten ernst, focht alle Conflicte durch, zu denen 
»ie diese Stellung führte, hatte aber dabei die grösste Mühe aufzu- 
v^enden, um die Aeusserungen ihres Hasses und ihrer Verachtung gegen 
den Onkel zu unterdrücken. Damals entstand in ihr die Empfindung 
des Schnürens im Halse; jedesmal, wenn sie eine Antwort schuldig 
bleiben musste, wenn sie sich gezwungen hatte, auf eine empörende 
Beschuldigung mhig zu bleiben, fühlte sie das Kratzen in der Kehle, 
das Zusammenschnüren, das Versagen der Stimme, kurz alle die im 
Kehlkopf und Schlund localisirten Empfindungen, die sie jetzt im 
Singen störten. Es war begreiflich, dass sie nach der Möglichkeit 
suchte sich selbständig zu machen, um den Aufregungen und pein- 
lichen Eindrücken zu entgehen, die jeder Tag im Hause des Onkels 



* Ich habe einen anderen Fall beobachtet, in dem eine Contraetur der 
Masseteren der Sängerin die Ausübung ihrer Kunst unmöglich machte. Die junge 
Frau war durch peinliche Erlebnisse in ihrer Familie veranlasst worden, sich zur 
Bühne zu wenden. Sie sang in Rom ia grosser Erregung Probe, als sie plötzlich 
die Empfindung bekam, sie könne den geöffneten Mund nicht schliessen; sie fiel 
ohnmächtig zu Boden. Der geholte Arzt drückte die Kiefer gewaltsam zusammen ; die 
Kranke ab ^r blieb von da an unfähig, die Kiefer weiter als die Breite eines Fingers 
von einander zu entfernen, und musste den neugewählten Beruf aufgeben. Als sie 
mehrere Jahre später in meine Behandlung kam, waren die Ursachen jener Er- 
regung offenbar längst abgethan, denn eine Massage in leichter Hj^pnose reichte 
hin, um ihr den Mund weit zu öffnen. Die Dame hat seither öffentlich gesungen. 



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— 150 - 

brachte. Ein tüchtiger Gesangslehrer nahm sich ihrer uneigennützig 
an und versicherte ihr, dass ihre Stimme sie berechtige, den Beruf 
einer Sängerin zu wählen. Sie begann nun heimlich Unterricht bei ihm 
zu nehmen, aber dadurch, dass sie oft mit dem Schnüren im Hals, 
wie es nach heftigen häuslichen Scenen übrig blieb, zum Sangunter- 
richt wegeilte, festigte sich eine Beziehung zwischen dem Singen und 
der hysterischeil Parästhesie, die schon durch die Organempfindung 
beim Singen angebahnt war. Der Apparat, über den sie beim Singen 
frei hätte verfügen sollen, zeigte sich besetzt mit Innervationsresten 
nach jenen zahlreichen Scenen unterdrückter Erregung. Sie hatte seither 
das Haus ihres Onkels verlassen, war in eine fremde Stadt gezogen, 
um der Familie fern zu bleiben, aber das Hinderniss war damit nicht 
überwunden. Andere hysterische Symptome zeigte das schöne, unge- 
wöhnlich verständige Mädchen nicht. 

Ich bemühte mich, diese „Ketentionshysterie** durch Reprodu- 
ciren aller erregenden Eindrücke und nachträgliches Abreagiren zu er- 
ledigen. Ich liess sie schimpfen. Reden halten, dem Onkel tüchtig die 
Wahrheit iu's Gesicht sagen u. dgl. Diese Behandlung that ihr auch 
sehr wohl; leider lebte sie unterdess hier in recht ungünstigen Ver- 
hältnissen. Sie hatte kein Glück mit ihren Verwandten. Sie war Gast 
bei einem anderen Onkel, der sie auch freundlich aufnahm; aber gerade 
dadurch erregte sie das Missfallen der Tante. Diese Frau vermuthete 
bei ihrem Manne ein tiefer gehendes Interesse an seiner Nichte und 
liess es sich angelegen sein, dem Mädchen den Aufenthalt in Wien 
gründlich zu verleiden. Sie hatte selbst in ihrer Jugend einer Neigung 
zur Künstlerschaft entsagen müssen und neidete es jetzt der Nichte^ 
dass sie ihr Talent ausbilden konnte, obwohl hier nicht Neigung, 
sondern Drang zur Selbständigkeit die Elitschliessung herbeigeführt 
hatte. Rosalie fühlte sich so beengt im Hause, dass sie z. B. nicht 
zu singen oder Ciavier zu spielen wagte, wenn die Tante in Hörweite 
war, und dass sie es sorgfaltig vermied, dem übrigens betagten Onkel 
— Bruder ihrer Mutter — etwas vorzuspielen oder vorzusingen, wenn 
die Tante hinzukommen konnte. Während ich mich bemühte, die 
Spuren alter Erregungen zu tilgen, entstanden aus diesem Verhältniss 
zu ihren Gastgebern neue, die endlich auch den Erfolg meiner Be- 
handlung störten und vorzeitig die Cur unterbrachen. 

Eines Tages erschien die Patientin bei mir mit einem neuen, 
kaum 24 Stunden alten Symptom. Sie klagte über ein unangenehmes 
Prickeln in den Fingerspitzen, das seit gestern alle paar Stunden auf" 



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— 151 — 

trete und sie nöthige, ganz besondere, schnellende Bewegungen mit den 
Fingern zu machen. Ich konnte den Anfall nicht sehen, sonst hätte 
ich wohl aus dem Anblick der Fingerbewegungen den Anlass errathen ; 
ich versuchte aber sofort der Begründung des Symptomes (eigentlich 
des kleinen hysterischen Anfalls) durch hypnotische Analyse auf die 
Spur zu kommen. Da das Ganze erst seit so kurzer Zeit bestand, 
hoffte ich Aufklärung und Erledigung rasch herbeiführen zu können. 
Zu meinem Erstaunen brachte mir die Kranke — ohne Zaudern und 
in chronologischer Ordnung — eine ganze Reihe von Scenen, in früher 
Kindheit beginnend, denen etwa gemeinsam war, dass sie ein Unrecht 
ohne Abwehr geduldet hatte, so dass es ihr dabei in den Fingern 
zucken konnte, z. B. Scenen wie, dass sie in der Schule die Hand 
hinhalten musste, auf die ihr der Lehrer mit dem Lineal einen Schlag 
versetzte. Es waren aber banale Anlässe, denen ich die Berechtigung, 
in die Aetiologie eines hysterischen Symptoms einzugehen, gerne be- 
stritten hätte. Anders stand es mit einer Scene aus ihren ersten 
Mädchenjahren, die sich daran schloss. Der böse Onkel, der an Rheu- 
matismus litt, hatte von ihr verlangt, dass sie ihn am Rücken massire. 
Sie getraute sich nicht, es zu verweigern. Er lag dabei zu Bett, plötzlich 
warf er die Decke ab, erhob sich, wollte sie packen und hinwerfen. 
Sie unterbrach natürlich die Massage und hatte sich im nächsten 
Moment geflüchtet und in ihrem Zimmer verspeiTt. Sie erinnerte sich 
offenbar nicht gerne an dieses Erlebniss, wollte sich auch nicht äussern, 
ob sie bei der plötzlichen Entblössung des Mannes etwas gesehen 
habe. Die Empfindung in den Fingern mochte dabei durch den unter- 
drückten Impuls zu erklären sein, ihn zu züchtigen, oder einfach 
daher rühren, dass sie eben mit der Massage beschäftigt war. Erst 
nach dieser Scene kam sie auf die gestern erlebte zu sprechen, nach 
welcher sich Empfindung und Zucken in den Fingern als wiederkehrendes 
Erinnerungssymbol eingestellt hatten. Der Onkel, bei dem sie jetzt 
wohnte, hatte sie gebeten, ihm etwas vorzuspielen; sie setzte sich an*s 
Ciavier und begleitete sich dabei mit Gesang in der Meinung, die Tante 
sei ausgegangen. Plötzlich kam die Tante in dieThüre; Rosalie sprang 
auf, warf den Deckel des Claviers zu und schleuderte das Notenblatt weg; 
es ist auch zu errathen, welche Erinnerung in ihr auftauchte und welchen 
Gedankengang sie in diesem Momente abwehrte, den der Erbitterung über 
den ungerechten Verdacht, der sie eigentlich bewegen sollte, das Haus zu 
verlassen, während sie doch der Cur wegen genöthigt war, in Wien zu 
bleiben, und eine andere Unterkunft nicht hatte. Die Bewegung der 

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— 152 — 

Finger, die ich bei der Reproduction dieser Scene sah, war die des 
Fortschnellens, als ob man — wortlich und figürlich — etwas von sich 
weisen würde, ein Notenblatt wegfegen oder eine Zumuthung abthun. 

Sie war ganz bestimmt in ihrer Versicherang, dass sie dieses 
Symptom nicht vorher — nicht aus Anlass der zuerst erzählten Scenen 
— verspürt hatte. Was blieb also übrig anzunehmen, als dass das 
gestrige Erlebnis zunächst die Erinnerung an frühere ähnlichen Inhalts 
geweckt, und dass dann die Bildung eines Erinnerungssymbols der 
ganzen Gruppe von Erinnerungen gegolten hatte? Die Conversion war 
einerseits von frischerlebtem, andererseits von erinnertem Affect be- 
stritten worden. 

Wenn man sich die Sachlage näher überlegt, muss man zuge- 
stehen, dass ein solcher Vorgang eher als Regel denn als Ausnahme 
bei der Entstehung hysterischer Symptome zu bezeichnen ist. Fast 
jedesmal, wenn ich nach der Determinirimg solcher Zustände forschte, 
fand sich nicht ein einziger, sondern eine Gruppe von ähnlichen 
traumatischen Anlässen vor (vergl. die schönen Beispiele bei Frau 
Emmy in der Krankengeschichte II). Für manche dieser Fälle liess 
sich feststellen, dass das betreffende Symptom schon nach dem 
ersten Trauma für kurze Zeit erschienen war, um dann zurückzutreten, 
bis es durch ein nächstes Trauma neuerdings hervorgerufen und 
sttabilisirt wurde. Zwischen diesem zeitweiligen Hervortreten und dem 
überhaupt Latentbleiben nach den ersten Anlässen ist aber kein prin- 
cipieller Unterschied zu constatiren, und in einer überwiegend grossen 
Anzahl von Beispielen ergab sich wiederum, dass die ersten Traumen 
kein Symptom hinterlassen hatten, während ein späteres Trauma der- 
selben Art ein Symptom hervorrief, welches doch zu seiner Entstehung 
der Mitwirkung der früheren Anlässe nicht entbehren konnte, und dessen 
Lösung wirklich die Berücksichtigung aller Anlässe erforderte. In die 
Ausdrucksweise der Conversionstheorie übersetzt, will diese unleugbare 
Thatsache der Summation der Traumen und der erstweiligen Latenz der 
Symptome besagen, dass die Conversion ebensogut vom frischen wie 
vom erinnerten Affect statthaben kann, und diese Annahme klärt 
den Widerspruch völlig auf, in dem bei Fräulein Elisabeth v. R. . . . 
Krankengeschichte und Analyse zu stehen scheinen. 

Es ist ja keine Frage, dass die Gesunden die Fortdauer von Vor- 
stellungen mit unerledigtem Affect in ihrem Bewusstsein im grossen Aus- 
maass ertragen. Die Behauptung, die ich eben verfochten, nähert bloss 
das Verhalten der Hysterischen dem der Gesunden an. Es kommt 



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— 153 — 

offenbar auf ein quantitatives Moment an, nämlich darauf, wieviel 
von solcher Affectspannung eine Organisation verträgt. Auch der 
Hysterische wird ein gewisses Maass unerledigt beibehalten können; 
wächst dasselbe durch Sumraation bei ähnlichen Anlässen über die 
individuelle Tragfähigkeit hinaus, so ist der Anstoss zur Conversion 
gegeben. Es ist also keine fremdartige Aufstellung, sondern beinahe 
ein Postulat, dass die Bildung hysterischer Symptome auch auf Kosten 
von erinnertem Affect vor sich gehen könne. — 

Ich habe mich nun mit dem Motiv und mit dem Mechanis- 
mus dieses Falles von Hysterie beschäftigt; es erübrigt noch, die 
Determinirun g des hysterischen Symptoms zu erörtern. Warum 
mussten gerade die Schmerzen in den Beinen die Vertretung des 
seelischen Schmerzes übernehmen? Die Umstände des Falles weisen 
darauf hin, dass dieser somatische Schmerz nicht von der Neurose 
geschaffen, sondern bloss von ihr benützt, gesteigert und erhalten 
wurde. Ich will gleich hinzusetzen, in den allermeisten Fällen von 
hysterischen Algien, in welche ich Einsicht bekommen konnte, war es 
ähnlich; es war immer zu Anfang ein wirklicher, organisch begründeter 
Schmerz vorhanden gewesen. Es sind die gemeinsten, verbreitetsten 
Schmerzen der Menschheit, die am häufigsten dazu berufen erscheinen, 
eine Rolle in der Hysterie zu spielen, vor Allem die periostalen und 
neuralgischen Schmerzen bei Erkrankung der Zähne, die aus so verschie- 
denen Quellen stammenden Kopfschmerzen, und nicht minder die so 
häufig verkannten rheumatischen Schmerzen der Muskeln. Den ersten 
Anfall von Schmerzen, den Frl. Elisabeth v. K. noch während der 
Pflege ihres Vaters gehabt, halte ich aucli für einen organisch begrün- 
deten. Ich erhielt nämlich keine Auskunft, als ich nach einem 
psychischen Anlass dafür forschte, und ich bin, ich gestehe es, geneigt, 
meiner Methode des Hervorrufens versteckter Erinnerungen differential- 
diagnostische Bedeutung beizulegen, wenn sie sorgfältig gehandhabt 
wird. Dieser ursprünglich rheumatische^) Schmerz wurde nun bei der 
Kranken zum Erinnerungssymbol für ihre schmerzlichen psychischen 
Erregungen und zwar, soviel ich sehen kann, aus mehr als einem 
Grund. Zunächst und hauptsächlich wohl darum, weil er ungefähr 
gleichzeitig mit jenen Erregungen im Bewusstsein vorhanden war; 
zweitens weil er mit dem Vorstellungsinhalt jener Zeit in mehrfacher 
Weise verknüpft war oder verknüpft sein konnte. Er war vielleicht 
überhaupt nur eine entfernte Folge der Krankenpflege, der verringerten 

^) vielleicht aber spinal-neurasthenische ? 

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Bewegung und der schlechteren Ernähnmg, welche das Amt der 
Pflegerin mit sich brachte. Aber das war der Kranken kaum klar 
geworden; mehr in Betracht kommt wohl, dass sie ihn in bedeutsamen 
Momenten der Pflege spüren musste, z. B. wenn sie in der Winter- 
kälte aus dem Bette sprang, um dem Buf des Vaters zu folgeu. 
Geradezu entscheidend für die Kichtung, welche die Conversion nahm, 
musste aber die andere Weise der associativen Verknüpfung sein, der 
Umstand, dass durch eine lange Keihe von Tagen eines ihrer schmerzhaften 
Beine mit dem geschwollenen Bein des Vaters beim Wechsel der Binden 
in Berührung kam. Die durch diese Berühnmg ausgezeichnete Stelle 
des rechten Beines blieb von da an der Herd und Ausgangspunkt der 
Schmerzen, eine künstliche hysterogene Zone, deren Entstehung sich 
in diesem Falle klar durchschauen lässt. 

Sollte sich jemand über diese associative Verknüpfung zwischen 
physischem Schmerz und psychischem Affect als eine zu vielfaltige und 
künstliche verwundern, so würde ich antworten, solche Verwunderung 
sei ebenso unbillig wie jene andere darüber, „dass gerade die Reichsten 
in der Welt das meiste Geld besitzen**. Wo nicht so reichliche Ver- 
knüpfung vorliegt, da bildet sich eben kein hysterisches Symptom, 
da findet die Conversion keinen Weg; und ich kann versichern, dass 
das Beispiel des Frl. Elisabeth v. R. in Hinsicht der Determinirung 
zu den einfacheren gehörte. Ich habe, besonders bei Frau Cäcilie M., 
die verschlungensten Knoten dieser Art zu lösen gehabt. 

Wie sich über diese Schmerzen die Astasie -Abasie unserer 
Kranken aufbaute, nachdem einmal der Conversion ein bestimmter 
Weg geöffnet war, diess habe ich schon in der Krankengeschichte 
erörtert. Ich habe aber dort auch die Behauptung vertreten, dass die 
Kranke die Fimctionsstörung durch Symbolisirung geschaffen oder 
gesteigert, dass sie für ihre Unselbständigkeit, ihre Ohnmacht, etwas 
an den Verhältnissen zu ändern, einen somatischen Ausdruck fand in 
der Abasie -Astasie, und dass die Redensarten: Nicht von der Stelle 
kommen, keinen Anhalt haben udgl. die Brücke für diesen neuen Act 
der Conversion bildeten. Ich werde mich bemühen, diese Auffassung 
durch andere Beispiele zu stützen. 

Die Conversion auf Grund von Gleichzeitigkeit bei sonst vorhan- 
dener associativer Verknüpfung scheint an die hysterische Disposition 
die geringsten Ansprache zu stellen; die Conversion durch Symbolisi- 
rung hingegen eines höheren Grades von hysterischer Modification zu 
bedürfen, wie sie auch bei Frl. Elisabeth erst im späteren Stadium 



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ihrer Hysterie nachweisbar ist. Die schönsten Beispiele von Symboli- 
sirung habe ich bei Frau Cäcilie M. beobachtet, die ich meinen 
schwersten und lehrreichsten Fall von Hysterie nennen darf. Ich habe 
bereits angedeutet, dass sich diese Krankengeschichte leider einer aus- 
führlichen Wiedergabe entzieht. 

Frau Cäcilie litt unter anderen Dingen an einer überaus heftigen 
Gesichtsneuralgie, die 2 — 3mal im Jahr plötzlich auftrat, 5 — 10 Tage 
anhielt, jeder Therapie trotzte und dann wie abgeschnitten aufhörte. 
Sie beschränkte sich auf den zweiten und dritten Ast des einen 
Trigeminus, und da üraturie zweifellos war, und ein nicht ganz klarer 
„Rheumatismus acutus" in der Geschichte der Kranken eine gewisse 
Eolle spielte, lag die Auffassung einer gichtischen Neuralgie nahe 
genug. Diese Auffassung wurde auch von den Consiliarärzten, die 
jeden Anfall zu sehen bekamen, getheilt; die Neuralgie sollte mit den 
gebräuchlichen Methoden: elektrische Pinselung, alkalische Wässer, 
Abführmittel, behandelt werden, blieb aber jedesmal unbeeinflusst, bis 
es ihr beliebte, einem anderen Symptom den Platz zu räumen. In 
früheren Jahren — die Neuralgie war 15 Jahre alt — waren die 
Zähne beschuldigt worden, diese Neuralgie zu unterhalten; sie wurden 
zur Extraction verurtheilt, und eines schönes Tages wurde in der 
Narkose die Executiou an 7 der Missethäter vollzogen. Das gieng 
nicht' so leicht ab ; die Zähne sassen so fest, dass von den meisten 
die Wurzeln zurückgelassen werden mussten. Erfolg hatte diese grau- 
same Operation keinen, weder zeitweiligen noch dauernden. Die 
Neuralgie tobte damals Monate lang. Auch zur Zeit meiner Behandlung 
wurde bei jeder Neuralgie der Zahnarzt geholt; er erklärte jedesmal 
kranke Wurzeln zu finden, begann sich an die Arbeit zu machen, 
wurde aber gewöhnlich bald unterbrochen, denn die Neuralgie hörte 
plötzlich auf und mit ihr das Verlangen nach dem Zahnarzt. In den 
Intervallen thaten die Zähne gar nicht weh. Eines Tages, als gerade 
wieder ein Anfall wüthete, wurde ich von der Kranken zur hypnotischen 
Behandlung veranlasst, ich legte auf die Schmerzen ein sehr energisches 
Verbot, und sie hörten von diesem Moment an auf. Ich begann damals, 
Zweifel an der Echtheit dieser Neuralgie zu nähren. 

Etwa ein Jahr nach diesem hypnotischen Heilerfolg nahm der 
Krankheitszustand der Frau Cäcilie eine neue und überraschende 
Wendimg. Es kamen plötzlich andere Zustände, als sie den letzten 
Jahren eigen gewesen waren, aber die Kranke erklärte nach einigem 
Besinnen, dass alle diese Zustände bei ihr früher einmal dagewesen 



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wären und zwar über den langen Zeitraum ihrer Krankheit (30 Jahre) 
verstreut. Es wickelte sich nun wirklich eine üben*aschendp Fülle von 
hysterischen Zufällen ab, welche die Kranke an ihre richtige Stelle 
in der Vergangenheit zu localisiren vemaochte, und bald wurden 
auch die oft sehr verschlungenen Gedankenverbindungen kenntlich, 
welche die Reihenfolge dieser Zufälle bestimmten. Es war wie eine 
Reihe von Bildeni mit erläuterndem Text. Pitres muss mit der Auf- 
stellung seines Delire ecmnesique etwas Derartiges im Auge gehabt 
haben. Die Art, wie ein solcher der Vergangenheit angehöriger hyste- 
rischer Zustand reproducirt wurde, war höchst merkwürdig. Es tauchte 
zuerst im besten Befinden der Kranken eine pathologische Stimmung 
besonderer Färbung auf, welche von der Kranken regelmässig verkannt 
und auf ein banales Ereigniss der letzten Stunden bezogen wurde; 
dann folgten unter zunehmender Trübung des Bewusstseins hysterische 
Symptome: Hallucinationen, Schmerzen, Krämpfe, lange Declamationen, 
und endlich schloss sich an diese das hallucinatorische Auftauchen 
eines Erlebnisses aus der Vergangenheit, welches die initiale Stimmung 
erklären und die jeweiligen Symptome determiniren konnte. Mit diesem 
letzten Stück des Anfalles war die Klarheit wieder da, die Beschwerden 
verschwanden wie durch Zauber, und es herrschte wieder Wohlbefinden 
— bis zum nächsten Anfall, einen halben Tag später. Gewöhnlich 
wurde ich auf der Höhe des Zustandes geholt, leitete die Hypnose 
ein, rief die Reproduction des traumatischen Erlebnisses hervor und 
bereitete dem Anfall durch Kunsthilfe ein früheres Ende. Indem 
ich mehrere hunderte solcher Cyclen mit der Kranken durchmachte, 
erhielt ich die lehrreichsten Aufschlüsse über Determinirung hysterischer 
Symptome. Auch war die Beobachtung dieses merkwürdigen Falles 
in Gemeinschaft mit Breuer der nächste Anlass zur Veröffentlichung 
unserer „vorläufigen Mittheilung". 

In diesem Zusammenhang kam es endlich auch zur Reproduction 
der Gesichtsneuralgie, die ich als actuellen Anfall noch selbst behandelt 
hatte. Ich war neugierig, ob sich eine psychische Verursachung hier 
ergeben würde. Als ich die traumatische Scene liervorzurufen versuchte, 
sah sich die Kranke in eine Zeit grosser seelischer Empfindlichkeit 
gegen ihren Mann versetzt, erzählte von einem Gespräch, das sie mit 
ihm geführt, von einer Bemerkung seinerseits, die sie als schwere 
Kränkung aufgefasst; dann fasste sie sich plötzlich an die Wange, schrie 
vor Schmerz laut auf und sagte: Das war mir wie ein Schlag in's 
Gesicht. — Damit war aber auch Schmerz und Anfall zu Ende. 



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Kein Zweifel, dass es sich hier um eine Symbolisirung gehandelt 
hatte; sie hatte gefühlt, als ob sie den Schlag in's Gesicht wirklich 
bekommen hätte. Nun wird jedermann die Frage aufwerfen, wieso wohl 
die Empfindung eines „Schlages in's Gesicht" zu den Aeusserlichkeiten 
einer Trigeminusneuralgie, zur Beschränkung auf den 2. und 3. Ast, 
zur Steigerung beim Mundöflfnen und Kauen (nicht beim Eeden!) 
gelangt sein mag. 

Am nächsten Tag war die Neuralgie wieder da, nur liess sie sich 
diesmal durch die Eeproduction einer anderen Scene lösen, deren 
Inhalt gleichfalls eine vermeintliche Beleidigung war. So ging es neun 
Tage lang fort; es schien sich zu ergeben, dass Jahre hindurch 
Kränkungen, insbesondere durch Worte, auf dem Wege der Symboli- 
sirung neue Anfälle dieser Gesichtsneuralgie hervorgerufen hatten. 

Endlich gelang es aber, auch zum ersten Anfall von Neuralgie 
(vor mehr als 15 Jahren) vorzudringen. Hier fand sich keine Sym- 
bolisirung, sondern eine Conversion durch Gleichzeitigkeit; es war 
ein schmerzlicher Anblick, bei dem ihr ein Vorwurf auftauchte, welcher 
sie veranlasste, eine andere Gedankenreihe zurückdrängen. Es war 
also ein Fall von Conflict und Abwehr; die Entstehung der Neuralgie 
in diesem Momente nicht weiter erklärlich, wenn man nicht annehmen 
wollte, dass sie damals an leichten Zahn- oder Gesichtsschmerzen 
gelitten, und dies war nicht unwahrscheinlich, denn sie hatte sich 
gerade in den ersten Monaten der ersten Gravidität befunden. 

So ergab sich also als Aufklärung, dass diese Neuralgie auf 
dem gewöhnlichen Wege der Conversion zum Merkzeichen einer be- 
stimmten psychischen EiTegung geworden war, dass sie aber in der 
Folge durch associative Anklage aus dem Gedankenleben, durch 
symbolisirende Conversion geweckt werden konnte; eigentlich dasselbe 
Verhalten, das wir bei Frl. Elisabeth von R . . . gefunden haben. 

Ich will ein zweites Beispiel anfuhren, welches die Wirksamkeit der 
Symbolisirung unter anderen Bedingungen anschaulich machen kann: 
Zu einer gewissen Zeit plagte Frau Cäcilie ein heftiger Schmerz in 
der rechten Ferse Stiche bei jedem Schritt, die das Gehen unmöglich 
machten. Die Analyse führte uns dabei auf eine Zeit, in welcher sich 
die Patientin in einer ausländischen Heilanstalt befunden hatte. Sie war 
8 Tage lang in ihrem Zimmer gelegen, sollte dann vom Hausarzt das 
erste Mal zur gemeinsamen Tafel abgeholt werden. Der Schmerz war 
in dem Moment entstanden, als die Kranke seinen Arm nahm, um 



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das Zimmer zu verlassen ; er schwand während der Reproduction 
dieser Scene, als die Kranke den Satz aussprach : Damals habe sie 
die Furcht beherrscht, ob sie auch das ^rechte Auftreten** in der 
fremden Gesellschaft treffen werde I 

Diess scheint nun ein schlagendes, beinahe komisches Beispiel 
von Entstehung hysterischer Symptome durch Symbolisirung vermittelst 
des sprachlichen Ausdrucks. Allein ein näheres Eingehen auf die 
Umstände jenes Momentes bevorzugt eine andere Auffassung. Die 
Kranke litt zu jener Zeit überhaupt an Fusschmerzen, sie war wegen 
Fusschmerzen so lange zu Bette geblieben ; und es kann nur zugegeben 
werden, dass die Furcht, von der sie bei den ersten Schritten befallen 
wurde, aus den gleichzeitig vorhandenen Schmerzen den einen, sym- 
bolisch passenden, in der rechten Ferse hervorsuchte, um ihn zu einer 
psychischen Algie auszubilden und ihm zu einer besonderen Fortdauer 
zu verhelfen. 

Erscheint in diesen Beispielen der Mechanismus der Symbolisirung 
in den zweiten Bang gedrängt, was sicherlich der Regel entspricht, 
so verfuge ich doch auch über Beispiele, welche die Entstehung 
hysterischer Symptome durch blosse Symbolisirung zu beweisen scheinen. 
Eines der schönsten ist folgendes, es bezieht sich wiederum auf Frau 
Cäcilie. Sie lag als 15 jähriges Mädchen im Bette, bewacht von ihrer 
gestrengen Grossmama. Plötzlich schrie das Kind auf, sie hatte einen 
bohrenden Schmerz in der Stirne zwischen den Augen bekommen, der 
dann Wochen lange anhielt. Bei der Analyse dieses Schmerzes, der 
sich nach fast 30 Jahren reproducirte, gab sie an, die Grossmama 
habe sie so „durchdringend** angeschaut, dass ihr der Blick tief in's 
Gehirn gedrungen wäre. Sie fürchtete nämlich, von der alten Frau 
misstrauisch betrachtet worden zu sein. Bei der Mittheilung dieses 
Gedankens brach sie in ein lautes Lachen aus, und der Schmerz 
war wieder zu Ende. Hier finde ich nichts anderes als den 
Mechanismus der Symbolisirung, der zwischen dem Mechanismus der 
Autosuggestion und dem der Conversion gewissermaassen die 
Mitte hält. 

Die Beobachtung der Frau Cäcilie M . . . hat mir Gelegenheit 
gegeben, geradezu eine Sammlung derartiger Symbolisirungen anzulegen. 
Eine ganze Reihe von körperlichen Sensationen, die sonst als organisch 
vermittelt angesehen werden, hatte bei ihr psychischen Ursprung oder 
war wenigstens mit einer psychischen Deutung versehen. Eine gewisse 
Reihe von Erlebnissen war bei ihr von der Empfindung eines Stiches 

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in der Herzgegend begleitet. (»Es hat mir einen Stich in's Herz 
gegeben**). Der nageiförmige Kopfschmerz dei Hysterie war bei ihr 
xmzweifelhaft als Denkschmerz aufzulösen. („Es steckt mir etwas im 
Kopf"); er löste sich auch jedesmal, wenn das betreffende Problem ge- 
löst war. DerEmpfindung der hysterischen Aura im Halse ging der Gedanke 
parallel: Das muss ich herunterschlucken, wenn diese Empfindung bei 
einer Kränkung auftrat. Es war eine ganze Reihe von parallel laufenden 
Sensationen und Vorstellungen, in welcher bald die Sensation die 
Vorstellung als Deutung erweckt, bald die Vorstellung durch Sym- 
bolisirung die Sensation geschaffen hatte, und nicht selten musste 
es zweifelhaft bleiben, welches der beiden Elemente das primäre 
gewesen war. 

Ich habe bei keiner anderen Patientin mehr eine so ausgiebige 
Verwendung der Symbolisirung auffinden können. Freilich war 
Prau Cäcilie M. eine Person von ganz ungewöhnlicher, insbesondere 
künstlerischer Begabung, deren hochentwickelter Sinn für Form sich 
in vollendet schönen Gedichten kundgab. Ich behaupte aber, es liegt 
weniger Individuelles und Willkürliches, als man meinen sollte, darin, 
w^enn die Hysterica der affectbetonten Vorstellung durch Symbolisirung 
einen somatischen Ausdruck schafft. Indem sie den sprachlichen 
Ausdruck wörtlich nimmt, den „Stich ins Herz'* oder den „Schlag 
in's Gesicht** bei einer verletzenden Anrede wie eine reale Begebenheit 
empfindet, übt sie keinen witzigen Missbrauch, sondern belebt nur die 
Empfindungen von Neuem, denen der sprachliche Ausdruck seine 
Berechtigung verdankt. Wie kämen wir denn dazu, von dem Gekränkten 
zu sagen, „es hat ihm einen Stich in's Herz gegeben**, wenn nicht 
thatsächlich die Kränkung von einer derartig zu deutenden Präcordial- 
empfindung begleitet und an ihr kenntlich wäre? Wie wahrscheinlich 
ist es nicht, dass die Redensart „etwas herunterschlucken**, die man 
auf unei-widerte Beleidigung anwendet, thatsächlich von den Innervations- 
empfindungen herrührt, die im Schlünde auftreten, wenn man sich die 
Rede versagt, sich an der Reaction auf Beleidigung hindert? All diese 
Sensationen und Innervationen gehören dem „Ausdruck der Gemüths- 
bewegungen** an, der, wie uns Darwin gelehrt hat, aus ursprunglich 
sinnvollen und zweckmässigen Leistungen besteht; sie mögen gegen- 
wärtig zumeist so weit abgeschwächt sein, dass ihr sprachlicher 
Ausdruck uns als bildliche Uebertragung erscheint, allein sehr wahr- 
scheinlich war das alles einmal wörtlich gemeint, und die Hysterie 
thut Recht daran, wenn sie für ihre stärkeren Innervationen den 



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ursprQnglichen Wortsinn wieder herstellt. Ja, vielleicht ist es Unrecht 
zu sagen, sie schaffe sich solche Sensationen durch Symbolisirung ; sie 
hat vielleicht den Sprachgebrauch gar nicht zum Vorbild genommen, 
sondern schöpft mit ihm aus gemeinsamer Quelle.^ 



* Jn Zuständen tiefer gehender psychischer Veränderung kommt oflFenbar 
auch eine symbolische Ausprägung des mehr artificiellen Sprachgebrauches in 
sinnlichen Bildern und Sensationen vor. Frau Cäcilie M. hatte eine Zeit, in welcher 
sich ihr jeder Gedanke in eine Hallucination umsetzte, deren Lösung oft viel 
Witz erforderte. Sie klagte mir damals, sie werde durch die HaUucination belästigt, 
dass ihre beiden Aerzte — Breuer und ich — im Garten an zwei nahen Bäumen 
aufgehängt wären. Die Hallucination verschwand, nachdem die Analyse folgenden 
Hergang aufgedeckt hatte: Abends vorher war sie von Breuer mit der Bitte um 
ein bestimmtes Medikament abwiesen worden, sie setzte dann ihre Hoffnung auf 
mich, fand mich aber ebenso hartherzig. Sie zürnte uns darüber und dachte in 
ihrem Affect : Die Zwei sind einander werth, der Eine ist das Pendant zum Anderen! 



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IIL Theoretisches. 

(J. Breuer.) 

In der „Vorläufigen Mittheilung*, welche diese Studien einleitet, 
haben wir die Anschauungen dargelegt, zu denen wir durch unsere 
Beobachtungen geführt wurden; und ich glaube in der Hauptsache an 
ihnen festhalten zu dürfen. Die „Vorläufige Mittheilung" ist aber so kurz 
und so knapp, dass darin grossentheils nur angedeutet werden konnte, 
was wir meinen. Es sei darum gestattet, nun, da die Krankengeschichten 
Belege für unsere Anschauungen erbracht haben, diese ausführlicher 
darzulegen. Natürlich soll und kann auch hier nicht „das Ganze der 
Hysterie" abgehandelt werden: aber es sollen diejenigen Punkte, 
welche in der „Vorläufigen Mittheilung" ungenügend begründet und zu 
schwach hervorgehoben wurden, eine etwas eingehendere, deutlichere, 
wohl auch einschränkende Besprechung erfahren. 

In diesen Erörterungen wird wenig vom Gehirn und gar nicht 
von den Molecülen die Rede sein. Psychische Vorgänge sollen in der 
Sprache der Psychologie behandelt werden, ja es kann eigentlich gar 
nicht anders geschehen. Wenn wir statt „Vorstellung" „RindeneiTegung" 
sagen wollten, so würde der letztere Ausdruck nur dadurch einen Sinn 
für uns haben, dass wir in der Verkleidung den guten Bekannten 
erkennen und die „Vorstellung" stillschweigend wieder restituiren. 
Denn während Vorstellungen fortwährend Gegenstände unserer Erfahrung 
und uns in alU ihren Nuancen wohlbekannt sind, ist „Eindeneiregung" für 
uns mehr ein Postulat, ein Gegenstand künftiger, erhoifter Erkenntniss. 
Jener Ersatz der Termini scheint eine zwecklose Maskerade. 

So möge der fast ausschliessliche Gebrauch psychologischer 
Terminologie vergeben werden. 

Noch für Anderes muss ich im vorhinein um Nachsicht bitten. 
Wenn eine Wissenschaft rasch vorwärts schreitet, werden Gedanken, 
die zuerst von Einzelnen ausgesprochen wurden, alsbald Gemeingut. 
So kann Niemand, der heute seine Anschauungen über Hysterie und 
ihre psychische Grundlage darzulegen versucht, es vermeiden, dass 
er eine Menge Gedanken Anderer ausspreclie und wiederhole, die 
eben aus dem Individualbesitz in den Gemeinbesitz übergehen. Es ist 

Breuer u. Freud, Studien. 11 

Orfgma f f nom 



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kaum möglich, von ihnen immer zu constatiren, wer sie zuerst aus- 
gesprochen hat, und auch die Gefahr liegt nahe, dass man fflr eigenes 
Product hält, was von andern schon gesagt worden ist. So möge es 
entschuldigt werden, wenn hier wenig Citate gebracht werden und 
zwischen Eigenem und Fremdem nicht streng unterschieden wird. Auf 
Originalität macht das Wenigste von dem Anspruch, was auf den 
folgenden Seiten dargelegt werden soll. 

I. Sind alle hysterischen Phänomene ideogen? 

Wir sprachen in der „Vorläufigen Mittheilung** über den psychischen 
Mechanismus „hysterischer Phänomene** ; nicht „der Hysterie**, weil 
wir für denselben, und für die psychische Theorie der hysterischen 
Symptome überhaupt, uneingeschränkte Geltung nicht beanspruchen 
wollten. Wir glauben nicht, dass alle Erscheinungen der Hysterie auf 
die von uns dargelegte Weise zu Stande kommen, und auch nicht, 
dass alle ideogen, d, h. durch Vorstellungen bedingt seien. Wir 
differiren darin von Möbius/ der 1888 die Definition vorschlug: 
^Hysterisch sind alle diejenigen krankhaften Erscheinungen, die durch 
Vorstellungen verursacht sind." Später wurde dieser Satz dahin 
erläutert, dass nur ein Theil der krankhaften Phänomene den ver- 
ursachenden Vorstellungen inhaltlich entspreche, nämlich die durch 
Fremd- oder Auto- Suggestion erzeugten; z.B. wenn die Vorstellung, den 
Arm nicht bewegen zu können, eine Lähmung desselben bedinge. Ein 
anderer Theil der hysterischen Phänomene sei zwar durch Vorstellungen 
verursacht, entspreche ihnen aber inhaltlich nicht; z. B. wenn in 
einer unserer Beobachtungen die Lähmung des Armes durch den 
Anblick von schlangenähnlichen Gegenständen erzeugt wird. 

Möbius will mit dieser Definition nicht etwa eine Veränderung 
der Nomenclatur befürworten, so dass fortan nur die durch Vor- 
stellungen bedingten, ideogenen krankhaften Phänomene hysterisch zu 
nennen wären; sondern er meint, dass alle hysterischen Krankheits- 
erscheinungen ideogen seien. „Weil sehr oft Vorstellungen Ursache 
der hysterischen Erscheinungen sind, glauben wir, dass sie es immer 
seien.** Er nennt dies einen Analogieschluss ; ich möchte es eher eine 
Generalisation nennen, deren Berechtigung erst untersucht werden muss. 

Offenbar muss vor jeder Discussion festgestellt werden, was man 
unter Hysterie versteht. Ich halte Hysterie für ein empirisch gefundenes, 
der Beobachtung entstammendes Krankheitsbild, gerade so wie die tubercu- 

^ Möbius, Über den Begriff der Hysterie. Wiederabgedruckt in „Neuro- 
loj^ische Beiträge", L Heft, 1894. 

f^ /^f^ n 1 p. Orf gma f f nom 

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löse Luugenphtliise. Solche empirisch gewonnene Krankheitsbilder 
werden durch den Fortschritt unserer Erkenntniss geläutert, vertieft, 
erklärt; sie sollen und können dadurch aber nicht zerstört werden. 
Die ätiologische Forschung hat gezeigt, dass die versAiedenen Theil- 
processe der Lungenphtbise durch verschiedene Krankheitsursachen 
bedingt sind; der Tuberkel durch den Bacillus Kochii, der Gewebs- 
zerfall, die Cavernenbildung, das septisclie Fieber durch andere Mikroben. 
Trotzdem bleibt die tuberculöse Phthise eine klinische Einheit, und es 
wäre unrichtig, sie dadurch zu zerstören, dass man nur die „specifisch 
tuberculösen", durch den Bacillus Koch's bedingten Gewebsveränderungen 
ihr zuschreiben, die anderen von ihr loslösen wollte. — Ebenso muss 
die klinische Einheit der Hysterie erhalten bleiben, auch wenn sich 
herausstellt, dass ihre Phänomene durch verschiedene Ursachen bedingt 
sind, die einen durch einen psychischen Mechanismus, die anderen ohne 
solchen zustande kommen. 

Das ist nun meiner Ueberzftugung nach wirklich der Fall. Nur 
ein Theil der hysterischen Phänomene ist ideogen, und die Annahme 
der Möbius'schen Definition reisst die klinische Einheit der Hysterie, 
ja auch die Einheit eines und desselben Symptoms bei einem und 
demselben Kranken mitten entzwei. 

Es wäre ein dem AnalogieschlussMöbius' ganz analoger Schluss : 
„Weil sehr oft Vorstellungen und Wahrnehmungen die Erection hervor- 
rufen, nehmen wir an, dass sie allein es immer thun, und dass auch die 
peripheren Reize erst auf dem Umwege über die Psyche jenen vasomoto- 
rischen Vorgang auslösen." Wir wissen, dass das ein Irrthum wäre, und 
doch lägen diesem Schluss gewiss so viele Thatsachen zu Grunde wie 
dem Satz Möbius' betreffs der Hysterie. In Analogie mit einer grossen 
Zahl physiologischer Vorgänge, wie Speichel- und Thränensecretion, 
Veränderung der Herzaction u. dgl. ist als möglich und wahrscheinlich 
anzunehmen, dass derselbe Vorgang sowohl durch Vorstellungen als 
durch periphere oder andere, aber nicht psychische Beize ausgelöst 
werden kann. Das Gegentheil ist zu beweisen, und dazu fehlt noch 
sehr viel. Ja es scheint sicher, dass viele der hysterisch genannten 
Phänomene nicht allein durch Vorstellungen verursacht werden. 

Betrachten wir einen ganz alltäglichen Fall. Eine Frau bekommt 
bei jedem Affect an Hals, Brust und Gesicht ein erst fleckiges, dann 
confluirendes Erythem. Dies ist durch Vorstellungen bedingt und also 
nachMöbius ein hysterisches Phänomen. Dasselbe Erythem tritt aber, 
wenn auch in geringerer Ausbreitung bei Hautreiz auf, bei Berührung 

11* 

Original fnom 



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u. dgl. Dies wäre nun nicht hysterisch. So wäre ein, sicherlich völlig 
einheitliches Phänomen einmal der Hysterie zugehörig und ein 
andermal nicht. Man kann ja zweifeln, ob man dieses, den Erethismus 
der Vasomotoren, überhaupt zu den specifisch hysterischen Erschei- 
nungen rechnen soll, oder ob man es nicht besser dem einfachen 
„Nervosismus** zuzählt. Aber nach Möbius raüsste jene ZerftUung eines 
einheitlichen Vorgangs jedenfalls geschehen, und das affectiv bedingte 
Erythem allein hysterisch genannt werden. 

Ganz ebenso verhält es sich bei den praktisch so wichtigen 
hysterischen Algien. Gewiss sind diese häufig direct durch Vor- 
stellungen bedingt; es sind „Schmerzhallucinationen'^ Untersuchen 
wir diese etwas genauer, so zeigt sich, dass zu ihrem Entstehen grosse 
Lebhaftigkeit der Vorstellung nicht genügt, sondern dass ein besonderer 
abnormer Zustand der schmerzleitenden und empfindenden Apparate noth- 
wendig ist, wie zum Entstehen des affectiven Erythems die abnorme 
Erregbarkeit der Vasomotoren. Das Wort „Schmerzhallucination^ 
bezeichnet gewiss das Wesen dieser Neuralgie aufs prägnanteste, zwingt 
uns aber auch, die Anschauungen auf sie zu übertragen, die wir uns 
bezüglich der Hallucination im Allgemeinen gebildet haben. Diese 
eingehend zu discutiren, ist hier nicht am Platze. Ich bekenne mich 
zu der Meinung, die „Vorstellung", das Erinnerungsbild, allein, ohne 
Erregung des Perceptionsapparates, erlange selbst in seiner grössten 
Lebhaftigkeit und Intensität nie den Charakter objectiver Existenz, 
der die Hallucination ausmacht.^) 

Das gilt schon von den Sinneshallucinationen und noch mehr von 
den Schmerzhallucinationen. Denn es scheint dem Gesunden nicht 
möglich zu sein, der Erinnerung an einen körperlichen Schmerz auch 

* Dieser Perceptionsapparat, einschliesslich der corticalen Sinnessphären, 
muss verschieden sein von dem Organ, welches Sinneseindrücke als Erinnerungs- 
bilder aufbewahrt und reproducirt. Denn die Grundbedingung der Function des 
Wahrnehmungsapparates ist die rascheste restitutio in statum quo ante; sonst 
könnte keine richtige weitere Perception stattfinden. Die Bedingung des Gedächt- 
nisses hingegen ist, dass eine solche Restitution nicht statt hat, sondern dass jede 
Wahrnehmung bleibende Veränderungen schaflFt. Unmöglich kann ein und dasselbe 
Organ beiden widersprechenden Bedingungen genügen; der Spiegel eines Eeflexions- 
Teleskops kann nicht zugleich photographische Platte sein. In diesem Sinne, dass 
die Erregung des Perceptionsapparates — nicht in der bestimmten Aussage, dass 
die EiTCgung der subcorticalen Centren — der Hallucination den Charakter des 
Objectiven gebe, stimme ichMeyner,t bei. Soll aber durch das Erinnerungsbild das 
Perception sorgan erregt werden, so mü^ « i. wir eine gegen die Norm abgeänderte 
Erregbarkeit desselben annehmen, die eben die Hallucination möglich macht. 



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— 165 — 

nuv jene Lebhaftigkeit, jene entfernte Annäherung an die wirkliche 
Empfindung zu verschaffen, welche doch bei optischen und acustischen 
Erinnerungsbildern erreicht werden kann. Selbst in dem normalen 
hallucinatorischen Zustand des Gesunden, im Schlafe, werden, wie ich 
glaube, niemals Schmerzen geträumt, wenn nicht eine reale Schmerz- 
empfindung vorhanden ist. Die „rückläufige", von dem Organ des 
Gedächtnisses ausgehende Erregung des Perceptionsapparates durch 
Vorstellungen ist also de norma für Schmerz noch schwieriger als für 
Gesichts- und Gehörsempfindungen. Treten bei Hysterie mit solcher 
Leichtigkeit Schmerzhallucinationen auf, so müssen wir eine anomale 
EiTegbarkeit des schmerzempfindenden Apparates statuiren. 

Diese tritt nun nicht bloss durch Vorstellungen, sondern auch 
durch periphere Reize angeregt in die Erscheinung, ganz wie der 
früher betrachtete Erethismus der Vasomotoren. 

Wir beobachten täglich, dass beim nervös normalen Menschen 
periphere Schmerzen von pathologischen, aber selbst nicht schmerz- 
haften Vorgängen in andern Organen bedingt werden; so der Kopf- 
schmerz von relativ unbedeutenden Veränderungen der Nase und 
ihrer Nebenhöhlen; Neuralgien der Intercostal- und Brachialnerven 
vom Herzen aus, u. dgl. m. Besteht bei einem Kranken jene abnorme 
Erregbarkeit, welche wir als Bedingung der Schmerzhallucination 
annehmen mussten, so steht sie, sozusagen, auch den eben erwähnten 
Irradiationen zur Verfügung. Die auch bei nicht Nervösen vorkommenden 
werden intensiver, und es bilden sich solche Irradiationen, die wir 
zwar nur bei Nervenkranken finden, die aber doch auf demselben 
Mechanismus begründet sind wie jene. So, glaube ich, hängt die 
Ovarie von den Zuständen des Genitalapparates ab. Dass sie psychisch 
vermittelt sei, müsste bewiesen werden, und das ist dadurch nicht 
geschehen, dass man diesen Schmerz, wie jeden anderen, als Halluci- 
nation in der Hypnose erzeugen, oder dass die Ovarie auch psychischen 
Ursprungs sein kann. Sie entsteht eben wie das Erythem, oder wie 
eine der normalen Secretionen sowohl aus psychischen als aus rein 
somatischen Ursachen. Sollen wir nun nur die erstere Art hysterisch 
nennen? jene, von der wir den psychischen Ursprung kennen? Dann 
müssten wir eigentlich die gewöhnlich beobachtete Ovarie aus dem 
hysterischen Symptomcomplexe ausscheiden, was doch kaum angeht. 

Wenn nach einem leichten Trauma eines Gelenkes allmählich 
eine schwere Gelenksneurose sich entwickelt, so ist in diesem Vorgang 
gewiss ein psychisches Element: die Concentration der Aufmerksamkeit 



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auf den verletzten Theil, welche die Erregbarkeit der betreffenden 
Nervenbahnen steigert; aber man kann das kaum so ausdrücken, dass 
die Hyperalgie durch Vorstellungen bedingt sei. 

Nicht anders steht es mit der pathologischen Herabsetzung der 
Empfindung. Es ist durchaus unerwiesen und unwahrscheinlich, dass 
die allgemeine Analgesie oder dass die Analgesie einzelner Körper- 
theile ohne Anästhesie, durch Vorstellungen verursacht sei. Und wenn 
sich auch die Entdeckung Bin et' s und Janet's vollständig bestätigen 
sollte, dass die Hemianästhesie durch einen eigenthümlichen psychischen 
Zustand bedingt sei, durch die Spaltung der Psyche, so wäre das zwar 
ein psychogenes, aber kein ideogenes Phänomen und wäre darum 
nach Möbius nicht hysterisch zu nennen. 

Können wir so von einer grossen Zahl charakteristischer hysterischer 
Phänomene nicht annehmen, dass sie ideogen seien, so scheint es 
richtig, den Satz von Möbius zu reduciren. Wir sagen nicht: „Jene 
krankhaften Erscheinungen sind hysterisch, welche durch Vorstellungen 
veranlasst sind**; sondern nur: Sehr viele der hysterischen 
Phänomene, wahrscheinlich mehr, als wir heute 
wissen, sind ideogen. Die gemeinschaftliche, fundamentale 
krankhafte Veränderung aber, welche sowohl den Vorstellungen als auch 
nicht psychologischen Reizen ermöglicht, pathogen zu wirken, ist eine 
anomale Erregbarkeit des Nervensystems.^) Inwieweit diese selbst 
psychischen Ursprungs ist, das ist eine weitere Frage. 



Wenn also nur ein Theil der hysterischen Phänomene ideogen 
sein dürfte, so sind es doch gerade diese, welche man die specifisch 
hysterischen nennen darf, und ihre Erforschung, die Aufdeckung ihres 
psychischen Ursprungs macht den wesentlichsten neueren Fortschritt in 
der Theorie der Krankheit aus. Es stellt sich nun die weitere Frage: 
wie kommen sie zu Stande, welches ist der „psychische Mechanismus" 
dieser Phänomene? 

Dieser Frage gegenüber verhalten sich die beiden von Möbius 
unterschiedenen Gruppen ideogener Symptome wesentlich verschieden. 
Diejenigen, bei denen das Krankheitsphänomen der erregenden Vor- 
stellung inhaltlicli entspricht, sind relativ verständlich und durch- 

* Oppenheinrs „Labilität der MoleciUe**. Vielleicht wird es später möglich 
sein, den obigen sehr vagen Ausdruck durch eine präcisere und inhaltsreichere 
Formel zu ersetzen. 



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sichtig. Wenn die Vorstellung einer gehörten Stimme dieselbe nicht 
bloss wie beim Gesunden im »inneren Hören'* leise anklingen, sondern 
als wirkliche objective Gehörsempfindung hallucinatorisch wahrnehmen 
lässt, so entspricht das bekannten Phänomenen des gesunden Lebens 
(Traum) und ist unter der Annahme abnormer Erregbarkeit wohl ver- 
ständlich. Wir wissen, dass es bei jeder willkürlichen Bewegung die 
Vorstellung des zu erreichenden Eesultates ist, welche die entspre- 
chende Muskelcontraction auslöst; es ist nicht ganz unverständlich, 
dass die Vorstellung, diese sei unmöglich, die Bewegung verhindert. 
(Suggestive Lähmung.) 

Anders verhält es sich mit jenen Phänomenen, die keinen logischen 
Zusammenhang mit der veranlassenden Vorstellung haben. (Auch für 
sie bietet das normale Leben Analogien, wie z. B. das Schamerröthen 
u. dgl.) Wie kommen diese zustande, warum löst beim kranken 
Menschen eine Vorstellung gerade die eine, ganz irrationale, ihr gar 
nicht entsprechende Bewegung oder Hallucination aus? 

Wir glaubten in der „Vorläufigen Mittheilung** über diesen causalen 
Zusammenhang einiges auf Grund unserer Beobachtungen aussagen zu 
können. Wir haben aber in unserer Darlegung den Beo;riflf „der Erregung, 
welche abströmt oder abreagirt werden muss**, ohne weiteres 
eingeführt und benützt. Dieser Begriff, für unser Thema und für die 
.Lehre von den Neurosen überhaupt von fundamentaler Wichtigkeit, 
scheint aber eine eingehendere Untersuchung zu verlangen und zu ver- 
dienen. Bevor ich zu dieser schreite, muss ich es entschuldigen, dass 
hier auf die Grundprobleme des Nervensystems zurückgegriffen wird. 
Solches „Hinuntersteigen zu den Müttern" hat immer etwas Beklem- 
mendes; aber der Versuch, die Wurzel einer Erscheinung aufzugraben, 
fuhrt eben unvermeidlich immer auf die Grundprobleme, denen man 
nicht ausweichen kann. Möge darum die Abstrusität der folgenden 
Betrachtungen nachsichtig beurtheilt werden! 

II. Die intracerebrale tonische Erregung. — Die Affecte. 

A. Wir kennen zwei extreme Zustände des Centralnervensystems, 
traumlosen Schlaf und helles W^achen. Zwischen ihnen bilden Zustände 
geringerer Helligkeit in allen Abstufungen den Uebergang. Uns inter- 
essirt hier nicht die Frage nach dem Zweck und der physischen Be- 
gründung des Schlafes (chemische oder vasomotorische Bedingungen), 
sondern nach dem wesentlichen unterschiede der beiden Zustände. 



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Vom tiefsten, traumlosen Schlafe können wir directe nichts aus- 
sagen, weil eben durch den Zustand völliger Bewusstlosigkeit jede Be- 
obachtung und Erfahrung ausgeschlossen ist. Von dem benachbarteu 
Zustand des Traumschlafes aber wissen wir, dass wir darin willkür- 
liche Bewegungen intendiren, sprechen, gehen u. s. w., ohne dass 
dadurch die entsprechenden Muskelcontractionen wirklich ausgelöst 
würden, wie es im Wachen geschieht; dass sensible Reize vielleicht 
percipirt werden (da sie oft in den Traum eingehen), aber nicht 
appercipirt, das heisst, nicht zu bewussten Wahrnehmungen werden; 
dass auftauchende Vorstellungen nicht, wie im Wachen, alle mit 
ihnen zusammenhängenden, im potentiellen Bewusstsein vorhandenen 
Vorstellungen actuell machen, sondern dass grosse Massen hievon 
unerregt bleiben (wie wenn wir mit einem Verstorbenen sprechen, ohne 
uns seines Todes zu erinnern); dass auch unvereinbare Vorstellungen 
zugleich bestehen können, ohne sich wie im Wachen wechselseitig zu 
hemmen; dass also die Association mangelhaft und unvollständig erfolgt. 
Wir dürfen wohl annehmen, dass im tiefsten Schlafe diese Aufliebung 
des Zusammenhanges zwischen den psychischen Elementen eine noch 
vollständigere, complete ist. 

Dem gegenüber löst im hellen Wachen jeder Willensakt die zuge- 
hörige Bewegung aus, die sensiblen Eindrücke werden zu Wahrnehmun- 
gen, die Vorstellungen associiren sich mit dem ganzen Besitz des 
potentiellen Bewusstseins. Das Gehirn ist dann eine im vollständigen 
inneren Zusammenhange arbeitende Einheit. 

Es ist vielleicht nur eine Umschreibung dieser Thatsachen, wenn 
wir sagen, dass im Schlafe die Verbindungs- und Leitungsbahnen des 
Gehirnes für die Erregung der psychischen Elemente (Rindenzellen?) 
nicht, im Wachen aber vollständig gangbar sind. 

Die Existenz dieser beiden verschiedenen Zustände der Leitungs- 
bahnen wird verständlich wohl nur durch die Annahme, dass sie sich 
während des Wachens in tonischer Erregung befinden (intercellulärer 
Tetanus Exner's); dass diese tonische intracerebrale Erregung 
ihre Leitungsfähigkeit bedingt, und dass ihr Absinken und Schwinden 
eben den Zustand des Schlafes herstellt. 

Wir hätten uns eine cerebrale Leitungsbahn nicht wie einen 
Telephondraht vorzustellen, der nur dann elektrisch erregt ist, wenn 
er fungiren, das heisst hier: ein Zeichen übertragen soll; sondern wie 
eine jener Telephonleitungen, durch welche constant ein galvanischer 
Strom fliesst, und welche unerregbar werden, wenn dieser schwindet. 



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— Oder, besser vielleicht, denken wir an eine viel verzweigte elektrische 
Anlage für Beleuchtung und motorische Kraftübertragung; es wird 
von dieser gefordert, dass jede Lampe und jede Kraftmaschine durch 
einfaches Herstellen eines Contactes in Function gesetzt werden 
könne. Um dies zu ennöglichen, zum Zwecke der Arbeitsbereitschaft, 
muss auch während functioneller Kühe in dem ganzen Leitungsnetz 
eine bestimmte Spannung bestehen, und zu diesem Behufe muss die 
Dynamomaschine eine bestimmte Menge von Energie aufwenden. — 
Ebenso besteht ein gewisses Maass von Erregung in den Leitungs- 
bahnen des ruhenden, wachen, aber arbeitsbereiten Gehirnes.^) 

FQr diese Vorstellung spricht, dass das Wachen an sich, auch 
ohne Arbeitsleistung, ennüdet und Schlatbedürfniss erzeugt; es bedingt 
an sich schon einen Energieverbrauch. 

Denken wir uns einen Menschen in gespannter, aber nicht ein 
einzelnes Sinnesgebiet betreffender Erwartung. Wir haben dann ein 
ruhendes, aber leistungsbereites Gehirn vor uns. Wir dürfen wohl an- 
nehmen, dass in diesem alle Leitungsbahnen auf das Maximum ihrer 
Leistungsfähigkeit eingestellt, in tonischer Erregung sind. Die Sprache 
nennt diesen Zustand bezeichnender Weise eben: Spannung. Die Er- 
fahrung lehrt, wie anstrengend und ermüdend dieser Zustand ist, in 
welchem doch keinerlei actuelle motorische oder psychische Arbeit ge- 
leistet wurde. 

Dies ist ein exceptioneller Zustand, der eben des grossen Energie- 
verbrauchs halber nicht lange ertragen wird. Abe» auch der normale 
Zustand des hellen Wachens bedingt ein innerhalb nicht allzuweiter 

* Es sei erlaubt, hier in Kürze die Vorstellung anzudeuten, welche der obigen 
Ausführung zu Grunde liegt. Wir denken uns gewöhnlich die sensiblen und sen- 
sorischen Nervenzellen als passive Aufnahmsapparate; mit Unrecht. Denn schon die 
Existenz des Associations-Fasersystems beweist, dass auch von ihnen aus Erregung 
in Nervenfasern strömt. In einer Nervenfaser, welche per continuitatem oder conti- 
guitatem zwei sensorische Zellen verbindet, muss ein Spannungszustand bestehen^ 
wenn von beiden Zellen aus Erregung in sie einströmt. Dieser verhält sich zu der 
in ftiner, z. B. peripheren, motorischen Faser abströmenden Erregung wie hydro- 
statischer Druck zu der lebendigen Kraft strömenden Wassers oder wie elektrische 
Spannung zum elektrischen Strom. Sind alle Nervenzellen in einem Zustande 
mittlerer Erregung und erregen ihre nervösen Fortsätze, so bildet das ganze unge- 
heure Netz ein einheitliches Reservoir von ^^Nervenspannung". Wir hätten also 
ausser der potentiellen Energie, welche in dem chemischen Bestände der Zelle ruht 
und jener uns unbekannten Form kinetischer Energie, welche im Erregungszustande 
der Faser abläuft, noch einen ruhenden Zustand von Nerven erregung anzunehmen, 
die tonische Erregung oder Nervenspannung. 

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Grenzen schwankendes Ausmaass intracerebraler Erregung; all den Ab- 
stufungen des Wachens bis zur Schläfrigkeit und zum wirklichen Schlafe 
entsprechen niedrigere Erregungsgrade. 

Wirkliche Arbeitsleistung des Gehirnes bedingt gewiss einen 
grösseren Energieverbrauch als die blosse Arbeitsbereitschaft; (wie die 
oben zum Vergleiche angezogene elektrische Anlage eine grössere 
Menge von elektrischer Energie in die Leitungen einströmen lassen 
muss, wenn viele Lampen oder Arbeitsmaschinen eingeschaltet werden). 
Bei normaler Function wird nicht mehr Energie frei, als sogleich in der 
Thätigkeit verbraucht wird. Das Gehirn verhält sich aber wie eine solche 
Anlage von begrenzter Leistungsfähigkeit, welche etwa nicht zu gleicher 
Zeit grosse Mengen von Licht und von mechanischer Arbeit herstellen 
könnte. Arbeitet die Kraftübertragung, so ist wenig Energie für die Be- 
leuchtung verfügbar und umgekehrt. So sehen wir, dass es uns bei starker 
Muskelanstrengung unmöglich ist, andauernd nachzudenken, dass die 
Concentration der Aufmerksamkeit auf ein Sinnesgebiet die Leistungs- 
fähigkeit der andern Hiniorgane absinken macht, dass also das Gehirn 
mit einer wechseladen, aber begrenzten, Energiemenge arbeitet. 

Die ungleichmässige Vertheilung der Energie wird wohl durch 
die „attentionelle Bahnung** (Exner) bedingt, indem die Leitungs- 
fähigkeit der in Anspruch genommenen Bahnen erhöht wird, die der 
andern absinkt, und so im arbeitenden Gehirn auch die „intracerebrale 
tonische Erregung** ungleichmässig vertheilt ist.^) 

Wir erwecken einen Schlafenden, d. h. wir steigern plötzlich 
das Quantum seiner tonischen intracerebralen En*egung, indem wir 
einen lebhaften Sinnesreiz auf ihn wirken lassen. Ob dabei Veränderungen 
in dem cerebralen Blutkreislauf wesentliche Glieder der Causalkette 
sind, ob die Gefässe primär durch den Keiz erweitert werden, oder 
ob dies die Folge der Erregung •der Hirnelemente ist, das alles ist 
unentschieden. Sicher ist, dass der durch eine Sinnespforte ei.idringende 
Erregungszustand von da aus über das Hirn sich ausbreitet, diffundirt 
und alle Leitungswege in einen Zustand höherer Bahnung bringt. 



^ Die Auffassung der Energie deä Centralnervensystems als einer Quantität 
von schwankender und wechselnder Vertheilun» über das Gehirn ist aU. „La sen- 
sibilite," sagte Cabanis, „semble Se comporter ä la maniere d'un fluide dont la 
quantite totale est d^termine'e et qui, toutes les fois qu'il se jette en plus grande 
abondancc dans un de ses canaux, diminue proportionellement dans les autres.*' 
(Cit. nach Jan et, Etat mental II, p. 277.) 



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Wie das spontane Erwachen vor sich geht, ob immer ein und 
derselbe Gehirntheil zuerst in den Zustand der Wacherregung tritt 
und diese von ihm aus sich verbreitet, oder ob bald die eine, bald 
die andere Gruppe von Elementen als Erwecker fungirt, ist wohl noch 
völlig unklar. 

Doch beweist das spontane Erwachen, welches ja auch in voller 
Kühe und Finsterniss ohne äussere Eeize eintritt, dass die Ent- 
wicklung von Energie im Lebensprocess der Hirnelemente selbst be- 
gründet ist. 

Der Muskel bleibt, ungereizt, ruhig, auch wenn er noch so- 
lange geruht und das Maximum von Spannkräften in sich angehäuft 
hat. Nicht so die Hirnelemente. Wir nehmen wohl mit Kecht an, 
dass diese im Schlafe ihren Bestand restituiren und Spannkräfte 
sammeln. Ist das bis zu einem gewissen Grade geschehen, sozusagen 
ein gewisses Niveau erreicht, so strömt der Ueberschuss in die 
Leitungswege ab, bahnt sie und stellt die intracerebrale Erregung des 
Wachens her. 

Denselben Vorgang können wir in lehrreicher Weise im Wachen 
beobachten. Wenn das wache Gehirn längere Zeit in Euhe ver- 
bleibt, ohne durch Function Spannkraft in lebendige Energie zu ver- 
wandeln, so tritt das Bedürfniss und der Drang nach Bethätigung ein. 
Lange motorische Kühe schafft das Bewegungsbedurfniss (zweckloses 
Herumlaufen der Thiere im Käfig) und ein peinliches Gefühl, wenn dies 
Bedürfniss nicht befriedigt werden kann. Mangel an Sinnesreizen, 
Finsterniss, lautlose Stille wird zur Pein; geistige Kühe, Mangel an 
Wahrnehmungen, Vorstellungen, an Associationsthätigkeit erzeugen die 
Qual der Langeweile. Diese Unlustgefühle entsprechen einer „Aufregung% 
ein^r Steigerung der normalen intracerebralen Erregung. 

Die vollständig restituirten Hirnelemente machen also auch in 
der Kühe ein gewisses Maass von Energie frei, welches, functionell nicht 
verwertet, die intracerebrale Erregung steigert. Dies erzeugt ein Unlust- 
gefühl. Solche entstehen immer, wenn ein Bedürfniss des Organismus 
nicht Befriedigung findet. Da die hier besprochenen schwinden, wenn 
das frei gewordene überschüssige Quantum von Erregung functionell 
verwendet wird, so schliessen wir, dass diese Wegschaflfung des 
Erregungsüberschusses ein Bedürfniss des Organismus sei, und treffen 
hier zum erstenmale auf die Thatsache, dass im Organismus die 
„Tendenz zur C on stanterhaltun g der intracerebralen 
Erregung** (Freud) besteht. 



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Ein Ueberschuss davon belastet und belästigt, und es entsteht 
der Trieb ihn zu verbrauchen. Ist ein Verbrauch durch Sinnes- oder 
Vorstellungsthätigkeit nicht möglich, so strömt der Ueberschuss in 
zweckloser motorischer Action ab, im Auf- und Abgehen u. dgl., welches 
wir auch weiterhin als die häufigste Art der Entladung übergrosser 
Spannungen antreffen werden. 

Es ist bekannt, wie gross die individuelle Verschiedenheit in 
dieser Hinsicht ist; wie sehr sich die lebhaften Menschen von den 
trägen, torpiden hierin unterscheiden; diejenigen, welche „nicht ruhig 
sitzen können", von denen, die „ein angeborenes Talent zum Canape- 
sitzen haben"; die geistig beweglichen von den stumpfen, welche un- 
gemessene Zeiten geistiger Kühe vertragen. Diese Verschiedenheiten, 
welche das „geistige Temperament" der Menschen ausmachen, beruhen 
gewiss auf tiefen Unterschieden ihres Nervensystems; auf dem Ausmaass, 
in welchem die functionell ruhenden Hirnelemente Energie frei werden 
lassen. 

Wir sprachen von einer Tendenz des Organismus, die tonische 
Hirnerregung constant zu erhalten; eine solche ist uns doch nur ver- 
ständlich, wenn wir einsehen können, welches Bedurfniss durch sie 
erfüllt wird. Wir begreifen die Tendenz, die mittlere Temperatur des 
Warmblüters constant zu erhalten, weil wir sie erfahrungsgemäss als 
ein Optimum für die Function der Organe kennen. Und wir setzen 
Aehnliches für die Constanz des Wassergehaltes im Blute u. a. m. 
voraus. Ich glaube, man darf auch von der Höhe der intracerebralen 
tonischen Erregung annehmen, dass sie ein Optimum habe. Auf diesem 
Niveau der tonischen Erregung ist das Gehirn zugänglich für alle 
äusseren Reize, die Reflexe sind gebahnt, aber nur in dem Ausmaass 
normaler reflectorischer Thätigkeit, der Besitz an Vorstellungen ist der 
Erweckung und Association zugänglich in jenem gegenseitigen relativen 
Verhältniss der einzelnen Vorstellungen, welches klarer Besonnenheit 
entspricht; es ist der Zustand bester Arbeitsbereitschaft. Schon jene 
gleichmässige Erhöhung der tonischen EiTegung, welche die „Erwartung" 
ausmacht, verändert die Verhältnisse. Sie macht hyperästhetisch für 
Sinnesreize, welche alsbald peinlich werden, und erhöht die Reflex- 
erregbarkeit über das Nützliche (Schreckhaftigkeit). Gewiss ist dieser 
Zustand für manche Situationen und Zwecke nützlich; wenn er aber 
spontan, ohne solche Vorbedingungen, eintritt, so bessert er unsere 
Leistungsfähigkeit nicht, sondern schädigt sie. Wir nennen das im ge- 
wöhnlichen Leben „nervös sein*". — Bei der weitaus grösseren Zahl 



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~ 173 — 

der Formen von Erregungssteigerung handelt es sich aber um un- 
gleichmässige Uebererregung, welche der Leistungsfähigkeit direct ab- 
träglich ist. Wir bezeichnen das als „Aufregung**. Es ist nicht unbe- 
greiflich, sondern in Analogie mit andern Regulationen des Organismus, 
wenn in ihm das Bestreben besteht, das Optimum der Erregung 
festzuhalten und wieder zu eiTeichen, nachdem es überschritten 
worden ist. 

Es sei erlaubt, hier nochmals auf den Vergleich mit einer 
elektrischen Beleuchtungsanlage zurückzugreifen. Auch die Spannung 
in dem Leitungsnetz einer solchen hat ein Optimum; wird dieses über- 
schritten, so wird leicht die Function geschädigt, indem z. B. die 
Glülifäden rasch durchbrennen. Von der Schädigung der Anlage selbst 
durch Störung der Isolation und „kurzen Schluss" wird später noch 
die Rede sein. 



B. Unsere Sprache, das Resultat der Erfahrung vieler Generationen, 
unterscheidet mit wundernswerter Feinheit jene Formen und Grade der 
Erregungssteigerung, welche der geistigen Thätigkeit noch nützlich 
sind, weil sie die freie Energie aller Hirnfunctionen gleichmässig 
erhöhen, von jenen, welche dieselben beeinträchtigen, weil sie in un- 
gleichmässiger Weise die psychischen Functionen theils erhöhen, theils 
hemmen. 

Sie nennt die ersteren Anregung, die letzteren Aufregung. 
Ein interessantes Gespräch, Thee, Kaffee, regen an; ein Streit, eine 
grössere Dosis Alkohol regen auf. Während die Anregung nur den 
Trieb nach functioneller Verwertung der gesteigerten Erregung wach- 
ruft, sucht sich die Aufregung in mehr weniger heftigen, an's Patho- 
logische streifenden oder wirklich pathologischen Vorgängen zu ent- 
laden. Sie macht die psychisch-physische Grundlage der Affecte aus, 
und von diesen soll im folgenden die Rede sein. Vorher sind aber noch 
physiologische, endogene Ursachen der Erregungssteigerung flüchtig zu 
berühren. 

Solche sind zunächst die grossen physiologischen Bedürfnisse und 
Triebe des Organismus, der Sauerstoffhunger, der Nahrungshunger und 
der Durst. Da sich die Aufregung, welche sie setzen, mit bestimmten 
Empfindungen und Zielvorstellungen verknüpft, ist sie nicht so rein 
als Steigerung der Erregung zu beobachten wie die oben besprochene, 
welche nur der Ruhe der Hirnelemente entspringt. Sie hat immer 

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ihre besondere Färbung. Aber sie ist unverkennbar in der ängstlichen 
Aufregung der Dyspnoe, wie in der Unruhe des Hungernden. 

Die Erregungssteigerung, welche diesen Quellen entfliesst, ist 
bedingt durch die chenoiische Veränderung der Hirnelemente selbst, 
welche an Sauerstoff oder Spannkräften oder Wasser verarmen; sie 
fliesst in präformirten motorischen Bahnen ab, welche zur Befriedigung 
des auslösenden Bedürfnisses fahren; die Dyspnoe in den Anstren- 
gungen der Athmung, Hunger und Durst im Aufsuchen und Emngen 
der Nahrung und des Wassers. Das Princip der Constanz der Er- 
regung tritt dieser Aufregung gegenüber kaum in Wirksamkeit; sind 
ja doch die Interessen, welchen die Erregungssteigerung hier dient, für 
den Organismus viel wichtiger als die Wiederherstellung normaler 
Functionsverhältnisse des Gehirns. Zwar sieht man die Thiere der 
Menagerie vor der Fütterungsstunde aufgeregt hin und her laufen; 
aber dies mag wohl als ein Rest der präformirten motorischen Leistung, 
der Nahrungssuche, gelten, die nun durch die Gefangenschaft zweck- 
los geworden ist, nicht als ein Mittel, das Nervensystem von der Auf- 
regung zu befreien. 

Wenn die chemische Structur des Nervensystems durch an- 
haltende Zufuhr fremder Stoffe dauernd abgeändert worden ist, so 
bedingt auch der Mangel an diesen Aufregungszustände : wie der 
Mangel der normalen Nährstoffe beim Gesunden, die Aufregung der 
Abstinenz von Narcoticis. 

Den Uebergang von diesen endogenen Erregungssteigerungen zu 
den psychischen Affecten im engeren Sinne bildet die sexuale Er- 
regung und der sexuale Affect. Als erstere, als vage, unbestimmte, 
ziellose EiTegungssteigerung erscheint die Sexualität während der 
Pubertät. In weiterer Entwicklung bildet sich (normalerweise) eine 
feste Verbindung dieser endogenen, durch die Function der Ge- 
schlechtsdrüsen bedingten Erregungssteigerung mit der Wahrneh- 
mung oder Vorstellung des anderen Geschlechtes; ja bei dem wunder- 
baren Phänomen des Verliebens in eine einzelne Person mit dieser 
Individual- Vorstellung. Diese tritt in Besitz der ganzen Quantität von 
Erregung, welche durch den Sexualtrieb frei gemacht wird; sie wird 
eine „affective Vorstellung**. Das heisst: bei ihrem Actuellwerden im 
Bewusstsein löst sie den Erregungszuwachs aus, der eigentlich einer 
anderen Quelle, den Geschlechtsdrüsen, entstammt. 

Der Sexualtrieb ist gewiss die mächtigste Quelle von lange 
anhaltenden Erregungszuwächsen (und als solche, von Neurosen); 

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diese Erregungssteigerung ist höchst ungleich über das Nervensystem 
vertheilt. In ihren höheren Intensitätsgraden ist der Vorstellungs- 
ablauf gestört, der relative Wert der Vorstellungen abgeändert, im 
Orgasmus des Sexualactes erlischt das Denken fast vollständig. 

Auch die Wahrnehmung, die psychische Verarbeitung der 
Sinnesempfindungen leidet; das sonst scheue und vorsichtige Thier 
wird blind und taub für die Gefahr. Dagegen steigert sich (mindestens 
beim Männchen) die Intensität des aggressiven Instincts ; das fried- 
liche Thier wird gefährlich, bis sich die Erregung in den motorischen 
Leistungen des Sexualactes entladet. 



C. Eine ähnliche Störung des dynamischen Gleichgewichtes im 
Nervensystem, die ungleichmässige Vertheilung der gesteigerten Er- 
regung macht eben die psychische Seite der Aifecte aus. 

Weder eine Psychologie noch eine Physiologie der Aflfecte soll 
hier versucht werden. Nur ein einzelner für die Pathologie wichtiger 
Punkt soll Erörterung finden und zwar nur für die ideogenen Affecte, 
für jene, welche durch Wahrnehmungen und Vorstellungen hervorgerufen 
werden. (Lange ^ hat mit Recht wieder darauf hingewiesen, dass die 
Aflfecte fast ganz ebenso durch toxische Stoffe und. wie die Psychiatrie 
beweist, primär durch pathologische Veränderungen bedingt werden 
können wie durch Vorstellungen.) 

Es bedarf gewiss keiner weiteren Begründung, dass alle jene 
Störungen des psychischen Gleichgewichtes, welche wir acute Aflfecte 
nennen, mit einer Erregungssteigerung einhergehen. (Bei den chro- 
nischen Aflfecten, Kummer und Sorge, d. h. protrahirter Angst besteht 
die Complication eines schweren Ermüdungszustandes, welchei' die 
ungleichmässige Vertheilung der Erregung und damit die Gleich- 
gewichtstörung bestehen lässt, ihre Höhe aber herabsetzt.) Aber diese 
gesteigerte Erregung kann nicht in psychischer Thätigkeit verwendet 
werden. Alle starken Aflfecte beeinträchtigen die Association, den Vor- 
stellungsablauf. Man wird „sinnlos" vor Zorn oder Schreck. Nur jene 
Vorstellungsgruppe, welche den Aflfect erregt hat, persistirt im Be- 
wusstsein mit höchster Intensität. So ist die Ausgleichung der Auf- 
regung durch associative Thätigkeit unmöglich. 

Aber die „activen**, asthenischen ** Aflfecte gleichen die Erregungs- 
steigerung durch motorische Abfuhr aus. Das Jauchzen und Springen 

^ Lange, Über Gemütsbewegungen. 1887. 

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der Freude, der gesteigerte Miiskeltoniis des Zornes, die Zornrede 
und die vergeltende That lassen die Erregung in Bewegungsacten 
abströmen. Der psychische Schmerz entladet dieselbe in respiratorischen 
Anstrengungen und in einem secretorischen Acte, Schluchzen und 
Weinen. Dass diese Keactionen die Aufregung mindern und beruhigen, 
ist Sache der täglichen Erfahrung. Wie schon bemerkt, drückt die 
Sprache dies in den Terminis „sich ausweinen, austoben*" u. s. w. aus; was 
dabei ausgegeben wird, ist eben die gesteigerte cerebrale Erregung. 

Nur einzelne dieser Keactionen sind zweckmässig, indem dadurch 
irgend etwas an der Sachlage geändert werden kann, wie durch die 
Zornesthat und -Rede. Die andern sind völlig zwecklos, oder vielmehr 
sie haben keinen anderen Zweck als die Ausgleichung der Erregungs- 
steigerung und die Herstellung des psychischen Gleichgewichtes. 
Indem sie dies leisten, dienen sie der „Tendenz zur Constanterhaltung 
der cerebralen Erregung". 

Den „asthenischen** AiFecten des Schrecks und der Angst fehlt 
diese reactive Entladung. Der Schreck lähmt ganz direct die Moti- 
lität wie die Association, und ebenso die Angst, wenn die eine zweck- 
mässige Keaction des Davonlaufens durch die Ursache des Angst- 
affectes und durch die Umstände ausgeschlossen ist. Die Erregimg 
des Schrecks schwindet nur durch allmähliche Ausgleichung. 

Der Zorn hat adäquate, der Veranlassung entsprechende Keac- 
tionen. Sind diese unmöglich oder werden sie gehemmt, so treten 
Surrogate an ihre Stelle. Schon die Zornrede ist ein solches. Aber 
auch andere, ganz zwecklose Acte ersetzen diese. Wenn Bismarck 
vor dem König die zornige Aufregung unterdrücken muss, erleichtert er 
sich dann, indem er eine kostbare Vase zu Boden schmettert. Diese 
willkürliche Substitution eines motorischen Actes durch einen anderen 
entspricht ganz dem Ersatz der natürlichen Schmerzreflexe durch 
andere Muskelcontractionen ; der präformirte Keflex bei einer Zahn- 
extraction ist es, den Arzt wegzustossen und zu schreien. Wenn wir 
statt dessen die Armmuskeln contrahiren und die Stuhllehne pressen, so 
versetzen wir das durch den Schmerz ausgelöste En-egungsquantum von 
einer Muskelgruppe auf eine andere. Bei spontanem heftigen Zahn- 
schmerz, der ausser dem Aechzen ja keinen präformirten Keflex hat, 
strömt die Erregung in zwecklosem Hin- und Herlaufen ab. Ebenso 
transponiren wir die Erregung des Zornes von der adäquaten Keac- 
tion auf andere und fühlen uns entlastet, wenn sie nur durch irgend 
eine starke motorische Innervation verbraucht wird. 



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Wenn dem Affect eine solche Abfuhr der Erregung aber über- 
haupt versagt wird, dann ist die Sachlage die gleiche beim Zorne 
wie bei Schreck und Angst: die intracerebrale Erregung ist gewaltig 
gesteigert, aber sie wird weder in associativer noch in motorischer 
Thätigkeit verbraucht. Beim normalen Menschen gleicht sich die 
Störung allmählich aus; bei manchen treten aber anomale Eeactionen 
auf, es bildet sich der „anomale Ausdruck der Gemüts- 
bewegungen" (Oppenheim), 

III. Die hysterische Conversion. 

Es wird wohl kaum den Verdacht erregen, ich identificirte die 
Nervenerregung mit der Elektricität, wenn ich noch einmal auf den 
Vergleich mit einer elektrischen Anlage zurückkomme. Wenn in einer 
solchen die Spannung übergross wird, so besteht die Gefahr, dass 
schwächere Stellen der Isolation durchbrochen werden. Es treten dann 
elektrische Erscheinungen an abnormen Stellen auf; oder, wenn zwei 
Drähte nebeneinander liegen, bildet sich ein „kurzer Schluss". Da an 
diesen Stellen eine bleibende Veränderung gesetzt wird, kann die dadurch 
bedingte Störung immer wieder erscheinen, wenn die Spannung ge- 
nügend gesteigert ist. Es hat eine abnorme j,Bahnung" stattgefunden. 

Man kann wohl behaupten, dass die Verhältnisse des Nerven- 
systems einigermaassen ähnliche sind. Es ist ein durchaus zusammen 
hängendes Ganzes ; aber es sind an vielen Stellen grosse, doch nicht 
unüberwindbare, Widerstände eingeschaltet, welche die allgemeine 
gleichmässige Ausbreitung der Erregung verhindern. So geht im 
normalen wachen Menschen die Erregung des Vorstellungsorganes 
nicht auf die Perceptionsorgane über, wir halluciniren nicht. Die ner- 
vösen Apparate der lebenswichtigen Organcomplexe, der Circulation 
und Verdauung, sind im Interesse der Sicherheit und Leistungsfähig- 
keit des Organismus, durch starke Widerstände von den Organen der 
Vorstellung getrennt, ihre Selbstständigkeit ist gewahrt; sie sind 
directe durch Vorstellungen nicht beeinflusst. Aber nur Widerstände 
von individuell verschiedener Stärke hindern den üebergang der intra- 
cerebralen Erregung auf die Circulations- und Verdauungsapparate; 
zwischen dem heute seltenen Ideal des absolut nicht „nervösen" 
Menschen, dessen Herzaction in jeder Lebenslage constant bleibt und 
nur durch die zu leistende Arbeit beeinflusst wird, der in jeder 
Gefahr gleichmässig guten Appetit hat und verdaut, — und dem 
„nervösen" Menschen, dem jedes Ereiguiss Herzklopfen und Diarrhöe 

Breuer u. Freud, Studien 12 

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— llH — 

%*^nr<'<if:\\l', — f\z7.mhf:\if:Ti auh^-n alle Abstufungen der affectiren 

Aber immerhin bettehen beim normalen Mensehen Widerstände forden 
Oberj^ang cerebraler Erre^ng auf die regetatiren Organe. Sie entsprechen 
der Isolation elektrischer Leitungen. An jenen SteUen, wo sie anomal 
gering »ind, werden frie bei hochgespannter cerebraler Erregung durch- 
brochen, ond diege, die Erregung des Affectes, geht auf das periphere 
Organ ober. Eh entsteht der , anomale Ausdruck der Gemüthsbewegung*. 

Von den beiden eben genannten Bedingungen hiefür ist die eine 
»chon auHfflhrlich err>rtert worden. Es ist ein hoher Grad intracerebraler 
Erregung, dem sowohl die Ausgleichung durch Vorstellungsablauf wie 
die durcli motorische Abfuhr versagt ist; oder der zu hoch ist, als 
daMH die let/iere genfigen könnte. 

Die andere Bedingung ist abnorme Schwäche der Widerstände 
in einzelnen Leitungsbahnen. Sie kann in der originären Beschaffenheit 
(Ic^H Menschen liegen (angeborene Disposition); sie kann bedingt sein 
durch hingdauernde Erregungszustände, welche sozusagen das Gefüge 
(hm NervonHystems lockern und alle Widerstände herabsetzen (Disposition 
der Pubertüt) ; durch schwächende Einflüsse, Krankheit, Unterernährung 
u. H, w. (Disposition der Erschöpfungszustände). Der Widerstand ein- 
zelner Ijeitungswege kann herabgesetzt werden durch vorhergehende 
Erkrankung des betreffenden Organes, wodurch die Wege zum und 
vom Gehirn gebahnt wurden. Ein krankes Herz unterliegt dem Ein- 
tluMH des Affectes stärker als ein gesundes. „Ich habe einen Resonanz- 
hoden im Unterleib**, sagte mir eine an chronischer Parametritis leidende 
Fruu, „was geschieht, erweckt meinen alten Schmerz.* — (Disposition 
durch locale Erkrankung.) 

Die motorischen Acte, in welchen sich normaler Weise die 
Mrregung der Atfecte entladet, sind geordnete, coordinirte, wenn auch oft 
y.weokloHe. Aber die übergrosse Erregung kann die Coordiuationscentren 
utngohen oder durchbrechen und in elementaren Bewegungen abströmen. 
Hoim Säugling sind, ausser dem respiratorischen Acte des Schreiens, 
nur solche incoordinirte Muskelcontractionen, Bäumen und Strampeln, 
Wirkung und Ausdruck des Affectes. Mit fortschreitender Entwicklung 
gelanvft die Musculatur immer mehr unter die Herrschaft der Coordi- 
nntion und des Willens. Aber jener Opisthotonus, welcher das Maximum 
motorischer Anstrengung der gesammten Eörpermusculatnr darstellt^ 
und die klonischen Bewegungen des Zappeins und Strampefans bleiben 
dA8 I^hen hindurch die Reactionsform für die maximale Erregung 



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— 179 — 

des Gehirnes; für die rein physische des epileptischen Anfalles wie 
für die Entladung maximaler Affecte, als mehr oder minder epileptoider 
Krampf. (Der rein motorische Theil des hysterischen Anfalles.) 



Solche abnorme AfFectreactionen gehören zwar zur Hysterie ; aber sie 
kommen auch ausserhalb dieser Krankheit vor; sie bezeichnen einen 
mehr minder hohen Grad von Nervosität, nicht die Hysterie. Als 
hysterisch darf man solche Phänomene erst dann bezeichnen, wenn 
sie nicht als Folgen eines hochgradigen, aber objectiv begründeten 
Affectes, sondern scheinbar spontan, als Krankheitserscheinung auf- 
treten. Für diese haben viele Beobachtungen und so auch die unserigen 
nachgewiesen, dass sie auf Erinnerungen beruhen, welche den ursprüng- 
lichen Aifect erneuern. Oder besser: erneuern würden, wenn 
nicht eben jene ßeactionen schon einmal entstanden 
wären. 

Wohl bei allen geistig regsameren Menschen rinnt, bei psychischer 
Kühe, leise ein Strom von Vorstellungen und Erinnerungen durch das 
Bewusstsein; meist mit so geringer Lebhaftigkeit der Vorstellungen, 
dass sie keine Spur im Gedächtniss hinterlassen, und man dann nicht 
sagen kann, wie die Association stattgefunden hat. Taucht aber eine 
Vorstellung auf, die ursprünglich mit einem starken Affect verbunden 
war, so erneuert sich dieser in grösserer oder geringerer Intensität. 
Die so „affectiv betonte" Vorstellung tritt dann hell und lebhaft in's 
Bewusstsein. Die Stärke des Affectes, welchen eine Erinnerung aus- 
lösen kann, ist sehr verschieden, je nach dem Maasse, in welchem sie 
den verschiedenen „usurirenden** Einflüssen ausgesetzt war. Vor allem, 
je nachdem der ursprüngliche Affect „abreagirt" worden war. Wir 
haben in der „Vorläufigen Mittheilung** darauf hingewiesen, in wie ver- 
schiedenem Grade z. B. der Affect des Zornes über eine Beleidigung 
durch die Erinnerimg wachgerufen wird, wenn diese Beleidigung ver- 
golten oder wenn sie stumm geduldet worden ist. War der psychische 
Keflex bei der ursprünglichen Veranlassung wirklich erfolgt, so löst 
die Erinnerung ein viel geringeres Erregungsquantum aus.^ Wenn nicht. 



1 Der Trieb der Rache, der beim Naturmenschen so mächtig ist und durch 
die Cultur mehr verkleidet als unterdrückt wird, ist überhaupt nichts als die 
Erregung eines nicht ausgelösten Reflexes. Eine Schädigung im Kampfe abzu- 
wehren und dabei den Gegner zu schädigen, ist der adäquate, präformirte, psychische 
Reflex. Ist er nicht öder ungenügend vollzogen worden, so wird er durch die 

12* 

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— 180 — 

so drängt die Erinnerung immer wieder die scheltenden Worten auf die 
Lippen, welche damals unterdrückt wurden, und welche der psychische 
Keflex jenes Keizes gewesen wären. 

Hat sich der ursprüngliche Affect nicht in dem normalen, sondern 
in einem „abnormen Keflex" entladen, so wird auch dieser durch die 
Erinnerung wieder ausgelöst; die von der affectiven Vorstellung aus- 
gehende Erregung wird in ein körperliches Phänomen „con v ertirt*". 
(Freud.) 

Ist durch oftmalige Wiederholung dieser abnorme Keflex voll- 
ständig gebahnt worden, so kann sich, wie es scheint, die Wirk- 
samkeit der auslösenden Vorstellungen darin so vollständig erschöpfen, 
dass der Affect selbst nur in minimaler Stärke oder gar nicht ent- 
steht; dann ist die „hysterische Con Version" vollständig. Die Vor- 
stellung aber, welche nun nicht mehr psychische Wirkungen hat, kann 
von dem Individuum übersehen oder ihr Auftauchen alsbald wieder 
vergessen werden, wie es bei andern affectlosen Vorstellungen geschieht. 
Ein solches Ersetzen der cerebralen Erregung, welche eine Vor- 
stellung bedingen sollte, durch eine Erregung peripherer Bahnen wird 
vielleicht annehmbarer durch die Erinnerung an das umgekehrte Ver- 
halten beim Ausbleiben eines präformirten Keflexes. Ich wähle ein 
höchst triviales Beispiel, den Niessreflex. Wenn ein Keiz auf der 
Nasenschleimhaut diesen präformirten Keflex aus irgend einem Grunde 
nicht auslöst, so entsteht bekanntermaassen ein Gefühl von Erregung 
und Spannung. Es ist die Erregung, welche auf den motorischen 
Bahnen nicht abströmen kann und nun, jede andere Thätigkeit hemmend, 
über das Gehirn sich verbreitet. Dieses banalste Beispiel bietet doch 
das Schema für den Vorgang beim Ausbleiben auch der complicirtesten 
psychischen Keflexe. Die oben besprochene Aufregung des Kachetriebes 
ist wesentlich dasselbe; und bis in die höchsten Sphären menschlicher 
Leistungen können wir den Process verfolgen. Goethe wird mit einem 
Erlebniss nicht fertig, bis er es in dichterischer Thätigkeit erledigt 
hat. Bei ihm ist dies der präformirte Keflex eines Affectes, und 

Erinnerung immer wieder ausgelöst, und es entsteht der „Eachetrieb" als irrationaler 
Willensimpuls wie alle „Triebe". Beweis hiefür ist eben seine Irrationalität, seine 
Unabhängigkeit von allem Nutzen und aller Zweckmässigkeit; ja sein Sieg über 
alle Kücksichten der eigenen Sicherheit. Sobald der Reflex ausgelöst worden ist, 
kann diese In-ationalität in's Bewusstsein treten. 

„Ein anderes Antlitz, bevor sie geschehen, 
Ein anderes trägt die vollbi achte That." 

r^onnlp^ Original fnom 

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— 181 — 

solange dieser sich nicht vollzogen hat, besteht die peinliche gesteigerte 
EiTegung. 

Die intracerebrale Erregung und der Erregungs Vorgang in peri- 
pheren Bahnen sind reciproke Grössen; die erstere wächst, wenn und 
solange ein Keflex nicht ausgelöst wird, sie sinkt und schwindet, wenn 
sie sich in periphere Nervenerregung umgesetzt hat. So scheint es 
auch nicht unverständlich, dass kein merkbarer Affect entsteht, wenn 
die Vorstellung, welche ihn veranlassen sollte, unmittelbar einen 
abnormen Keflex auslöst, und in diesem die entstehende Erregung 
sogleich abströmt. Die „hysterische Conversion" ist dann vollständig; 
die ursprünglich intracerebrale Erregung des Affectes ist in den Erregungs- 
vorgang peripherer Bahnen umgewandelt worden; die ursprünglich 
affective Vorstellung ruft jetzt nicht mehr den Affect, sondern nur den 
abnormen Keflex hervor.* 

Wir sind damit einen Schritt weitergekommen, über den „abnormen 
Ausdruck der Gemüthsbewegungen" hinaus. Das hysterische Phänomen 
(abnormer Keflex) erscheint auch intelligenten und gut beobachtenden 
Kranken nicht als ideogen, weil die veranlassende Vorstellung nicht 
mehr affectiv betont und nicht mehr vor anderen Vorstellungen und 
Erinnerungen ausgezeichnet ist; es erscheint als rein somatisches 
Phänomen, scheinbar ohne psychologische Wurzel. 



Wodurch wird nun die Entladung der Affecterregung determinirt, 
so dass eben der eine abnorme Reflex geschaffen wird und nicht irgend 
ein beliebiger anderer? Unsere Beobachtungen beantworten diese 
Frage für viele Fälle dahin, dass auch diese Entladung dem „Princip 
des geringsten Widerstandes** folgt und auf jenen Bahnen geschieht, 
deren Widerstände schon durch concurrirende Umstände herabgesetzt 
worden sind. Dahin gehört der schon früher besprochene Fall, dass 
ein bestimmter Keflex durch somatische Krankheit bereits gebahnt ist; 
z. B. wenn jemand oft an Cardialgien leidet, wird diese auch durch 

^ Ich möchte den Vergleich mit einer elektrischen Anlage nicht zu Tode 
hetzen; bei der fundamentalen Verschiedenartigkeit der Verhältnisse kann er ja 
die Vorgänge im Nervensystem kaum illustriren und gewiss nicht erklären. Aber 
hier mag noch an den Fall erinnert werden, dass durch hohe Spannung die Isolation 
der Leitung einer Beleuchtungsanlage gelitten habe und an einer Stelle ein „kurzer 
Schluss** hergestellt sei. Treten nun an dieser Stelle elektrische Phänomene auf 
(Erwärmung, z. B. kurze Funken o. dgl.), so leuchtet die Lampe nicht, zu welcher 
die Leitung führt; wie der Affect nicht entsteht, wenn die Erregung als abnormer 
Reflex abströmt, in ein somatisches Phänomen convertirt wird. 



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— 182 — 

den Affect hervorgerufen. — Oder ein Reflex ist dadurch gebahnt, 
dass die betreff'ende Muskelinnervation im Momente des ursprünglichen 
Aifectes willkürlich intendirt wurde; so strebt Anna 0. (Beob. I) im 
Schreckaffect den durch Drucklähmung bewegungslosen rechten Arm 
zu strecken, um die Schlange abzuwehren; von da an wird der Tetanus 
des rechten Armes durch den Anblick aller schlangenähnlichen Dinge 
hervorgerufen. Oder sie convergirt im Affecte stark mit den Augen, 
um die Uhrzeiger zu erkennen, und nun wird der Strabismus convergens 
einer der Eeflexe dieses Aifectes u. s. f. 

Es ist dies die Wirkung der Gleichzeitigkeit, welche ja auch 
unsere normale Association beherrscht; es ruft jede Sinneswahrnehmung 
eine andere wieder in's Bewusstsein, welche ursprünglich zugleich mit 
ihr aufgetreten war; (das Schulbeispiel vom Gesichtsbilde und dem 
Blöcken des Schlafes u. dgl.). 

Wenn nun mit dem ursprunglichen Aftecte gleichzeitig ein lebhafter 
Sinneseindruck bestanden hatte, so wird dieser vom erneuten Alfect wieder 
hervorgerufen, und zwar, da es sich dabei um die Entladung über- 
grosser Erregung handelt, nicht als Erinnerung, sondern als Halluci- 
nation. Fast alle unsere Beobachtungen bieten hiefür Beispiele. Ein 
solches ist es auch, wenn eine Frau einen schmerzlichen Aifect durch- 
lebt, während sie von einer Periostitis heftigen Zahnschmerz hat, und 
nun jede Erneuerung dieses Aflfectes, ja die Erinnerung daran eine 
Infraorbital-Neuralgie hervorruft u. dgl. m. 

Dies ist die Bahnung abnormer Reflexe nach den allgemeinen 
Gesetzen der Association. Manchmal aber (freilich nur bei höheren 
Graden von Hysterie) liegen zwischen dem Aflfect und seinem Reflex 
wirkliche Reihen von associirten Vorstellungen; das ist die Determi- 
nirung durch Symbolik. Es sind oft lächerliche Wortspiele, Klang- 
associationen, welche den Affect und seinen Reflex verbinden; aber das 
geschieht nur in traumhaften Zuständen mit verminderter Kritik und 
liegt schon ausserhalb der hier betrachteten Gruppe von Phänomenen. 
In sehr vielen Fällen bleibt die Determinirung unverständlich, 
weil unser Einblick in den psychischen Zustand und unsere Kenntniss 
der Vorstellungen, welche bei der Entstehung des hysterischen 
Phänomens actuell waren, oft höchst unvollständig ist. Aber wir 
dürfen annehmen, dass der Vorgang demjenigen nicht ganz unähnlich 
sein wird, der uns in günstigeren Fällen klar ist. 

Die Erlebnisse, welche den ursprünglichen Affect auslösten, 
dessen Erregung dann in ein somatisches Phänomen convertirt wurde, 



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— 183 — 

bezeichneten wir als psychische Traumen und die so entstan- 
denen Krankheitserscheinungen als hysterische Symptome 
traumatischen Ursprungs. (Die Bezeichnung „traumatische 
Hysterie" ist ja bereits für jene Phänomene vergeben, welche als 
Folgen körperlicher Verletzungen, Traumen im engsten Sinne, einen 
Theil der ,, traumatischen Neurose" ausmachen.) 

In vollkommener Analogie mit der Entstehung traumatisch be- 
dingter hyst. Phänomene steht die hyst. Conversion jener psychischen 
Erregung, welche nicht äusseren Beizen, nicht der Hemmung normaler 
psychischer Reflexe, sondern der Hemmung des Associationsablaufes 
entspringt. 

Das elementare Beispiel und Paradigma hiefür liefert die Er- 
regung, welche dadurch entsteht, dass uns ein Name nicht einfällt, 
dass wir ein ßäthsel nicht lösen können u. dgl. Wird uns der Name 
oder das Wort des Räthsels gesagt, so schwindet die Erregung, indem 
sich die Associationskette schliesst, geradeso wie beim Schluss einer 
Keflexkette. Die Stärke der Erregung, welche von der Stockung einer 
Associationsreihe ausgeht, ist proportional dem Interesse, welches 
dieselbe für uns hat, d. h. dem Ausmaass, in welchem sie den 
Willen bewegt. Da aber beim Suchen nach einer Lösung des Problems 
0. dgl. immer eine grosse, wenn auch erfolglose Arbeit geleistet wird, 
findet auch starke Erregung ihre Verwendung und drängt nicht zur 
Entladung, wird darum auch nie pathogen. 

Wohl aber geschieht das, wenn der Associationsablauf dadurch 
gehemmt wird, dass gleichwertige Vorstellungen unvereinbar mit 
einander sind; wenn z. B. neue Gedanken mit festgewurzelten 
Vorstellungscomplexen in Conflict gerathen. Solcher Natur ist die 
Pein des religiösen Zweifels, der so viele Menschen unterliegen und 
noch viel mehr unterlagen. Auch hiebei steigt die Erregung und damit 
der psychische Schmerz, das Unlustgefühl zu bedeutender Höhe nur 
dann, wenn ein Willensinteresse des Individuums dabei in's Spiel 
kommt, wenn der Zweifelnde sich in seinem Glück, seinem Seelenheil 
bedrolit glaubt. 

Diess ist aber immer der Fall, wenn der Conflict besteht zwischen 
dem festen, anerzogenen Complex der moralischen Vorstellungen und 
der Erinnerung an eigene Handlungen oder auch nur Gedanken, welche 
damit unvereinbar sind : die G e w i s s e n s q u a 1. Das Willensinteresse, 
Freude an der eigenen Persönlichkeit zu haben, mit ihr zufrieden zu 
sein, tritt dabei in Action und steigert die En-egung der Associations- 

Origfnaf fnom 



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— 1S4 — 

hemmung auf's höchste. Dass solcher Conflict unvereinbarer Vorstel- 
lungen pathogen wirkt, ist Sache der täglichen Erfahrung. Es handelt 
sich meist um Vorstellungen und Vorgänge des sexualen Lebens : um 
Masturbation bei moralisch empfindlichen Adolescenten, um das Bewusst- 
sein der Neigung zu einem fremden Manne bei einer sittenstrengen 
Frau. Ja, sehr oft genügt das erste Auftauchen sexualer Empfindungen 
und Vorstellungen an sich schon, um durch den Conflict mit der fest- 
gewurzelten Vorstellung von sittliclier Reinheit einen hochgradigen 
regungszustand zu schaffen. ^ 

Diesem entspringen gewöhnlich psychische Folgen; pathologische 
Verstimmung, Angstzustände (Freud). Manchmal wird aber durch con- 
cunirende Umstände ein anomales somatisches Phänomen determinirt, 
in welchem sich die Erregung entladet: Erbrechen, wenn das Gefühl 
moralischer Beschmutzung ein physisches Ekelgefühl erzeugt; eine 
Tussis nervosa wie bei Anna 0. (Beob. L), wenn die Gewissensangst 
Glottiskrampf hervoiTuft u. dgl. ^ 

Die Erregung, welche durch sehr lebhafte und durch unverein- 
bare Vorstellungen erzeugt wird, hat eine normale, adäquate ßeaction ; 
die Mittheilung durch die Rede. Wir finden den Drang danach in 
komischer üebertreibung in der Geschichte vom Barbier des Midas, 
der sein Geheimniss in's Schilf hineinruft ; wir finden ihn als eine der 
Grundlagen einer grossartigen historischen Institution in der katholischen 
Ohrenbeichte. Die Mittheilung erleichtert, sie entladet die Spannung 
auch dann, wenn sie nicht gegen den Priester geschieht und nicht von 
der Absolution gefolgt ist. Wird der Erregung dieser Ausweg versperrt, 
so convertirt sie sich manchmal in ein somatisches Phänomen ebenso 
wie die EiTegung traumatischer Affecte, und wir können die ganze 

^ Vgl. für diesen Punkt einige interessante Mittheilungen und Bemerkungen 
Benedikts (1889), wiederabgedruckt in der Schrift „Hypnotismus und Suggestion** 
1894 (p. 51 u. ff.) 

2 Ich finde inMach's „Bewegungsempfindungen" eine Bemerkung, an welche 
hier wohl erinnert werden darf: 

„Es hat sich bei den beschriebenen (Schwindel-) Versuchen wiederholt gezeigt, 
dass ein Ekelgefühl sich hauptsächlich dann einstellte, wenn es schwer war, die 
Bewegungsempfindungen mit den optischen Eindrücken in Einklang zu bringen. Es 
sah so aus, als ob ein Theil des vom Labyrinth ausgehenden Keizes gezwungen 
worden wäre, die optischen Bahnen, die ihm durch einen andern Reiz verschlossen 
waren, zu verlassen und ganz andere Bahnen einzuschlagen. . . . Auch beim Ver- 
such, Stereo&kopbilder mit starken Differenzen zu combiniren, habe ich wiederholt 
ein Ekelgefühl beobachtet." 

Das ist geradezu das physiologische Schema für die Entstehung pathologischer, 
hysterischer Phänomene durch die Coexistenz lebhafter, unvereinbarer Vorstellungen. 

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— 185 — 

Giiippe hysterischer Erscheinungen, welche diesen Ursprung haben, mit 
Freud als hysterische Beten tionsphänomen e bezeichnen. 
Die bisherige Darlegung des psychischen Entstehungsmechanismus 
hysterischer Phänomene steht dem Vorwurf offen, dass sie schematisire 
und den Vorgang einfacher darstelle, als er in Wirklichkeit ist. Damit 
sich bei einem gesunden, nicht originär neuropathischen Menschen ein 
richtiges hysterisches Symptom ausbilde, mit seiner scheinbaren Unab- 
hängigkeit von der Psyche, seiner selbständigen somatischen Existenz, 
müssen fast immer mehrfache Umstände concurriren. 

Der folgende Fall mag als Beispiel dieser Complicirtheit des Vorganges 
dienen : Ein 12jähriger Knabe, früher an Pavor noctumus leidend und Sohn eines 
sehr nervösen Vaters, kam eines Tages unwohl aus der Schule. Er klagte über 
Schlingbeschwerden, d. h. er konnte nur mit Schwierigkeit schlucken, und über 
Kopfschmerz. Der Hausarzt nahm eine Angina als Ursache an. Aber auch nach mehreren 
Tagen besserte sich der Zustand nicht. Der Junge wollte nicht essen, erbrach, als 
man ihn dazu verhielt, schleppte sich müde und lustlos herum, wollte immer zu 
Bett liegen und kam körperlich sehr herab. Als ich ihn nach 5 Wochen sah, machte 
er den Eindruck eines scheuen, verschlossenen Kindes, und ich gewann die Ueber- 
zeugung, der Zustand habe eine psychische Begründung. Auf drängende Fragen gab 
er eine banale Ursache an, einen strengen Verweis des Vaters, der offenbar nicht 
die wirkliche Grundlage der Erkrankung war. Auch aus der Schule war nichts zu 
erfahren. Ich versprach, später in der Hypnose die Mittheilung zu erzwingen. Doch 
das wurde unnöthig. Als ihn die kluge und energische Mutter einmal hart anliess, 
begann er unter einem Thränenstrom zu erzählen. Er war damals auf dem Heim- 
weg von der Schule in ein Pissoir getreten, und dort hatte ihm ein Mann den 
Penis hingehalten mit der Aufforderung, ihn in den Mund zu nehmen. Er war voll 
Schreck weggelaufen, und es war ihm sonst nichts geschehen. Aber von dem Augen- 
blick an war er krank. Von dem Moment der Beichte an wich der Zustand völliger 
Gesundheit. — Um das Phänomen der Anorexie, der Schlingbeschwerden, des Er- 
brechens zu erzeugen, brauchte es hier mehrerer Factoren: die angeborene nervöse 
Artung, den Schreck, das Hereinbrechen des Sexualen in seiner brutalsten Fonu in 
das Kindergemüth, und als determinirendes Moment die Ekelvorstellung. Ihre 
Dauer verdankte die Erkrankung dem Verschweigen, wodurch der Erregung die 
normale Abfuhr versagt wurde. 

So wie in diesem Fall, so müssen immer mehrere Factoren 
zusammenwirken, damit bei einem bisher Gesunden ein hysterisches 
Symptom sich bilde; dieses ist immer „überdeterminirt** nach dem 
Ausdrucke Freud's. 

Als solche Ueberdeterminirung kann es auch gelten, wenn der- 
selbe Affect durch mehrere, wiederholte Anlässe hervorgerufen wird. Der 
Kranke und die Umgebung beziehen das hysterische Symptom nur auf den 
letzten xlnlass. der aber meist nur zur Erscheinung gebracht hat, was 
durch andere Traumen schon fast vollständig geleistet war. 



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— 186 — 

Ein junges Mädchen hatte ihren ersten hysterischen Anfall, au den sich dann 
eine Reihe anderer schlössen, als ihr im Dunkel eine Katze auf die Scl\ulter 
sprang. Es schien einfache Schreckwirkung. Genauere Erforschung ergab aber, 
dass das auffallend schöne und übel behütete 17jährige Mädchen in letzter Zeit 
Gegenstand vielfacher, mehr minder brutaler Nachstellungen gewesen und dadurch 
selbst in sexuale Erregung gerathen war. (Disposition.) Auf derselben dunklen 
Treppe war sie einige Tage vorher von einem jungen Manne überlallen worden, 
dessen Angriff sie sich mit Noth entzog. Dies war das eigentliche psychische 
Trauma, dessen Wirkung durch die Katze nur manifest wurde. Aber in wie 
vielen Fällen gilt so eine Katze für vollständig genügende causa efficiens? 

Für solche Durchsetzung der Conversion durch Wiederholunsf 
des AflFectes ist nicht immer eine Mehrzahl von äussern Anlässen 
nöthig; oft genügt auch die Erneuerung des Affectes in der Erinnerung, 
wenn diese alsbald nach dem Trauma, bevor sich der AiFect abgeschwächt 
hat, in rascher, häufiger Wiederholung erfolgt. Es genügt das, wenn 
der Affect ein sehr mächtiger war; so ist es bei den traumatischen 
Hysterien im engeren Wortsinne. 

In den Tagen nach einem Eisenbahnunglück z. B. wird im Schlaf 
und Wachen die Schreckensscene wieder durchlebt, immer mit der 
Erneuerung des Schreckaffectes, bis endlich nach dieser Zeit „psychischer 
Ausarbeitung** (Charcot) oderincubation die Convertirung in ein soma- 
tisches Phänomen zu Stande gekommen ist. (Allerdings wirkt hiebei 
noch ein Factor mit, der später zu besprechen ist.) 

Aber gewöhnlich unterliegt die affective Vorstellung alsbald der 
Usur, air jenen in der „Vorl. Mittheil.*' (pag. 6) berührten Einflüssen, 
die sie nach und nach ihres Affectwertes berauben. Ihr Wieder- 
auftauchen bedingt ein immer geringeres Maass von Erregung, und 
damit verliert die Erinnerung die Fähigkeit, zur Herstellung eines 
somatischen Phänomens beizutragen. Die Bahnung des abnormen Keflcxes 
verliert sich, und der status quo ante stellt sich damit wieder her. 

Die usurirenden fJinflüsse sind aber sämmtlich Leistungen der 
Association, des Denkens, CoiTectur durch andere Vorstellungen. Diese 
wird unmöglich, wenn die Affectvorstellung dem „Associations verkehre** 
entzogen wird; und in solchem Fall behält dieselbe ihren ganzen 
Aifectwerth. Indem sie bei jeder Erneuerung immer wieder die ganze 
Erregungsumme des ursprünglichen Affectes frei macht, wird die damals 
begonnene Bahnung eines abnormen Keflexes endlich vollzogen, oder 
die damals zu Stande gekommene erhalten und stabilisirt. Das 
Phänomen hysterischer Conversion ist dann vollständigfür die Dauer etablirt. 



^ Ich verdanke diesen Fall Herrn Assistenten Dr. Paul Karplus. 

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— 187 — 

Wir kennen aus unsern Beobachtungen zwei Fonnen solchen 
Ausschlusses von Affectvorstellungen aus der Association. 

Die erste ist die „Abwehr**, die willkürliche Unterdrückung pein- 
licher Vorstellungen, durch welche sich der Mensch in seiner Lebens- 
freude oder in seiner Selbstachtung bedroht fühlt. Freud hat in seiner 
Mittheilung über „Abwehr - Neuro - Psychosen** (Neurol. Centr.-Blatt 
Nr. 10, 1894) und in den hier vorliegenden Krankengeschichten über 
diesen Vorgang gesprochen, der gewiss eine sehr hohe pathologische 
Bedeutung hat. 

Es ist wohl nicht verständlich, wieso eine Vorstellung willkürlich 
aus dem Bewusstsein verdrängt werden kann; aber wir kennen den 
entsprechenden positiven Vorgang, die Concentration der Aufnaerksamkeit 
auf eine Vorstellung, genau und können ebensowenig sagen, wie wir ihn 
vollziehen. 

Vorstellungen nun, von denen sich das Bewusstsein abwendet, 
über die nicht gedacht wird, bleiben auch der Usur entzogen und be- 
halten ihren Affectbetrag ungemindert. 

Wir haben weiters gefunden, dass eine andere Art von Vor- 
stellungen der Usur durch das Denken entzogen bleibt, nicht weil 
man sie nicht erinnern will, sondern weil man es nicht kann; weil 
sie in Zuständen ursprünglich aufgetaucht sind und mit Affect be- 
lehnt wurden, für die im wachen Bewusstsein Amnesie besteht, in 
hypnotischen und hypnose-ähnlichen Zuständen. Diese letzteren scheinen 
von höchster Bedeutung für die Lehre von der Hysterie zu sein und 
darum eine etwas eingehendere Besprechung zu verdienen.^ 

IV. Hypnoide Zustände. 

Als wir in der „Vorläufigen Mittheilung" den Satz aussprachen: 
Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoiden 
Zuständen, übersahen wir, dass Möbius 1890 bereits ganz dasselbe ge- 
sagt hatte. „Die Voraussetzung des (pathogenen) Wirkens der Vor- 
stellungen ist eine angeborene, d. h. die hysterische Anlage einerseits 

^ Wenn hier und später von Vorstellungen die Rede ist, die actuell, wirk- 
sam und doch unbewusst sind, so handelt es sich dabei nur selten um einzelne 
Vorstellungen (wie etwa die hallucinirte grosse Schlange Anna O.'s, welche die 
Contractur auslöst); fast immer um Vorstellungscomplexe, um Verbindungen, um 
Erinnerungen an äussere Vorgänge und eigene Gedankengänge. Die in solchen Vor- 
stellungscomplexen enthaltenen Einzelvorstellungen werden gelegentlich alle bewusst 
gedacht. Nur die bestimmte Combination ist aus dem Bewusstsein verbannt. 



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— 18S — 

und ein besonderer Gemüthszustand anderseits. Von diesem Gemüths- 
zustande kann man sich nur eine unklare Vorstellung machen. Er 
rauss dem hypnotischen ähnlich sein, er muss einer gewissen Leere 
des Bewusstseins entsprechen, in der einer auftauchenden Vorstellung 
von Seiten anderer kein Widerstand entgegengesetzt wird, in der so- 
zusagen der Thron für den ersten Besten frei ist. Wir wissen, dass 
ein solcher Zustand, ausser durch Hypnotisii*ung durch Gemüths- 
erschütterung (Schreck, Zorn u. s. w.) und durch erschöpfende Einflüsse 
(Schlaflosigkeit, Hunger u. s. w.) herbeigeführt werden kann." ^ 

Die Frage, deren annähernde Lösung Möbius hiemit zunächst 
versuchte, ist die nach der Entstehung somatischer Phänomene durch 
Vorstellungen. Er erinnert dabei an die Leichtigkeit, mit welcher eine 
solche in der Hypnose stattfindet, und hält die Wirkung der Affecte 
für analog. Unsere, einigeimaassen abweichende Anschauung über 
diese Affectwirkung ist oben ausführlich dargelegt worden. Ich 
brauche darum hier nicht weiter auf die Schwierigkeit einzugehen, 
welche darin liegt, dass M. beim Zorn eine „Leere des Bewusst- 
seins **- annimmt (die beim Schreck und bei der protrahirten Angst 
allerdings besteht), und wie schwer es überhaupt ist, den EiTegungs- 
zustand des Affectes mit der Ruhe der Hypnose zu analogisiren. Wir 
werden aber auf die Sätze Möbius', die, wie ich meine, eine wichtige 
Wahrheit enthalten, später zurückkommen. 

Für uns liegt die Wichtigkeit der hypnose-ähnlichen, „hypnoiden** 
Zustände ausserdem und vor allem in der Amnesie und in ihrer 
Fähigkeit, jene später zu besprechende Spaltung der Psyche zu be- 
dingen, welche für die „grosse Hysterie** von fundamentaler Bedeu- 
tung ist. Diese Wichtigkeit legen wir ihnen auch jetzt noch bei. 
Doch muss ich unsern Satz wesentlich einschränken. Die Conversion, 
die ideogene Entstehung somatischer Phänomene vollzieht sich auch 
ausserhalb der hypnoiden Zustände, und für die Bildung von Vor- 
stellungscomplexen, die vom Associationsverkehre ausgeschlossen sind, 
hat Freud in der willkürlichen Amnesie der Abwehr eine zweite, von 
den hypnoiden Zuständen unabhängige Quelle gefunden. Aber, mit 
dieser Einschränkung, meine ich noch immer, diese letzteren seien 
Ursache und Bedingung vieler, ja der meisten, grossen und compli- 
cirten Hysterien. 

1 Möbius, Ueber Astasie- Abasie, Neurol. Beiträge I. Heft, p. 17. 

2 Vielleicht meint M. mit dieser Bezeichnung nichts anderes als die Hemmung 
des Vorstellungsablaufes, welche beim AiFect allerdings besteht, wenn auch aus 
durchaus andern Ursachen entspringend als bei der Hypnose. 

r^onnlp^ Ongmaffnom 

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— 189 — 

Zu den hypnoiden Zuständen zählen natürlich vor allem die 
wirklichen Auto-Hypnosen, die sich von den artificiellen nur durch 
ihre spontane Entstehung unterscheiden. Wir finden sie bei manchen 
voll entwickelten Hysterien in wechselnder Häufigkeit und mit ver- 
schiedener Dauer, oft in raschestem Alterniren mit dem Zustand des 
normalen Wachens abwechselnd. \) Ihres traumhaften Vorstellungs- 
inhaltes wegen können sie oft den Namen des Delirium hystericum 
verdienen. Im Wachen besteht für die inneren Vorgänge dieser Zu- 
stände eine mehr oder minder vollständige Amnesie, während sie in 
der artificiellen Hypnose vollständig erinnert werden. Die psychischen 
Resultate dieser Zustände, die darin gebildeten Associationen, sind 
eben durch die Amnesie jeder Correctur im wachen Denken entzogen. 
Und da in der Autohypnose die Kritik und Controle durch andere 
Vorstellungen herabgesetzt und meist fast ganz geschwunden ist, so 
können ihr die verrücktesten Wahnvorstellungen entstammen und 
sich lange intact erhalten. So entsteht eine etwas complicirtere irra- 
tionale, „symbolische Beziehung zwischen der Veranlassung und dem 
pathologischen Phänomen", welche ja oft auf den lächerlichsten Klang- 
ähnlichkeiten und Wortassociationen beruht, fast nur in solchen Zu- 
ständen. Die Kritiklosigkeit derselben bedingt es, dass ihnen so häufig 
Autosuggestionen entspringen, z. B. wenn nach einem hysterischen 
Anfall eine Lähmung zurückbleibt. Aber, vielleicht zufälligerweise, 
sind wir in unseren Analysen kaum jemals auf diese Entstehung eines 
hysterischen Phänomens gestossen. Wir fanden diese immer, auch 
in der Autohypnose, durch denselben Vorgang bedingt wie ausserhalb 
derselben, durch die Convertirung einer Affecterregung. 

Diese „hysterische Conversion** vollzieht sich in der Auto- 
hypnose jedenfalls leichter als im Wachen, wie ja auch in der arti- 
ficiellen Hypnose Suggestiv-Vorstellungen sich als Hallucinationen 
und Bewegimgen so viel leichter körperlich realisieren. Aber der Vor- 
gang der Erregungsconversion ist doch im Wesen derselbe, wie er 
oben dargelegt worden ist. Hat er einmal stattgefunden, so wieder- 
holt sich das somatische Phänomen, wenn Affect und Autohypnose 
wieder zusammentreffen. Und es scheint, dass der hypnotische Zu- 
stand dann durch den Affect selbst hervorgerufen werde. So bleibt 
zunächst, so lange die Hypnose mit vollem Wachen rein alter- 
nirt, das hysterische Symptom auf den hypnotischen Zustand be- 



Beobachtung I und IL 

f^ /^f^ n 1 p. Orf gma f f nom 

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— 190 — 

schränkt und wird durch die Wiederholung in diesem verstärkt; die 
veranlassende Vorstellung bleibt aber vor der Correctur durch das 
wache Denken und seine Kritik geschützt, weil sie eben im klaren 
Wachen gar nie auftaucht. 

So blieb bei Anna 0. (Beob. I) die Contractur des rechten 
Armes, die sich in der Autohypnose mit dem AngstaflFect und der 
Vorstellung der Schlange associirt hatte, durch 4 Monate auf die 
Momente des hypnotischen (oder — wenn man für Absenzen von sehr 
kurzer Dauer diesen Kamen unpassend findet — des hypnoiden) Zu- 
standes beschränkt, wiederholte sich aber häufig. Dasselbe geschah mit 
andern in dem Hypnoidzustand vollzogenen Conversionen, und so 
bildete sich in vollkommener Latenz jener grosse Complex von hyste- 
rischen Phänomenen, der in die Erscheinung trat, als der hypnoide 
Zustand andauernd wurde. 

Im hellen Wachen treten so entstandene Phänomene erst dann 
auf, wenn sich die später zu besprechende Spaltung der Psyche voll- 
zogen hat, und an die Stelle des Alternirens zwischen Wach- und 
Hypnoidzustand die Coexistenz der normalen und der hypnoiden Vor- 
stellungscomplexe getreten ist. 

Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der Erkrankung 
und wie kommen sie zu Stande? Ich weiss hierüber wenig zu sagen, 
denn wir verfügen über keine andere Beobachtung, ausser über den Fall 
Anna 0., die darüber Aufschluss geben könnte. Bei dieser Kranken 
scheint es sicher, dass die Autohypnose vorbereitet war durch habi- 
tuelle Träumerei, und dass sie dann völlig hergestellt wurde durch 
einen Affect protrahirter Angst, der ja selbst einen hypnoiden Zustand 
begründet. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass dieser Vorgang 
allgemeinere Geltung hat. 

Sehr verschiedenartige Zustände bedingen „Geistesabwesenheit", 
aber nur einige davon disponiren zur Autohypnose oder gehen direct 
in solche über. Der in ein Problem versunkene Forscher ist wohl 
auch bis zu einem gewissen Grade anästhetisch und bildet aus grossen 
Gruppen von Sinnesempfindungen keine bewussten Wahrnehmungen; 
ebenso wie der mit Lebhaftigkeit phantastisch Dichtende („Privat- 
theater" Anna O.'s). Aber in diesen Zuständen wird energisch psy- 
chische Arbeit geleistet; die frei werdende Erregung des Nerven- 
systems wird in dieser verbraucht. — In der Zerstreutheit, dem Hin- 
dämmern hingegen sinkt die intracerebrale En*egung unter das Niveau 
des. hellen Wachens ; diese Zustände grenzen an die Schläfrigkeit und 



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— 191 - 

gehen in Schlaf über. Wenn aber in solchen Zuständen des „Ver- 
sunkenseins'* und bei gehemmtem Vorstellungsablauf eine Gruppe 
von affectiv betonten Vorstellungen lebendig ist, so schafft sie ein 
hohes Niveau der intracerebralen Erregung, welche nicht durch psy- 
chische Arbeit verbraucht wird und für anomale Leistungen, für die 
Con Version, verfügbar ist. 

So ist weder die „ Geistesabwesenheit ** bei energischer Arbeit, 
noch der affectlose Dämmerzustand pathogen, wohl aber die mit 
Affect erfüllte Träumerei und der Ermudungszustand protrahirter 
Affecte. Das Brüten des Bekümmerten, die Angst desjenigen, der am 
Krankenbette eines theuren Menschen wacht, die verliebte Träumerei 
sind solche Zustände. Die Concentration auf die affective Vorstellungs- 
gruppe bedingt zuerst die „Abwesenheit". Allmählich verlangsamt sich 
der Vorstellungsablauf, um endlich fast zu stagniren; aber die affec- 
tive Vorstellung und ihr Affect bleiben lebendig und damit auch die 
grosse. Quantität functionell nicht verbrauchter En-egung. Die Aehn- 
lichkeit der Verhältnisse mit den Bedingungen der Hypnose scheint 
unverkennbar. Auch der zu Hypnotisirende darf nicht wirklich ein- 
schlafen, d. h. seine intracerebrale Erregung darf nicht auf das 
Niveau des Schlafes absinken; aber der Vorstellungsablauf muss ge- 
hemmt werden. Dann steht der suggerirten Vorstellung die ganze 
Erregungsmasse zur Verfügung. 

So dürfte die pathogene Autohypnose bei manchen Menschen 
entstehen, indem der Affect in die habituelle Träumerei eintritt. Es 
ist das vielleicht einer der Gründe dafür, dass wir in der Anamnese der 
Hysterie so oft den beiden grossen pathogenen Factoren begegnen: 
der Verliebtheit und der Krankenpflege. Die erstere schafft mit dem 
sehnsuchtsvollen Gedanken an den abwesenden Geliebten die „Ent- 
rückung'', das Verdämmern der umgebenden Kealität und dann das 
affecterfüUte Stillestehen des Denkens; die Krankenpflege 'stellt durch 
die äussere Euhe, die Concentration auf ein Object, das Horchen auf 
die Athemzüge des Kranken, geradezu dieselben Bedingungen her 
wie viele Hypnotisirungsmethoden und füllt den so entstandenen 
Dämmerzustand mit dem Affecte der Angst. Vielleicht unterscheiden 
sich diese Zustände nur quantitativ von wirklichen Autohypnosen und 
gehen in solche über. 

Ist das einmal geschehen, so wiederholt sich der hypnosen- 
ähnliche Zustand durüh dieselben umstände immer wieder, und das 
Individuum hat dann statt der normalen zwei Seelenzustände deren 

r^onnlp^ Original fnom 

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— 192 — 

drei: Wachen, Schlaf und Hypnoid, wie wir es auch bei häufiger 
Wiederholung tiefer artificieller Hypnose beobachten. 

Ich weiss nicht zu sagen, ob sich die spontanen hypnotischen 
Zustände auch ohne solches Eingreifen des Aflfectes entwickeln können, 
als Resultate originärer Anlage; ich halte das aber für sehr wahr- 
scheinlich. Wenn wir sehen, wie verschieden bei den gesunden und 
kranken Menschen die Fähigkeit zu artificieller Hypnose ist, wie 
leicht sie bei manchen eintritt, liegt die Yennuthung nahe, dass sie 
bei solchen auch spontan vorkomme. Und die Anlage hiezu ist viel- 
leicht nothwendig dafür, dass die Träumerei sich in Autohypnose 
verwandle. Ich bin also weit davon entfernt, den Entstehungsmecha- 
nismus, den uns Anna 0. kennen gelehrt hat, bei allen Hysterischen 
vorauszusetzen. 

Ich spreche von hypnoiden Zuständen statt von der Hypnose 
selbst, weil diese in der Entwicklung der Hysterie so wichtigen Zu- 
stände sehr schlecht abgegrenzt sind. Wir wissen nicht, ob di^ Träu- 
merei, die oben als Vorstadium der Autohypnose bezeichnet wurde, 
nicht selbst schon dieselbe pathogene Leistung vollbringen kann wie 
diese, und ob es protrahirter Angstaffect nicht ebenfalls thut. Vom 
Schreck ist das sicher. Indem er den Vorstellungsablauf hemmt, 
während doch eine affective Vorstellung (der Gefahr) sehr lebhaft ist, 
steht er in vollem Parallelismus mit der affecterfüllten Träumerei; 
und indem die immer erneute Erinnerung diesen Seelenzustand immer 
wieder herstellt, entsteht ein „Schreckhypnoid'*, in welchem die Con- 
version durchgesetzt oder stabilisirt wird; das Incubationsstadium der 
„traumatischen Hysterie" sens. strict. 

Da so verschiedene, aber im wichtigsten Punkte übereinstim- 
mende Zustände sich der Autohypnose anreihen, so empfiehlt sich der 
Ausdruck „Hypnoid% der diese innere Aehnlichkeit hervorhebt. Er 
resumirt jene Anschauung, die Möbius in den oben citirten Sätzen 
vertreten hat. 

Vor allem aber bezeichnet er die Autohypnose selbst, deren 
Wichtigkeit für die Entstehung hysterischer Phänomene beruht auf 
der Erleichterung der Conversion, dem Schutz der convertirten Vor- 
stellungen vor der üsur (durch die Amnesie) und der schliesslich 
daraus erwachsenden psychischen Spaltung. 



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— 193 — 

Wenn nun ein körperliches Symptom durch eine Vorstellung 
verursacht ist und durch diese immer wieder ausgelöst wird, so 
sollte man erwarten, dass intelligente und der Selbstbeobachtung 
fähige Kranke dieses Zusammenhangs sich bewusst wären; dass sie 
es erfahrungsgemäss wüssten, das somatische Phänomen komme zu- 
gleich mit der Erinnerung an einen bestimmten Vorgang. D^r innere 
Causalnexus freilich ist ihnen unbekannt; aber wir alle wissen 
doch immer, welche Vorstellung uns weinen oder lachen oder erröthen 
macht, w^enn uns auch der nervöse Mechanismus dieser ideogenen 
Phänomene nicht entfernt klar ist. — Manchmal nun beobachten die 
Kranken den Zusammenhang wirklich und sind sich seiner bewusst; 
eine Frau sagt z. B., der leichte hysterische Anfall (Zittern und Herz- 
klopfen etwa) stamme von einer grossen Gemüthsaufregung und 
wiederhole sich nur bei jedem daran erinnernden Vorgang. Von sehr 
vielen, wohl der Mehrzahl der hysterischen Symptome gilt das aber 
nicht. Auch intelligente Kranke wissen nicht, dass sie im Gefolge 
einer Vorstellung eintreten und halten sie för selbständige körper- 
liche Phänomene. Wäre dies anders, so müsste die psychische 
Theorie der Hysterie schon ein ehrwürdiges Alter haben. 

Es liegt nun nahe zu glauben, die betreffenden Krankheits- 
erscheinungen seien zwar ursprünglich ideogen entstanden ; die Wieder- 
holung habe sie aber, um den Komberg'schen Ausdruck zu brauchen, 
dem Körper „eingebildet**, und nun beruhten sie nicht mehr auf 
einem psychischen Vorgang, sondern auf den unterdess entstandenen 
Veränderungen des Nervensystems; sie seien selbständige, echt soma- 
tische Symptome geworden. 

Von vorneherein ist diese Anschauung weder unmöglich noch 
unwahrscheinlich. Aber ich glaube, das Neue, welches unsere Beob- 
achtungen für die Lehre von der Hysterie bringen, liegt eben in dem 
Nachweise, dass sie — mindestens in sehr vielen Fällen — unzu- 
treffend ist. Wir sahen, dass die verschiedensten hysterischen Sym- 
ptome nach jahrelangem Bestände „sogleich und ohne Wiederkehr 
verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinneiung an den veran- 
lassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit den be- 
gleitenden Affect wachzurufen, und wenn der Kranke den Vorgang in 
möglichst ausführlicherweise schilderte und dem Affect Worte gab". 
Die hier erzählten Krankengeschichten geben einige Belege für diese 
Behauptung. „In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus 
dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schliessen: der veran- 

Breuer u. Freud, Studien. 13 

Orfgma f f nom 



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— 194 — 

lassende Vorgang (d. h. die Erinnerung daran) wirke noch nach 
Jahren fort, nicht indirect durch Vermittelung einer Kette von cau- 
salen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende Ursache, 
wie etwa ein im wachen Bewusstsein erinnerter psychischer Schmerz 
noch in später Zeit die Thränensecretion hervorruft: der Hysterische 
leide gi'össtentheils an Reminiscenzen". 

Wenn dies aber der Fall ist, wenn die Erinnerung an das 
psychische Trauma, nach Art eines Fremdkörpers, lange Zeit nach 
seinem Eindringen noch als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss, 
und doch der Kranke \on diesen Erinnerungen und ihrem Auftauchen 
kein Bewusstsein hat, so müssen wir zugestehen, dass unbewusste 
Vorstellungen existiren und wirken. 

Wir finden aber solche bei der Analyse der hysterischen Phä- 
nomene nicht bloss vereinzelt, sondern müssen anerkennen, dass wirk- 
lich, wie die verdienstvollen französischen Forscher gezeigt haben, 
grosse Complexe von Vorstellungen und verwickelte, folgenreiche 
psychische Processe bei manchen Kranken völlig unbewusst bleiben 
und mit dem bewussten psychischen Leben coexistiren; dass eine 
Spaltung der psychischen Thätigkeit vorkommt, und dass diese fun- 
damentale Wichtigkeit hat für das Verständniss complicirter Hysterien. 

Es sei gestattet, auf dieses schwierige und dunkle Gebiet etwas 
einzugehen; die Nothwendigkeit, den Sinn der gebrauchten Ausdrücke 
festzustellen, mag die theoretisirende Auseinandersetzung einigermaassen 
entschuldigen. 

V. Unbewusste und bewusstseinsunfahige Vorstellungen. 
Spaltung der Psyche. 

Wir nennen jene Vorstellungen bewusst, von denen wir wissen. 
Es besteht beim Menschen die wunderbare Thatsache des Selbst- 
bewusstseins; wir können Vorstellungen, die in uns auftauchen und 
einander folgen, wie Objecte betrachten und beobachten. Dies geschieht 
nicht immer, da ja zur Selbstbeobachtung selten Anlass ist. Aber es 
ist eine allen Menschen eigene Fähigkeit, denn jeder sagt: ich habe 
das und das gedacht. Jene Vorstellungen, die wir als in uns lebendig 
beobachten oder beobachten würden, wenn wir darauf Acht hätten, 
nennen wir bewusste. Das sind in jedem Zeitmomente nur sehr wenige; 
und weun ausser diesen noch andere actuell sein sollten, müssten wir 
sie unbewusste Vorstellungen nennen. 



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- 195 — 

Für die Existenz actueller, aber unbewusster oder unterbewusster 
Vorstellungen zu sprechen, scheint kaum mehr nöthig. Es sind That- 
sachen des alltäglichsten Lebens. Wenn ich einen ärztlichen Besuch 
zu machen vergessen habe, fühle ich lebhafte Unruhe. Ich weiss aus 
Erfahrung, was diese Empfindung bedeutet: ein Vergessen. Vergebens 
prüfe ich meine Erinnerungen, ich finde die Ursache nicht, bis sie 
mir oft nach Stunden plötzlich in's Bewusstsein tritt. Aber die ganze 
Zeit über bin ich unruhig. Also ist die Vorstellung dieses Besuches 
immer wirksam, also auch immer vorhanden, aber nicht im Bewusst- 
sein. — Ein beschäftigter Mann hat Morgens einen Verdruss gehabt. 
Sein Amt nimmt ihn ganz in Anspruch; während der Thätigkeit ist 
sein bewusstes Denken völlig beschäftigt, und er denkt nicht an seinen 
Aerger. Aber seine Entscheidungen werden davon beeinflusst, und er 
sagt wohl Nein, wo er sonst Ja sagen würde. Also ist die Erinnerung 
trotzdem wirksam, also vorhanden. Ein grosser Theil dessen, was wir 
Stimmung nennen, stammt aus solcher Quelle, aus Vorstellungen, die 
unter der Schwelle des Bewusstseins existiren und wirken. — Ja 
unsere ganze Lebensführung wird fortwährend von unterbewussten 
Vorstellungen beeinflusst. Wir sehen täglich, wie bei geistigem Ver- 
fall, z. B. im Beginn einer Paralyse die Hemmungen schwächer werden 
und schwinden, die sonst manche Handlungen verhindern. Aber der 
Paralytiker, der jetzt vor Frauen Zoten spricht, ist in gesunden Tagen 
davon nicht durch bewusste Erinnerung und üeberlegung abgehalten 
worden. Er mied es „instinctiv** und „automatisch^, d. h. er wurde 
durch Vorstellungen davon abgehalten, welche der Impuls zu solcher 
Handlung wachrief, die aber unter der Bewusstseinschwelle blieben 
und doch den Impuls henmaten. — Alle intuitive Thätigkeit ist ge- 
leitet durch Vorstellungen, die grossentheils unterbewusst sind. Es 
werden eben nur die hellsten, intensivsten Vorstellungen vom Selbst- 
bewusstsein wahrgenommen, während die grosse Masse actueller aber 
schwächerer Vorstellungen unbewusst bleibt. 

Was gegen die Existenz und Wirksamkeit „unbewusster Vor- 
stellungen** eingewendet wird, erscheint gi'ossentheils als Wortchicane. 
Gewiss ist „ Vorstellung •* ein Wort aus der Terminologie des be- 
wussten Denkens imd darum „unbewusste Vorstellung** ein wider- 
spruchsvoller Ausdruck. Aber der physische Process, welcher der 
Vorstellung zu Grunde liegt, ist inhaltlich und formal (wenn auch 
nicht quantitativ) derselbe, ob die Vorstellung über die Schwelle des 
Bewusstseins tritt oder darunter bleibt. Es genügte, einen Terminus 

3* 

Original fnom 



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— 196 — 

zu bilden wie etwa „ Vorstellungssubstrat **, um den Widerspruch zu 
meiden und jenem Vorwurf zu entgehen. 

Es scheint also kein principielles Hinderniss dafür vorhanden, 
dass man unbewusste Vorstellungen auch als Ursachen pathologischer 
Phänomene anerkenne. Aber bei näherem Eingehen in die Sache 
ergeben sich andere Schwierigkeiten. Wenn sonst die Intensität unbe- 
wusster Vorstellungen anwächst, treten sie eo ipso in's Bewusstsein. 
Sie bleiben unbewusst nur bei geringer Intensität. Es scheint aber 
schwer einzusehen, wie eine Vorstellung zugleich intensiv genug sein 
sollte, um z. B. eine lebhafte motorische Action hervorzurufen, imd 
doch nicht genug, um bewusst zu werden. 

Ich habe schon oben eine Anschauung erwähnt, welche viel- 
leicht nicht kurz von der Hand gewiesen werden sollte. Die Hellig- 
keit unserer Vorstellungen und damit ihre Fähigkeit, vom Selbst- 
bewusstsein beobachtet zu werden, bewusst zu sein, ist mitbedingt 
von dem Lust- oder Unlustgefühl, welches sie erwecken, von ihrem 
Aifectwerte. Wenn eine Vorstellung eine lebhafte somatische Folge 
unmittelbar auslöst, so strömt die Erregung in die betreffende Bahn ab, 
welche sonst, von ihr ausgehend, im Gehirn sich verbreiten würde, 
und eben deshalb, weil sie körperliche Folgen hat, weil eine Conver- 
sion ihrer psychischen Reizgrösse in somatische stattgefunden hat, 
verliert sie die Helligkeit, welche sie sonst in dem Strom der Vor- 
stellungen auszeichnen würde; sie verliert sich unter den andern. 

Es hat z. B. jemand während des Essens einen heftigen Afifect 
gehabt und nicht „abreagirt*". In der Folge tritt beim Versuch zu 
essen Würgen und Erbrechen auf, welches dem Kranken als rein 
körperliches Symptom erscheint. Es besteht durch längere Zeit hyste- 
risches Erbrechen, welches schwindet, nachdem in der Hypnose der 
Aifect erneuert, erzählt und darauf reagirt wurde. Unzweifelhaft ist 
durch den Versuch zu essen jedesmal jene Erinnerung wachgerufen 
worden und hat den Brechact ausgelöst. Aber sie tritt nicht klar 
in's Bewusstsein, weil sie nun affectlos ist, während das Erbrechen 
die Aufmerksamkeit vollkommen absorbirt. 

Es ist denkbar, dass aus diesem Grunde manche Vorstellungen, 
welche hysterische Phänomene auslösen, nicht als Ursache derselben 
erkannt werden. Aber ein solches Uebersehen affectlos gewordener, 
weil convertirter, Vorstellungen kann unmöglich die Ursache davon 
sein, wenn in anderen Fällen Vorstellungscomplexe nicht in's Bewusst- 
sein treten, welche nichts weniger als affectlos sind. In unseren 
Krankengeschichten sind mehrfache Beispiele dafür beigebracht. 

r^onnlp^ Original fnom 

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— 197 — 

Bei solchen Kranken ist es Regel, dass die Stimmungsveränderung, 
Aengstlichkeit, zornige Gereiztheit, Trauer dem Auftreten des soma- 
tischen Symptoms vorhergeht oder ihm alsbald folgt, um anzu- 
wachsen, bis entweder durch eine Aussprache die Lösung erfolgt oder 
Affect und somatische Phänomene allmählich wieder schwinden. Ge- 
schah das erstere, so wurde die Qualität des Aflfectes immer ganz 
verständlich, wenn auch seine Intensität dem Gesunden und nach der 
Lösung auch dem Kranken selbst ganz unproportional erscheinen 
musste. Das sind also Vorstellungen, welche intensiv genug sind, um 
nicht bloss starke, körperliche Phänomene zu verursachen, sondern 
auch den zugehörigen Affect hervorzurufen, die Association zu beein- 
flussen, indem verwandte Gedanken durch sie bevorzugt werden, — 
und dennoch selbst ausserhalb des Bewusstseins bleiben. Es bedarf 
der Hypnose, wie in Beobachtung I und II, oder intensiver Nachhilfe 
des Arztes (Beobachtung IV, V) bei dem mühsamsten Suchen, um 
sie iii's Bewusstsein zu bringen. 

Solche Vorstellungen, welche (actuell aber) unbewusst sind, 
nicht wegen relativ schwacher Lebhaftigkeit, sondern trotz grosser 
Intensität, mögen wir bewusstseinsun fähige^) Vorstellungen 
nennen. 

Die Existenz solcher bewusstsein sunfähigen Vorstellungen ist 
pathologisch. Beim Gesunden treten alle Vorstellungen, welche über- 
haupt actuell werden können, bei genügender Intensität auch in's Be- 
wusstsein. Bei unsern Kranken finden wir neben einander den grossen 
Complex bewusstseinsfähiger und einen kleineren bewusstseinsunfähiger 
Vorstellungen. Das Gebiet der vorstellenden psychischen Thätigkeit 
fällt bei ihnen ako nicht zusammen mit dem potentiellen Bewusst- 
sein; sondern dieses ist beschränkter als jenes. Die psychische vor- 
stellende Thätigkeit zerfällt hier in eine bewusste und unbewusste, 
die Vorstellungen in bewusstseinsfähige und nicht bewusstseinsfähige. 
Wir können also nicht von einer Spaltung des Bewusstseins sprechen, 
wohl aber von einer Spaltung der Psyche. 

Umgekehrt sind diese unterbewussten Vorstellungen auch durch 
das bewusste Denken nicht zu beeinflussen und nicht zu corrigiren. 
Vielfach handelt es sich um Erlebnisse, die seitdem inhaltlos ge- 
worden sind, Furcht vor Ereignissen, die nicht eingetroffen sind, 

^ Der Ausdruck ist nicht eindeutig und lässt darum sehr zu wünschen 
übrig; aber nach der Analogie von „hoffähig" gebildet, mag er in Ennanglung 
eines besseren unterdessen gebraucht werden. 



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— 198 — 

Schrecken, der sich in Gelächter oder Freude über die Eettung auf- 
gelöst hat. Diese Nachfolgen nehmen der Erinneiiing für das be- 
wusste Denken jede Affectivität; die unterbewusste Vorstellung, welche 
somatische Phänomene hervonuft, bleibt davon völlig unberührt. 

Es sei gestattet, dafür noch ein Beispiel zu bringen: Eine junge Frau war 
einige Zeit in lebhafter Sorge um das Schicksal ihrer jüngeren Schwester. Unter 
diesem Eindrucke verlängerte sich die sonst regelmässige Periode durch zwei 
Wochen, es trat Schmerzhaftigkeit des linken Hypogastriums auf, und zweimal 
fand sich Patientin, aus einer „Ohnmacht" erwachend, steif auf dem Boden. Darauf 
folgte eine linkseitige Ovarie mit Erscheinungen einer schweren Peritonitis. Fieber- 
losigkeit, Contractur des linken Beines (und des Kückens) kennzeichneten die Er- 
krankung als Pseudoperitonitis, und als Patientin einige Jahre später starb und 
obducirt wurde, fand sich nur „kleincystische Degeneration" beider Ovarien ohne 
Reste einer abgelaufenen Peritonitis. Die schweren Erscheinungen schwanden all- 
mählich und hinterliessen Ovarie, Contractur der Rückenmuskeln, so dass der 
Rumpf wie ein Balken steif war, und Contractur des linken Beines. Letztere 
wurde in der Hypnose durch directe Suggestion beseitigt. Die Rückencontractur 
blieb unbeeinflusst. Unterdessen hatte sich die Angelegenheit der Schwester voll- 
ständig geordnet, und jede Befürchtung war geschwunden. Die hysterischen 
Phänomene aber, die davon abgeleitet werden mussten, bestanden unverändert 
fort. Die Vermuthung lag nahe, es seien selbständig gewordene Veränderungen 
der Innervation und nicht mehr an die veranlassende Vorstellung gebunden. Aber 
als nun in der Hypnose Patientin gezwungen wurde, die ganze Geschichte bis zu 
ihrer Erkrankung an „Peritonitis" zu erzählen (was sie sehr ungern that), setzte 
sie sich unmittelbar danach frei im Bette auf, und die Rückencontractur war für 
immer geschwunden. (Die Ovarie, deren erster Ursprung gewiss viel älter war, 
blieb unbeeinflusst.) — Es hatte also doch Monate hindurch die pathogene 
Angstvorstellung wirksam lebendig fortbestanden; und sie war jeder Correctur 
durch die Ereignisse völlig unzugänglich gewesen. 

Müssen wir nun die Existenz von Vorstellungscomplexen aner- 
kennen, welche nie in's wache Bewusstsein treten und durch das be- 
wusste Denken nicht beeinflusst werden, so haben wir damit auch 
schon für so einfache Hysterien wie die eben geschilderte die Spal- 
tung der Psyche in zwei relativ unabhängige Theile zugegeben. Ich 
behaupte nicht, dass alles, was man hysterisch nennt, eine solche 
Spaltung zur Grundlage und Bedingung habe; wohl aber, dass Jene 
Spaltung der psychischen Thätigkeit, die bei den bekannten Fällen 
als double conscience sj auffällig ist, in rudimentärer Weise bei jeder 
„grossea" Hysterie bestehe und dass die Fähigkeit und Neigung zu 
dieser Dissociation das Grundphänomen dieser Neurose sei."" 

Bevor ich aber in die Discussion dieser Phänomene eingehe, 
ist noch eine Bemerkung nachzutragen bezüglich der unbewussten 
Vorstellungen, welche somatische Erscheinungen veranlassen. Wie im 



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- 199 — 

oben erzählten Falle die Contractur, sind ja viele der hysterischen 
Phänomene von langer continuirlicher Dauer. Sollen und können wir 
annehmen, dass all die Zeit hindurch die veranlassende Vorstellung 
immer lebendig, actuell vorhanden sei? Ich glaube: Ja. Gewiss 
sehen wir beim Gesunden die psychische Thätigkeit mit raschem 
Wechsel der Vorstellungen sich vollziehen. Aber wir sehen den schwer 
Melancholischen lange Zeit continuirlich in dieselbe peinliche Vor- 
stellung versunken, die immer lebendig, actuell ist. Ja, wir dürfen 
wohl glauben, dass auch beim Gesunden eine schwere Sorge immer 
vorhanden sei, da sie den Gesichtsausdruck beherrscht, selbst wenn 
das Bewusstsein von anderen Gedanken erfallt ist. Jener abgetrennte 
Theil der psychischen Thätigkeit aber, den wir beim Hysterischen 
von den unbewussten Vorstellungen erfallt denken, ist meist so ärm- 
lich damit besetzt, so unzugänglich dem Wechsel der äusseren Ein- 
drücke, dass wir glauben können, hier sei einer Vorstellung dauernde 
Lebhaftigkeit möglich. 

Wenn uns, wie Binet und Janet, die Abspaltung eines Theiles 
der psychischen Thätigkeit im Mittelpunkte der Hysterie zu stehen 
scheint, so sind wir verpflichtet, über dieses Phänomen möglichst 
Klarheit zu suchen. Allzuleicht verfallt man in die Denkgewohnheit, 
hinter einem Substantiv eine Substanz anzunehmen, unter „Bewusst- 
sein** „conscience** allmählich ein Ding zu verstehen; und wenn man sich 
gewöhnt hat, metaphorisch Localbeziehungen zu verwenden, wie „Unter- 
bewusstsein**, so bildet sich mit der Zeit wirklich eine Vorstellung 
aus, in der die Metapher vergessen ist, und mit der man leicht ma- 
nipulirt wie mit einer realen. Dann ist die Mythologie fertig. 

All unserem Denken drängen sich als Begleiter und Helfer 
räumliche Vorstellungen auf, und wir sprechen in räumlichen Metaphern. 
So stellen sich die Bilder von dem Stamm des Baumes, der im Licht 
.steht, und seinen Wurzeln im Dunkel, oder von dem Gebäude und 
seinem dunkeln Souterrain fast zwingend ein, wenn wir von den Vor- 
stellungen sprechen, die im Gebiet des hellen Bewusstseins sich vor- 
finden, und den unbewussten, die nie in die Klarheit des Selbst- 
bewusstseins treten. Wenn wir uns aber immer gegenwärtig halten, dass 
alles Räumliche hier Metapher ist, und uns nicht etwa verleiten lassen, 
es im Gehirn zu localisiren, so mögen wir immerhin von einem Be- 
wusstsein und einem ünterbewusstsein sprechen. Aber nur mit diesem 
Vorbehalt. 



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Wir sind sicher vor der Gefahr, uns von unsern eigenen Kede- 
figuren dupiren zu lassen, wenn wir uns immer daran erinnern, dass 
es doch dasselbe Gehirn imd höchst wahrscheinlich dieselbe Gross- 
hirnrinde ist, in welchen die bewussten wie die unbewussten Vor- 
stellungen entstehen. Wie das möglich, ist nicht zu sagen. Aber 
wir wissen doch wohl so wenig von der psychischen Thätigkeit der 
Hirnrinde, dass eine räthselhafte Complication mehr unsere unendliche 
Unwissenheit kaum noch vergi'össert. Die Thatsache müssen wir an- 
erkennen, dass bei Hysterischen ein Theil der psychischen Thätigkeit 
der Wahrnehmung durch das Selbstbewusstsein der wachen Person 
unzugänglich und so die Psyche gespalten ist. 

Ein allbekannter Fall solcher Theilung der psychischen Thätigkeit ist 
der hysterische Anlall in manchen seiner Formen und Stadien. In seinem 
Beginne ist dasbewusste Denken oft ganz erloschen; aber dann erwachtes 
allmählich. Man hört von vielen intelligenten Kranken das Zugeständnis, 
ihr bewusstes Ich sei während des Anfalles ganz klai* gewesen imd habe 
mit Neugier und Verwunderung all das tolle Zeug beobachtet, das 
sie vornahmen und sprachen. Solche Kranke haben dann auch wohl 
die (irrige) Meinung, sie hätten mit gutem Willen den Anfall inhibiren 
können, und sind geneigt, ihn sich als Schuld anzurechnen. „Sie 
hätten es nicht thun müssen.** (Auch die Selbstanklagen der Simulation 
beruhen grossentheils auf dieser Empfindung.) Beim nächsten Anfall 
vermag dann das bewusste Ich ebenso wenig die Vorgänge zu be- 
herrschen wie beim früheren. — Da steht nun das Denken und Vor- 
stellen des bewussten wachen Ichs neben den Vorstellungen, die, sonst 
im Dunkel des Unbewussten, nun die Herrschaft über Muskulatur und 
Sprache, ja auch über einen grossen Theil der vorstellenden Thätigkeit 
selbst gewonnen haben, und die Spaltung der Psyche ist manifest. 

Den Namen einer Spaltung nicht bloss der psychischen Thätigkeit, 
sondern des Bewusstseins, verdienen aber allerdings die Befunde Binet's 
und Janet's; bekanntlich ist es diesen Beobachtern gelungen, sich mit 
dem „Unterbewusstsein" ihrer Kranken in Verkehr zu setzen, mit 
jenem Theil der psychischen Thätigkeit, von welchem das bewusste 
^vache Ich nichts weiss; und sie haben daran bei manchen Fällen alle 
psychischen Functionen, einschliesslich des Selbstbewusstseins, nach- 
gewiesen. Denn es findet sich darin die Erinnerung an frühere psychische 
Vorgänge. Diese halbe Psyche ist also eine ganz vollständige, in sich 
bewusste. Der abgespaltene Theil der Psyche ist bei unseren Fällen 
„in die Finsternis gebracht", wie die Titanen in den Schlund des Aetna 



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— 201 — 

gebannt sind, die Erde erschüttern mögen, aber nie im Lichte erscheinen. 
In den Fällen Janet's hat eine völlige Theilung des Reiches stattge- 
funden. Noch mit einem Kangunterschied. Aber auch dieser schwindet, 
wenn die beiden Bewusstseinshälften alterniren wie in den bekannten Fällen 
von Double conscience und sich an Leistungfähigkeit nicht unterscheiden. 
Doch kehren wir zu jenen Vorstellungen zurück, die wir bei 
unsern Kranken als Ursachen ihrer hysterischen Phänomene nachge- 
wiesen haben. Es fehlt viel daran, dass wir alle geradezu „unbewusst" 
imd „bewusstseinsunfähig" nennen könnten. Von der vollkommen be- 
wussten Vorstellung, welche einen ungewöhnlichen Eeflex auslöst, bis 
zu jener, die niemals im Wachen, sondern nur in der Hypnose in's 
Bewusstsein tritt, geht eine kaum unterbrochene Stufenleiter durch 
alle Grade der Schattenhaltigkeit und Unklarheit. Trotzdem halten 
wir den Nachweis erbracht, dass in höhern Graden von Hysterie die 
Spaltung der psychischen Thätigkeit besteht, und sie allein scheint 
eine psychische Theorie der Krankheit möglich zu machen. 



Was lässt sich nun über Ursache und Entstehung dieses Phänomens 
mit Wahrscheinlichkeit aussagen oder vermuthen? 

P. Janet, dem die Lehre von der Hysterie so ungemein viel verdankt, 
und mit dem wir in den meisten Punkten übereinstimmen, hat hier- 
über eine Anschauung entwickelt, die wir nicht zur unserigen machen 
können : 

Janet hält dafür, die „Spaltung der Persönlichkeit** beruhe auf 
einer originären geistigen Schwäche (insuffisance psychologique); alle 
normale geistige Thätigkeit setze eine gewisse Fähigkeit der „ Syn- 
these ** voraus, die Möglichkeit, mehrere Vorstellungen zu einem Com- 
plexe zu verbinden. Solche synthetische Thätigkeit sei schon die 
Verschmelzung der verschiedenen Sinnes Wahrnehmungen zu einem Bilde 
der Umgebung; diese Leistung der Psyche finde man bei Hysterischen 
tief unter der Norm stehend. Ein normaler Mensch werde wohl, wenn 
seine Aufmerksamkeit maximal auf einen Punkt, z. B. auf die Wahr- 
nehmung mittelst eines Sinnes gerichtet ist, vorübergehend die Fähigkeit 
verlieren, Eindrücke der andern Sinne zu appercipiren, d. h. ins be- 
wusste Denken aufzunehmen. Bei den Hysterischen sei das der Fall, 
ohne jede besondere Concentration der Aufmerksamkeit. Percipiren 
sie irgend etwas, so sind sie für die andern Sinneswahrnehmungen 
imzugänglich. Ja sie seien nicht einmal im Stande, auch nur die Ein- 
drücke eines Sinnes gesammelt aufzufassen; sie können z. B. nur die 

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Tastwahrnehmungen einer Körperhälfte appercipiren ; die der andern 
Seite gelangen in's Centrum, werden für Bewegungscoordination ver- 
wertet, aber nicht appercipirt. Ein solcher Mensch ist hemianästhetisch. 

Beim noimalen Menschen ruft eine Vorstellung eine grosse Menge 
anderer associativ in's Bewusstsein, welche zu der ersten z. B. unter- 
stützend oder hemmend in ein Verhältnis treten, und nur maximal 
lebhafte Vorstellungen sind wohl so überstark, dass die Associationen 
untei der Schwelle des Bewusstseins bleiben. Bei den Hysterischen 
sei das immer der Fall. Jede Vorstellung nehme die ganze, geringe, 
geistige Thätigkeit in Beschlag; das bedinge die übergi'osse AfFectivität 
der Kranken. 

Diese Eigenschaft ihrer Psyche bezeichnet Jan et mit dem Namen 
der „Einengung des Bewusstseinsfeldes" der Hysterischen, in Analogie 
mit der „Einengung des Gesichtsfeldes". Die nicht appercipirten 
Sinneseindrücke und die erweckten, aber nicht in's Bewusstsein ge- 
tretenen Vorstellungen erlöschen meist ohne weitere Folgen, manchmal 
aber aggregiren sie und bilden Complexe : die dem Bewusstsein ent- 
zogene psychische Schichte, das Unterbewusstsein. 

Die Hysterie, wesentlich beruhend auf dieser Spaltung der Psyche, 
sei „une maladie de faiblesse**; und darum entwickelte sie sich am 
ehesten, wenn auf die originär schwache Psyche weitere schwächende 
Einflüsse wirken oder hohe Ansprüche gestellt werden, welchen gegen- 
über die geistige Kraft noch geringer erscheint. 

In dieser Darlegung seiner Anschauungen hat Janet auch schon 
die wichtige Frage nach der Disposition zur Hysterie beantwortet; 
nach dem Typus hystericus (dieses Wort in demselben Sinne ge- 
nommen, wie man vom Typus phtisicus spricht und darunter den 
langen, schmalen Thorax, das kleine Herz u. s. w. versteht). Janet 
hält eine bestimmte Form angeborener geistiger Schwäche für die 
Disposition zur Hysterie. Dem gegenüber möchten wir unsere An- 
schauung kurz im folgenden formuliren: Die Spaltung des Bewusst- 
seins tritt nicht ein, weil die Kranken schwachsinnig sind, sondern 
die Kranken erscheinen schwachsinnig, weil ihre psychische Thätigkeit 
getheilt ist und dem bewussten Denken nur ein Theil der Leistungs- 
fähigkeit zur Verfügung steht. Als Typus Iiystericus, als Inbegriff 
der Disposition zu Hysterie können wir geistige Schwäche nicht an- 
sehen. 

Was mit dem ersteren Satze gemeint ist, mag ein Beispiel 
erläutern. Vielemale konnten wir bei einer unserer Kranken (Frau 

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— 203 — 

Cäcilie M.) den folgenden Verlauf beobachten: In relativem Wohlsein 
trat ein hysterisches Synoptom auf: eine quälende, obsedirende Hallu- 
cination, eine Neuralgie o. dgl., deren Intensität durch einige Zeit 
zunahm. Damit zugleich nahm die geistige Leistungsföhigkeit con- 
tinuirlich ab, und nach einigen Tagen musste jeder uneingeweihte 
Beobachter die Kranke schwachsinnig nennen. Dann wurde sie von der 
unbewussten Vorstellung (der Erinnerung an ein oft längst vergangenes 
psychisches Trauma) entbunden; entweder durch den Arzt in der 
Hypnose oder dadurch, dass sie plötzlich in einem Aufregungs- 
zustand unter lebhaftem Aflfect die Sache erzählte. Dann wurde 
sie nicht bloss ruhig und heiter, befreit von dem quälenden Symp- 
tom, sondern immer wieder war man erstaunt über den reichen, 
klaren Intellect, die Schärfe ihres Verstandes und ürtheils. Mit 
Vorliebe spielte sie (vortrefflich) Schach, und gerne zwei Partien 
zugleich, was wohl kaum ein Zeichen mangelnder geistiger Synthese 
ist. Der Eindruck war unabweisbar, dass in solchem Verlauf die 
unbewusste Vorstellung einen immer wachsenden Theil der psychischen 
Thätigkeit an sich reisse, dass, je mehr das geschehe, desto kleiner 
der Antheil des bewussten Denkens werde, bis dieses zur vollen Im- 
becillität herabsinke; dass sie aber, wenn sie nach dem merkwürdig 
treffenden Wiener Ausdruck, „beisammen** war, eine eminente geistige 
Leistungsfähigkeit besitze. 

Wir möchten zum Vergleiche von den Zuständen der Normalen 
nicht die Concentration der Aufmerksamkeit herbeiziehen, sondern die 
Präoccupation. Wenn ein Mensch durch eine lebhafte Vorstellung, 
z. B. eine Sorge „präoccupirt" ist, wird seine geistige Leistungsfähig- 
keit in ähnlicher Weise herabgesetzt. 

Jeder Beobachter steht überwiegend unter dem Einfluss seiner 
Beobachtungsobjecte, und wir möchten glauben, dass sich JaneVs Auf- 
fassung wesentlich in dem eingehenden Studium jener schwachsinnigen 
Hysterischen gebildet hat, die im Spitale oder Versorgungshaus sind, 
weil sie ihrer Krankheit und ihrer dadurch bedingten geistigen 
Schwäche halber sich im Leben nicht halten können. Unsere Beob- 
achtung gebildeter Hysterischer zwingt uns zu einer wesentlich anderen 
Meinung von ihrer Psyche. Wir glauben, „dass man unter den Hyste- 
rischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten und 
kritischesten Menschen finden kann\ Kein Maass wirklicher, tüchtiger, 
psychischer Begabung ist durch Hysterie ausgeschlossen, wenn auch 
oft durch die Krankheit die reale Leistung unmöglich wird. War ja 



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— 204 — 

auch die Schutzheilige der Hysterie, St. Theresa, eine geniale Frau 
von der grössten praktischen Tüchtigkeit. 

Aber freilich, auch kein Ausmass von Albernheit, Unbrauchbar- 
keit und Willensschwäche sichert vor Hysterie. Auch wenn man von 
all dem absieht, was erst Folge der Krankheit ist, muss man den 
Typus der schwachsinnigen Hysterischen als einen häufigen aner- 
kennen. Nur handelt es sich auch hier nicht um torpide, phlegma- 
tische Dummheit, sondern mehr um einen überhohen Grad geistiger 
Beweglichkeit, welche untüchtig macht. Ich werde später die Frage 
nach der originären Disposition besprechen. Hier soll nur festgestellt 
werden, dass die Meinung Janet's, geistige Schwäche liege überhaupt 
der Hysterie und der psychischen Spaltung zu Grunde, unannehmbar ist. 

Im vollen Gegensatz zu Janet's Ansicht meine ich, in sehr vielen 
Fällen liege der Desaggregation eine psychische Ueberleistung zu 
Grunde, die habituelle Coexistenz zweier heterogenen Vorstellungs- 
reihen. Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass wir häufig nicht 
bloss „mechanisch" thätig sind, während in unserem bewussten Denken 
Vorstellungsreihen ablaufen, die mit unserer Thätigkeit nichts gemein 
haben; sondern wir sind auch unzweifelhafter psychischer Leistungen 
fähig, während unsere Gedanken „anderswo beschäftigt" sind; wie 
z. B. wenn wir correct und mit dem entsprechenden Tonfall vorlesen 
und doch dann absolut nicht wissen, was wir gelesen haben. 

Es gibt wohl eine ganze Menge von Thätigkeiten, von den 
mechanischen wie Stricken, Skalenspielen an bis zu solchen, die 
immerhin einige seelische Leistung bedingen, welche alle von vielen 
Menschen mit halber Präsenz des Geistes geleistet werden. Besonders 
von solchen, die, bei grosser Lebhaftigkeit, durch monotone, einfache, 
reizlose Beschäftigung gequält werden und sich anfangs geradezu 
absichtlich die Unterhaltung verschaffen, an anderes zu denken. 
(„Privaltheater" bei Anna 0., Krankengeschichte Nr. L) Ein anderer, 
aber ähnlicher Fall besteht, wenn eine interessante Vorstellungsreihe, 
z. B. aus Lecture, Theater u. dgl. stammend, sich auf- und eindrängt. 
Noch energischer ist dieses Eindrängen, wenn die fremde Vorstellungs- 
reihe stark „affectiv betont" ist, als Sorge, verliebte Sehnsucht. Dann 
ist der oben berührte Zustand der Präoccupation gegeben, der aber 
viele Menschen nicht hindert, Leistungen von massiger Complicirtheit 
dennoch zu Stande zu bringen. Sociale Verhältnisse erzwingen oft 
solche Verdoppelungen auch intensiven Denkens, wie z. B. wenn eine 
Frau in quälender Sorge oder leidenschaftlicher Aufregung ihre ge- 



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— 205 — 

selligen Pflichten und die Functionen der liebenswürdigen Wirthin 
erfüllt. Geringere Leistungen dieser Art bringen wir alle im Berufe 
fertig; aber die Selbstbeobachtung scheint auch jedem zu ergeben, 
dass die affective Vorstellungsgruppe nicht associatorisch dann und 
wann erweckt wird, sondern fortwährend actuell in der Psyche vor- 
handen ist, in's Bewusstsein tretend, sowie kein lebhafter äusserer 
Eindruck oder Willensact dasselbe in Beschlag nimmt. 

Auch bei Menschen, die nicht habituell Wachträume neben der 
gewöhnlichen Thätigkeit einherfliessen lassen, bedingen manche Situa- 
tionen durch grössere Zeiträume hindurch ein solches Nebeneinander 
der wechselnden Eindrücke und Keactionen des äusseren Lebens und 
einer affectiv betonten Vorstellungsgruppe. Post equitem sedet atra 
cura. Solche Situationen sind vor anderen die Krankenpflege theurer 
Menschen und die Liebesneigung. Erfahrungsgemäss spielen Kranken- 
pflege und Sexualaffect auch die Hauptrolle in den meisten genauer 
analysirten Krankengeschichten Hysterischer. 

Ich vermuthe, dass die habituelle oder durch affectvoUe Lebens- 
lagen bedingte Verdoppelung der psychischen Fähigkeit zur wirklichen, 
pathologischen Spaltung der Psyche wesentlich d i s p o n i r e. Sie 
geht in diese über, wenn die beiden coexistirenden Vorstellungsreihen 
nicht mehr gleichartigen Inhalt haben, wenn die eine davon bewusst- 
seins-unföhige Vorstellungen enthält: abgewehrte und solche, die aus 
hj^pnoiden Zuständen stammen. Dann ist das Confluiren der beiden 
zeitweise getrennten Ströme, das beim Gesunden immer wieder statt- 
hat, unmöglich,- und es etablirt sich dauernd ein abgespaltenes Gebiet 
unbewusster psychischer Thätigkeit. Diese hysterische Spaltung der 
Psyche verhält sich zu dem „Doppel-Ich** des Gesunden wie das 
Hypnoid zu der normalen Träumerei. Hier bedingt die Amnesie die 
pathologische Qualität und dort die Bewusstseinsunfähigkeit der Vor- 
stellungen. 

Die Beobachtung I (Anna 0.), auf die ich immer zurückkommen 
muss, gewährt klaren Einblick in den Hergang. Das Mädchen war, 
in voller Gesundheit, gewöhnt, neben ihren Beschäftigungen phanta- 
stische Vorstellungsreihen einherfliessen zu lassen. In einer für die 
Autohypnose gunstigen Situation tritt der Angstaffect in die Träumerei 
ein und schafft ein Hypnoid, für welches Amnesie besteht. Dies 
wiederholt sich bei verschiedenen Gelegenheiten, sein Vorstellungs- 
inhalt wird allmählich immer reicher; aber noch immer alternirt es 
mit dem Zustande vollkommen normalen wachen Denkens. 



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Nach 4 Monaten bemächtigt sich der Hypnoidzustand der 
Kranken vollständig; indem die einzelnen Attaquen confluiren, bildet 
sich ein etat de mal, eine schwerste acute Hysterie. Nach mehr- 
monatlicher Dauer in verschiedenen Formen (somnambule Periode) 
wird er gewaltsam unterbrochen und alternirt nun wieder mit normalem 
psychischen Verhalten. Aber auch in diesem persistiren die somatischen 
und psychischen Phänomene, von denen wir hier wissen, dass sie 
auf Vorstellungen des Hypnoids beruhen (Contractur, Hemianästhesie 
Aenderung der Sprache). Dadurch ist bewiesen, dass auch während 
des normalen Verhaltens der Vorstellungscomplex des Hypnoids, das 
„Unterbewusstsein**, actuell ist, dass die Spaltung der Psyche fort- 
besteht. 

Ein zweites Beispiel solcher Entwicklung kann ich nicht bei- 
bringen. Ich glaube aber, dass dieses einiges Licht auf die Aus- 
bildung der traumatischen Neurose wirft. Bei dieser wiederholt sich in den 
ersten Tagen nach dem Unfall mit der Erinnerung an diesen das Schreck- 
hypnoid; während dies immer häufiger geschieht, nimmt seine Inten- 
sität doch so weit ab, dass es nicht mehr mit dem wachen Denken 
alternirt, sondern nur neben ihm besteht. Nun wird es continuirlich, 
und die somatischen Symptome, welche früher nur im Schreckanfall 
bestanden, gewinnen eine dauernde Existenz. Ich kann aber nur ver- 
muthen, dass es so zugehe, da ich keinen solchen Fall analysirt habe. 

Die Beobachtungen und Analysen Freud's beweisen, dass die 
Spaltung der Psyche auch durch die „Abwehr", durch die willkür- 
liche Abwendung des Bewusstseins von peinlichen Vorstellungen be- 
dingt sein kann. Aber doch nur bei manchen Menschen, denen wir 
deshalb eine psychische Eigenart zuschreiben müssen. Bei normalen 
Menschen gelingt die Unterdrückung solcher Vorstellungen, imd dann 
schwinden sie vollständig, oder sie gelingt nicht, und dann tauchen 
sie immer wieder im Bewusstsein auf. Worin jene Eigenart besteht, 
weiss ich nicht zu sagen. Ich wage nur die Vermuthung, es sei die 
Hilfe des Hypnoids nothwendig, wenn durch die Abwehr nicht bloss 
einzelne convertirte Vorstellungen zu unbewussten gemacht werden, 
sondern eine wirkliche Spaltung der Psyche vollzogen werden soll. 
Die Autohypnose schaffte sozusagen den Raum, das Gebiet unbe- 
wusster psychischer Thätigkeit, in welches die abgewehrten Vor- 
stellungen hineingedrängt werden. Doch wie dem auch sei, die That- 
sache von der pathogenen Bedeutung der „Abwehr"* müssen wir 
anerkennen. 



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— 207 — 

Ich glaube aber nicht, dass mit den besprochenen, halbwegs 
verständlichen Vorgängen die Genese der psychischen Spaltung auch 
nur annähernd erschöpft wäre. So lassen beginnende Hysterien höhern 
Grades meist einige Zeit hindurch ein Syndrom beobachten, das man 
wohl als acute Hysterie bezeichnen darf. (In den Anamnesen männ- 
licher Hysteriker begegnet man dieser Form der Erkrankung ge- 
wöhnlich unter dem Namen: Gehirnentzündung; bei weiblichen Hysterien 
gibt die Ovarie dabei Anlass zu der Diagnose: Bauchfellentzündung.) 

In diesem acuten Stadium der Hysterie sind psychotische Züge 
sehr deutlich; manische und zornige Aufregungszustände, rascher 
Wechsel hysterischer Phänomene, Hallucinationen u. dgl. m. In 
solchem Zustand mag die Spaltung der Psyche vielleicht in anderer 
Weise erfolgen, als wir oben darzulegen suchten. 

Vielleicht ist dieses ganze Stadium als ein langer hypnoider 
Zustand zu betrachten, dessen Kesiduen den Kern des unbewussten 
Vorstellungscomplexes abgeben, während das wache Denken dafür 
amnestisch ist. Da uns die Entstehungsbedingungen einer solchen 
acuten Hysterie meist nicht bekannt sind (ich wage nicht, den Her- 
gang bei Anna 0. für den allgemein giltigen zu halten), so wäre das 
eine weitere, im Gegensatz zu den oben erörterten, irrational zu 
nennende Art der psychischen Spaltung^), und so werden gewiss noch 
andere, Arten dieses Vorganges existiren, die sich der jungen psycho- 
logischen Erkenntniss noch entzogen haben. Denn gewiss haben wir 
nur die ersten Schritte auf diesem Gebiete gemacht und werden 
weitere Erfahrungen die heutigen Anschauungen wesentlich umge- 
stalten. 

Fragen wir nun, was die in den letzten Jahren gewonnene Kennt- 
niss der psychischen Spaltung für das Verständniss der Hysterie ge- 
leistet hat. Es scheint viel und Bedeutungsvolles zu sein. 

Diese Erkenntniss ermöglicht, scheinbar rein somatische Sym- 
ptome auf Vorstellungen zurückzuführen, die aber im Bewusstsein der 
Kranken nicht zu finden sind. Es ist übeiHüssig, nochmals hierauf 
einzugehen. 



^ Ich muss aber bemerken, dass gerade in dem bestbekannten und durch- 
sichtigsten Fall grosser Hysterie mit manifester double conscience, eben bei Anna 0. 
(Beobachtung I), kein Rest aus dem acuten Stadium in das chronische hinüber- 
getragen wurde und alle Phänomene des letzteren schon in der „Incubationszeif* 
in Hypnoiden und AfFectzuständen erzeugt worden waren. 



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Sie hat den Anfall als eine Leistung des unbewussten Vor- 
stellungscomplexes mindestens theilweise verstehen gelehrt (Charcot). 

Sie erklärt aber auch manche der psychischen Eigenthümlich- 
keiten der Hysterie, und dieser Punkt verdient vielleicht eingehendere 
Besprechung. 

Die , unbewussten Vorstellungen" treten zwar nie oder doch 
nnr selten und schwer in das wache Denken, aber sie beeinflussen es. 
Erstens durch ihre Wirkungen, wenn z. B. eine völlig unverständliche, 
sinnlose Hallucination den Kranken peinigt, deren Bedeutung und 
Motivirung in der Hypnose klar wird. 

Dann beeinflussen sie die Association, indem sie einzelne Vor- 
stellimgen lebhafter werden lassen, als sie ohne diese aus dem Unbe- 
wussten stammende Verstärkung wären. So drängen sich dann den 
Kranken mit einem gewissen Zwange immer bestimmte Vorstellungs- 
gruppen auf, an die sie denken müssen. (Aehnlich ist es, wenn Janet's 
Hemianästhetische zwar die wiederholte Berührung ihrer empfindungs- 
losen Hand nicht fühlen, aber aufgefordert, eine beliebige Zahl zu 
nennen, immer jene wählen, welche der Zahl der Berührungen ent- 
spricht.) Weiters beherrschen sie die Gemüthslage, die Stimmung. 
Wenn sich Anna 0. bei Abwicklung ihrer Erinnerungen einem Vor- 
gang näherte, der ursprünglich mit lebhaftem Aflfect verbunden ge- 
wesen war, so trat die entsprechende Gemüthsstimmung schon Tage 
vorher auf, ehe die Erinnerung auch nur in dem hypnotischen Be- 
wusstsein klar erschien. 

Dies macht uns die „Launen **, die unerklärlichen, unbegrün- 
deten, für das wache Denken motivlosen Verstinamungen der Kranken 
verständlich. Die Impressionabilität der Hysterischen ist ja grossen- 
theils einfach durch ihre originäre Erregbarkeit bedingt; aber die 
lebhaften Affecte, in die sie durch relativ geringfügige Ursachen ge- 
rathen, werden begreiflicher, wenn wir bedenken, dass die „abgespal- 
tene Psyche** wirkt wie ein Kesonator auf den Ton der StimmgabeL 
Jedes Vorkommniss, welches „unbewusste* Erinnerungen erregt, macht 
die ganze affective Kraft dieser nicht usurirten Vorstellungen frei, 
und der hervorgerufene Affect steht dann ganz ausser Verhältniss 
zu jenem, der in der bewussten Psyche allein entstanden wäre. 

Es wurde oben (p. 203) von einer Kranken berichtet, deren psy- 
chische Leistung immer im umgekehrten Verhältniss zu der Lebhaftig- 
keit ihrer unbewussten Vorstellungen steht. Die Herabsetzung ihres 
bewussten Denkens beruht theilweise, aber nur theilweise, auf einer 



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— 209 — 

eigenthümlichen Art von Zerstreutheit; nach jeder momentanen „Ab- 
sence% wie solche fortwährend eintreten, weiss sie nicht, an was sie 
während derselben gedacht hat. Sie oscillirt zwischen der „condition 
prime" und „seconde**, zwischen dem bewussten und dem unbe- 
wussten Vorstellungscomplex. Aber nicht bloss dadurch ist ihre psy- 
chische Leistung herabgesetzt und auch nicht bloss durch den Affect, 
der vom ünbewussten aus sie beherrscht. Ihr waches Denken ist in 
solchem Zustand energielos, ihr ürtheil kindisch, sie scheint, wie ge- 
sagt, geradezu imbecill. Ich meine, das sei darin begründet, dass dem 
wachen Denken eine geringere Energie zur Verfügung steht, wenn 
eine grosse Menge der psychischen Erregung vom ünbewussten in 
Beschlag genommen ist. 

Wenn das nun nicht bloss temporär der Fall ist, wenn die abge- 
spaltene Psyche fortwährend in EiTegung ist, wie bei Janet's Hemi- 
anästhetischen, bei denen sogar alle Empfindungen der einen Körper- 
hälfte nur von der ünbewussten Psyche percipirt werden, so bleibt 
für das wache Denken so wenig von der Gehirnleistung übrig, dass 
sich dadurch die psychische Schwäche vollauf erklärt, die Jan et 
schildert und für originär hält. Wohl von den wenigsten Menschen 
dürfte man sagen wie von ühland's Bertrand de Born, ,dass ihnen 
nie mehr als die Hälfte ihres Geistes nöthig sei**. Die allermeisten 
sind bei solcher Reduction ihrer psychischen Energie eben schwach- 
sinnig. 

Auf dieser, durch die psychische Spaltung bedingten geistigen 
Schwäche scheint nun auch eine folgenreiche Eigenschaft mancher 
Hysterischen zu beruhen, ihre Suggestibilität. (Ich sage, „mancher 
Hysterischen", denn es ist sicher, dass man unter den Kranken dieser 
Art auch die urtheilssichersten, kritischesten Menschen findet.) 

Wir verstehen unter Suggestibilität zunächst nur die Kritik- 
losigkeit gegen Vorstellungen und Vorstellungscomplexe (Urtheile), 
welche im eigenen Bewusstsein auftauchen oder von aussen in das- 
selbe eingeführt werden, durch Hören fremder Rede oder Leetüre. 
Alle Kritik solcher frisch in's Bewusstsein tretender Vorstellungen 
beruht darauf, dass sie associativ andere erwecken, und darunter auch 
solche, die mit ihnen unvereinbar sind. Der Widerstand gegen sie 
ist also abhängig von dem Besitz des potentiellen Bewusstseins an 
solchen widerstrebenden Vorstellungen, und seine Stärke entspricht 
dem Verhältniss zwischen der Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen 
und der aus der Erinnerung erweckten. Dieses Verhältniss ist auch 

Breuer u. Freud, Stitdien. 14 

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— 21ü — 

bei normalen Intellecten sehr verschieden. Was wir intellectuelles 
Temperament nennen, hängt grossentheils davon ab. Der Sanguiniker, 
den neue Menschen und Dinge immer entzücken, ist wohl so, weil 
die Intensität seiner Erinnerungsbilder im Vergleich mit jener der 
neuen Eindrucke geringer ist als bei den ruhigeren, „phlegmatischen** 
Menschen. In pathologischen Zuständen wächst das üebergewicht 
frischer Vorstellungen und die Widerstandslosigkeit gegen solche um 
so mehr, je weniger Erinnerungsbilder erweckt werden, also je schwächer 
und ärmer die Association ist; so schon im Schlaf und Traum, in der 
Hypnose, bei jedem Abnehmen der geistigen Energie, so lange es 
nicht auch die Lebhaftigkeit der frischen Vorstellungen schädigt. 

Die unbewusste, gespaltene Psyche der Hysterie ist eminent 
suggestibel, der Armut und Unvollständigkeit ihres Vorstellungsinhaltes 
wegen. Aber auch die Suggestibilität der bewussten Psyche mancher 
Hysterischen scheint hierauf zu beruhen. Ihrer originären Anlage nach 
sind sie erregbar; frische Vorstellungen sind bei ihnen von grosser 
Lebhaftigkeit. Dagegen ist die eigentliche intellectuelle Thätigkeit, 
die Association, herabgesetzt, weil dem wachen Denken, der Abspaltung 
eines „Unbewussten** wegen, nur ein Theil der psychischen Energie 
zur Verfügung steht. 

Damit ist ihre Widerstandsfähigkeit gegen Auto- wie Fremd- 
suggestionen vermindert und manchmal vernichtet. Auch die Sugge- 
stibilität ihres Willens dürfte hieraus allein entspringen. Die halluci- 
natorische Suggestibilität dagegen, welche jede Vorstellung einer Sinnes- 
wahrnehmung alsbald in die Wahrnehmung selbst verwandelt, erfordert^ 
wie jede Hallucination, einen abnormen Grad von Erregbarkeit des 
Perceptionsorganes und lässt sich aus der psychischen Spaltung allein 
nicht ableiten. 

VI. Originäre Disposition; Entwiciciung der Hysterie. 

Fast auf jeder Stufe dieser Darlegungen habe ich anerkennen 
müssen, dass die meisten Erscheinungen, um deren Verständnis wir 
uns bemühen, auch auf angeborener Eigenart beruhen können. Diese 
entzieht sich jeder Erklärung, welche über die Constatirung der That- 
sachen hinausgehen wollte. Aber auch die Fähigkeit, Hysterie 
zu acquiriren, ist gewiss an eine Eigenart der Menschen gebunden, 
und der Versuch wäre vielleicht nicht ganz wertlos, diese etwas 
genauer zu definiren. 



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— 211 - 

Ich habe oben auseinandergesetzt, warum die Anschauung Janet's 
unannehmbar ist : Die Disposition zur Hysterie beruhe auf angeborener 
psychischer Schwäche. Der Praktiker, der als Hausarzt die Glieder 
hysterischer Familien in allen Altersstufen beobachtet, wird gewiss 
eher geneigt sein, diese Disposition in einem Ueberschuss als in 
einem Defect zu suchen. Die Adolescenten, welche später hysterisch 
werden, sind vor ihrer Erkrankung meist lebhaft, begabt, voll geistiger 
Interessen ; ihre Willensenergie ist oft bemerkenswert. Zu ihnen gehören 
jene Mädchen, die Nachts aufstehen, um heimlich irgend ein Studium 
zu treiben,das ihnen die Eltern aus Furcht vor Ueberanstrengung versagten. 
Die Fähigkeit besonnenen Urtheils ist gewiss ihnen nicht reichlicher 
gegeben als anderen Menschen. Aber selten findet man unter ihnen 
einfache, stumpfe Geistesträgheit und Dummheit. Die überströmende 
Productivität ihrer Psyche brachte einen meiner Freunde zu der Be- 
hauptung: die Hysterischen seien die BlQte der Menschheit, freilich 
so steril, aber auch so schön wie die gefüllten Blumen. 

Ihre Lebhaftigkeit und Unrast, ihr Bedürfnis nach Sensationen 
und geistiger Thätigkeit, ihre Unfähigkeit, Monotonie und Langweile 
zu ertragen, lassen sich so formuliren: sie gehörten zu jenen Menschen, 
deren Nervensystem in der Ruhe ein Uebermaass von Erregung frei 
macht, welches Verwendung fordert (s. pag. 172). Während und infolge 
der Pubertätsentwicklung tritt zu dem originären Ueberschuss noch 
jene gewaltige Steigerung der Erregung, welche von der erwachenden 
Sexualität, von den Geschlechtsdrüsen ausgeht. Nun ist ein übergrosses 
Quantum freier nervöser Erregung verfügbar fiir pathologische Phä- 
nomene : aber, damit diese in Form hysterischer Krankheitserscheinungen 
auftreten, dazu braucht es offenbar noch einer anderen, specifischen 
Eigenart des Individuums. Denn die grosse Mehrzahl der lebhaften, 
erregten Menschen wird ja doch nicht hysterisch. 

Diese Eigenart konnte ich oben nur mit dem vagen und inhalts- 
armen Worte: „abnorme EiTegbarkeit des Nervensystems" bezeichnen. 
Man kann aber doch vielleicht weiter gehen und sagen: diese Ab- 
normität liege eben darin, dass bei solchen Menschen in die Nerven- 
apparate der Empfindung, welche de norma nur peripheren Reizen 
zugänglich sind, und in diejenigen der vegetativen Organe, welche 
durch starke Widerstände vom Centralnerven System isolirt sind, die 
Erregung des Centralorgans einströmen kann. Diese Vorstellung von 
dem immer vorhandenen Erregungsuberschuss, welchem die sensiblen, 
vasomotorischen und visceralen Apparate zugänglich sind, kann viel- 
leicht schon einige pathologische Phänomene decken. 

14* 
Orfgma f f nom 



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— 212 - 

Sowie bei so beschaffenen Menschen die Aufmerksamkeit gewaltsam 
auf einen Köpertheil concentrirt wird, übersteigt- die ^attentionelle 
Bahnung" (Exner) der betreffenden sensiblen Leitung das normale 
Maass; die freie, flottirende Erregung versetzt sich, so zu sagen, auf 
diese Bahn, und es entsteht die locale Hyperalgesie, welche es ver- 
ursacht, dass alle, irgendwie bedingten, Schmerzen maximal intensiv 
werden, dass alle Leiden „furchtbar** und „unerträglich* sind. Aber 
die Erregungsquantität, welche einmal eine sensible Bahn besetzt hat, 
verlässt sie nicht immer wieder wie beim normalen Menschen; sie 
verharrt nicht bloss, sondern vennehrt sich durch Zuströmen immer 
neuer Erregungen. So entwickelt sich nach einem leichten Gelenks- 
trauma eine Gelenksneu rose; die Schmerzempfindungen der Ovarial- 
schwellung werden zur dauernden Ovarie. 

Die Nervenapparate der Circulation sind dem cerebralen Einfluss 
zugänglicher als beim Normalen: es besteht nervöses Herzklopfen, 
Neigung zur Synkope, excessives Erröthen und Erblassen u. s. f. 

Aber allerdings nicht bloss centralen Einflüssen gegenüber sind 
die peripheren nervösen Apparate leichter errregbar: sie reagiren auch 
auf die adäquaten, fuactionellen Reize in excessiver und perverser 
Weise. Das Herzklopfen folgt massiger Anstrengung wie gemütlicher 
Aufregung, und die Vasomotoren bringen Arterien zur Contraction 
(„absterbende Finger**) ohne allen psychischen Einfluss. Und gerade 
wie einem leichten Trauma die Gelenksneurose folgt, so hinterlässt 
eine kurze Bronchitis nervöses Asthma und eine Indigestion häufige 
Cardialgie. So müssen wir anerkennen, dass die Zugänglichkeit für 
Erregungssummen centralen Ursprungs nur ein Specialfall der allgemeinen 
abnormen Erregbarkeit ist,^ wenn auch der für unser Thema wichtigste. 

Ich glaube darum auch nicht, dass die alte „Reflextheorie** dieser 
Symptome, die man vielleicht besser einfach „nervöse** nennen würde, 
die aber zu dem empirischen Krankheitsbilde der Hysterie gehören, 
ganz zu verwerfen ist. Das Erbrechen, das ja die Dehnung des graviden 
Uterus begleitet, kann bei abnormer Erregbarkeit ganz wohl von 
geringfügigen uterinen Reizen reflectorisch ausgelöst werden; ja viel- 
leicht auch von den wechselnden Schwellungen der Ovarien. Wir kennen so 
viele Fern Wirkungen von Organveränderungen, so viele sonderbar „conjugirte 
Punkte**, dass es nicht abzuweisen ist, eine Menge nervöser Symptome, 
welche das einemal psychisch bedingt sind, möchten in anderen Fällen 



^ Oppenheim's „Labilität der Molecüle". 

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reflectorische Fernwirkungen sein. Ja, ich wage die höchst unmoderne 
Ketzerei, es könnte doch einmal auch die Bewegungsschwäche eines 
Beines nicht psychisch, sondern direct reflectorisch durch eine Genital- 
krankheit bedingt sein. Ich meine, wir thun gut, unsere neuen Ein- 
sichten nicht allzu ausschliesslich gelten zu lassen und für alle Fälle 
zu generalisiren. 

Andere Formen abnormer sensibler Erregbarkeit entziehen sich 
unserem Verständnisse noch vollständig; so die allgemeine Analgesie, 
die anästhetischen Plaques, die reale Gesichtsfeldeinengang u. dgl. m. 
Es ist möglich und vielleicht wahrscheinlich, dass weitere Beobachtungen 
den psychischen Ursprung des einen oder anderen dieser Stigmen nach- 
weisen und damit das Symptom erklären werden; bisher ist das nicht 
geschehen; (ich wage nicht, die Anhaltspunkte, welche unsere Beob- 
achtung I gibt, zu verallgemeinern), und ich halte es nicht für ge- 
rechtfertigt, bevor eine solche Ableitung gelungen ist, sie zu prä- 
sumircn. 

Dagegen scheint die bezeichnete Eigenart des Nervensystems und 
der Psyche einige allbekannte Eigenschaften vieler Hysterischen zu 
erklären. Der üeberschuss von Erregung, welchen ihr Nervensystem 
in der ßuhe frei macht bedingt ihre Unfähigkeit, ein monotones Leben 
und Langweile zu ertragen ; ihr Sensationsbedürfniss, welches sie dazu 
treibt, nach Ausbruch der Krankheit die Eintönigkeit der Kranken- 
existenz durch allerlei „Ereignisse" zu unterbrechen, als welche sich 
naturgemäss vor allem pathologische Phänomene darbieten. Die Auto- 
suggestion unterstützt sie darin oft. Sie werden darin immer weiter 
geführt durch ihr Krankheitsbedüi-ftiiss, jenen merkwürdigen Zug, der 
für die Hysterie so pathognomonisch ist, wie die Krankheitsfurcht für 
die Hypochondrie. Ich kenne eine Hysterica, welche ihre oft recht 
bedeutenden Selbstbeschädigungen nur für den eigenen Gebrauch vor- 
nahm, ohne dass Umgebung und Arzt davon erfuhren. Wenn nichts 
anderes, so vollzog sie, allein im Zimmer, allerlei Unfug, nur um sich 
selbst zu beweisen, sie sei nicht normal. Sie hat eben ein deutliches 
Gefühl ihrer Krankhaftigkeit, erfüllt ihre Pflichten ungenügend und 
schafft sich durch solche Acte die Rechtfertigung vor sich selbst. 
Eine andere Kranke, eine schwerleidende Frau von krankhafter Ge- 
wissenhaftigkeit und voll Misstrauen gegen sich selbst, empfindet 
jedes hysterische Phänomen als Schuld; „weil sie das ja wohl nicht 
haben müsste, wenn sie nur ordentlich wollte". Als die Parese ihrer Beine 
irrigerweise für eine spinale Krankheit erklärt wurde, empfand sie das 

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als eine Erlösung, und die Erklärung, es sei „nur nervös** und werde 
vergehen, genügte, um ihr schwere Gewissensangst zu erzeugen. Das 
Krankheitsbedurfniss entspringt der Sehnsucht der Patientin, sich und 
andere von der Realität ihrer Krankheit zu überzeugen. Wenn es sich 
dann zu der Pein gesellt, welche durch die Monotonie des Kranken- 
zimmers bedingt wird, so entwickelt sich die Neigung, immer neue 
Symptome zu haben, aufs stärkste. 

Wenn diese aber zur Verlogenheit wird und zu wirklicher 
Simulation fühlt — und ich glaube, wir gehen jetzt in der Ablehnung 
der Simulation gerade so zu weit, wie früher in ihrer Annahme — 
dann beruht das nicht auf der hysterischen Disposition, sondern, wie 
Möbius vortrefflich sagt, auf der Complication derselben mit andern 
Degenerationen, originärer moralischer Minderwertigkeit. Gerade wie die 
„bösartige Hysterica" dadurch entsteht, dass ein originär eiTegbarer, 
aber gemütsarmer Mensch noch der egoistischen Charakterverkümmerung 
anheimfällt, welche chronisches Siechthum so leicht erzeugt. Die 
„bösartige Hysterica** ist übrigens kaum häufiger als der bösartige 
Tabiker späterer Stadien. 

Auch in der motorischen Sphäre erzeugt der Erregungsüberschuss 
pathologische Phänomene. So geartete Kinder entwickeln sehr leicht 
tickartige Bewegungen, welche, zuerst angeregt durch irgend eine Em- 
pfindung in den Augen oder im Gesichte oder durch die Gene eines 
Kleidungsstückes, alsbald Dauer gewinnen, wenn sie nicht sogleich 
bekämpft werden. Die ßeflexbahnen werden sehr leicht und rasch „aus- 
gefahren". 

Es ist auch nicht abzuweisen, dass es einen rein motorischen, 
von jedem psychischen Factor unabhängigen Krampfanfall gebe, in 
dem sich nur die durch Summation angehäufte Erregungsmasse ent- 
lädt, geradeso wie die durch anatomische Veränderungen bedingte 
Reizmasse im epileptischen Anfalle. Das wäre der nicht ideogene hy- 
sterische Krampf. 

Wir sehen so oft Adolescenten, welche zwar erregbar, aber gesund 
waren, während der Pubertätsentwicklung an Hysterie erkranken, dass 
wir uns fragen müssen, ob dieser Process nicht dort die Disposition 
schafft, wo sie originär noch nicht vorhanden ist. und allerdings müssen 
wir ihm mehr zuschreiben als die einfache Steigerung des Erregungs- 
quantums; die Geschlechtsreifung greift im ganzen Nervensystem an, 
überall die Erregbarkeit steigernd und die Widerstände herabsetzend. 
Das lehrt die Beobachtung der nicht hysterischen Adolescenten, und 

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— 215 — 

wir sind darum berechtigt zu glauben, dass sie auch die hysterische 
Disposition herstelle, soweit diese eben in dieser Eigenschaft des 
Nervensystems besteht. Damit anerkennen wir bereits die Sexualität 
als einen der grossen Componenten der Hysterie. Wir werden sehen, 
dass ihr Antheil daran ein noch viel grösserer ist, und dass sie auf 
den verschiedensten Wegen zum Aufbau der Krankheit mitwirkt. 



Wenn die Stigmata direct dem originären Mutterboden der Hysterie 
entspringen und nicht ideogenen Ursprungs sind, so ist es auch un- 
möglich, die Ideogenie so in den Mittelpunkt der Hysterie zu stellen, 
wie es heute manchmal geschieht. Was könnte denn echter hysterisch 
sein als die Stigmata, jene pathognomonischen Befunde, welche die 
Diagnose feststellen, und doch scheinen gerade diese nicht ideogen. 
Aber wenn die Basis der Hysterie eine Eigenart des ganzen Nerven- 
systems ist, — auf ihr erhebt sich derComplex von ideogenen. psychisch 
bedingten Symptomen wie ein Gebäude auf den Fundamenten. Und es ist 
ein mehrstöckiges Gebäude. Wie man die Structur eines solchen 
nur dann verstehen kann, wenn man den Grundriss der verschiedenen 
Stockwerke unterscheidet, so, meine ich, ist das Verständniss der 
Hysterie davon bedingt, dass die verschiedenartige Complication der 
Symptomursachen beachtet wird. Sieht man davon ab und versucht 
die Erklärung der Hysterie mit Benützung eines einzigen Causalnexus 
durchzufuhren, so bleibt immer ein sehr grosser Best unerklärter 
Phänomene übrig; es ist gerade, als wollte man die verschiedenen 
Gelasse «ines mehrstöckigen Hauses auf dem Grundriss eines Stock- 
werkes eintragen. 

Wie die Stigmata ist eine Beihe anderer nervöser Symptome, wie wir 
oben sahen, nicht durch Vorstellungen veranlasst, sondern directe Folge 
der fundamentalen Anomalie des Nervensystems : manche Algien, vaso- 
motorische Phänomene, vielleicht der rein motorische Krampfanfall. 

Ihnen zunächst stehen die ideogenen Phänomene, welche einfach 
Conversionen affectiver Erregung sind (pag. 177). Sie entstehen als 
Wirkungen von Affecten in Menschen von hysterischer Disposition 
und sind zunächst nur „anomaler Ausdnick der Gemüthsbewegungen 
(Oppenheim)^). Dieser wird durch Wiederholung zu einem wirklichen, 
scheinbar rein somatischen hysterischen Symptom, während die ver- 
anlassende Vorstellung unmerklich wird (pag. 180) oder abgewehrt und 

^ Jene Disposition ist eben das, was Strümpell als „die Störung im Psycho- 
Physischen'' bezeichnet, welche der Hysterie zu Grunde liegt. 

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darum aus dem Bewusstsein verdrängt ist. Die meisten und wichtigsten 
der abgewehrten und convertirten Vorstellungen haben sexualen Inhalt. 
Sie liegen einem grossen Theil der Pubertätshysterie zu Grunde. Die 
heranreifenden Mädchen, — um diese handelt es sich hauptsächlich 
— verhalten sich zu den sexualen Vorstellungen und Empfindungen, 
die auf sie eindringen, sehr verschieden. Bald mit voller Unbefangenheit, 
wobei die einen das ganze Gebiet ignoriren und übersehen. Die andern 
nehmen sie so an wie die Knaben; das ist bei Bauern- und Arbeiter- 
mädchen wohl die Regel. Wieder andere haschen mit mehr oder minder 
perverser Neugier nach allem, was Gespräch und Leclüre ihnen an 
Sexualem bringt; und endlich die feinorganisirten Naturen von grosser 
sexualer Erregbarkeit, aber ebenso grosser moralischer Reinheit, welche 
alles Sexuale als unvereinbar mit ihrem sittlichen Inhalt empfinden, 
als Beschmutzung und Befleckung. ^ Diese verdrängen die Sexualität 
aus ihrem Bewusstsein und die aifectiven Vorstellungen solchen Inhaltes, 
welche somatische Phänomene verursacht haben, werden als „abgewehrte** 
unbewusst. 

Die Neigung zur Abwehr des Sexualen wird noch verstärkt 
dadurch, dass die sinnliche Erregung bei der Jungfrau eine Beimischung 
von Angst hat, die Furcht vor dem Unbekannten, Geahnten, was kommen 
wird, während sie bei dem natürlichen, gesunden, jungen Manne, ein 
unvermischt aggressiver Trieb ist. Das Mädchen ahnt im Eros die 
furchtbare Macht, die ihr Schicksal beherrscht und entscheidet, und 
wird durch sie geängstigt. Um so gi'össer ist die Neigung, wegzu- 
blicken und das Aengstigende aus dem Bewusstsein zu verdrängen. 

Die Ehe bringt neue sexuale Traumen. Es ist zu wundern, dass 
die Brautnacht nicht häufiger pathogen wirkt, da sie doch leider so 
oft nicht erotische Verführung, sondern Nothzucht zum Inhalt hat. 
Aber freilich sind ja auch die Hysterien junger Frauen nicht selten, 
welche darauf zurückzuführen sind und schwinden, wenn sich im 
Verlauf der Zeit der Sexualgenuss eingestellt und das Trauma verwischt 
hat. Auch im weiteren Verlauf vieler Ehen kommen sexuale Traumen 
vor. Jene Krankengeschichten, von deren PubHcation wir absehen 
mussten, enthalten davon eine grosse Zahl, perverse Anforderungen des 
Mannes, unnatürliche Praktiken u. s. w. Ich glaube nicht zu über- 

^ Einige Beobachtungen lassen uns glauben, dass die Berührungs-j eigentlich 
Beschmutzungsfurcht, welche die Frauen zwingt, sich alle Augenblicke die Hände 
zu waschen, sehr häufig diesen Ursprung hat. Das Waschen entspringt demselben 
seelischen Vorgang wie bei Lady Macbeth. 

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— 217 — 

treiben, wenn ich behaupte, die grosse Mehrzahl der schweren 
Neurosen bei Frauen entstamme dem Ehebette 

Ein Theil der sexualen Noxen, der wesentlich in ungenügender 
Befriedigung besteht, (coitus inteiTuptus, ejaculatio praecox u. s. f.), 
führt nach der Entdeckung Freud's^ nicht zu Hysterie, sondern zur 
Angstneurose. Doch meine ich, wird auch in solchen Fällen häufig 
genug die Erregung^ des Sexualaffectes in hysterische somatische 
Phänomene convertirt. 

Es ist selbstverständlich und geht auch aus unsern Beobachtungen 
zur Genüge hervor, dass die nicht sexualen Äff ecte des Schrecks, der Angst, 
des Zornes zur Entstehung hysterischer Phänomene führen. Aber es ist 
vielleicht nicht überflüssig, immer wieder zu betonen, dass das sexuale 
Moment weitaus das wichtigste und pathologisch fruchtbarste ist. Die 
naive Beobachtung unserer Vorgänger, deren Best wir im Worte 
„Hysterie** bewahren, ist der Wahrheit näher gekommen als die 
neuere Anschauung, welche die Sexualität fast in letzte Linie stellt, 
um die Kranken vor moralischem Vorwurfe zu bewahren. Gewiss sind 
die sexualen Bedürfnisse der Hysterischen gerade so individuell ver- 
schieden gross und nicht stärker als bei den Gesunden. Aber sie 
erkranken an ihnen und zwar grossentheils gerade durch ihre Be- 
kämpfung, durch die Abwehr der Sexualität. 

Neben der sexualen muss hier an die Schreckhysterie erinnert 
werden, die eigentlich traumatische Hysterie. Sie bildet eine der best- 
gekannten und anerkannten Hysterieformen. 

Sozusagen in der gleichen Schicht mit den Phänomenen, welche 
durch Conversion von Affecterregung entstanden sind, liegen diejenigen, 
welche der Suggestion (meist Autosuggestion) bei originär suggestiblen 
Individuen ihren Ursprung verdanken. Hochgradige Suggestibilität, 
d. h. hemmungsloses üebergewicht frisch erregter Vorstellungen gehört 
nicht zum Wesen der Hysterie; sie kann sich aber bei hysterisch 
Disponirten als Complication voi-finden, bei denen eben diese Eigenart 
des Nervensystems die körperliche Kealisirung der überwertigen Vor- 

* Es ist gewiss von Uebel, dass die Klinik dieses, eines der aUerwichtigsten 
pathogenen Momente ignorirt, oder doch nur zart andeutend streift. Diess ist sicher 
ein Gegenstand, wo die Erfahrung der Erfahrenen dem jungen Arzte mitgetheilt 
werden soll, der ja gewöhnlich an der Sexualität blind vorübergeht; mindestens 
was seine Kranken betrifft. 

2 Freud, „Ueber die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Sjraptomencomplex als Angstneurose abzutrennen". Neurol. Centralblatt 1895, Nr. 2. 



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— 218 — 

Stellungen ermöglicht. Es sind übrigens meistens doch nur affective 
Vorstellungen, welche suggestiv in somatischen Phänomenen realisirt 
werden, und so kann man den Vorgang oft auch als Conversion des 
begleitenden Schreck- oder Angstaflfects auffassen. 

DieseProcesseder Affectcon Version und der Suggestion bleiben 
identisch auch in den complicirten Formen von Hysterie, die nun zu 
betrachten sind; sie finden dort nur günstigere Bedingungen; aber 
psychisch bedingte hysterische Phänomene entstehen immer durch einen 
dieser beiden Vorgänge. 



Jenes dritte Constituens der hysterischen Disposition, welches in 
manchen Fällen zu den früher besprochenen hinzutritt, die Conversion 
wie die Suggestion in höchstem Maasse begünstigt und erleichtert 
und dadurch sozusagen über den kleinen Hysterien, die nur einzelne 
hysterische Phänomene zeigen, das weitere Stockwerk der grossen 
Hysterie aufbaut, ist das Hypnoid, die Neigung zur Autohypnose 
(pag. 187). Sie constituirt einen, zunächst nur vorübergehenden und mit 
dem normalen altemirenden Zustand, dem wir dieselbe Steigerung der 
psychischen Einwirkung auf den Körper zuschreiben dürfen, die wir 
in der artificiellen Hypnose beobachten; diese Einwirkung ist hier 
umso intensiver und tiefer greifend, als sie ein Nervensystem betrifft, 
welches schon ausserhalb der Hypnose von anomaler Erregbarkeit ist. ^ 
In wie weit und in welchen Fällen die Neigung zur Autohypnose 
originäre Eigenschaft des Organismus ist, wissen wir nicht. Ich habe 
oben (pag. 191). die Ansicht ausgesprochen, dass sie sich aus affect- 
erfüllter Träumerei entwickle. Aber sicher gehört auch hiezu originäre 
Disposition. Wenn jene Ansicht richtig ist, so wird auch hier deutlich, 
wie grosser Einfiuss auf die Entwicklung der Hysterie der Sexualität 
zuzuschreiben ist. Denn es gibt ausser der Krankenpflege keinen psy- 
chischen Factor, der so wie die Liebessehnsucht geeignet ist, affect- 
erfüUte Träumerei zu erzeugen. Und überdies ist der sexuale Organismus 



^ Es liegt nahe, die Disposition zur Hypnose mit der originären abnormen 
Erregbarkeit zu identificiren, da uns ja auch die arteficielle Hypnose ideogene 
Veränderungen der Secretion, der localen Blutfiille, Blasenbildungen u. dgl. zeigt. 
Diess scheint die Ansicht von Möbius zu sein. Ich meine aber, man Bewegt sich 
da in einem falschen Cirkel. Diese Thaumaturgie der Hypnose beobachten wir^ 
so viel ich sehe, doch nur bei Hysterischen. Wir würden also der Hypnose die 
Leistungen der Hysterie zuschreiben, und dann wieder diese aus der Hj'pnose 
ableiten. 



r^onnl^ Original fnom 

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selbst mit seiner Fülle von Aifect und der Einengung des Bewusst- 
seins den hypnoiden Zuständen nahe verwandt. 

Das Hypnoid tritt am deutlichsten in die Erscheinung als hy- 
sterischer Anfall, und in jenem Zustande, den man als acute Hysterie 
bezeichnen kann und der, wie es scheint, in der Entwicklung der 
grossen Hysterie eine so bedeutende Eolle spielt (pag. 207). Es sind 
dies lange, oft mehrere Monate dauernde, deutlich psychotische Zu- 
stände, die man oft geradezu als hallucinatorische Verworrenheit be- 
zeichnen muss; auch wenn die Störung nicht so weit geht, treten in 
solchem Zustande mannigfache hysterische Phänomene auf, von denen 
einige auch weiterhin persistiren. Der psychische Inhalt dieser Zustände 
besteht zum Theil gerade aus den Vorstellungen, welche im wachen 
Leben abgewehrt und aus dem Bewusstsein verdrängt worden sind ; 
(„hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen 
Frauen, der wohlerzogenen Kinder.'^) 

Da diese Zustände so oft geradezu Psychosen sind und doch 
direct und ausschliesslich der Hysterie entstammen, kann ich mich 
der Meinung Möbius' nicht anschliessen : „man könne, — abgesehen 
von den mit dem Anfalle verknüpften Delirien, von einem eigentlichen 
hysterischen Irresein nicht reden". ^ Diese Zustände sind in vielen 
Fällen ein solches ; und auch im weitem Verlauf der Hysterie wieder- 
holen sich solche Psychosen, die freilich im Wesen nichts anderes 
sind als das psychotische Stadium des Anfalles, aber bei monatelanger 
Dauer doch nicht Avohl als Anfälle bezeichnet werden können. 

Wie entstehen diese acuten Hysterien? In dem bestbekannten Falle 
(Beobachtung I) entwickelte sie sich aus der Häufung der Hypnoid- 
attaquen ; in einem anderen Falle (von schon bestehender, complicirter 
Hysterie) im Anschluss an eine Morphin entziehung. Meist ist der Vor- 
gang ganz dunkel und harrt der Klärung durch weitere Beobachtungen. 

Für diese, hier besprochenen Hysterien gilt also der Satz von 
Möbius: „die der Hysterie wesentliche Veränderung besteht darin, 
dass vorübergehend oder dauernd der geistige Zustand des Hysterischen 
dem des Hypnotisirten gleicht" (a. a. 0. pag. 16). 

Das Fortdauern der im Hypnoid entstandenen hysterischen 
Symptome während des normalen Zustandes, entspricht vollständig 
unsern Erfahrungen über posthypnotische Suggestion. Damit ist aber 
auch schon gesagt, dass Complexe von bewusstsein sunfahigen Vor- 

^ Möbius: Gegenwärtige Auffassung der Hysterie. Monatsschrift für Geburts- 
hilfe und Gynäkologie, 1895, I. Bd., p. 18. 

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Stellungen mit den bewusst ablaufenden Ideenreihen coexistiren, dass 
die Spaltung der Psyche (pag. 200) vollzogen ist. Es scheint 
sicher, dass diese auch ohne Hypnoid entstehen kann, aus der Fülle 
der abgewehrten, aus dem Bewusstsein verdrängten, aber nicht unter- 
drückten Vorstellungen. Auf die eine und die andere Weise entsteht 
ein bald ideenarmes, rudimentäres, bald dem wachen Denken mehr 
minder gleiches Gebiet psychischen Lebens, dessen Erkenntniss wir 
vor Allen Bin et und Jan et verdanken. Die Spaltung der Psyche ist 
die Vollendung der Hysterie ; es wurde früher (Cap. V) dargelegt, wie 
sie die wesentlichen Charakterzüge der Krankheit erklärt. Dauernd, aber 
mit wechselnder Lebhaftigkeit seiner Vorstellungen, befindet sich ein 
Theil der Psyche des Kranken im Hypnoid, immer bereit, beim Nach- 
lassen des wachen Denkens die Herrschaft über den ganzen Menschen 
zu gewinnen (Anfall, Delirium). Das geschieht, sobald ein starker 
Aflect den normalen Vorstellungsablauf stört, in Dämmer- und in 
Erschöpfungszuständen. Aus diesem persistirenden Hypnoid herauf 
dringen unmotivirte, der normalen Association fremde Vorstellungen 
in's Bewusstsein, werden Hallucinationen in das Wahrnehmen geworfen, 
werden motorische Acte unabhängig vom bewussten Willen innervirt. 
Diese hypnoide Psyche ist im höchsten Grade befähigt zur Affect- 
conversion und Suggestion, und so entstehen mit Leichtigkeit neue 
hysterische Phänomene, welche ohne die psychische Spaltung nur sehr 
schwer und unter dem Druck wiederholter Aifecte zu Stande gekommen 
wären. Die abgespaltene Psyche ist jener Dämon, von dem die naive 
Beobachtung alter, abergläubischer Zeiten die Kranken besessen glaubte. 
Dass ein dem wachen Bewusstsein des Kranken fremder Geist in ihm 
walte, ist richtig ; nur ist es kein wirklich fremder, sondern ein Theil 
seines eigenen. 

Der hier gewagte Versuch, aus unseren heutigen Kenntnissen 
die Hysterie synthetisch zu construiren, steht dem Vorwurf des 
Eclecticismus offen, wenn dieser überhaupt berechtigt ist. So viele 
Formulirungen der Hysterie, von der alten „Keflextheorie'^ bis zur 
„Dissociation der Persönlichkeit" haben darin Platz finden müssen. 
Aber es kann kaum anders sein. So zahlreiche treffliche Beobachter und 
scharfsinnige Köpfe haben sich um die Hysterie bemüht. Es ist un- 
wahrscheinlich, dass nicht jede ihrer Formulirungen einen Theil der 
Wahrheit enthalte. Die künftige Darstellung des wirklichen Sach- 
verhaltes wird gewiss sie alle enthalten und nur alF die einseitigen 



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— 221 — 

Ansichten des Gegenstandes zu einer körperhaften Realität combiniren. 
Der Eclecticismus scheint mir darum kein Tadel. 

Aber wie weit von der Möglichkeit eines solchen vollständigen 
Verständnisses der Hysterie sind wir heute noch! Mit wie unsicheren 
Zügen sind hier die Contouren umrissen worden, mit wie plumpen 
Hilfsvorstellungen sind die klaffenden Lücken mehr verdeckt als aus- 
gefüllt. Nur die eine Erwägung beruhigt einigermaassen : dass dieses 
Uebel allen physiologischen Darstellungen complicirter psychischer Vor- 
gänge anhaftet und anhaften'muss. Von ihnen gilt immer, was Theseus 
im Sommemachtstraum von der Tragödie sagt: „Auch das Beste dieser 
Art ist nur ein Schattenspiel'', und auch das Schwächste ist nicht 
wertlos, wenn es sucht in Treue und Bescheidenheit die Schattenrisse 
festzuhalten, welche die unbekannten wirklichen Objecte auf die Wand 
werfen. Dann ist doch immer die Hoffnung berechtigt, dass irgend 
ein Maass von Uebereinstimmung und Aehnlichkeit zwischen den 
wirklichen Vorgängen und unserer Vorstellung davon bestehen werde. 



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IV. Zur Psychotherapie der Hysterie. 

(Sigm. Freud.) 

Wir haben in der „Vorläufigen Mittheilung* berichtet, dass sich 
uns während der Forschung nach der Aetiologie hysterischer Sym- 
ptome auch eine therapeutische Methode ergeben hat, die wir für 
praktisch bedeutsam halten. „Wir fanden nämlich, anfangs 
zu unserer grössten U eher raschung, dass die ein- 
zelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne 
Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die 
Erinnerung an den veranlassenden Vorgan g zu voller 
Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden 
Affect wachzurufen, und wenn dann der Kranke den 
Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte 
und dem Affect Worte gab** (p. 4.). 

Wir suchten uns ferner verständlich zu machen, auf welclie 
Weise unsere psychotherapeutische Methode wirke: „Sie hebt die 
Wirksamkeit der ursprünglich nicht abreagirten 
Vorstellung dadurch auf, dass sie dem eingeklemmten 
Affect derselben den Ablauf durch die Rede gestattet 
und bringt sie zur associativen Correctur, indem sie 
dieselbe in's normale Bewusstsein zieht (in leichterer 
Hypnose) oder durch ärztliche Suggestion aufhebt, 
wie es im Somnambulismus mit Amnesie geschieht** 
(pag. 13). 

Ich will nun versuchen, im Zusammenhange darzuthun, wie weit 
diese Methode trägt, um was sie mehr als andere leistet, mit welcher 
Technik und mit welchen Schwierigkeiten sie arbeitet, wenngleich das 
Wesentliche hierüber bereits in den voranstehenden Krankengeschichten 
enthalten ist, und ich es nicht vermeiden kann, mich in dieser Dar- 
stellung zu wiederholen. 

I. 

Ich darf auch für meinen Theil sagen, dass ich am Inhalte der 
„Vorläufigen Mittheilung** festhalten kann; jedoch muss ich eingestehen, 
dass sich mir in den seither verflossenen Jahren — bei unausgesetzter 
Beschäftigung mit den dort berührten Problemen — neue Gesichts- 



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— 223 - 

punkte aufgedrängt haben, die eine wenigstens zum Theil andersartige 
Gruppirung und Auffassung des damals bekannten Materiales an 
Thatsachen zur Folge hatten. Es wäre unrecht, wenn ich versuchen 
wollte, meinem verehrten Freunde J. Breuer zuviel von der Verant- 
wortlichkeit für diese Entwicklung aufzubürden. Die folgenden Aus- 
führungen bringe ich daher vorwiegend im eigenen Namen. 

Als ich versuchte, die Breuer'sche Methode der Heilung 
hysterischer Symptome durch Ausforschung und Abreagiren in der 
Hypnose an einer gi'össeren Reihe von Kranken zu verwenden, stiessen 
mir zwei Schwierigkeiten auf, in deren Verfolgung ich zu einer 
Abänderung der Technik wie der Auffassung gelangte. 1. Es waren 
nicht alle Personen hypnotisirbar, die unzweifelhaft hysterische Sym- 
ptome zeigten, und bei denen höchst wahrscheinlich derselbe psychische 
Mechanismus obwaltete; 2. ich musste Stellung zu der Frage nehmen, 
was denn wesentlich die Hysterie charakterisirt, und wodurch sich 
dieselbe gegen andere Neurosen abgrenzt. 

Ich verschiebe es auf später, mitzutheilen, wie ich die erstere 
Schwierigkeit bewältigt, und was ich aus ihr gelernt habe. Ich gehe 
zunächst darauf ein, wie ich in der täglichen Praxis gegen das zweite 
Problem Stellung nahm. Es ist sehr schwierig, einen Fall von Neurose 
richtig zu durchschauen, ehe man ihn einer gründlichen Analyse unter- 
zogen hat; einer Analyse, wie sie eben nur bei Anwendung der 
Breuer 'sehen Methode resultirt. Die Entscheidung über Diagnose 
und Art der Therapie muss aber vor einer solchen gründlichen 
Kenntniss gefällt werden. Es blieb mir also nichts übrig, als solche 
Fälle für die kathartische Methode auszuwählen, die man vorläufig 
als Hysterie diagnosticiren konnte, die einzelne oder mehrere von den 
Stigmen oder charakteristischen Symptomen der Hysterie erkennen 
Hessen. Dann ereignete es sich manchmal, dass die therapeutischen 
Ergebnisse trotz der Hysteriediagnose recht armselig ausfielen, dass 
selbst die Analyse nichts Bedeutsames zu Tage förderte. Anderemale 
versuchte ich Neurosen mit der Breuer' sehen Methode zu beliandeln, 
die gewiss niemandem als Hysterie imponirt hätten, und ich fand, dass 
sie auf diese Weise zu beeinflussen, ja selbst zu lösen waren. So 
ging es mir z. B. mit den Zwangsvorstellungen, den echten Zwangs- 
vorstellungen nach Westp harschem Muster, in Fällen, die nicht 
durch einen Zug an Hysterie erinnerten. Somit konnte der psychische 
Mechanismus, den die vorläufige Mittheilung aiifged^ckt hatte, nicht 
für Hysterie pathognomonisch sein; ich konnte mich auch nicht ent- 

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scliliesseii, diesem Mechanismus zu Liebe etwa soviel andere Neurosen 
in einen Topf mit der Hysterie 7A\ werfen. Aus air den angeregten 
Zweifeln riss mich endlich der Plan, alle anderen in Frage kommenden 
Neurosen ähnlich wie die Hysterie zu behandeln, überall nach der 
Aetiologie und nach der Art des psychischen Mechanismus zu forschen, 
und die Entscheidung über die Berechtigung der Hysteriediagnose von 
dem Ausfall dieser Untersuchung abhängen zu lassen. 

So gelangte ich, von der Breuer'schen Methode ausgehend, 
dazu, mich mit der Aetiologie und dem Mechanismus der Neurosen 
überhaupt zu beschäftigen. Ich hatte dann das Glück, in verhältniss- 
mässig kurzer Zeit bei brauchbaren Ergebnissen anzukommen. Es 
di*ängte sich mir zunächst die Erkenntniss auf, dass, insofern man von 
«iner Verursachung sprechen könne, durch welche Neurosen erworben 
würden, die Aetiologie in sexuellen Momenten zu suchen sei. Daran 
reihte sich der Befund, dass verschiedene sexuelle Momente, ganz all- 
gemein genommen, auch verschiedene Bilder von neurotischen Erkran- 
kungen erzeugen. Und nun konnte man, in dem Maass, als sich das letztere 
Verhältniss bestätigte, auch wagen, die Aetiologie zur Charakteristik 
der Neurosen zu verwerthen und eine scharfe Scheidung der Krank- 
lieitsbilder der Neurosen aufzustellen. Trafen ätiologische Charaktere 
mit klinischen constant zusammen, so war diess ja gerechtfertigt. 

Auf diese Weise ergab sich mir, dass der Neurasthenie eigentlich 
ein monotones Krankheitsbild entspreche, in welchem, wie Analysen 
zeigten, ein „psychischer Mechanismus'' keine KoUe spiele. Von der 
Neurasthenie trennte sich scharf ab die Zwangsneurose, die Neurose 
der echten Zwangsvorstellungen, für die sich ein complicirter psychischer 
Mechanismus, eine der hysterischen ähnliche Aetiologie und eine weit- 
reichende Möglichkeit der Kückbildung durch Psychotherapie erkennen 
liessen. Andererseits schien es mir unbedenklich geboten, von der 
Neurasthenie einen neurotischen Symptomcomplex abzusondeni, der 
von einer ganz abweichenden, ja, im Grunde genommen, gegensätzlichen 
Aetiologie abhängt, während die Theilsymptome dieses Complexes 
durch einen schon von E, Hecker^ erkannten Charakter zusammen- 
gehalten werden. Sie sind nämlich entweder Symptome oder Aequi- 
valente und Budimente von Angstäusserungen, und ich habe 
darum diesen von der Neurasthenie abzutrennenden Complex Angst- 
neurose geheisseu. Ich habe von ihm behauptet, er käme durch die 
Anhäufung physischer Spannung zu Stande, die selbst wieder sexualer 

^ E. Heck er, Centralblatt für Nervenheilkunde, Dec. 1893. 

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Herkunft ist ; diese Neurose hat auch noch keinen psychischen Mecha- 
nismus, beeinflusst aber ganz regelmässig das psychische Leben, so 
dass „ängstliche Erwartung", Phobien, Hyperästhesie gegen Schmerzen 
u. a. zu ihren regelmässigen Aeusserungen gehören. Diese Angstaeurose 
in meinem Sinne deckt sich gewiss theilweise mit der Neurose, die 
unter dem Namen „Hypochondrie** in so manchen Darstellungen 
neben Hysterie und Neurasthenie anerkannnt wird ; nur dass ich in 
keiner der vorliegenden Bearbeitungen die Abgrenzung dieser Neurose 
für die richtige halten kann, und dass ich die Brauchbarkeit des Namens 
Hypochondrie durch dessen feste Beziehung auf das Symptom der 
„Krankheitsfurclit** beeinträchtigt finde. 

Nachdem ich mir so die einfachen Bilder der Neurasthenie, der 
Angstneurose und der Zwangsvorstellungen fixirt hatte, ging ich an 
die Auffassung der gemeinhin vorkommenden Fälle von Neurosen 
heran, die bei der Diagnose Hysterie in Betracht kommen. Ich musste 
mir jetzt sagen, dass es nicht angeht, eine Neurose im Ganzen zur 
hysterischen zu stempeln, weil aus ihrem Symptomencomplex einige 
hysterische Zeichen hervorleuchten. Ich konnte mir diese Uebung 
sehr wohl erklären, da doch die Hysterie die älteste, die bestbekannte 
und die auffälligste der in Betracht kommenden Neurosen ist; aber es 
-war doch ein Missbrauch, derselbe, der auf die Kechnung der Hysterie 
so viele Züge von Perversion und Degeneration hatte setzen lassen. 
So oft in einem complicirten Fall von psychischer Entartung ein 
hysterisches Anzeichen, eine Anästhesie, eine charakteristische Attaque 
7u entdecken war, hatte man das Ganze „Hysterie" genannt und 
konnte dann freilich das Aergste imd das Widersprechendste unter 
dieser Etiquette vereinigt finden. So gewiss diese Diagnostik unrecht 
war, so gewiss durfte man auch nach der neurotischen Seite hin sondern, 
und da man Neurasthenie, Angstneurose u. dgl. im reinen Zustande 
kannte, brauchte man sie in der Combination nicht mehr zu übftrsehen. 

Es ^schien also folgende Auffassung die berechtigtere: Die 
gewöhnlich vorkommenden Neurosen sind meist als „gemischte" zu 
bezeichnen ; von der Neurasthenie und der Angstneurose findet man 
ohne Mühe auch reine Formen, am ehesten bei jugendlichen Personen. 
Von Hysterie und Zwangsneurose sind reine Fälle selten, für gewöhnlich 
sind diese beiden Neurosen mit einer Angstneurose combinirt. Dies so 
häufige Vorkommen von gemischten Neurosen rührt daher, dass deren 
ätiologische Momente sich so häufig vermengen, bald nur zuföUiger 
Weise, bald in Folge von causalen Beziehungen zwischen den Vor- 
Breuer u. Frend, Stadien. li^ 

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— 226 — 

gangen, aus denen die ätiologischen Momente der Neurosen fliessen. 
Diess lässt sich unschwer im Einzelnen durchführen und erweisen; für 
die Hysterie folgt aber hieraus, dass es kaum möglich ist, sie für die 
Betrachtung aus dem Zusammenhange der Sexualneurosen zu reissen; 
dass sie in der Eegel nur eine Seite, einen Aspect des complicirten 
neurotischen Falles darstellt, und dass sie nur gleichsam im Grenzfall 
als isolirte Neurose gefunden werden und behandelt werden kann. Man 
darf etwa in einer Keihe von Fällen sagen : a potiori fit denominatio. 

Ich will die hier mitgetheilten Krankengeschichten daraufhin 
prüfen, ob sie meiner Auffassung von der klinischen Unselbständigkeit 
der Hysterie das Wort reden. Anna 0., die Kranke Breuer's, scheint 
dem zu widersprechen und eine rein hysterische Erkrankung zu erläutern. 
Allein dieser Fall, der so fruchtbar für die Erkenntniss der Hysterie 
geworden ist, wurde von seinem Beobachter gar nicht unter den 
Gesichtspunkt der Sexualneurose gebracht und ist heute einfach für 
diesen nicht zu verwerthen. Als ich die zweite Kranke, Frau 
Emmy v. N., zu analysiren begann, lag mir die Erwartung einer 
Sexualneurose als Boden für die Hysterie ziemlich ferne; ich war 
frisch aus der Schule Charcot's gekommen und betrachtete die 
Verknüpfung einer Hysterie mit dem Thema der Sexualität als eine 
Art von Schimpf — älinlich wie die Patientinnen selbst es pflegen. 
Wenn ich heute meine Notizen über diesen Fall überblicke, ist es 
mir ganz unzweifelhaft, dass ich einen Fall einer schweren Angstneurose 
mit ängstlicher Erwartung und Phobien anerkennen muss, die aus der 
sexuellen Abstinenz stammte und sich mit Hysterie combinirt hatte. 

Fall ni, der Fall der Miss Lucy R., ist vielleicht am ehesten ein 
Grenzfall von reiner Hysterie zu nennen, es ist eine kurze, episodisch 
verlaufende Hysterie bei unverkennbar sexueller Aetiologie, wie sie 
einer Angstneurose entsprechen würde; ein übeiTeifes, liebebedürftiges 
Mädchen, dessen Neigung zu rasch durch ein Missverständniss erweckt 
wird. Allein die Angstneurose war nicht nachzuweisen odor ist mir 
entgangen. Fall IV, Katharina, ist geradezu ein Vorbild dessen, was 
ich virginale Angst genannt habe; es ist eine Combination von Angst- 
neurose und Hysterie : die erstere schafft die Symptome, die letztere 
wiederholt sie und arbeitet mit ihnen, üebrigens ein typischer Fall 
für soviele, „Hysterie'* genannte, jugendliche Neurosen. Fall V, der des 
Frl. Elisabeth v. R., ist wiederum nicht als Sexualneurose erforscht; 
einen Verdacht, dass eine Spinalneurasthenie die Grundlage gebildet 
habe, konnte ich nur äussern und nicht bestätigen. Ich muss aber 



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hinzufügen, seither sind die reinen Hysterien in meiner Erfahrung 
noch seltener geworden; wenn ich diese vier Fälle als Hysterie zusammen- 
stellen und bei ihrer Erörterung von den für Sexualneurosen maass- 
gebenden Gesichtspunkten absehen konnte, so liegt der Grund darin, 
dass es ältere Fälle sind, bei denen ich die absichtliche und dringende 
Forschung nach der neurotischen sexualen Unterlage noch nicht durch- 
geführt hatte. Und wenn ich anstatt dieser vier Fälle nicht zwölf 
mitgetheilt habe, aus deren Analyse eine Bestätigung des von uns 
behaupteten psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene zu 
gewinnen ist, so nöthigte mich zur Enthaltung nur der Umstand, 
dass die Analyse diese Krankheitsfalle gleichzeitig als Sexualneurosen 
enthüllte, obwohl ihnen den „Namen" Hysterie gewiss kein Diagnostiker 
verweigert hätte. Die Aufklärung solcher Sexualneurosen überschreitet 
aber den Kahmen dieser unserer gemeinsamen Veröffentlichung. 

Ich möchte nicht dahin missverstauden werden, als ob ich die 
Hysterie nicht als selbständige neurotische Affection gelten lassen 
AvoUte, als erfasste ich sie bloss als psychische Aeusserung der 
Angstneurose, als schriebe ich ihr bloss „ideogeue** Symptome zu und 
zöge die somatischen Symptome (hysterogene Punkte, Anästhesien) 
zur Angstneurose hinüber. Nichts von alledem; ich meine, man kann 
in jeder Hinsicht die von allen Beimengungen gereinigte Hysterie 
selbständig abhandeln, nur nicht in Hinsicht der Therapie. Denn bei 
der Therapie handelt es sich um praktische Ziele, um die Beseitigung 
des gesammten leidenden Zustandes, und wenn die Hysterie zumeist 
als Componente einer gemischten Neurose vorkommt, so liegt der 
Fall wohl ähnlich wie bei den Mischinfectionen, wo die Erhaltung des 
Lebens sich als Aufgabe stellt, die nicht mit der Bekämpfung der 
Wirkung des einen Krankheitserregers zusammenfällt. 

Es ist mir darum so wichtig, den Antheil der Hysterie an den 
Bildern der gemischten Neurosen von dem der Neurasthenie, Angst- 
neurose u. s. w. zu sondern, weil ich nach dieser Trennung einen 
knappen Ausdruck für den therapeutischen Werth der kathartischen 
Methode geben kann. Ich möchte mich nämlich der Behauptung 
getrauen, dass sie — principiell — sehr wohl im Stande ist, jedes 
beliebige hysterische Symptom zu beseitigen, während sie, wie leicht 
ersichtlich, völlig machtlos ist gegen Phänomene der Neurasthenie und 
nur selten und auf Umwegen die psychischen Folgen der Angstneurose 
beeinflusst. Ihre therapeutische Wirksamkeit wird also im einzelnen 
Falle davon abhängen, ob die hysterische Componente des Krankheits- 

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bildes eine praktisch bedeutsame Stellung im Vergleich zu den anderen 
neurotischen Componenten beanspruchen darf oder nicht. 

Auch eine zweite Schranke ist der Wirksamkeit der kathartischen 
Methode gesetzt, aufweiche wir bereits in der ,, Vorläufigen Mittheilung** 
hingewiesen haben. Sie beeinflusst nicht die causalen Bedingungen der 
Hysterie, kann also nicht verhindern, dass an der Stelle der beseitigten 
Symptome neue entstehen. Im Ganzen also muss ich für unsere 
therapeutische Methode einen hervorragenden Platz innerhalb des 
Rahmens einer Therapie der Neurosen beanspruchen, möchte aber 
davon abrathen, sie ausserhalb dieses Zusammenhanges zu würdigen 
oder in Anwendung zu ziehen. Da ich an dieser Stelle eine „Therapie 
der Neurosen**, wie sie dem ausübenden Arzte vonnöthen wäre, nicht 
geben kann, stellen sich die vorstehenden Aeusserungen einer auf- 
schiebenden Verweisung auf etwaige spätere Mittheilungen gleich; 
doch meine ich zur Ausführung und Erläuterung noch folgende Be- 
merkungen anschliessen zu können : 

1. Ich behaupte nicht, dass ich sämmtliche hysterische Symptome, 
die ich mit der kathartischen Methode zu beeinflussen übernahm, auch 
wirklich beseitigt habe. Aber ich meine, die Hindernisse lagen an 
persönlichen Umständen der Fälle und waren nicht principieller Natur. 
Ich darf diese Fälle von Missglucken bei einer UrtheilsföUung ausser 
Betracht lassen, wie der Chirurg Fälle von Tod in der Narkose, durch 
Nachblutung, zufällige Sepsis u. dgl. bei der Entscheidung über eine 
neue Technik bei Seite schiebt. Wenn ich später von den Schwierig- 
keiten und Uebelständen des Verfahrens handeln werde, sollen die 
Misserfolge solcher Herkunft nochmals gewürdigt werden. 

2. Die kathartische Methode wird darum nicht werthlos, weil sie 
eine symptomatische und keine causale ist. Denn eine causale 
Therapie ist eigentlich zumeist nur eine prophylaktische, sie sistirt die 
weitere Einwirkung der Schädlichkeit, beseitigt aber damit nicht noth- 
wendig, was die Schädlichkeit bisher an Producten ergeben hat. Es 
bedarf in der Regel noch einer zweiten Action, welche die letztere Auf- 
gabe löst, und für diesen Zweck ist im Falle der Hysterie die kathar- 
tische Methode geradezu unübertrefflich brauchbar. 

3. Wo eine Periode hysterischer Production, ein acuter hysteri- 
scher Paroxysmus, überwunden ist und nur noch die hysterischen 
Symptome als Resterscheinungen erübrigen, da genügt die kathartische 
Metliode allen Indicationen und erzielt volle und dauernde Erfolge. 
Eine solche günstige Constellation für die Therapie ergibt sich nicht 



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— 229 — 

selten gerade auf dem Gebiete des Geschlechtslebens, infolge der 
grossen Schwankungen in der Intensität des sexuellen Bedürfnisses 
und der Complication der für ein sexuelles Trauma erforderten Be- 
dingungen. Hier leistet die kathartische Methode alles, was man ihr 
zur Aufgabe stellen kann, denn der Arzt kann sich nicht vorsetzen 
wollen, eine Constitution wie die hysterische zu ändern ; er muss 
sich damit bescheiden, wenn er das Leiden beseitigt, zu dem eine 
solche Constitution geneigt ist, und das unter Mithilfe äusserer Be- 
dingungen aus ihr entspringen kann. Er wird zufrieden sein, wenn die 
Kranke wieder leistungsfähig geworden ist. üebrigens entbehrt er auch 
eines Trostes für die Zukunft nicht, wenn er die Möglichkeit der 
Kecidive in Betracht zieht. Er kennt den Hauptcharakter in der Aetio- 
logie der Neurosen, dass deren Entstehung zumeist üb erdet ermi- 
nirt ist, dass melirere Momente zu dieser Wirkung zusammentreten 
müssen; er darf hoffen, dass dieses Zusammentreffen nicht sobald 
wieder statthaben wird, wenn auch einzelne der ätiologischen Momente 
in Wirksamkeit geblieben sind. 

Man könnte einwenden, dass in solchen abgelaufenen Fällen 
von Hysterie die restirenden Symptome ohnediess spontan vergehen; 
allein hierauf darf man antworten, dass solche Spontanheilung sehr 
häufig weder rasch noch vollständig genug abläuft, und dass sie durch 
das Eingreifen der Therapie ausserordentlich gefördert werden kann. Ob 
man mit der kathartischen Therapie nur das heilt, was der Spontan- 
heilung fähig ist, oder gelegentlich auch anderes, was sich spontan 
nicht gelöst hätte, das darf man für jetzt gerne ungeschlichtet lassen. 

4. Wo man auf eine acute Hysterie gestossen ist, einen Fall 
in der Periode lebhaftester Production von hysterischen Symptomen 
und consecutiver Ueberwältigung des Ich durch die Krankheitsproducte 
(hysterische Psychose), da wird auch die kathartische Methode am 
Eindruck und Verlauf des Krankheitsfalles wenig ändern. Man befindet 
sich dann wohl in derselben Stellung gegen die Neurose, welche der 
Arzt gegen eine acute Infectionskrankheit einnimmt. Die ätiologischen 
Momente haben zu einer verflossenen, jetzt der Beeinflussung entzogenen 
Zeit ihre Wirkung im genügenden Ausmaasse geübt, nun werden 
dieselben nach Ueberwindung des Incubationsintervalles manifest; die 
Affection lässt sich nicht abbrechen; man muss ihren Ablauf abwarten 
und unterdess die günstigsten Bedingungen für den Kranken herstellen. 
Beseitigt man nun während einer solchen acuten Periode die Krank- 
heitsproducte, die neu entstandenen hysterischen Symptome, so darf 

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- 230 — 

man sich darauf gefasst machen, dass die beseitigten alsbald durch 
neue ersetzt werden. Der verstimmende Eindruck einer Danaidenarbeit, 
einer „Mohrenwäsche'' wird dem Arzt nicht erspart bleiben, der riesige 
Aufwand von Mühe, die Unbefriedigung der Angehörigen, denen die 
Vorstellung der nothAvendigen Zeitdauer einer acuten Neurose kaum 
so vertraut sein wird wie im analogen Falle einer acuten Infections- 
krankheit, diess und anderes wird wahrscheinlich die consequente 
Anwendung der kathartischen Methode im angenommenen Falle meist 
unmöglich machen. Doch bleibt es sehr in Erwägung zu ziehen, ob 
nicht auch bei einer acuten Hysterie die jedesmalige Beseitigung der 
Krankheitsproducte einen heilenden Einfiuss übt, indem sie das mit der 
Abwehr beschäftigte normale Ich des Kranken unterstützt und es vor 
der üeberwältigung, vor dem Verfall in Psychose, vielleicht in end- 
giltige Verworrenheit bewahrt. 

Was die kathartische Methode auch bei acuter Hysterie zu 
leisten vermag, und dass sie selbst die Neuproduction an krankhaften 
Symptomen in praktisch bemerkbarer Weise einschränkt, das erhellt 
wohl unzweifelhaft aus der Geschichte der Anna . . ., an welcher 
Breuer diess psychotherapeutische Verfahren zuerst ausüben lernte. 

5. Wo es sich um chronisch verlaufende Hysterien mit massiger, 
aber unausgesetzter Production von hysterischen Symptomen handelt, 
da lernt man wohl den Mangel einer causal wirksamen Therapie am 
stärksten bedauern, aber auch die Bedeutung des kathartischen Ver- 
fahrens als symptomatische Therapie am meisten schätzen. Dann hat 
man es mit der Schädigung durch eine chronisch fortwirkende Aetio- 
logie zu thun: es kommt alles darauf an, das Nervensystem des 
Kranken in seiner Kesistenzfähigkeit zu kräftigen, und man muss sich 
sagen, die Existenz eines hysterischen Symptoms bedeute für dieses 
Nervensystem eine Schwächung seiner Kesistenz und stelle ein zur 
Hysterie disponirendes Moment dar. Wie aus dem Mechanismus der 
monosymptomatischen Hysterie hervorgeht, bildet sich ein neues 
hysterisches Symptom am leichtesten im Anschluss und nach Ana- 
logie eines bereits vorhandenen ; die Stelle, wo es bereits einmal 
„ durchgeschlagen ** hat (vgl. p. 177), stellt einen schwachen Punkt 
dar, an welchem es auch das nächste Mal durchschlagen wird; die 
einmal abgespaltene psychische Gruppe spielt die Rolle des provo- 
cirenden Krystalls, von dem mit grosser Leichtigkeit eine sonst unter- 
bliebene Krystallisation ausgeht. Die bereits vorhandenen Symptome 
beseitigen die ihnen zu Grunde liegenden psychischen Verändeiningen 



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— 231 — 

aufheben, heisst den Kranken das volle Maass ihrer Kesistenzfähigkeit wieder- 
geben, mit dem sie erfolgreich der Einwirkung der Schädlichkeit wider- 
stehenkönnen. Man kann solchen Kranken durch länger fortgesetzte Ueber- 
wachung und zeitweiliges „chininey sweeping" (vgl. p. 23) sehr viel leisten. 
6. Ich hätte noch des scheinbaren Widerspruches zu gedenken, 
der sich zwischen dem Zugeständniss, dass nicht alle hysterischen 
Symptome psychogen seien, und der Behauptung, dass man sie alle 
durch ein psychotherapeutisches Verfahren beseitigen könne, erhebt. 
Die Lösung liegt darin, dass ein Theil dieser nicht psychogenen 
Symptome zwar Krankheitszeichen darstellt, aber nicht als Leiden 
bezeichnet werden darf, so die Stigmata; es macht sich also praktisch 
nicht bemerkbar, wenn sie die therapeutische Erledigung des Krank- 
heitsfalles überdauern. Für andere solche Symptome scheint zu gelten, 
dass sie auf irgend einem Umweg von den psychogenen Symptomen 
mitgerissen werden, wie sie ja wohl auch auf irgend einem Umweg 
doch von psychischer Verursachung abhängen. 



Ich habe nun der Schwierigkeiten und Uebelstände unseres 
therapeutischen Verfahrens zu gedenken, soweit diese nicht aus den 
vorstehenden Krankengeschichten oder aus den folgenden Bemer- 
kungen über die Technik der Methode jedermann einleuchten können. 
— Ich will mehr aufzählen und andeuten als ausführen: Das Verfahren 
ist mühselig und zeitraubend für den Arzt, es setzt ein grosses Inter- 
esse für psychologische Vorkomnisse und doch auch persönliche Theil- 
nahme für den Kranken bei ihm voraus. Ich könnte mir nicht vorstellen, 
dass ich es zu Staude brächte, mich in den psychischen Mechanismus 
einer Hysterie bei einer Person zu vertiefen, die mir gemein und wider- 
wärtig vorkäme, die nicht bei näherer Bekanntschaft im Stande wäre, 
menschliche Sympathie zu erwecken, während ich doch die Behandlung 
eines Tabikers oder Rheumatikers unabhängig von solchem persön- 
lichen Wohlgefallen halten kann. Nicht mindere Bedingungen werden 
von Seiten der Kranken erfordert. Unterhalb eines gewissen Niveaus 
von Intelligenz ist das Verfahren überhaupt nicht anwendbar, durch 
jede Beimengung von Schwachsinn wird es ausserordentlich erschwert. 
Man braucht die volle Einwilligung, die volle Aufmerksamkeit der 
Kranken, vor allem aber ihr Zutrauen, da die Analyse regelmässig auf 
die intimsten und geheimst gehaltenen psychischen Vorgänge führt. 
Ein guter Theil der Kranken, die für solche Behandlung geeignet 
wären, entzieht sich dem Arzte, sobald ihnen die Ahnung auf- 

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— 232 — 

dämmert, nach welcher Richtung sich dessen Forschung bewegen 
wird. Für diese ist der Arzt ein Fremder geblieben. Bei Anderen, die 
sich entschlossen haben, sich dem Arzte zu überliefern und ihm ein 
Vertrauen einzuräumen, wie es sonst nur freiwillig gewährt, aber nie 
gefordert wird, bei diesen Anderen, sage ich, ist es kaum zu vermeiden, 
dass nicht die persönliche Beziehung zum Arzte sich wenigstens 
eine Zeit lang ungebührlich in den Vordergrund drängt; ja es scheint, 
als ob eine solche Einwirkung des Arztes die Bedingung sei, unter 
welcher die Lösung des Problems allein gestattet ist. Ich meine 
nicht, dass es an diesem Sachverhalt etwas Wesentliches ändert, ob man 
sich der Hypnose bedienen konnte oder dieselbe umgehen und ersetzen 
musste. Nur fordert die Billigkeit, hervorzuheben, dass diese üebel- 
stände, obwohl unzertrennlich von unserem Verfahren, doch nicht diesem 
zur Last gelegt werden können. Es ist vielmehr recht einsichtlich, 
dass sie in den Vorbedingungen der Neurosen, die geheilt werden sollen, 
begründet sind, und dass sie sich an jede ärztliche Thätigkeit heften 
werden, die mit einer intensiven Bekümmerung um den Kranken 
einhergeht und eine psychische Veränderung in ihm herbeiführt. 
Auf die Anwendung der Hypnose konnte ich keinen Schaden und 
keine Gefahr zurückführen, so ausgiebigen Gebrauch ich auch in ein- 
zelnen Fällen von diesem Mittel machte. Wo ich Schaden angestiftet 
habe, lagen die Gründe anders und tiefer. Ueberblicke ich die thera- 
peutischen Bemühungen dieser Jahre, seitdem mir die Mittheilungen 
meines verehrten Lehrers und Freundes J. Breuer die kathartische 
Methode in die Hand gegeben haben, so meine ich, ich habe, weit 
mehr und häufiger als geschadet doch genützt und manches zustande 
gebracht, wozu sonst kein therapeutisches Mittel gereicht hätte. Es 
war im Ganzen, wie es die „Vorläufige Mittheilung** ausdrückt, „ein 
bedeutender therapeutischer Gewinn". 

Noch einen Gewinn bei Anwendung dieses Verfahrens muss ich 
hervorheben. Ich weiss mir einen schweren Fall von complicirter Neurose 
mit viel oder wenig Beimengung von Hysterie nicht besser zurecht- 
zulegen, als indem ich ihn einer Analyse mit der Breuer' sehen 
Methode unterziehe. Dabei geht zunächst weg, was den hysterischen 
Mechanismus zeigt; den Best von Erscheinungen habe ich unterdess 
bei dieser Analyse deuten und auf seine Aetiologie zurückführen 
gelernt und habe so die Anhaltspunkte dafür gewonnen, was von 
dem Rüstzeug der Neurosentherapie im betreffenden Falle angezeigt 
ist. Wenn ich an die gewöhnliche Verschiedenheit zwischen meinem 



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— 233 — 

Urtheil über einen Fall von Neurose vor und nach einer solchen 
Analyse denke, gerathe ich fast in Versuchung, diese Analyse für 
unentbehrlich zur Kenntniss einer neurotischen Erkrankung zu halten. 
Ich habe mich ferner daran gewöhnt, die Anwendung der kathartischen 
Psychotherapie mit einer Liegecur zu verbinden, die nach Bedürfniss 
zur vollen Weir-MitchelTschen Mastcur ausgestaltet wird. Ich habe 
dabei den Vortheil, dass ich so einerseits die während einer Psycho- 
therapie sehr störende Einmengung neuer psychischer Eindrücke ver- 
meide, andererseits die Langeweile der Mastcur, in der die Kranken 
nicht selten in ein schädliches Träumen verfallen, ausschliesse. Man 
sollte erwarten, dass die oft sehr erhebliche psychische Arbeit, die 
man während einer kathartischen Cur den Kranken aufbürdet, die 
Erregungen infolge der ßeproduction traumatischer Erlebnisse, dem 
Sinne der W eir-Mitch elTschen Kühe cur zuwideiiiefe und die 
Erfolge verhinderte, die man von ihr zu sehen gewohnt ist. Allein das 
Gegentheil triiBft zu; man erreicht durch solche Combination der 
B r e u e r'schen mit der Weir-Mitchel Tschen Therapie alle körper- 
liche Aufbesserung, die man von letzterer erwartet, und so weitgehende 
psychische Beeinflussung, wie sie ohne Psychotherapie bei der Euhe- 
cur niemals zustande kommt. 

II. 

Ich knüpfe nun an meine früheren Bemerkungen an, bei meinen 
Versuchen, die Breuer'sche Methode im grösseren Umfange anzu- 
wenden, sei ich an die Schwierigkeit gerathen, dass eine Anzahl von 
Kranken nicht in Hypnose zu versetzen war, obwohl die Diagnose 
auf Hysterie lautete und die Wahrscheinlichkeit für die Geltung des 
von uns beschriebenen psychischen Mechanismus sprach. Ich bedurfte 
ja der Hypnose zur Erweiterung des Gedächtnisses, um die im gewöhn- 
lichen Bewusstsein nicht vorhandenen pathogenen Erinnerungen zu 
finden, musste also entweder auf solche Kranke verzichten oder diese 
Enveiterung auf andere Weise zu erreichen suchen. 

Woran es liegt, dass der eine hypnotisirbar ist, der andere 
nicht, das wusste ich mir ebensowenig wie Andere zu deuten, konnte 
also einen causalen Weg zur Beseitigung der Schwierigkeit nicht ein- 
schlagen. Ich merkte nur, dass bei manchen Patienten das Hinderniss 
noch weiter zurück lag; sie weigerten sich bereits des Versuches 
zur Hypnose. Ich kam dann einmal auf den Einfall, dass beide Fälle 
identisch sein mögen und beide ein Nichtwollen bedeuten können. 
Nicht hypnotisirbar sei derjenige, der ein psychisches Bedenken gegen 



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— 234 — 

die Hypnose hat, gleichgiltig, ob er es als Nichtwollen äussert oder 
nicht. Ich bin mir nicht klar geworden, ob ich diese Auffassung fest- 
halten darf. 

Es galt aber, die Hypnose zu umgehen und doch die pathogenen 
Erinnerungen zu gewinnen. Dazu gelangte ich auf folgende Weise : 

Wenn ich bei der erstenZusammenkunft meine Patienten fragte, ob 
sie sich an den ersten Anlass des betreffenden Symptoms erinnerten, 
so sagten die einen, sie wiissten nichts, die anderen brachten 
irgend etwas bei, was sie als eine dunkle Erinnerung bezeichneten 
und nicht weiter verfolgen konnten. Wenn ich nun nach dem Bei- 
spiele von Bernheim bei der Erweckung der angeblich vergessenen 
Eindrücke aus dem Somnambulismus dringlich wurde, Beiden ver- 
sicherte, sie wüssten es, sie würden sich besinnen u. s. w. (vgl. p. 93), 
so fiel den Einen doch etwas ein, und bei Anderen griff die Erinnerung 
um ein Stück weiter. Nun wurde ich noch dringender, hiess die 
Kranken sich niederlegen und die Augen willkürlich schliessen, um 
sich zu „concentriren*, was wenigstens eine gewisse Aehnlichkeit 
mit der Hypnose ergab, und machte da die Erfahrung, dass ohne alle 
Hypnose neue und weiter zurück reichende Erinnerungen auftauchten, 
die wahrscheinlich zu unserem Thema gehörten. Durch solche Er- 
fahrungen gewann ich den Eindruck, es würde in der That möglich 
sein, die doch sicherlich vorhandenen pathogenen Vorstellungsreihen 
durch blosses Drängen zum Vorschein zu bringen, und da dieses 
Drängen mich Anstrengung kostete und mir die Deutung nahe legte, 
ich hätte einen Widerstand zu überwinden, so setzte sich mir der Sachver- 
halt ohne weiteres in die Theorie um, dassichdurch meine psychische 
Arbeit eine psychische Kraft bei dem Patienten zu überwinden 
habe, die sich dem Bewusstwerden (Erinnern) der pathogenen 
Vorstellungen widersetze. Ein neues Verständniss schien sich mir nun 
zu eröffnen, als mir einfiel, diess dürfte wohl dieselbe psychische Kraft 
sein, die bei der Entstehung des hysterischen Symptoms mitgewirkt 
imd damals das Bewusstwerden der pathogenen Vorstellung verhindert 
habe. Was für Kraft war da wohl als wirksam anzunehmen, und 
welches Motiv konnte sie zur Wirkung gebracht haben? Ich konnte 
mir leicht eine Meinung hierüber bilden ; es standen mir ja bereits 
einige vollendete Analysen zu Gebote, in denen ich Beispiele von 
pathogenen, vergessenen und ausser Bewusstsein gebrachten, Vorstel- 
lungen kennen gelernt hatte. Aus diesen ersah ich einen allge- 
meinen Charakter solcher Vorstellungen ; sie waren sämmtlich 



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— 235 — 

peinlicher Natur, geeignet, die Affecte der Scham, des Vorwurfs, des 
psychischen Schmerzes, die Empfindung der Beeinträchtigung hervor- 
zurufen, sämmtlich von der Art, wie man sie gerne nicht erlebt 
haben möchte, wie man sie am liebsten vergisst. Aus alledem ergab 
sich wie von selbst der Gedanke der Abwehr. Es wird ja von den 
Psychologen allgemein zugegeben, dass die Annahme einer neuen 
Vorstellung (Annahme im Sinne des Glaubens, des Zuerkennens von 
Realität) von der Art und Richtung der bereits im Ich vereinigten 
Vorstellungen abhängt, und sie haben für den Vorgang der Censur, dem 
die neu anlangende unterliegt, besondere technische Namen ge- 
schaffen. An das Ich des Kranken war eine Vorstellung herangetreten, 
die sich als unverträglich erwies, die eine Kraft der Abstossung von 
Seiten des Ich wachrief, deren Zweck die Abwehr dieser unverträg- 
lichen Vorstellung war. Diese Abwehr gelang thatsächlich, die be- 
treifende Vorstellung war aus dem Bewusstsein und aus der Erinnerung 
gedrängt, ihre psychische Spur war anscheinend nicht aufzufinden. 
Doch musste diese Spur vorhanden sein. Wenn ich mich bemühte, 
die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, bekam ich dieselbe Kraft als 
Widerstand zu spüren, die sich bei der Genese des Symptoms 
als Abstossung gezeigt hatte. Wenn ich nun wahrscheinlich 
machen konnte, dass die Vorstellung gerade in Folge der Ausstossung 
und Verdrängung pathogen geworden war, so schien die Kette ge- 
schlossen. Ich habe in mehreren Epikrisen unserer Krankengeschichten 
und in einer kleinen Arbeit über die Abwehr-Neuropsychosen (1894) 
versucht, die psychologischen Hypothesen anzudeuten, mit deren Hilfe 
man auch diesen Zusammenhang — die Thatsache der Con version 
— anschaulich machen kann. 

Also eine psychische Kraft, die Abneigung des Ich, hatte ur- 
sprünglich die pathogene Vorstellung aus der Association gedrängt 
und widersetzte sich jetzt ihrer Wiederkehr in der Erinnerung. Das 
Nichtwissen der Hysterischen war also eigentlich ein — mehr oder 
minder bewusstes — Nichtwissenwollen, und die Aufgabe des Thera- 
peuten bestand darin, diesen Associationswiderstand durch 
psychische Arbeit zu überwinden. Solche Leistung erfolgt zuerst durch 
„Drängen", Anwendung eines psychischen Zwanges, um die Aufmerk- 
samkeit der Kranken auf die gesuchten Vorstellungsspuren zu lenken. 
Sie ist aber damit nicht erschöpft, sondern nimmt, wie ich zeigen 
werde, im Verlaufe einer Analyse andere Formen an und ruft weitere 
psychische Kräfte zur Hilfe. 



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— 236 — 

Ich verweile zunächst noch beim Drängen. Mit dem einfachen 
Versichern : Sie wissen es ja, sagen Sie es doch, es wird Ihnen gleich 
einfallen, kommt man doch nicht sehr Aveit. Nach wenigen Sätzen reisst 
auch bei dem in „Concentration** befindlichen Kranken der Faden ab. 
Man darf aber nicht vergessen, dass es sich hier überall um quantitative 
Vergleichung, um den Kampf zwischen verschieden starken oder inten- 
siven Motiven handelt. Dem „ Association s widerstand" bei einer erast- 
haften Hysterie ist das Drängen des fremden und der Sache unkundigen 
Arztes an Macht nicht gewachsen. Man muss auf kräftigere Mittel 
sinnen. 

Da bediene ich mich denn zunächst eines kleinen technis«jhen 
Kunstgriffes. Ich theile dem Kranken mit, dass ich im nächsten 
Moment einen Druck auf seine Stirne ausüben werde, versichere ihm, 
dass er während dieses ganzen Druckes eine Erinnerung als Bild vor 
sich sehen oder als Einfall in Gedanken haben werde, und verpflichte 
ihn dazu, dieses Bild oder diesen Einfall mir mitzutheilen, was immer 
das sein möge. Er dürte es nicht für sich behalten, weil er etwa meine, 
es sei nicht das Gesuchte, das Kichtige, oder weil es ihm zu unan- 
genehm sei, es zu sagen. Keine Kritik, keine Zurückhaltung, weder 
aus Affect noch aus Geringschätzung! Nur so könnten wir das Gesuchte 
finden, so fänden wir es aber unfehlbar. Dann drücke ich für ein paar 
Secunden auf die Stirne des vor mir liegenden Kranken, lasse sie 
frei und frage ruhigen Tones, als ob eine Enttäuschung ausge- 
schlossen wäre: Was haben Sie gesehen? oder: Was ist Ihnen einge- 
fallen ? 

Dieses Verfahren hat mich viel gelehrt und auch jedesmal zum 
Ziel geführt; ich kann es heute nicht mehr entbehren. Ich weiss 
natürlich, dass ich solchen Druck auf die Stirne durch irgend ein 
anderes Signal oder eine andere körperliche Beeinflussung des Kranken 
ersetzen könnte, aber wie der Kranke vor mir liegt, ergibt sich der 
Druck auf die Stirne oder das Fassen seines Kopfes zwischen meinen 
beiden Händen als das Suggestivste und Bequemste, was icli zu diesem 
Zwecke vornehmen kann. Zur Erklärung der Wirksamkeit dieses 
Kunstgriffes könnte ich etwa sagen, er entspreche einer „momentan 
verstärkten Hypnose**, allein der Mechanismus der Hypnose ist mir so 
räthselhaft, dass ich mich zur Erläuterung nicht auf ihn beziehen 
möchte. Ich meine eher, der Vortheil des Verfahrens liegt darin, dass 
ich hiedurch die Aufmerksamkeit des Kranken von seinem bewussten 
Suchen und Nachdenken, kurz von alledem, woran sich sein Wille 



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— 237 — 

äussern kann, dissociire^ ähnlich wie es sich wohl beim Starren in 
eine krystallene Kugel u. dgl. vollzieht. Die Lehre aber, die ich daraus 
ziehe, dass sich unter dem Druck meiner Hand jedesmal das einstellt, 
was ich suche, die lautet: Die angeblich vergessene pathogene Vor- 
stellung liege jedesmal „in der Nähe" bereit, sei durch leicht zugäng- 
liche Associationen erreichbar; es handle sich nur darum, irgend ein 
Hinderniss wegzuräumen. Dieses Hinderniss scheint wieder der Wille 
der Person zu sein, und verschiedene Personen lernen es verschieden 
leicht, sich ihrer Absichtlichkeit zu entäussern und sich vollkommen 
objectiv beobachtend gegen die psychischen Vorgänge in ihnen zu 
verhalten. 

Es ist nicht immer eine „vergessene** Erinnerung, die unter dem 
Druck der Hand auftaucht; in den seltensten Fällen liegen die eigent- 
lich pathogenen Erinnerungen so oberflächlich auffindbar. Weit häufiger 
taucht eine Vorstellung auf, die ein Mittelglied zwischen der Ausgangs- 
vorstellung und der gesuchten pathogenen in der Associationskette ist, 
oder eine Vorstellung, die den Ausgangspunkt einer neuen Keihe von 
Gedanken und Erinnerungen bildet, an deren Ende die pathogene 
Vorstellung steht. Der Druck hat dann zwar nicht die pathogene 
Vorstellung enthüllt, — die übrigens ohne Vorbereitung, aus dem 
Zusammenhange gerissen, unverständlich wäre, — aber er hat den Weg 
zu ihr gezeigt, die Kichtung angegeben, nach welcher die Forschung 
fortzuschreiten hat. Die durch den Druck zunächst geweckte Vor- 
stellung kann dabei einer wohlbekannten, niemals verdrängten Erinne- 
rung entsprechen. Wo auf dem Wege zur pathogenen Vorstellung der 
Zusammenhang wieder abreisst, da bedarf es nur einer Wiederholung 
der Procedur, des Druckes, um neue Orientierung und Anknüpfung 
zu schaffen. 

In noch anderen Fällen weckt man durch den Druck der Hand 
eine Erinnerung, die an sich dem Kranken wohl bekannt, ihn doch 
durch ihr Erscheinen in Verwunderung setzt, weil er ihre Beziehung 
zur Ausgangsvorstellung vergessen hat. Im weiteren Verlaufe der 
Analyse wird diese Beziehung dann erwiesen. Aus all diesen Ergeb- 
nissen des Drückens erhält man den täuschenden Eindruck einer 
überlegenen Intelligenz ausserhalb des Bewusstseins des Kranken, die 
ein grosses psychisches Material zu bestimmten Zwecken geordnet 
hält und ein sinnvolles Arrangement für dessen Wiederkehr in's 
Bewusstsein getroffen hat. Wie ich vermuthe, ist diese unbewusste 
zweite Intelligenz doch nur ein Anschein. 

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— 238 — 

In jeder complicirteren Analyse arbeitet naan wiederholt, ja 
eigentlich fortwährend, mit Hilfe dieser Procedur (des Druckes auf 
die Stirne), welche bald von dort aus, wo die wachen Zurückführungen 
des Patienten abbrechen, den weiteren Weg über bekannt gebliebene 
Erinnerungen anzeigt, bald auf Zusammenhänge aufmerksam macht, 
die in Vergessenheit gerathen sind, dann Erinnerungen hervorruft und 
anreiht, welche seit vielen Jahren der Association entzogen waren, 
aber noch als Erinnerungen erkannt werden können, und endlich als 
höchste Leistung der Keproduction Gedanken auftauchen lässt, die 
der Kranke niemals als die seinigen anerkennen will, die er nicht 
erinnert, obwohl er zugesteht, dass sie von dem Zusammenhang 
unerbittlich gefordert werden, und während er sich überzeugt, dass 
gerade diese Vorstellungen den Abschluss der Analyse und das Auf- 
hören der Symptome herbeiführen. 

Ich will versuchen, einige Beispiele von den ausgezeichneten 
Leistungen dieses technischen Verfahrens an einander zu reihen: Ich 
behandelte ein junges Mädchen mit einer unausstehlichen, seit 6 Jahren 
fortgeschleppten Tussis nervosa, die offenbar aus jedem gemeinen 
Catarrh Nahrung zog, aber doch ihre starken psychischen Motive 
haben musste. Jede andere Therapie hatte sich längst ohnmächtig ge- 
zeigt; ich versuche also das Symptom auf dem Wege der psychischen 
Analyse aufzuheben. Sie weiss nur, dass ihr nervöser Husten begann, 
als sie, 14 Jahre alt, bei einer Tante in Pension war; von psychischen 
Erregungen in jener Zeit will sie nichts wissen, sie glaubt nicht an 
eine Motivirung des Leidens. Unter dem Druck meiner Hand erinnert 
sie sich zuerst an einen grossen Hund. Sie erkennt dann das Erin- 
nerungsbild, es war ein Hund ihrer Tante, der sich ihr anschloss, sie 
überallhin begleitete u. dgl. Ja, und jetzt fällt ihr, ohne weitere Nach- 
hilfe, ein, dass dieser Hund gestorben, dass die Kinder ihn feierlich 
begraben haben, und dass auf dem Rückweg von diesem Begi'äbniss 
ihr Husten aufgetreten ist. Ich frage, warum, muss aber wieder durch 
den Druck nachhelfen; da stellt sich denn der Gedanke ein: Jetzt 
bin ich ganz allein auf der Welt. Niemand liebt mich hier, dieses 
Thier war mein einziger Freund, und den habe ich jetzt verloren, — 
Sie setzt nun die Erzählung fort: Der Husten verschwand, als ich 
von der Tante wegkam, trat aber IV2 Jahre später wieder auf. — 
Was war da der Grund? — Ich weiss nicht. — Ich drücke wieder; 
sie erinnert sich an die Nachricht vom Tode ihres Onkels, bei welcher 
der Husten wieder ausbrach, und an einen ähnlichen Gedankengang. 



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— 239 — 

Der Onkel war angeblich der Einzige in der Familie gewesen, der 
ein Herz für sie gehabt, der sie geliebt hatte. Diess war nun die 
pathogene Vorstellung: Man liebe sie nicht, man ziehe ihr jeden 
anderen vor, sie verdiene es auch nicht, geliebt zu werden u. dgl. An 
der Vorstellung der „Liebe** aber haftete etwas, bei dessen Mitthei- 
lung sich ein arger Widerstand erhob. Die Analyse brach noch vor 

der Klärung ab. 

Vor einiger Zeit sollte ich eine ältere Dame von ihren Angst- 
anfallen befreien, die nach ihren Charaktereigenschaften kaum für 
derartige Beeinflussung geeignet war. Sie war seit der Menopause 
übermässig fromm geworden und empfing mich jedesmal wie den 
Gottseibeiuns, mit einem kleinen elfenbeinernen Crucifix bewaifnet, das 
sie in der Hand verbarg. Ihre Angstanfälle, die hysterischen Charakter 
trugen, reichten in frühe Mädchenjahre zurück und rührten angeblich 
von dem Gebrauche eines Jodpräparates her, mit welchem eine massige 
Schwellung der Thyreoidea rückgängig gemacht werden sollte. Ich 
verwarf natürlich diese Herleitung und suchte sie durch eine andere 
zu ersetzen, die mit meinen Anschauungen über die Aetiologie neu 
rotischer Symptome besser in Einklang stand. Auf die erste Frage 
nach einem Eindruck aus der Jugend, der mit den Angstanfällen in 
causalem Zusammenhang stünde, tauchte unter dem Drucke meiner 
Hand die Erinnerung an die Lecture eines sog. Erbauungsbuches auf, 
in dem eine, pietistisch genug, gehaltene Erwähnung der Sexualvor- 
gänge zu finden war. Die betreffende Stelle machte auf das Mädchen 
einen der Intention des Autors entgegengesetzten Eindruck; sie brach 
in Thränen aus und schleuderte das Buch von sich. Diess war vor 
dem ersten Angstanfall. Ein zweiter Druck auf die Stirne der Kranken 
beschwor eine nächste ßeminiscenz herauf, die Erinnerung an einen 
Erzieher der Brüder, der ihr grosse Ehrfurcht bezeugt und für den 
sie selbst eine wärmere Empfindung verspürt hatte. Diese Erinnerung 
gipfelte in der Keproduction eines Abends im elterlichen Hause, an 
dem sie alle mit dem jungen Manne um den Tisch herum sassen 
und sich im anregenden Gespräch so köstlich unterhielten. In der 
Nacht, die auf diesen Abend folgte, weckte sie der erste Angstanfall, 
der wohl mehr mit der Auflehnung gegen eine sinnliche Kegung als 
mit dem etwa gleichzeitig gebrauchten Jod zu thun hatte. — Auf 
welche andere Weise hätte ich wohl Aussicht gehabt, bei dieser widerspen- 
stigen, gegen mich und jede weltliche Therapie eingenommenen Patientin 
einen solchen Zusammenhang gegen ihre eigene Meinung und Be- 
hauptung aufzudecken? 

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— 240 — 

Ein anderes Mal handelte es sich um eine junge, glücklich ver- 
heirathete Frau, die schon in den ersten Mädchenjahren eine Zeit lang 
jeden Morgen in einem Zustand von Betäubung, mit staiTen Gliedern, 
offenem Mund und vorgestreckter Zunge gefunden wurde, und die 
jetzt ähnliche, wenn auch nicht so arge, AnföUe beim Aufwachen 
wiederholte. Eine tiefe Hypnose erwies sich als unerreichbar; ich be- 
gann also mit der Ausforschung im Zustande der Concentration und 
versicherte ihr beim ersten Druck, sie werde jetzt etwas sehen, was 
unmittelbar mit den Ursachen des Ziistandes in der Kindheit zii- 
sammenhienge. Sie benahm sich ruhig und willig, sah die Wohnung 
wieder, in der sie die ersten Mädchenjahre verbracht hatte, ihr Zimmer, 
die Stellung ihres Bettes, die Grossmutter, die damals mit ihnen 
lebte, und eine ihrer Gouvernanten, die sie sehr geliebt hatte. Mehrere 
kleine Scenen in diesen Bäumen und zwischen diesen Personen, 
eigentlich alle belanglos, folgten einander; den Schluss machte der 
Abschied der Gouvernante, die vom Hause weg heirathete. Mit diesen 
Eeminiscenzen wusste ich nun gar nichts anzufangen, eine Beziehung 
derselben zur Aetiologie der Anfalle konnte ich nicht herstellen. Es 
war allerdings, an verschiedenen Umständen kenntlich, die nämliche 
Zeit, in welcher die Anfälle zuerst erschienen waren. 

Noch ehe ich aber die Analyse fortsetzen konnte, hatte ich Ge- 
legenheit, mit einem Collegen zu sprechen, der in früheren Jahren 
Arzt des elterlichen Hauses meiner Patientin gewesen war. Von ihm 
erhielt ich folgende Aufkläiung: Zur Zeit, da er das reifende, körperlich 
sehr gut entwickelte, Mädchen an jenen ersten Anföllen behandelte, fiel 
ihm die übergrosse Zärtlichkeit im Verkehr zwischen ihr und der im Haus 
befindlichen Gouvernante auf. Er schöpfte Verdacht und veranlasste die 
Grossmutter, die Ueberwachung dieses Verkehres zu übernehmen. Nach 
kurzer Zeit konnte die alte Dame ihm berichten, dass die Gouvernante 
dem Kinde nächtliche Besuche im Bette abzustatten pflege, und dass 
ganz regelmässig nach solchen Nächten das Kind am Morgen im Anfall 
gefunden werde. Sie zögerten nun nicht, die geräuschlose Entfernung 
dieser Jugendverderberin durchzusetzen. Die Kinder und selbst die 
Mutter wurden in der Meinung erhalten, dass die Gouvernante das 
Haus verlasse, um zu heirathen. 

Die, zunächst erfolgreiche, Therapie bestand nun darin, dass ich 
der jungen Frau die mir gegebene Aufklärung mittheilte. 



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— 241 — 

Gelegentlich erfolgen die Aufschlüsse, die man durch die Procedur 
des Drückens erhält, in sehr merkwürdiger Form und unter Um- 
ständen, welche die Annahme einer unbewussten Intelligenz noch ver- 
lockender erscheinen lassen. So erinnere ich mich einer an Zwangs- 
vorstellungen und Phobien seit vielen Jahren leidenden Dame, die 
mich in Betreff der Entstehung ihres Leidens auf ihre Kinderjahre 
verwies, aber auch gar nichts zu nennen wusste, was dafür zu be- 
schuldigen gewesen wäre. Sie war aufrichtig und intelligent und 
leistete nur einen bemerkenswerth geringen, bewussten Widerstand. 
(Ich schalte hier ein, dass der psychische Mechanismus der Zwangs- 
vorstellungen mit dem der hysterischen Symptome sehr viel innere 
V^erwandtschaft hat, und dass die Technik der Analvse für Beide 
die nämliche ist.) 

Als ich diese Dame fragte, ob sie unter dem Drucke meiner 
Hand etwas gesehen oder eine Erinnemng bekommen habe, 
antwortete sie: Keines von Beiden aber mir ist plötzlich ein 
Wort eingefallen. — Ein einziges Wort? — Ja, aber es klingt zu 
dumm. — Sagen Sie es immerhin. — „Hausmeister." — Weiter 
nichts ? — Nein. — Ich drückte zum zweiten Mal, und nun kam wieder 
ein vereinzeltes Wort, das ihr durch den Sinn schoss; „Hemd.'* — 
Ich merkte nun, dass hier eine neuartige Weise Antwort zu geben vorliege, 
und beförderte durch wiederholten Druck eine anscheinend sinnlose Keihe 
von Worten heraus: Hausmeister — Hemd — Bett — Stadt — 
Leiterwagen. Was soll das heissen, fragte ich? Sie sann einen Moment 
nach, dann fiel ihr ein: Das kann nur die eine Geschichte sein, die 
mir jetzt in den Sinn kommt. Wie ich 10 Jahre alt war und meine 
nächstältere Schwester 12, da bekam sie einmal in der Nacht einen 
Tobsuchtsanfall und musste gebunden und auf einem Leiterwagen in 
die Stadt geführt werden. Ich weiss es genau, dass es der Hausmeister 
^var, der sie überwältigte und dann auch in die Anstalt begleitete. — 
Wir setzten nun diese Art der Forschung fort und bekamen von unserem 
Orakel andere Wortreihen zu hören, die wir zwar nicht sämmtlich 
deuten konnten, die sich aber doch zur Fortsetzung dieser Geschichte 
und zur Anknüpfung einer zweiten verwerthen Hessen. Auch die Be- 
deutung dieser Keminiscenz ergab sich bald. Die Erkrankung der 
Schwester hatte auf sie darum so tiefen Eindruck gemacht, weil die 
Beiden ein Geheimniss mit einander theilten; sie schliefen in einem 
Zimmer und hatten in einer bestimmten Nacht Beide die sexuellen 
Angriffe einer gewissen männlichen Person über sich ergehen lassen. 

Breuer u. Freud, Stadien, 16 

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— 242 — 

Mit der Erwähnung dieses sexuellen Traumas in früher Jugend war 
aber nicht nur die. Herkunft der ersten Zwangsvorstellungen, sondern 
auch das späterhin pathogen wirkende Trauma aufgedeckt. — Die 
Sonderbarkeit dieses Falles bestand nur in dem Auftauchen von 
einzelnen Schlagworten, die von uns zu Sätzen verarbeitet werden 
mussten, denn der Schein der Beziehungs- und Zusammenhangslosig- 
keit haftet an den ganzen Einfällen und Scenen, die sich sonst beim 
Drücken ergeben, gerade so wie an diesen orakelhaft hervorgestossenen 
Worten. Bei weiterer Verfolgung stellt sich dann regelmässig heraus, 
dass die scheinbar unzusammenhängenden Keminiscenzen durch Ge- 
dankenbande enge verknüpft sind, und dass sie ganz direct zu dem 
gesuchten pathogenen Moment hinführen. 

Gerne erinnere ich mich daher an einen Fall von Analyse, in 
welchem mein Zutrauen in die Ergebnisse des Drückens zuerst auf 
eine harte Probe gestellt, dann aber glänzend gerechtfertigt wurde: 
Eine sehr intelligente und anscheinend sehr glückliche junge Frau 
hatte mich wegen eines hartnäckigen Schmerzes im' Unterleib con- 
sultirt, welcher der Therapie nicht weichen wollte. Ich erkannte, 
dass der Schmerz in den Bauchdecken sitze, auf greifbare Muskel- 
schwielen zu beziehen sei, und ordnete locale Behandlung an. 

Nacli Monaten sah ich die Kranke wieder, die mir sagte: 
Der Schmerz von damals ist nach der angerathenen Behandlung 
vergangen und lange weggeblieben, aber jetzt ist er als nervöser 
wiedergekehrt. Ich erkenne es daran, dass ich ihn nicht mehr bei 
Bewegungen habe wie früher, sondern nur zu bestimmten Stunden, 
z. B. morgens beim Erwachen und bei Aufregungen von gewisser 
Art. — Die Diagnose der Dame war ganz richtig; es galt jetzt, die Ur- 
sache dieses Schmerzes auffinden, und dazu konnte sie mir im unbe- 
einflussten Zustande nicht verhelfen. In der Concentration und unter 
dem Drucke meiner Hand, als ich sie fragte, ob ihr etwas einfiele 
oder ob sie etwas sehe, entschied sie sich für's Sehen und begann 
mir ihre Gesichtsbilder zu beschreiben. Sie sah etwas wie eine Sonne 
mit Strahlen, was ich natürlich für ein Phosphen, hervorgebracht 
durch Druck auf die Augen, halten musste. Ich erwartete, dass 
Brauchbareres nachkommen würde, allein sie setzte fort: Sterne von 
eigenthümlich blassblauem Licht wie Mondlicht u. dgl. mehr, lauter 
Flimmer, Glanz und leuchtende Punkte vor den Augen, wie ich meinte. 
Ich war schon bereit, diesen Versuch zu den missglückten zu zählen, 
und dachte daran, wie ich mich unauffällig aus der Affaire ziehen 



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— 243 - 

könnte, als mich eine der Erscheinungen, die sie beschrieb, aufmerk- 
sam machte. Ein grosses schwarzes Kreuz, wie sie es sah, das ge- 
neigt stand, an seinen Bändern denselben Lichtschimmer wie vom 
Mondlicht hatte, in dem alle bisherigen Bilder erglänzt hatten, und 
auf dessen Balken ein Flämmchen flackerte; das war doch offenbar 
kein Phosphen mehr. Ich horchte nun auf; es kamen massenhafte 
Bilder in demselben Licht, eigenthümliche Zeichen, die etwa dem 
Sanscrit ähnlich sahen, ferner Figuren wie Dreiecke, ein grosses Drei- 
eck darunter; wiederum das Kreuz . . . Diesmal vermuthe ich eine 
allegorische Bedeutung und frage, was soll dieses Kreuz? — Es ist 
wahrscheinlich der Schmerz gemeint, antwortet sie. — Ich wende 
ein, unter „Kreuz" verstünde man meist eine moralische Last; was 
versteckt sich hinter dem Schmerz? — Sie weiss es nicht zu sagen 
und fährt in ihren Gesichten fort: Eine Sonne mit goldenen Strahlen, 
die sie auch zu deuten weiss, — das ist Gott, die ürkraft; dann 
eine riesengrosse Eidechse, die sie fragend, aber nicht schreckhaft an- 
schaut, dann ein Haufen von Schlangen, dann wieder eine Sonne, aber mit 
milden, silbernen Strahlen, und vor ihr, zwischen ihrer Person und dieser 
Lichtquelle ein Gitter, welches ihr den Mittelpunkt der Sonne verdeckt. 
Ich weiss längst, dass ich es mit Allegorien zu thun habe, und 
frage sofort nach der Bedeutung des letzten Bildes. Sie antwortet, 
ohne sich zu besinnen: Die Sonne ist die Vollkommenheit, das Ideal, 
und das Gitter sind meine Schwächen und Fehler, die zwischen mir und 
dem Ideal stehen. — Ja, machen Sie sich denn Vorwürfe, sind Sie 
mit sich unzufrieden? — Freilich. — Seit wann denn? — Seitdem 
ich Mitglied der theosophischen Gesellschaft bin und die von ihr heraus- 
gegebenen Schriften lese. Eine geringe Meinung von mir hatte ich 
immer. — Was hat denn zuletzt den stärksten Eindruck auf Sie ge- 
macht? — 'Eine Uebersetzung aus dem Sanscrit, die jetzt in Liefe- 
rungen erscheint. — Eine Minute später bin ich in ihre Seelenkämpfe, 
in die Vorwürfe, die sie sich macht, eingeweiht und höre von einem 
kleinen Erlebniss, das zu einem Vorwurf Anlass gab, und bei dem 
der früher organische Schmerz als Erfolg einer Erregungsconversion 
zuerst auftrat. — Die Bilder, die ich anfangs für Phosphene gehalten 
hatte, waren Symbole occultistischer Gedankengänge, vielleicht geradezu 
Embleme von den Titelblättern occultistischer Bücher. 



Ich habe jetzt die Leistungen der Hilfsprocedur des Drückens so 
warm gepriesen und den Gesichtspunkt der Abwehr oder des Wider- 

16* 

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— 244 — 

Standes die ganze Zeit über so sehr vernachlässigt, dass ich sicherlich 
den Eindruck erweckt haben dürfte, man sei nun durch diesen kleinen 
Kunstgriff in den Stand gesetzt, des psychischen Hindernisses gegen 
eine kathartische Cur HeiT zu werden. Allein diess zu glauben, wäre 
ein arger Irrthum ; es gibt dergleichen Profite nicht in der Therapie, 
soviel ich sehe ; zur grossen Veränderung wird hier wie überall grosse 
Arbeit erfordert. Die Druckprocedur ist weiter nichts als ein Kniff, 
das abwehrlustige Ich für eine Weile zu überrumpeln; in allen 
ernsteren Fällen besinnt es sich wieder auf seine Absichten und setzt 
seinen Widerstand fort. 

Ich habe der verschiedenen Formen zu gedenken, in welchen 
dieser Widerstand auftritt. Zunächst das erste oder zweite Mal misslingt 
der Druckversuch gewöhnlich. Der Kranke äussert dann sehr enttäuscht: 
„Ich habe geglaubt, es wird mir etwas einfallen, aber ich habe nur 
gedacht, wie gespannt ich darauf bin; gekommen ist nichts.** Solches 
Sich-in-Positursetzen des Patienten ist noch nicht zu den Hindernissen 
zu zählen; man sagt darauf: „Sie waren eben zu neugierig; das zweite 
Mal wird es dafür 'gehen.** Und es geht dann wirklich. Es ist merk- 
würdig, wie vollständig oft die Kranken — und die gefügigsten und 
intelligentesten mit — an die Verabredung vergessen können, zu der 
sie sich doch vorher verstanden haben. Sie haben versprochen, alles 
zu sagen, was ihnen unter dem Drucke der Hand einfällt, gleichgiltig, 
ob es ihnen beziehungsvoll erscheint oder nicht, und ob es ihnen 
angenehm zu sagen ist oder nicht, also ohne Auswahl, ohne Beein- 
flussung durch Kritik oder Affect. Sie hallen sich aber nicht an dieses 
Versprechen, es geht offenbar über ihre Kräfte. Allemal stockt die Arbeit, 
immer wieder behaupten sie, diesmal sei ihnen nichts eingefallen. Man 
darf ihnen diess nicht glauben, man muss dann immer annehmen und 
auch äussern, sie hielten etwas zurück, weil sie es für unwichtig 
halten oder peinlich empfinden. Man besteht darauf, man wiederholt 
den Druck, man stellt sich unfehlbar, bis man wirklich etwas zu 
hören bekömmt. Dann fügt der Kranke hinzu: „Das hätte ich Ihnen 
schon das erste Mal sagen können.** — Warum haben Sie es nicht 
gesagt? — „Ich hab' mir nicht denken können, dass es das sein 
sollte. Erst als es jedesmal wiedergekommen ist, habe ich mich ent- 
schlossen, es zu sagen**. — Oder: „Ich habe gehofft, gerade das wird 
es nicht sein ; das kann ich mir ersparen zu sagen ; erst als es sich 
nicht verdrängen Hess, habe ich gemerkt, es wird mir nichts geschenkt.^ 
— So verräth der Kranke nachträglich die Moti^^e eines Widerstandes, 

f^ /^f^ n 1 p. Orf gma f f nom 

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- 245 — 

den er anfänglich gar nicht einbekennen wollte. Er kann offenbar 
gar nicht anders als Widerstand leisten. 

Es ist merkwürdig, hinter welchen Ausfluchten sich dieser Wider- 
stand häufig verbirgt. „Ich bin heute zerstreut, mich stört die Uhr 
oder das Ciavierspiel im Nebenzimmer.** Ich habe gelernt, darauf zu 
antworten: Keineswegs, Sie stossen jetzt auf etwas, was Sie nicht 
gerne sagen wollen. Das nützt ihnen nichts. Verweilen Sie nur dabei. 
— Je länger die Pause zwischen dem Druck meiner Hand und der 
Aeusserung des Kranken ausfällt, desto misstrauischer werde ich, desto 
eher steht zu befürchten, dass der Kranke sich das zurechtlegt, was ihm 
eingefallen ist, und es in der Keproduction verstümmelt. Die wichtigsten 
Aufklärrngen kommen häufig mit der Ankündigung als überflüssiges 
Beiwerk, wie die als Bettler verkleideten Prinzen der Oper: „Jetzt 
ist mir etwas eingefallen, das hat aber nichts damit zu schaffen. Ich 
sage es Ihnen nur, weil Sie alles zu wissen verlangen." Mit dieser 
Einbegleitung kommt dann meist die langersehnte Lösung; ich horche 
immer auf, wenn ich den Kranken so geringschätzig von einem Einfall 
reden höre. Es ist nämlich ein Zeichen der gelungenen Abwehr, dass 
die pathogenen Vorstellungen bei ihrem Wiederauftauchen so wenig 
bedeutsam erscheinen; man kann daraus erschliessen, worin der Process 
der Abwehr bestand: er bestand darin, aus der starken Vorstellung 
eine schwache zu machen, ihr den Affect zu entreissen. 

Die pathogene Erinnerung erkennt man also unter anderen Merk- 
malen daran, dass sie vom Kranken als unwesentlich bezeichnet und 
doch nur mit Widerstand ausgesprochen wird. Es gibt auch Fälle, 
wo sie der Kranke noch bei ihrer Wiederkehr zu verleugnen sucht; 
„Jetzt ist mir etwas eingefallen, aber das haben Sie mir offenbar ein- 
geredet**, oder: „Ich weiss, was Sie sich bei dieser Frage erwarten. 
Sie meinen gewiss, ich habe diess und jenes gedacht". Eine besonders kluge 
Weise der Verleugnung liegt darin, zu sagen: „Jetzt ist mir allerdings 
etwas eingefallen; aber das kommt mir vor, als hätte ich es willkürlich 
hinzugefügt; es scheint mir kein reproducirter Gedanke zu sein". — 
Ich bleibe in air diesen Fällen unerschütterlich fest, ich gehe auf 
keine dieser Distinctionen ein, sondern erkläre dem Kranken, das seien 
nur Formen und Vorwände des Widerstandes gegen die Keproduction 
der einen Erinnerung, die wir trotzdem anerkennen müssten. 

Bei der Wiederkehr von Bildern hat man im Allgemeinen leichteres 
Spiel als bu der von Gedanken ; die Hysterischen, die zumeist Visuelle 
sind, machen es dem Analytiker nicht so schwer wie die Leute mit 

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— 246 — 

Zwangsvorstellungen. Ist einmal ein Bild aus der Erinnerung auf- 
getaucht, so kann man den Kranken sagen hören, dass es in dem Maass 
zerbröckele und undeutlich werde, wie er in seiner Schilderung desselben 
fortschreite. Der Kranke trägt es gleichsam ab, indem er es in 
Worte umsetzt. Man orientirt sich nun an dem Erinnerungsbild 
selbst, um die Eichtung zu finden, nach welcher die Arbeit fortzusetzen 
ist. „Schauen Sie sich das Bild nochmals an. Ist es verschwunden? 
— Im Ganzen ja, aber dieses Detail sehe ich noch. — Dann hat 
diess noch etwas zu bedeuten. Sie werden entweder etwas Neues dazu 
sehen, oder es wird Ihnen bei diesem Kest etwas einfallen. — Wenn 
die Arbeit beendigt ist, zeigt sich das Gesichtsfeld wieder frei, man 
kann ein anderes Bild hervorlocken. Andere Male aber bleibt ein solches 
Bild hartnäckig vor dem inneren Auge des Kranken stehen, trotz seiner 
Beschreibung, und das ist für mich ein Zeichen, dass er mir noch 
etwas Wichtiges über das Thema des Bildes zu sagen hat. Sobald er 
diess vollzogen hat, schwindet das Bild, wie ein erlöster Geist zur 
Ruhe eingeht. 

Es ist natürlich von hohem Werth für den Fortgang 
der Analyse, dass man dem Kranken gegenüber jedesmal Recht be- 
halte, sonst hängt man ja davon ab, was er mitzutheilen für gut findet. 
Es ist darum tröstlich zu hören, dass die Procedur des Drückens 
eigentlich niemals fehlschlägt, von einem einzigen Fall abgesehen, 
den ich später zu würdigen habe, den ich aber sogleich durch 
die Bemerkung kennzeichnen kann, er entspreche einem besonderen 
Motiv zum Widerstände. Es kann freilich vorkommen, dass man die 
Procedur unter Verhältnissen anwendet, in denen sie nichts zu Tage 
fördern darf; man fragt z. B. nach der weiteren Aetiologie eines 
Symptoms, wenn dieselbe bereits abgeschlossen vorliegt, oder man 
forscht nach der psychischen Genealogie eines Symptoms, etwa eines 
Schmerzes, der in Wahrheit ein somatischer Schmerz war; in diesen 
Fällen behauptet der Kranke gleichfalls, es sei ihm nichts eingefallen, 
und befindet sich im Rechte. Man wird sich davor behüten, ihm Unrecht 
zu thuii, wenn man es sich ganz allgemein zur Regel macht, während 
der Analyse die Miene des ruhig Daliegenden nicht aus dem Auge 
zu lassen. Man lernt dann ohne jede Schwierigkeit, die seelische Ruhe 
bei wirklichem Ausbleiben einer Eeminiscenz von der Spannung und 
den Affectanzeichen zu unterscheiden, unter welchen der Kranke im 
Dienste der Abwehr die auftauchende Reminiscenz zu verleugnen 
sucht. Auf solchen Erfahrungen ruht übrigens auch die dififerential- 
diagnostische Anwendung der DruckproceJur. 

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— 247 — 

Es ist also die Arbeit auchmitHilfederDruckprocedurkeine mühelose. 
Man hat nur den einen Vortheil gewonnen, dass man aus den Ergebnissen 
dieses Verfahrens gelernt hat, nach welcher Kichtung man zu forschen, und 
welche Dinge man dem Kranken aufzudrängen hat. Für manche Fälle 
reicht diess aus; es handelt sich ja wesentlich darum, dass ich das 
Geheimniss errathe und es dem Kranken in's Gesicht zusage ; er rauss 
dann meist seine Ablehnung aufgeben. In anderen Fällen brauche ich 
mehr; der überdauernde Widerstand des Kranken zeigt sich darin, 
dass die Zusammenhänge reissen, die Lösungen ausbleiben, die er- 
innerten Bilder undeutlich und unvollständig kommen. Man erstaunt 
oft, wenn man aus einer späteren Periode einer Analyse auf die 
frühern zurückblickt, wie verstümmelt alle die Einfälle und Scenen 
waren, die mau dem Kranken durch die Procedur des Drückens ent- 
rissen hat. Es fehlte gerade das Wesentliche daran, die Beziehung 
auf die Person oder auf das Thema, und das Bild blieb darum unver- 
ständlich. Ich will ein oder zwei Beispiele für das Wirken einer solchen 
Censurirung beim ersten Auftauchen der pathogenen Erinnerungen geben. 
Der Kranke sieht z. B. einen weiblichen Oberkörper, an dessen Hülle 
wie durcli Nachlässigkeit etwas klafft; erst viel später fügt er zu 
diesem Torso den Kopf, um damit eine Person und eine Beziehung 
zu veiTathen. Oder er erzählt eine ßeminiscenz aus seiner Kindheit von 
zwei Buben, deren Gestalt ihm ganz dunkel ist, denen man eine 
gewisse Unart nachgesagt hätte. Es bedarf vieler Monate und grosser 
Fortschritte im Gange der Analyse, bis er diese ßeminiscenz wieder- 
sieht und in dem einen der Kinder sich selbst, im -anderen seinen 
Bruder erkennt. Welche Mittel hat man nun zur Verfügung, um diesen 
fortgesetzten Widerstand zu überwinden? 

Wenige, aber doch fast alle die, durch die sonst ein Mensch eine 
psychische Einwirkung auf einen anderen übt. Man muss sich zunächst 
sagen, dass psychischer Widerstand, besonders ein seit langem con,- 
stituirter, nur langsam und schrittweise aufgelöst werden kann, und muss 
in Geduld warten. Sodann darf man auf das intellectuelle Interesse 
rechnen, das sich nach kurzer Arbeit beim Kranken zu regen beginnt. 
Indem man ihn aufklärt, ihm von der wundersamen Welt der psychischen 
Vorgänge Mittheiluugen macht, in die man selbst erst durch solche 
Analysen Einblick gewonnen hat, gewinnt man ihn selbst zum Mit- 
arbeiter, bringt man ihn dazu, sich selbst mit dem objectiven Interesse 
des Forschers zu betrachten, und drängt so den auf affectiver Basis 
beruhenden Widerstand zurück. Endlich aber, — und diess bleibt der 



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- 248 — 

stärkste Hebel — , muss man versuchen, nachdem man die Motive seiner 
Abwehr errathen, diese Motive zu entwerthen, oder selbst sie durch stärkere 
zu ersetzen. Hier hört wohl die Möglichkeit auf, die psychotherapeutische 
Thätigkeit in Formeln zu fassen. Man wirkt, so gut man kann, als 
Aufklärer, wo die Ignoranz eine Scheu erzeugt hat, als Lehrer, als* 
Vertreter einer freieren oder überlegenen Weltauffassung, als Beicht- 
hörer, der durch die Fortdauer seiner Theilnahme und seiner Achtung 
nach abgelegtem Geständniss gleichsam Absolution ertheilt; man sucht 
dem Kranken menschlich etwas zu leisten, soweit der Umfang der 
eigenen Persönlichkeit und das Maass von Sympathie, das man für 
den betreffenden Fall aufbringen kann, diess gestatten. Für solche 
psychische Bethätigung ist als unerlässliche Voraussetzung erforderlich, 
dass man die Natur des Falles und die Motive der hier wirksamen 
Abwehr ungefähr errathen habe, und zum Glück trägt die Technik 
des Drängens und der Druckprocedur gerade so weit. Je mehr man* 
dergleichen Käthsel bereits gelöst hat, desto leichter wird man viel- 
leicht ein neues errathen, und desto früher wird man die eigentlich 
heilende psychische Arbeit in Angriff nehmen können. Denn es ist 
gut, sich diess völlig klar zu machen : Wenn auch der Kranke sich 
von dem hysterischen Symptom erst befreit, indem er die es ver 
ursachenden pathogenen Eindrücke reproducirt und unter Affectäüsserung 
ausspricht, so liegt doch die therapeutische Aufgabe nur darin, 
ihn dazu zu bewegen, und wenn diese Aufgabe einmal gelöst 
ist, so bleibt für den Arzt nichts mehr zu corrigiren oder aufzuheben 
übrig. Alles, was es an Gegensuggestionen dafür braucht, ist bereits 
während der Bekämpfung des Widerstandes aufgewendet worden. Der 
Fall ist etwa mit dem Aufschliessen einer versperrten Thüre zu ver- 
gleichen, wonach das Niederdrücken der Klinke, um sie zu öffnen, 
keine Schwierigkeit mehr hat. 

Neben den intellectuellen Motiven, die man zur Ueberwindung 
des Widerstandes heranzieht, wird man ein affectives Moment, die 
persönliche Geltung des Arztes, selten entbehren können, und in einer 
Anzahl von Fällen wird Letzteres allein im Stande sein, den Wider- 
stand zu beheben. Das ist hier nicht anders als sonst in der Medizin, 
und man wird keiner therapeutischen Methode zumuthen dürfen, auf 
die Mitwirkung dieses persönlichen Momentes gänzlich zu ver- 
zichten. 



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— 249 



III, 



Angesichts der Ausführungen des vorstehenden Abschnittes, der 
Schwierigkeiten meiner Technik, die ich rückhaltlos aufgedeckt habe, 
— ich habe sie übrigens aus den schwersten Fällen zusammenge- 
tragen, es wird oft sehr viel bequemer gehen — ; angesichts dieses 
Sachverhaltes also wird wohl jeder die Frage aufvverfen wollen, ob 
es nicht zweckmässiger sei, anstatt all dieser Quälereien sich energi- 
scher um die Hypnose zu bemühen ode.* die Anwendung der kathar- 
tischen Methode auf solche Kranke zu beschränken, die in tiefe 
Hypnose zu versetzen sind. Auf letzteren Vorschlag müsste ich ant- 
worten, dass dann die Zahl der brauchbaren Patienten für meine Ge- 
schicklichkeit allzusehr einschrumpfen würde; dem ersteren Rath aber 
werde ich die Muthmaassung entgegensetzen, es dürfte durch Erzwingen 
der Hypnose nicht viel vom Widerstand zu ersparen sein. Meine Erfah- 
rungen hierüber sind eigenthümlicher Weise nur wenig zahlreich, ich 
kann daher nicht über die Muthmaassung hinauskommen : aber wo 
ich eine kathartische Cur in der Hypnose anstatt in der Concentra- 
tion durchgeführt habe, fand ich die mir zufallende Arbeit dadurch 
nicht verringert. Ich habe erst unlängst eine solche Behandlung be- 
endigt, in deren Verlauf ich eine hysterische Lähmung der Beine zum 
Weichen brachte. Die Patientin gerieth in einen Zustand, der psychisch 
vom Wachen sehr verschieden war und somatisch dadurch ausge- 
zeichnet, dass sie die Augen unmöglich öffnen oder sich erheben 
konnte, ehe ich ihr zugerufen hatte: Jetzt wachen Sie auf, und doch 
habe ich in keinem Falle grösseren Widerstand gefunden als gerade 
in diesem. Ich legte auf diese körperlichen Zeichen keinen Werth, 
und gegen Ende der, zehn Monate währenden, Behandlung waren sie 
auch unmerklich geworden ; der Zustand der Patientin, in dem wir 
arbeiteten, hatte darum von seinen psychischen Eigenthümlichkeiten, 
der Fähigkeit sich an ünbewusstes zu erinnern, der ganz besonderen 
Beziehung zur Person des Arztes nichts eingebüsst. In der Geschichte 
der Frau Emmy v. N. . . habe ich allerdings ein Beispiel einer im 
tiefsten Somnambulismus ausgeführten kathartischen Cur geschildert, 
in welcher der Widerstand fast keine Kolle spielte. Allein von dieser 
Frau habe ich auch nichts erfahren, zu dessen Mittheilung es einer 
besonderen Ueberwindung bedurft hätte, nichts, was sie mir nicht bei 
längerer Bekanntschaft und einiger Schätzung auch im Wachen hätte 
erzählen können. Auf die eigentlichen Ursachen ihrer Erkrankung, 

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— 250 

sicherlich identisch mit den Ursachen ihrer Kecidiven nach meiner 
Behandlung, bin ich gar nicht gekommen; — es war eben mein erster 
Versuch in dieser Therapie, — und das einzige Mal, als ich zufällig 
eine Keminiscenz von ihr forderte, in die sich ein Stack Erotik ein- 
mengte, fand ich sie ebenso widerstrebend und unverlässlich in ihren 
Angaben wie später irgend eine andere meiner nicht somnambulen 
Patientinnen. Von dem Widerstand dieser Frau auch im Somnambulis- 
mus gegen andere Anforderungen und Zumuthungen habe ich bereits 
in ihrer Krankengeschichte gesprochen. Ueberhaupt ist mir der 
Werth der Hypnose für die Erleichterung kathartischer Curen zweifel- 
haft geworden, seitdem ich Beispiele erlebt habe von absoluter thera- 
peutischer Unfügsamkeit bei ausgezeichnetem andersartigen Gehorsam im 
tiefen Somnambulismus. Einen Fall dieser Art habe ich kurz auf p. 85 
mitgetheilt; ich könnte noch andere hinzufügen. Ich gestehe übrigens, 
dass diese Erfahrung meinem Bedürfniss nach quantitativer Kelation 
zwischen Ursache und Wirkung auch auf psychischem Gebiete nicht 
übel entsprochen hat. 

In der bisherigen Darstellung hat sich uns die Idee des Wider- 
st an des in den Vordergrund gedrängt; ich habe gezeigt, wie man 
bei der therapeutischen Arbeit zu der Auffassung geleitet wird, die 
Hysterie entstehe durch die Verdrängung einer unverträglichen Vor- 
stellung aus dem Motive der Abwehr, die verdrängte Vorstellung 
bleibe als eine schwache (wenig intensive) Erinnerungsspur bestehen, 
der ihr entrissene Affect werde für eine somatische Innervation ver- 
wendet: Conversion der Erregung. Die Vorstellung werde also gerade 
durch ihre Verdrängung Ursache krankhafter Symptome, also pathogen. 
Einer Hysterie, die diesen psychischen Mechanismus aufweist, darf 
man den Namen „Abwehrhysterie*" beilegen. Nun haben wir Beide, 
Breuer und icn, zu wiederholten Malen von zwei anderen Arten der 
Hysterie gesprochen, für welche wir die Namen „Hypnoid- und 
Retentionshysterie" in Gebrauch zogen. Die Hypnoidhysterie ist 
diejenige, die überhaupt zuerst in unseren Gesichtskreis getreten ist; 
ich wüsste ja kein besseres Beispiel für eine solche anzuführen als 
den ersten Fall Breuer's, der unter unseren Krankengeschichten an 
erster Stelle steht. Für eine solche Hypnoidhysterie hat Breuer einen 
von dem der Conversionsabwehr wesentlich verschiedenen psychischen 
Mechanismus angegeben. Hier soll also eine Vorstellung dadurch 
pathogen werden, dass sie, in einem besonderen psychischen Zustand 

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— 251 — 

empfangen, von vorne herein ausserhalb des Ich verblieben i>t. Es 
hat also keiner psychischen Kraft bedurft, sie von dem Ich abzuhalten, 
und es darf keinen Widerstand erwecken, wenn man sie mit Hilfe 
der somnambulen Geistesthätigkeit in das Ich einführt. Die Kranken- 
geschichte der Anna 0. zeigt auch wirklich nichts von einem solchen 
Widerstand. 

Ich halte diesen Unterschied für so wesentlich, dass ich mich 
durch ihn gerne bestimmen lasse, an der Aufstellung der Hypnoid- 
hysterie festzuhalten. Meiner eigenen Erfahrung ist merkwürdiger 
Weise keine echte Hypnoidhysterie begegnet; was ich in Angriff 
nahm, verwandelte sich in Abwehrhysterie. Nicht etwa, dass ich es 
niemals mit Symptomen zu thun gehabt hätte, die nachweisbar in ab- 
gesonderten Bewusstseinszuständen entstanden waren und darum von 
der Aufnahme in's Ich ausgeschlossen bleiben mussten. Diess traf 
auch in meinen Füllen mitunter zu, aber dann konnte ich doch nach- 
weisen, dass der sog. hypnoide Zustand seine Absonderung dem Um- 
stand verdankte, dass in ihm eine vorher durch Abwehr abgespaltene 
psychisclie Gruppe zur Geltung kam. Kurz, ich kann den Verdacht 
nicht unterdrücken, dass Hypnoid- und Abwehrhysterie irgendwo an 
ihrer Wurzel zusammentreffen, und dass dabei die Abwehr das Primäre 
ist. Ich weiss aber nichts darüber. 

Gleich unsicher ist derzeit mein Urtheil über die „Retentions- 
hysterie**, bei welcher die therapeutische Arbeit gleichfalls ohne Wider- 
stand erfolgen sollte. Ich habe einen Fall gehabt, den ich für eine 
typische Retentionshysterie gehalten habe; ich freute mich auf den 
leichten und sicheren Erfolg, aber dieser Erfolg blieb aus, so leicht 
auch wirklich die Arbeit war. Ich vermuthe daher, wiederum mit 
aller Zurückhaltung, die der Unwissenheit geziemt, dass auch bei der 
Retentionshysterie auf dem Grunde ein Stück Abwehr zu finden ist, 
welches den ganzen Vorgang in's Hysterische gedrängt hat. Ob ich 
mit dieser Tendenz zur Ausdehnung des Abwehrbegi-iffes auf die ge- 
sammte Hysterie Gefahr laufe, der Einseitigkeit und dem Irrthum zu 
verfallen, werden ja hoffentlich neue Erfahrungen bald entscheiden. 



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Ich habe bisher von den Schwierigkeiten und der Technik der 
kathartischen Methode gehandelt und möchte noch einige Andeutungen 
hinzufügen, wie sich mit dieser Technik eine Analyse gestaltet. Es 
ist diess ein für mich sehr interessantes Thema, von dem ich aber 
nicht erwarten kann, es werde ähnliches Interesse bei Anderen erregen, 
die noch keine solche Analyse ausgeführt haben. Es wird eigentlich 
wiederum von Technik die Rede sein, aber diesmal von den inhaltlichen 
Schwierigkeiten, für die man den Kranken nicht verantwortlich machen 
kann, die zum Theil bei einer Hypnoid- und Retentionshysterie die- 
selben sein müssten wie bei den mir als Muster vorschwebenden 
Abwehrhysterien. Ich gehe an dieses letzte Stück der Darstellung 
mit der Erwartung, die hier aufzudeckenden psychischen Eigen- 
thümlichkeiten könnten einmal für eine Vorstellungsdynaraik einen 
gewissen Werth als Rohmaterial erlangen. 

Der erste und mächtigste Eindruck, den man sich bei einer 
solchen Analyse holt, ist gewiss der, dass das pathogene psychische 
Material, das angeblich vergessen ist, dem Ich nicht zur Verfügung 
steht, in der Association und im Erinnern keine Rolle spielt, — doch 
in irgend einer Weise bereit liegt, und zwar in richtiger und guter 
Ordnung. Es handelt sich nur darum, Widerstände zu beseitigen, die 
den Weg dazu versperren. Sonst aber wird es gewusst, wie wir über- 
haupt etwas wissen können; die richtigen Verknüpfungen der einzelnen 
Vorstellungen unter einander und mit nicht pathogenen, häufig er- 
innerten, sind vorhanden, sind seinerzeit vollzogen und im Gedächtniss 
bewahrt worden. Das pathogene psychische Material erscheint als das 
Eigenthum einer Intelligenz, die der des normalen Ich nicht noth- 
wendig nachsteht. Der Schein einer zweiten Persönlichkeit wird oft 
auf das täuschendste hergestellt. 

Ob dieser Eindruck berechtigt ist, ob man dabei nicht die An- 
ordnung des psychischen Materials, die nach der Erledigung resultirt, 
in die Zeit der Krankheit zurückverlegt, diess sind Fragen, die ich 
noch nicht und nicht an dieser Stelle in Erwägung ziehen möchte. 
Man kann die bei solchen Analysen gemachten Erfahrungen jedenfalls 
nicht bequemer und anschaulicher beschreiben, als wenn man sich 
auf den Standpunkt stellt, den man nach der Erledigung zur Ueber- 
schau des Ganzen einnehmen darf. 

Die Sachlage ist ja meist keine so einfache, wie man sie für 
besondere Fälle, z. B. für ein einzelnes, in einem grossen Trauma 
entstandenes Symptom dargestellt hat. Man hat zumeist nicht ein 

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— 253 — 

einziges hysterisches Symptom, sondern eine Anzahl von solchen, die theils 
unabhängig von einander, theils mit einander verknüpft sind. Man darf 
nicht eine einzige traumatische Erinnerung und als Kern derselben eine 
einzige pathogene Vorstellung erwarten, sondern muss auf Reihen von 
Partialtraum en und Verkettungen von pathogenen Gedankengängen 
gefasst sein. Die monosymptomatische traumatische Hysterie ist gleichsam 
ein Elementarorganismus, ein einzelliges Wesen im Vergleich zum 
complicirten Gefüge einer schwereren hysterischen Neurose, wie wir 
ihr gemeinhin begegnen. 

Das psychische Material einer solchen Hysterie stellt sich nun 
dar als ein mehrdimensionales Gebilde von mindeste4is dreifacher 
Schichtung. Ich hoffe, ich werde diese bildliche Ausdrucksweise bald 
rechtfertigen können. Es ist zunächst ein Kern vorhanden von 
solchen Erinnerungen (an Erlebnisse oder Gedankengänge), in denen 
das traumatische Moment gegipfelt, oder die pathogene Idee ihre 
reinste Ausbildung gefunden hat. Um diesen Kern herum findet 
man eine oft unglaublich reichliche Menge von anderem Erinnerungs- 
material, die man bei der Analyse durcharbeiten muss in, wie er- 
wähnt, dreifacher Anordnung. Erstens ist eine lineare chrono- 
logische Anordnung unverkennbar, die innerhalb jedes einzelnen 
Themas statthat. Als Beispiel für diese citire ich bloss die An- 
ordnungen in Br eueres Analyse der Anna 0. Das Thema sei das des 
Taubwerdens, des Nichthörens (pag. 28); das dififerenzirte sich dann 
nach 7 Bedingungen, und unter jeder üeberschrift waren 10 bis über 
100 Einzelerinnerungen in chronologischer Keihenfolge gesammelt. Es 
war, als ob man ein, wohl in Ordnung gehaltenes, Archiv ausnehmen 
würde. In der Analyse meiner Patientin Emmy v. N . . . sind ähnliche, 
wenn auch nicht so vollzählig dargestellte Erinnerungsfascikel enthalten : 
sie bilden aber ein ganz allgemeines Vorkommniss in jeder Analyse, 
treten jedesmal in einer chronologischen Ordnung auf, die so unfehlbar 
verlässlich ist wie die Reihenfolge der Wochentage oder Monate- 
namen beim geistig normalen Menschen, und erschweren die Arbeit der 
Analyse durch die Eigenthümlichkeit, dass sie die Reihenfolge ihrer 
Entstehung bei der Reproduction umkehren; das frischeste, jüngste 
Erlebniss des Fascikels kommt als „Deckblatt" zuerst, und den Schluss 
macht jener Eindruck, mit dem in Wirklichkeit die Reihe anfing. 

Ich habe die Gruppirung gleichartiger Erinnerungen zu einer 
linear geschichteten Mehrheit, wie es ein Actenbündel, ein Paket udgl. 
darstellt, als Bildung eines Themas bezeichnet. Diese Themen nun 

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— 254 — 

zeigen eine zweite Art von Anordnung ; sie sind, ich kann es nicht anders 
ausdrücken, concentrisch um den pathogenen Kern geschichtet. 
Es ist nicht schwer zu sagen, was diese Schichtung ausmacht, nach welcher 
ab- oder zunehmenden Grösse diese Anordnung erfolgt. Es sind 
Schichten gleichen, gegen den Kern hin wachsenden Widerstandes 
und damit Zonen gleicher Bewusstseinsveränderung, in denen 
sich die einzelnen Themen erstrecken. Die periphersten Schichten enthalten 
von verschiedenen Themen jene Erinnerungen (oder — Eascikel), die 
leicht erinnert werden und immer klar bewusst waren ; je tiefer man 
geht, desto schwieriger werden die auftauchenden Erinnerungen er- 
kannt, bis man nahe am Kern auf solche stösst, die der Patient noch 
bei der Reproduction verleugnet. 

Diese Eigenthümlichkeit der concentrischen Schichtung des patho- 
genen psychischen Materials ist es, die dem Verlaufe solcher 
Analysen ihre, wie wir hören werden, charakteristischen Züge verleiht. 
Jetzt ist noch eine dritte Art von Anordnung zu erwähnen, die 
wesentlichste, über die am wenigsten leicht eine allgemeine Aussage 
zu machen ist. Es ist die Anordnung nach dem Gedankeninhalt, die 
Verknüpfung durch den bis zum Kern reichenden logischen Faden, 
der einem in jedem Falle besonderen, unregelmässigen und vi(;lfach 
abgeknickten Weg entsprechen mag. Diese Anordnung hat einen 
dynamischen Charakter, im Gegensatz zum moi'phologischen der beiden 
vorerst erwähnten Schichtungen. Während letztere in einem räumlich 
ausgeführten Schema durch starre, bogenförmige und gerade Linien 
darzustellen wären, müsste man dem Gang der logischen Verkettung 
mit einem Stäbchen nachfahren, welches auf den verschlungensten 
Wegen aus oberflächlichen in tiefe Schichten und zurück, doch im 
Allgemeinen von der Peripherie her zum centralen Kern vordringt und 
dabei alle Stationen berühren muss, also ähnlich wie das Zickzack der 
Lösung einer Rösselsprungaufgabe über die Felderzeichnung hinweggeht. 

Ich halte letzteren Vergleich noch für einen Moment fest, um 
einen Punkt hervorzuheben, in dem er den Eigenschaften des Verglichenen 
nicht gerecht wird. Der logische Zusammenhang entspricht nicht nur 
einer zickzackförmig geknickten Linie, sondern vielmehr einer ver- 
zweigten, und ganz besonders einem convergirenden Liniensystem. Er 
hat Knotenpunkte, in denen zwei oder mehrere Fäden zusammentreffen, 
um von da an vereinigt weiterzuziehen, und in den Kern münden in 
der Regel mehrere unabhängig von einander verlaufende oder durch 
Seitenwege stellenweise verbundene Fäden ein. Es ist sehr bemerkens- 



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— 255 — 

werth, um es mit anderen Worten zu sagen, wie häufig ein Symptom 
mehrfach determinirt, überbestimmt ist. 

Mein Versuch, die Organisation des pathogenen psychischen 
Materials zu veranschaulichen, wird abgeschlossen sein, wenn ich noch 
eine einzige Complication einführe. Es kann nämlich der Fall vor- 
liegen, dass es sich um mehr als einen einzigen Kern im pathogenen 
Material handle, so z. B. wenn ein zweiter hysterischer Ausbruch zu 
analysiren ist, der seine eigene Aetiologie hat, aber doch mit einem, 
Jahre vorher überwundenen, ersten Ausbruch acuter Hysterie zu- 
sammenhängt. Man kann sich dann leicht vorstellen, welche Schichten 
und Gedankenwege hinzukommen müssen, um zwischen den beiden 
pathogenen Kernen eine Verbindung herzustellen. 

Ich will an das so gewonnene Bild von der Organisation des 
pathogenen Materiales noch die eine oder die andere Bemerkung an- 
knüpfen. Wir haben von diesem Material ausgesagt, es benehme sich 
wie ein Fremdköi-per ; die Therapie wirke auch wie die Entfernung 
eines Fremdkörpers aus dem lebenden Gewebe. Wir sind jetzt in der 
Lage einzusehen, worin dieser Vergleich fehlt. Ein Fremdkörper geht 
keinerlei Verbindung mit den ihn umlagernden Gewebsschichten ein, 
obwohl er dieselben verändert, zur reactiven Entzündung nöthigt. 
Unsere pathogene psychische Gruppe dagegen lässt sich nicht sauber 
aus dem Ich herausschälen, ihre äusseren Schichten gehen allseitig in 
Antheile des normalen Ich über, gehören letzterem eigentlich ebenso 
sehr an wie der pathogenen Organisation. Die Grenze zwischen Beiden 
wird bei der Analyse rein conventioneil, bald hier, bald dort gesteckt, 
ist an einzelnen Stellen wohl gar nicht anzugeben. Die inneren Schichten 
entfremden sich dem Ich immer mehr und mehr, ohne dass wiederum 
die Grenze des Pathogenen irgendwo sichtbar begänne. Die pathogene 
Organisation verhält sich nicht eigentlich wie ein Fremdkörper, sondern 
weit eher wie ein Infiltrat. Als das Infiltrirende muss in diesem 
Gleichniss der Widerstand genommen werden. Die Therapie besteht 
ja auch nicht darin, etwas zu exstirpiren, — das vermag die Psycho- 
therapie heute nicht, — sondern den Widerstand zum Schmelzen zu 
bringen und so der Circulation den Weg in ein bisher abgesperrtes 
Gebiet zu bahnen. 

(Ich bediene mich hier einer Reihe von Gleichnissen, die alle 
nur eine recht begrenzte Aehnlichkeit mit meinem Thema haben, und 
die sich auch unter einander nicht vertragen. Ich nreiss dies, und 
bin nicht in Gefahr, deren Werth zu überschätzen, aber mich leitet 



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— 256 — 

die Absicht, ein höchst complicirtes und noch niemals dai^gestelltes 
Denkobject von verschiedenen Seiten her zu veranschaulichen, und 
darum erbitte ich mir die Freiheit, auch noch auf den folgenden 
Seiten in solcher, nicht einwandfreien Weise mit Vergleichen zu 
schalten.) 

Wenn man nach vollendeter Erledigung das pathogene Material 
in seiner nun erkannten, complicirten, mehrdimensionalen Organisation 
einem Dritten zeigen könnte, würde dieser mit Recht die Frage auf- 
werfen : Wie kam ein solches Kameel durch das Nadelöhr ? Man 
spricht nämlich nicht mit unrecht von einer ^^Enge des Bewusstseins**. 
Der Terminus gewinnt Sinn und Lebensfrische für den Arzt, der eine 
solche Analyse durchführt. Es kann immer nur eine einzelne Er- 
innerung in's Ichbewusstsein eintreten ; der Kranke, der mit der Durch- 
arbeitung dieser einen beschäftigt ist, sieht nichts von dem, was 
nachdrängt, und vergisst an das, was bereits durchgedrungen ist. 
Stösst die Bewältigung dieser einen pathogenen Erinnerung auf 
Schwierigkeiten, wie z. B. wenn der Kranke mit dem Widerstände 
gegen sie nicht nachlässt, wenn er sie verdrängen oder verstümmeln 
will, SU ist der Engpass gleichsam verlegt; die Arbeit stockt, es kann 
nichts anderes kommen, und die eine im Durchbruch befindliche Er- 
innerung bleibt vor dem Kranken stehen, bis er sie in die Weite des 
Ich's aufgenommen hat. Die ganze räumlich ausgedehnte Masse des 
pathogenen Materials wird so durch eine enge Spalte durchgezogen, 
langt also, wie in Stücke oder Bänder zerlegt, im Bewusstsein an. Es 
ist Aufgabe des Psychotherapeuten, daraus die vermuthete Organisation 
wieder zusammenzusetzen. Wer noch nach Vergleichen gelüstet, der 
mag sich hier an ein Geduldspiel erinnern. 

Steht man davor, eine solche Analyse zu beginnen, wo man 
eine derartige Organisation des pathogenen Materials erwarten darf, 
kann man sich folgende Ergebnisse der Erfahrung zu Nutze machen : E s 
ist ganz aussichtslos, directe zum Kern der pathogenen Or- 
ganisation vorzudringen. Könnte man diesen selbst errathen, 
so würde der Kranke doch mit der ihm geschenkten Aufklärung nichts 
anzufangen wissen und durch sie psychisch nicht verändert werden. 

Es bleibt nichts übrig, als sich zunächst an die Peripherie des 
pathogenen psychischen Gebildes zu halten. Man beginnt damit, den 
Kranken erzählen zu lassen, was er weiss und erinnert, wobei man 
bereits seine Aufmerksamkeit dirigirt und durch Anwendung der Druck- 
procedur leichtere Widerstände überwindet. Jedesmal, wenn man 

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durch Drücken einen neuen Weg eröffnet hat, darf man erwarten, 
dass der Kranke ihn ein Stuck weit ohne neuen Widerstand fort- 
setzen wird. 

Hat man eine Weile auf solche Weise gearbeitet, so regt sich 
gewöhnlich eine mitarbeitende Thätigkeit im Kranken. Es fallen ihm 
jetzt eine Fülle von Reminiscenzen ein, ohne dass man ihm Fragen 
und Aufgaben zu stellen braucht; man hat sich eben den Weg in 
eine innere Schichte gebahnt, innerhalb welcher der Kranke jetzt über 
das Material von gleichem Widerstände spontan verfügt. Man thut 
gut daran, ihn eine Weile unbeeinflusst reproduciren zu lassen; er ist 
selber zwar nicht im Stande, wichtige Zusammenhänge aufzudecken, 
aber das Abtragen innerhalb derselben Schichte darf man ihm über- 
lassen. Die Dinge, die er so beibringt, scheinen oft zusammenhanglos, 
geben aber das Material ab, das durch späterhin erkannten Zusammen- 
hang belebt wird. 

Man hat sich hier im Allgemeinen vor zweierlei zu bewahren. 
Wenn man den Kranken in der Reproduction der ihm zuströmenden 
Einfälle hemmt, so kann man sich manches „verschütten", was späterhin 
mit grosser Mühe doch freigemacht werden muss. Andererseits darf 
man seine „unbewusste Intelligenz" nicht überschätzen und ihr nicht 
die Leitung der ganzen Arbeit überlassen. Wollte ich den Arbeits- 
modus schematisiren, so könnte ich etwa sagen, man übernimmt selbst 
die Eröffnung innerer Schichten, das Vordringen in radialer Kichtung, 
während der Kranke die peripherische Erweiterung besorgt. 

Das Vordringen geschieht ja dadurch, dass man in der vorhin 
angedeuteten Weise Widerstand überwindet. In der Regel aber hat 
man vorher noch eine andere Aufgabe zu lösen. Man muss ein Stück 
des logischen Fadens in die Hand bekommen, unter dessen Leitung 
man allein in das Innere einzudringen hoffen darf. Man erwarte nicht, 
dass die freien Mittheilungen des Kranken, das Material der am meisten 
oberflächlichen Schichten, es dem Analytiker leicht machen zu er- 
kennen, an welchen Stellen es in die Tiefe geht, an welche Punkte 
die gesuchten Gedankenzusammenhänge anknüpfen. Im Gegentheil; 
gerade diess ist sorgfaltig verhüllt, die Darstellung des Kranken klingt 
wie vollständig und in sich gefestigt. Man steht zuerst vor ihr wie vor 
einer Mauer, die jede Aussicht versperrt und die nicht ahnen lässt, ob 
etwas und was denn doch dahinter steckt. 

Wenn man aber die Darstellung, die man vom Kranken ohne 
viel Mühe und Widerstand erhalten hat, mit kritischem Auge mustert, 

Breuer u. Freud, Studien. 1 • 

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wird man ganz unfehlbar Lücken und Schäden in ihr entdecken. Hier 
ist der Zusammenhang sichtlich unterbrochen und wird vom Kranken 
durch eine Kedensart, eine ganz ungenügende Auskunft nothdürftig 
ergänzt; dort stösst man auf ein Motiv, das bei einem normalen 
Menschen als ein ohnmächtiges zu bezeichnen wäre. Der Kranke will 
diese Lücken nicht anerkennen, w^enn er auf sie aufmerksam gemacht 
wird. Der Arzt aber thut Kecht daran, wenn er hinter diesen schwachen 
Stellen den Zugang zu dem Material der tieferen Schichten sucht, 
wenn er gerade hier die Fäden des Zusammenhanges aufzufinden 
hoift, denen er mit der Druckprocedur nachspürt. Man sagt dem 
Kranken also: Sie irren sich; das. was Sie angeben, kann mit dem 
Betreffenden nichts zu thun haben. Hier müssen wir auf etwas Anderes 
stossen, was Ihnen unter dem Druck meiner Hand einfallen wird. 

Man darf nämlich an einen Gedankengang bei einem Hysterischen, 
und reichte er auch in's ünbewusste, dieselben Anforderungen von 
logischer Verknüpfung und ausreichender Motivirung stellen, die man 
bei einem normalen Individuum erheben würde. Eine Lockerung dieser 
Beziehungen liegt nicht im Machtbereich der Neurose. Wenn die 
Vorstellungsverknüpfungen der Neurotischen und speciell der Hysterischen 
einen anderen Eindruck machen, wenn hier die Relation der Inten- 
sitäten verschiedener Vorstellungen aus psychologischen Bedingungen 
allein unerklärbar scheint, so haben wir ja gerade für diesen Anschein 
den Grund kennen gelernt und wissen ihn als Existenz verborgener, 
unbewusster Motive zu nennen. Wir dürfen also solche geheime 
Motive überall dort vermuthen, wo ein solcher Sprung im Zusammen- 
hang, eine Ueberschreitung desMaasses normal berechtigter Motivirung 
nachzuweisen ist. 

Natürlich muss man sich bei solcher Arbeit von dem theoretischen 
Vorurtheil frei halten, man habe es mit abnormen Gehirnen von 
Degeneres und Desequilibres zu thun, denen die Freiheit, die gemeinen 
psychologischen Gesetze der Vorstellungsverbindung über den Haufen 
zu werfen, als Stigma eigen wäre, bei denen eine beliebige Vorstellung ohne 
Motiv übermässig intensiv wachsen, eine andere ohne psychologischen 
Grund unverwüstlich bleiben kann. Die Erfahrung zeigt für die Hysterie 
das Gegentheil; hat man die \erborgenen — oft unbewusst gebliebenen 
— Motive herausgefunden und bringt sie in Kechnung, so bleibt auch 
an der hysterischen Gedankenverknüpfung nichts räthselhaft und 
regelwidrig. 



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Auf solche Art also, durch Aufspüren von Lücken in der ersten 
Darstellung des Kranken, die oft durch „falsche Verknüpfungen** gedeckt 
sind, greift man ein Stück des logischen Fadens an der Peripherie 
auf und bahnt sich durch die Druckprocedur von da aus den 
weiteren Weg. 

Sehr selten gelingt es dabei, sich an demselben Faden bis 
in's Innere durchzuarbeiten ; meist reisst er unterwegs ab, indem der 
Druck versagt, gar kein Ergebniss liefert oder eines, das mit aller 
Mühe nicht zu klären und nicht fortzusetzen ist. Man lernt es bald, 
sich in diesem Falle vor den naheliegenden Verwechslungen zu schützen. 
Die Miene des Kranken muss es entscheiden, ob man wirklich an ein 
Ende gekommen ist oder einen Fall getroffen hat, welcher eine psychische 
Aufklärung nicht braucht, oder ob es übergrosser Widei stand ist, 
der der Arbeit Halt gebietet. Kann man letzteren nicht alsbald be- 
siegen, so darf man annehmen, dass man den Faden bis in eine 
Schichte hinauf verfolgt hat, die für jetzt noch undurchlässig ist. Man 
lässt ihn fallen, um einen anderen Faden aufzugi-eifen, den man viel- 
leicht ebensoweit verfolgt. Ist man mit allen Fäden in diese Schichte 
nachgekommen, hat dort die Verknotungen aufgefunden, wegen welcher 
der einzelne Faden isolirt nicht mehr zu verfolgen war, so kann man 
daran denken, den bevorstehenden Widerstand von Neuem anzu- 
greifen. 

Man kann sich leicht vorstellen, wie complicirt eine solche Arbeit 
werden kann. Man drängt sich unter beständiger üeberwindung von 
Widerstand in innere Schichten ein, gewinnt Kenntniss von den in 
dieser Schichte angehäuften Themen und den durchlaufenden Fäden, 
prüft, bis wie weit man mit seinen gegenwärtigen Mitteln und seiner 
gewonnenen Kenntniss vordringen kann, verschafft sich erste Kundschaft 
von dem Inhalt der nächsten Schichten durch die Druckprocedur, 
lässt die Fäden fallen und nimmt sie wieder auf, verfolgt sie bis zu 
Knotenpunkten, holt beständig nach und gelangt, indem man einem 
Erinnerungsfascikel nachgeht, jedesmal auf einen Nebenweg, der 
schliesslich doch wieder einmündet. Endlich kommt man auf solche 
Art so weit, dass man das schichtweise Arbeiten verlassen und auf 
einem Hauptweg direct zum Kern der pathogenen Organisation vor- 
dringen kann. Damit ist der Kampf gewonnen, aber noch nicht be- 
endet. Man muss die anderen Fäden nachholen, das Material erschöpfen; 
aber jetzt hilft der Kranke energisch mit, sein Widerstand ist meist 
schon gebrochen. 

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Es ist in diesen späteren Stadien der Arbeit von Nutzen, wenn 
man den Zusammenhang eiTäth und ihn dem Kranken mittheilt, ehe 
man ihn aufgedeckt hat. Hat man richtig errathen, so beschleunigt 
man den Verlauf der Analyse, aber auch mit einer unrichtigen Hypo- 
these hilft man sich weiter, indem man den Kranken nöthigt, Partei 
zu nehmen, und ihm energische Ablehnungen entlockt, die ja ein 
sicheres Besserwissen verrathen. 

Man überzeugt sich dabei mit Erstaunen, dass man nicht im 
Stande ist, dem Kranken über die Dinge, die er angeblich 
nicht weiss, etwas aufzudrängen oder die Ergebnisse der 
Analyse durch Erregung seiner Erwartung zu beein- 
flussen. Es ist mir kein einziges Mal gelungen, die Beproduction 
der Erinnemngen oder den Zusammenhang der Ereignisse durch meine 
Vorhersage zu verändern und zu fölschen, was sich ja endlich durch 
einen Widerspinich im Gefüge hätte verrathen müssen. Traf etwas 
so ein, wie ich es vorhergesagt, so war stets durch vielfache unver- 
dächtige Keminiscenzen bezeugt, dass ich eben richtig gerathen hatte. 
Man braucht sich also nicht zu fürchten, vor dem Kranken irgend 
eine Meinung über den nächstkommenden Zusammenhang zu äussern; 
es schadet nichts. 

Eine andere Beobachtung, die man jedesmal zu wiederholen 
Gelegenheit hat, bezieht sich auf die selbständigen Beproductionen 
des Kranken. Man kann behaupten, dass keine einzige Beminiscenz 
v^'ährend einer solchen Analyse auftaucht, die nicht ihre Bedeutung 
hätte. Ein Dareinmengen beziehungsloser Erinnerungsbilder, die mit 
den wichtigen irgendwie associirt sind, kommt eigentlich gar nicht 
vor. Man darf eine nicht regelwidrige Ausnahme für solche Erinnerungen 
postuliren, die an sich unwichtig, doch als Schaltstücke unentbehrlich 
sind, indem die Association zwischen zwei beziehungsvollen Erinnerungen 
nur über sie geht. — Die Zeitdauer, während welcher eine Erinnerung 
im Engpass vor dem Bewusstsein des Patienten verweilt, steht, 
wie schon angeführt, in directer Beziehung zu deren Bedeutung. Ein 
Bild, das nicht verlöschen will, verlangt noch seine Würdigung, ein 
Gedanke, der sich nicht abthun lässt, will noch weiter verfolgt werden. 
Es kehrt auch nie eine Beminiscenz znm zweiten Mal wieder, wenn 
sie erledigt worden ist; ein Bild, das abgesprochen wurde, ist nicht 
wieder zu sehen. Geschieht dies doch, so darf man mit Bestimmtheit 
erwarten, dass das zweite Mal ein neuer Gedankeninhalt sich an das 
Bild, eine neue Folgenmg an den Einfall knüpfen wird, d. h., dass 

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doch keine vollständige Erledigung stattgefunden hat. Eine Wiederkehr 
in verschiedener Intensität, zuerst als Andeutung, dann in voller 
Helligkeit kommt hingegen häufig vor, widerspricht aber nicht der 
eben aufgestellten Behauptung. — 

Wenn sich unter den Aufgaben der Analyse die Beseitigung 
eines Symptoms befindet, welches der Intensitätssteigerung oder der 
Wiederkehr fähig ist (Schmei-zen, Reizsymptome wie Erbrechen, Sen- 
sationen, Contractureu), so beobachtet man während der Arbeit von 
Seiten dieses Symptoms das interessante und nicht unerwünschte Phä- 
nomen des „Mitsprechens". Das fragliche Symptom erscheint wieder 
oder erscheint in verstärkter Intensität, sobald man in die Region der 
pathogenen Organisation gerathen ist, welche die Aetiologie dieses 
Symptoms enthält, und es begleitet nun die Arbeit mit charakteristischen 
und für den Arzt lehrreichen Schwankungen weiter. Die Intensität 
desselben (sagen wir: einer Brechneigung) steigt, je tiefer man in 
eine der hiefür pathogenen Erinnerungen eindringt, erreicht die gi'össte 
Höhe kurz vor dem x^ussprechen der letzteren und sinkt mit voll- 
endeter Aussprache plötzlich ab oder verschwindet auch völlig für eine 
Weile. Wenn der Kranke aus Widerstand das Aussprechen lange 
verzögert, wird die Spannung der Sensation, der Brechneigung, un- 
erträglich und kann man das Aussprechen nicht erzwingen, so tritt 
wirklich Erbrechen ein. Man gewinnt so einen plastischen Eindnick 
davon, dass das „Erbrechen** an Stelle einer psychischen Action (hier des 
Aussprechens) steht, wie es die Conversionstheorie der Hysterie behauptet. 

Diese Intensitätsschwankung von Seiten des hysterischen Symptoms 
wiederholt sich nun jedesmal, so oft man eine neue, hiefür pathogene 
Erinnerung in Angriff nimmt ; das Symptom steht sozusagen die ganze 
Zeit über auf der Tagesordnung. Ist man genöthigt, den Faden, an 
dem dies Symptom hängt, für eine Weile fallen zu lassen, so tritt 
auch das Symptom in die Dunkelheit zurück, um in einer späteren 
Periode der Analyse wieder aufzutauchen. Dieses Spiel währt so lange, 
bis durch das Aufarbeiten des pathogenen Materials für dieses Symptom 
endgiltige Erledigung geschaffen ist. 

Streng genommen, verhält sich hierbei das hysterische Symptom 
gar nicht anders als das Erinnerungsbild oder der reproducirte 
Gedanke, den man unter dem Drucke der Hand heraufbeschwört. 
Hier wie dort dieselbe obsedirende Hartnäckigkeit der Wiederkehr in 
der Erinnerung des Kranken, die Erledigung erheischt. Der Unterschied 
liegt im^* in dem anscheinend spontanen Auftreten der hysterischen 

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Symptome, während man sich wohl erinnert, die Scenen und Einfälle 
selbst provocirt zu haben. Es fuhrt aber in der Wirklichkeit eine un- 
unterbrochene Keihe von den unveränderten Erinnerungsresten affect- 
voller Erlebnisse und Denkacte bis zu den hysterischen Symptomen, 
ihren Erinnerungssymbolen. 

Das Phänomen des Mitsprecbens des hysterischen Symptoms 
während der Analyse bringt einen praktischen Uebelstand mit sich, mit 
welchem man den Kranken sollte aussöhnen können. Es ist ja ganz 
unmöglich, eine Analyse eines Symptoms in einem Zuge vorzunehmen 
oder die Pausen in der Arbeit so zu vertheilen, dass sie gerade mit 
Kuhepunkten in der Erledigung zusammentreffen. Vielmehr fallt die 
Unterbrechung, die durch die Nebenumstände der Behandlung, die 
vorgerückte Stunde und dgl. gebieterisch vorgeschrieben wird, oft an 
die ungeschicktesten Stellen, gerade wo man sich einer Entscheidung 
nähern könnte, gerade wo ein neues Thema auftaucht. Es sind die- 
selben üebelstände, die jedem Zeitungsleser die Lectöre des täglichen 
Fragmentes seines Zeitungsromanes verleiden, wenn unmittelbar nach 
der entscheidenden Rede der Heldin, nach dem Knallen des Schusses 
udgl. zu lesen steht: (Fortsetzung folgt). In unserem Falle bleibt das 
aufgerührte, aber nicht abgethane, Thema, das zunächst verstärkte und 
noch nicht erklärte Symptom, im Seelenleben des Kranken bestehen 
und belästigt ihn ärger vielleicht, als es sonst der Fall war. Damit 
muss er sich eben abfinden können; es lässt sich nicht anders ein- 
richten. Es gibt überhaupt Kranke, die während einer solchen Analyse 
das einmal berührte Thema nicht wieder loslassen können, die von ihm 
auch in der Zwischenzeit zwischen zwei Behandlungen obsedirt sind, und da 
sie doch allein mit der Erledigung nicht weiter kommen, zunächst 
mehr leiden als vor der Behandlung. Auch solche Patienten lernen es 
schliesslich, auf den Arzt zu warten, alles Interesse, das sie an der 
Erledigung des pathogenen Materials haben, in die Standen der 
Behandlung zu verlegen, und sie beginnen dann, sich in den Zwischen- 
zeiten freier zu fühlen. 

Auch das Allgemeinbefinden der Kranken während einer solchen 
Analyse erscheint der Beachtung werth. Eine Weile noch bleibt es, 
von der Behandlung unbeeinflusst, Ausdruck der früher wirksamen 
Factoren. dann aber kommt ein Moment, in dem der Kranke »ge- 
packt**, sein Interesse gefesselt wird, und von ab geräth auch seia 
Allgemeinzustand immer mehr in Abhängigkeit von dem Stande der 
Arbeit. Jedesmal, wenn eine neue Aufklärung gewonnen, ein wichtiger 

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— 263 — 

Abschnitt in der Gliederung der Analyse erreicht ist, fQhlt sich der 
Kranke auch erleichtert, geniesst er wie ein Vorgefühl der nahenden 
Befreiung; bei jedem Stocken der Arbeit, bei jeder drohenden Ver- 
wirrung wächst die psychische Last, die ihn bedrückt, steigert sich 
seine ünglücksempfindung, seine Leistungsunfähigkeit. Beides allerdings 
nur für kurze Zeit; denn die Analyse geht weiter, verschmäht es, sich 
des Momentes von Wohlbefinden zu rühmen, und setzt achtlos über 
die Perioden der Verdüsterung hinweg. Man freut sich im Allgemeinen, 
wenn man die spontanen Schwankungen im Befinden des Kranken 
durch solche ersetzt hat, die man selbst provocirt und versteht, 
ebenso wie man gerne an Stelle der spontanen Ablösung der Symptome 
jene Tagesordnung treten sieht, die dem Stande der Analyse entspricht. 

Gewöhnlich wird die Arbeit zunächst um so dunkler und schwieriger, 
je tiefer man in das vorhin beschriebene, geschichtete psychische Ge- 
bilde eindringt. Hat man sich aber einmal bis zum Kern durch- 
gearbeitet, so wird es Licht, und das Allgemeinbefinden des Kranken 
hat keine starke Verdüsterung mehr zu befürchten. Den Lohn der 
Arbeit aber, das Aufhören der Krankheitssymptome darf man erst 
erwarten, wenn man für jedes einzelne Symptom die volle Analyse 
geleistet hat; ja, wo die einzelnen Symptome durch mehrfache Kno- 
tungen an einander geknüpft sind, wird man nicht einmal durch Par- 
tialerfolge während der Arbeit ermuthigt. Kraft der reichlich vor- 
handenen causalen Verbindungen wirkt jede noch unerledigte pathogene 
Vorstellung als Motiv für sämmtliche Schöpfungen der Neurose, und erst 
mit dem letzten Wort der Analyse schwindet das ganze Krankheits- 
bild, ganz ähnlich, wie sich die einzelne reproducirte Erinnerung 
benahm. — 

Ist eine pathogene Erinnerung oder ein pathogener Zusammen- 
hang, der dem Ichbewusstsein früher entzogen war, durch die Arbeit 
der Analyse aufgedeckt und in das Ich eingefügt, so beobachtet man an 
der so bereicherten psychischen Persönlichkeit verschiedene Arten sich 
über ihren Gewinn zu aussein. Ganz besonders häutig kommt es vor, 
dass die Kranken, nachdem man sie mühsam zu einer gewissen Kenntniss 
genöthigt hat, dann erklären: Das habe ich ja immer gewusst, das 
hätte ich Ihnen vorher sagen können. Die Einsichtsvolleren erkennen 
dies dann als eine Selbsttäuschung und klagen sich des Undankes an. 
Sonst hängt im Allgemeinen die Stellungnahme des Ich gegen die 
neue Erwerbung davon ab, aus welcher Schicht der Analyse letztere 
stammt. Was den äuasersten Schichten angehört, wird ohne Schwie- 

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rigkeit anerkannt, es war ja im Besitze des Ich geblieben, und nur 
sein Zusammenhang mit den tieferen Schichten des pathogenen Materials 
war für das Ich eine Neuigkeit. Was aus diesen tieferen Schichten 
zu Tage gefördert wird, findet auch noch Erkennung und Anerkennung, 
aber doch häufig erst nach längerem Zögern und Bedenken. Visuelle 
Erinnerungsbilder sind hier natürlich schwieriger zu verleugnen als 
Erinnerungsspuren von blossen Gedankengängen. Gar nicht selten sagt 
der Kranke zuerst: Es ist möglich, dass ich diess gedacht habe, aber 
ich kann mich nicht erinnern, und erst nach längerer Vertrautheit mit 
dieser Annahme tritt auch das Erkennen dazu; er erinnert sich und 
bestätigt es auch durch Nebenverknüpfungen, dass er diesen Gedanken 
wirklich einmal gehabt hat. Ich mache es aber während der Analyse 
zum Gebote, die Werthschätzung einer auftauchenden Keminiscenz 
unabhängig von der Anerkennung des Kranken zu halten. Ich werde 
nicht müde zu wiederholen, dass wir daran gebimden sind, alles anzu- 
nehmen, was wir mit unseren Mitteln zu Tage fördern. Wäre etwas 
Unechtes oder Unrichtiges darunter, so würde der Zusammenhang es 
später ausscheiden lehren. Nebenbei gesagt, ich habe kaum je Anlass 
gehabt, einer vorläufig zugelassenen Keminiscenz nachträglich die An- 
erkennung zu entziehen. Was immer auftauchte, hat sich trotz des 
täuschendsten Anscheines eines zwingenden Widerspruches doch endlich 
als das Kichtige erwiesen. 

Die aus der grössten Tiefe stammenden Vorstellungen, die den 
Kern der pathogenen Organisation bilden, werden von den Kranken 
auch am schwierigsten als Erinnerungen anerkannt. Selbst wenn alles 
vorüber ist, wenn die Kranken, durch den logischen Zwang über- 
wältigt und von der Heilwirkung überzeugt, die das Auftauchen gerade 
dieser Vorstellungen begleitet, — wenn die Kranken, sage ich, selbst 
angenommen haben, sie hätten so und so gedacht, fügen sie oft hinzu: 
Aber erinnern, dass ich es gedacht habe, kann ich mich nicht. Man 
verständigt sich dann leicht mit ihnen: Es waren unbewusste Ge- 
danken. Wie soll man aber selbst diesen Sachverhalt in seine psycho- 
logischen Anschauungen eintragen? Soll man sich über dies ver- 
weigerte Erkennen von Seiten der Kranken, das nach gethaner Arbeit 
motivlos ist, hinwegzusetzen; soll man annehmen, dass es sich wirklich 
um Gedanken handelt, die nicht zu Stande gekommen sind, für welche 
bloss die Existenzmöglichkeit vorlag, so dass die Therapie in der 
Vollziehung eines damals unterbliebenen psychischen Actes bestünde? 
Es ist offenbar unmöglich, hiember, d. h. also über den Zustand des 



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pathogenen Materials vor der Analyse etwas auszusagen, ehe man 
seine psychologischen Grundansichten, zumal über das Wesen des 
Bewusstseins, grundlich geklärt hat. Es bleibt wohl eine des Nach- 
denkens würdige Thatsache, dass man bei solchen Analysen einen 
Gedankengang aus dem Bewussten in's ünbewusste (d. i. absolut nicht 
als Erinnerung Erkannte) verfolgen, ihn von dort aus wieder eine 
Strecke weit durch^s Bewusstsein ziehen und wieder im ünbewussten 
enden sehen kann, ohne dass dieser Wechsel der „psychischen Be- 
leuchtung" an ihm selbst, an seiner Folgerichtigkeit, dem Zusammen- 
hang seiner einzelnen Theile, etwas ändern würde. Habe ich dann einmal 
diesen Gedankengang ganz vor mir, so könnte ich nicht errathen, 
welches Stück vom Kranken als Erinnerung erkannt wurde, welches 
nicht. Ich sehe nur gewissermaassen die Spitzen des Gedankenganges 
in's Ünbewusste eintauchen, umgekehrt wie man es von unseren 
normalen psychischen Vorgängen behauptet hat. 



Ich habe endlich noch ein Thema zu behandeln, welches bei 
der Durchfuhrung einer solchen kathartischen Analyse eine unerwünscht 
grosse EoUe spielt. Ich habe bereits als möglich zugestanden, dass 
die Druckprocedur versagt, trotz alles Versicherns und Drängens keine 
Keminiscenz heraufbefördert. Dann, sagte ich, seien zwei Fälle 
möglich, entweder, es ist an der Stelle, wo man eben nachforscht, 
wirklich nichts zu holen; diess erkennt man an der völlig ruhigen 
Miene des Kranken; oder man ist auf einen erst später überwind- 
baren Widerstand gestossen, man steht vor einer neuen Schichte, in 
die man noch nicht eindringen kann, und das liest man dem Kranken 
wiederum von seiner gespannten und von geistiger Anstrengung zeu- 
genden Miene ab. Es ist aber noch ein dritter Fall möglich, der 
gleichfalls ein Hinderniss bedeutet, aber kein inhaltliches, sondern ein 
äusserliches. Dieser Fall tritt ein, wenn das Verhältniss des Kranken 
zum Arzte gestört ist, und bedeutet das ärgste Hinderniss, auf das man 
stossen kann. Man kann aber in jeder ernsteren Analyse darauf rechnen. 

Ich habe bereits angedeutet, welche wichtige KoUe der Person 
des Arztes bei der Schöpfung von Motiven zufällt, welche die psychische 
Kraft des Widerstandes besiegen sollen. In nicht wenigen Fällen, 
besonders bei Frauen und wo es sich um Klärung erotischer Ge- 
dankengänge handelt, wird die Mitarbeiterschaft der Patienten zu einem 
persönlichen Opfer, das durch irgend welches Surrogat von Liebe ver- 
golten werden muss. Die Mühewaltung und geduldige Freundlichkeit 

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des Arztes haben als solches Surrogat zu genügen. Wird nun dieses 
Verhältniss der Kranken zum Arzt gestört, so versagt auch die Be- 
reitschaft der Kranken; wenn der Arzt sich nach der nächsten patho- 
genen Idee erkundigen will, tritt der Kranken das Bewusstsein der 
Beseh werden dazwischen, die sich bei ihr gegen den Arzt angehäuft 
haben. Soviel ich erfahren habe, tritt dieses Hinderniss in 3 Haupt- 
fällen ein: 

1. Bei persönlicher Entfremdung, wenn die Kranke sich zurück- 
gesetzt, geringgeschätzt, beleidigt glaubt oder Ungünstiges über den 
Arzt und die Behandlungsmethode gehört hat. Diess ist der am wenigsten 
ernste Fall ; das Hinderniss ist durch Aussprechen und Aufklären 
leicht zu überwinden, wenngleich die Empfindlichkeit und der Argwohn 
Hysterischer sich gelegentlich in ungeahnten Dimensionen äussern 
können. 

2. Wenn die Kranke von der Furcht ergriffen wird, sie gewöhne 
sich zu sehr an die Person des Arztes, verliere ihre Selbständigkeit ihm 
gegenüber, könne gar in sexuelle Abhängigkeit von ihm gerathen. 
Dieser Fall ist bedeutsamer, weil minder individuell bedingt. Der 
Anlass zu diesem Hinderniss ist in der Natur der therapeutischen 
Bekümmerung enthalten. Die Kranke hat nun ein neues Motiv zum 
Widerstand, welches sich nicht nur bei einer gewissen Keminiscenz, 
sondern bei jedem Versuch der Behandlung äussert. Ganz gewöhnlich 
klagt die Kranke über Kopfschmerz, wenn man die Druckprocedur 
vornimmt. Ihr neues Motiv zum Widerstand bleibt ihr nämlich 
meistens unbewusst, und sie äussert es durch ein neu erzeugtes hyste- 
risches Symptom. Der Kopfschmerz bedeutet die Abneigung, sich 
beeinflussen zu lassen. 

3. Wenn die Kranke sich davor schreckt, dass sie aus dem 
Inhalt der Analyse auftauchende peinliche Vorstellungen auf die Person 
des Arztes überträgt. Dies ist häufig, ja in manchen Analysen ein 
regelmässiges Vorkommnis. Die Uebertragung auf den Arzt geschieht 
durch falsche Verknüpfung (vgl. p. 55). Ich muss hier wohl ein 
Beispiel anführen: Ursprung eines gewissen hysterischen Symptoms 
war bei einer meiner Patientinnen der vor vielen Jahren gehegte und 
sofort in's Unbewusste verwiesene Wunsch, der Mann, mit dem sie 
damals ein Gespräch geführt, möchte doch herzhaft zugreifen und ihr 
einen Kuss aufdrängen. Nun taucht einmal nach Beendigung einer 
Sitzung ein solcher Wunsch in der Kranken in Bezug auf meine 
Person auf; sie ist entsetzt darüber, verbringt eine schlaflose Nacht 

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und ist das nächste Mal, obwohl sie die Behandlung nicht verweigert, 
doch ganz unbrauchbar zur Arbeit. Nachdem ich das Hindernis erfahren 
und behoben habe, geht die Arbeit weiter und siehe da, der Wunsch, 
der die Kranke so erschreckt, erscheint als die nächste, als die jetzt 
vom logischen Zusammenhang geforderte, der pathogenen Erinnerungen. 
Es war also so zugegangen: Es war zuerst der Inhalt des Wunsches im 
Bewusstsein der Kranken aufgetreten, ohne die Erinnerungen an die 
Nebenumstände, die diesen Wunsch in die Vergangenheit verlegen konnten ; 
der nun vorhandene Wunsch wurde durch den im Bewusstsein herr- 
schenden Associationszwang mit meiner Person verknöpft, welche ja 
die Kranke beschäftigen darf, und bei dieser Mesalliance — die ich 
falsche Verknüpfung heisse — wacht derselbe Affect auf, der seinerzeit 
die Kranke zur Verweisung dieses unerlaubten Wunsches gedrängt 
hat. Nun ich das einmal erfahren habe, kann ich von jeder ähnlichen 
Inanspruchnahme meiner Person voraussetzen, es sei wieder eine Ueber- 
tragung und falsche Verknüpfung vorgefallen. Die Kranke fällt merk- 
würdiger Weise der Täuschung jedes neue Mal zum Opfer. 

Man kann keine Analyse zu Ende führen, wenn man dem Wider- 
stände, der sich aus diesen drei Vorfällen ergibt, nicht zu begegnen 
weiss. Man findet aber auch hierzu den Weg, wenn man sich vor- 
setzt, dieses nach altem Muster neu producirte Symptom so zu be- 
handeln wie die alten. Man hat zunächst die Aufgabe, das „Hinderni^s'* 
der Kranken bewusst zu machen. Bei einer meiner Kranken z. B., 
bei der plötzlich die Druckprocedur versagte und ich Grund hatte, 
eine unbewusste Idee wie die unter 2. erwähnte anzunehmen, traf ich 
«s das erste Mal durch Ueberrumpelung. Ich sagte ihr, es müsse sich 
ein Hinderniss gegen die Fortsetzung der Behandlung ergeben haben, 
die Druckprocedur habe aber wenigstens die Macht, ihr dieses Hinder- 
niss zu zeigen, und drückte auf ihren Kopf. Sie sagte erstaunt: Ich 
sehe Sie auf dem Sessel hier sitzend, das ist doch ein Unsinn; was 
soll das bedeuten? — Ich konnte sie nun aufklären. 

Bei einer anderen pflegte sich das „Hinderniss** nicht direct auf 
Druck zu zeigen, aber ich konnte es jedesmal nachweisen, wenn ich 
die Patientin auf den Moment zurückführte, in dem es entstanden 
war. Diesen Moment wiederzubringen, weigerte uns die Druckprocedur 
nie. Mit dem Auffinden und Nachweisen des Hindernisses war die 
erste Schwierigkeit hinweggeräumt, eine grössere blieb noch bestehen. 
Sie bestand darin, die Kranken zum Mittheilen zu bewegen, wo an- 
scheinend persönliche Beziehungen in Betracht kamen, wo die dritte 

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— 268 — 

Person mit der des Arztes zusammenfiel. Ich war anfangs über diese 
Vermehrung meiner psychischen Arbeit recht ungehalten, bis ich das 
Gesetzmässige des ganzen Vorganges einsehen lernte, und dann merkte 
ich auch, dass durch solche üebertragung keine erhebliche Mehrleistung 
geschaffen sei. Die Arbeit für die Patientin blieb dieselbe: etwa den 
peinlichen Affect zu überwinden, dass sie einen derartigen Wunsch 
einen Moment lang hegen konnte, und es schien für den Erfolg gleich- 
giltig, ob sie diese psychische Abstossung im historischen Falle oder 
im recenten mit mir zum Thema der Aibeit nahm. Die Kranke» 
lernten auch allmählich einsehen, dass es sich bei solchen Ueber- 
tragungen auf die Person des Arztes um einen Zwang und um eine 
Täuschung handle, die mit Beendigung der Analyse zerfliesse. Ich 
meine aber, wenn ich versäumt hätte, ihnen die Natur des „Hinder- 
nisses" klar zu machen, hätte ich ihnen einfach ein neues hysterisches 
Symptom, wenn auch ein milderes, für ein anderes, spontan entwickeltes, 
substituirt. 

Nun, meine ich, ist es genug der Andeutungen über die Aus- 
führung solcher Analysen und die dabei gemachten Erfahrungen. Sie 
lassen vielleicht manches complicirter erscheinen, als es ist; vieles 
ergibt sich ja von selbst, wenn man sich in solch einer Arbeit befindet. 
Ich habe die Schwierigkeiten der Arbeit nicht aufgezählt, um den 
Eindruck zu erwecken, es lohne sich bei derartigen Anforderungen 
an Arzt und Kranke nur in den seltensten Fällen, eine kathartische 
Analyse zu unternehmen. Ich lasse mein ärztliches Handeln von der 
gegentheiligen Voraussetzung beeinflussen. — Die bestimmtesten Indi- 
cationen für die Anwendung der hier geschilderten therapeutischen 
Methode kann ich freilich nicht aufstellen, ohne in die Würdigung 
des bedeutsameren und umfassenderen Themas der Therapie der Neu- 
rosen überhaupt einzugehen. Ich habe bei mir häufig die kathartische 
Psychotherapie mit chirurgischen Eingriffen verglichen, meine Curen 
als psychotherapeutische Operationen bezeichnet, die Analogien 
mit Eröffnung einer eitergefüllten Höhle, der Auskratzung einer cariös 
erkrankten Stelle und dgl. verfolgt. Eine solche Analogie findet ihre 
Berechtigung nicht so sehr in der Entfernung des Krankhaften als in 
der Herstellung besserer Heilungsbedingungen für den Ablauf des 
Processes. 

Ich habe wiederholt von meinen Kranken, wenn ich ihnen Hilfe 
oder Erleichterung durch eine kathartische Cur versprach, den Einwand 

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hören müssen: Sie sagen ja selbst, dass mein Leiden wahrscheinlich 
mit meinen Verhältnissen und Schicksalen zusammenhängt; daran 
können Sie ja nichts ändern; auf welche Weise wollen Sie mir denn 
helfen? Darauf habe ich antworten können: — Ich zweifle ja nicht, dass 
es dem Schicksal leichter fallen müsste als mir, Ihr Leiden zu beheben; 
aber Sie werden sich überzeugen, dass viel damit gewonnen ist, wenn 
es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu ver- 
wandeln. Gegen das letztere werden Sie sich mit einem wieder 
genesenen Nervensystem besser zur Wehre setzen können. 



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